Schlagwort-Archive: Liepnitzsee

MEIN FREUND, DER ALLTAG (45)

LIEPNITZSEE – MEIN PERSÖNLICHER JAKOBSWEG
Jeder braucht seinen ganz persönlichen Jakobsweg. Manch einer wandelt direkt auf diesem Pfad und andere wiederum machen gar nichts.

Ich hänge irgendwie dazwischen. Ich werde wohl nie dem Vorbild von Hape Kerkeling folgen und auf dem echten Jakobsweg laufen. Aber ich schaffe es wenigstens bis zum Liepnitzsee.

Das kostet mich schon Überwindung, da will ich ehrlich sein. Manchmal sage ich mir, ich müsste noch so viel erreichen und könnte mir diese Zeit nicht gönnen.

Meine beiden kleinen Teufelchen, die mir auf den Schultern sitzen, unsichtbar und nicht hörbar für die anderen, die tun ihr übriges.

Der eine, ich nenne ihn „Prinz Schleimer“, sagt: „Du hast doch so viel zu arbeiten, das versteht doch jeder, wenn du mal nicht läufst.“

Und der andere, er heißt bei mir „Prinz Sacktreter“, sagt das Gegenteil: „Hallo, du bist Rentner und jammerst nur rum, dass du keine Zeit hast. Aber du hast Zeit! Du musst dir die Zeit nur nehmen. Wenn du das nicht tust, dann wirst du dir bald Zeit nehmen müssen, und zwar sehr viel Zeit.

Ganz einfach, weil dein Körper das nicht mehr alles stemmen kann – durch dein Übergewicht und deinen Stress, den du dir mit dem Schreiben machst; bloß weil du noch deinen Traum vom ‚Geschichten erzählen‘ erfüllen willst.“

Am Freitag habe ich mich überwunden und bin losgelaufen. Es waren mittags um die 16 Grad, die Sonne bahnte sich ihren Weg durch die Zweige und vereinzelten Blätter an den Bäumen, die dadurch im grellen Licht glitzerten.

Es roch nach Laub und frischem Holz. Der Sturm hatte es nötig gemacht, dass einige von den Bäumen gefällt werden mussten, und die nun unten am Boden lagen, verstreut und noch nicht geordnet für den Abtransport. Ich lief zwischen ihnen hindurch und nach einer guten Viertelstunde traf ich unten am See ein.

Als ich am Ufer entlang hechelte, habe ich eine Frau gesehen, die gerade dabei war, sich wieder anzuziehen. Ihre Haare waren nass und sie war schwimmen. Das war offensichtlich. Trotzdem fragte ich sie:
„Haben Sie etwa schon gebadet?“
„Ja, aber es ist noch sehr kalt“, gab sie zurück.
„Wie kalt?“

Sie hielt schweigend den rechten Zeigefinger hoch und führte ihn langsam zum rechten Daumen, ganz langsam, sodass nur noch ein kleiner Abstand zwischen den beiden Fingern blieb. „Alles klar“, antwortete ich, „ich warte noch.“

Sie lachte, und sie nickte. Ich lief weiter und fing an, mich gut zu fühlen.