Donezk – es roch nach Kohle, die Straßen waren eng und Iana war glücklich

Dezember 1997

Iana, ihr Bruder Jaroslaw und ihr Vater Anatoli schauten noch ein wenig verschlafen durch das Fenster im Abteil und sahen die ersten Umrisse der Häuser,  bevor der Zug aus Kiew in den Bahnhof von Donezk einrollte.

Die Bremsen quietschten und die Fahrgäste, die sich bereits in den Gängen des Eisenbahnwaggons drängten, wurden nach vorn gedrückt. Jeder wollte möglichst schnell aus dem Zug heraus und auf den Bahnsteig gelangen.

Sie waren die ganze Nacht gefahren, von abends, 08.00 Uhr bis morgens um 08.00 Uhr, zwölf Stunden waren sie unterwegs.

„Konntet ihr denn ein wenig schlafen?“, fragte Anatoli seine Kinder und schaute dabei Iana an. „Hm, gut“, brummte Jaroslaw.

„Ach, Papa, ich bin so gespannt, was uns der Tag heute bringt“, sagte Iana.

Anatoli schmunzelte. Er konnte die Aufregung seiner Tochter verstehen. Immerhin begann für sie ein ganz neuer Abschnitt in ihrem Leben.

„Was soll der schon bringen“, antwortete stattdessen ihr Bruder. „Wir sehen uns alles an und danach werden wir in die Ballettschule aufgenommen“, meinte Jaroslaw.

„Jetzt hab mal nicht so einen großen Mund, hilf mir lieber, den Koffer von oben herunterzuholen“, sagte Ianas Vater zu ihm und streckte sich,  um an den Koffer zu gelangen. Endlich konnten sie aussteigen.

Im Eisenbahnwaggon war es noch angenehm warm gewesen. Jetzt standen sie auf dem Bahnsteig und Iana zitterte. Vor Kälte und vor Aufregung. Iana hatte es geschafft und war ihrem Traum, eine große Tänzerin zu werden, wieder ein Stück nähergekommen. Vater Anatoli versuchte sich auf dem Bahnsteig zu orientieren und herauszubekommen, welchen Bus sie zur Ballettschule nehmen sollten.

Ianas Gedanken schweiften währenddessen ab. Sie konnte es noch gar nicht glauben, dass für sie nun ein neuer Lebensabschnitt begann. Mit ein wenig Wehmut dachte sie an ihre Lehrerin Traviata Iwanowna.

„Kind, du hast großes Talent und wenn du fleißig bist, dann wirst du es noch weit bringen.“

„Wie weit, Traviata Iwanowna?“

„Nun, das liegt ganz bei dir. Wenn du regelmäßig zum Unterricht kommst, deine Übungen absolvierst, dann ist schon viel getan.“

„Und was kann ich noch tun?“, bohrte Iana weiter. „Liebe den Tanz mit deiner ganzen Leidenschaft, die du in dir trägst. Lass dich nicht entmutigen, mach vor allem weiter, wenn du glaubst, dass es nicht mehr geht.“

Traviata Iwanowna selbst hatte ihr Rüstzeug an der berühmten Waganowa Schule in St. Petersburg erhalten. Sie hatte keine Kinder bekommen können und als sie ihren Mann kennenlernte, heirateten sie und zogen danach nach Kiew.

Dort war sie als Tanzlehrerin in der Ballettakademie tätig. Ein Glück für Iana. Traviata Iwanowna erkannte schnell das Talent von Iana und war umso strenger, damit diese ihr großes Ziel, eine Ballerina zu werden, tatsächlich erreichte.

„Du brauchst kräftige Rückenmuskeln, musst lernen, wie du deine Arme und Schultern korrekt hältst und bewegst“, sagte Traviata Iwanowna zu Iana.

„Und warum muss ich so oft das Grand allegro üben, soweit springen und immer wieder die Pirouetten drehen?“ Iana sank erschöpft auf den Tanzboden.

„Hab ich etwas von Pause gesagt?“, herrschte die Lehrerin sie an. Und versöhnlicher schob sie nach: „Aggripina Waganowa hat diese Trainingsmethode konzipiert. Sie hat als Ballerina und Lehrerin unser russisches Ballett in der ganzen Welt berühmt gemacht. Willst du so sein wie sie, dann frage nicht, warum du so viel üben sollst, sondern frage, was du noch tun kannst. Lerne von den Besten. Und ich sage dir, was dazu nötig ist. Auf, auf, es geht weiter, und bitte: Grand allegro!“

Iana fing wieder Feuer, ihre Erschöpfung war wie weggeblasen, als sie zum Sprung ansetzte.

Sommer 1996.

Pionierferienlager Artek. Iana gewann den ersten Preis im Tanzwettbewerb. Sie war überglücklich. Der ganze Streß, die Schule zwischendurch, immer wieder üben, die unerbittliche Härte ihrer Lehrerin – das alles zusammen hatte sie nun auf das Siegerpodest gebracht.

„Mamutschka, sieh doch, hier ist ein Brief aus St. Petersburg, von der Waganowa-Ballettakadmie“, rief Iana.

„Mach‘ auf, was steht denn drin?“, fragte Ianas Mutter, während sie den Kascha für das Abendessen zubereitete. „Ich kann dort sofort anfangen, Mama, eine Ausbildung erhalten.“

„Yanochka, das können wir doch gar nicht bezahlen.“

Swetlana wusste, dass sie die Kosten für so eine Ausbildung ihrer Tochter nicht würden tragen können. Natürlich wusste sie auch, was es bedeutete, das ihrer Tochter klarzumachen. Iana war gerade aus Artek zurückgekehrt, hatte einen ersten Preis gewonnen. Sie war dabei einem Jurymitglied aufgefallen, die gleichzeitig als Lehrerin in St. Petersburg arbeitete. Nur ganz wenige Kinder kamen überhaupt in die engere Auswahl, an der Ballettakademie in St. Petersburg eine Ausbildung zu erhalten. Und noch weniger schafften die Aufnahmeprüfung. Iana aber, die durfte dort sofort anfangen.

„Yanochka, wir können nicht 50 Euro für dich und deinen Bruder bezahlen, das ist nicht drin“, sagte Swetlana, während sie die Teller auf den Tisch trug.

„Außerdem ist es viel zu weit weg und zu gefährlich. Du bist jetzt gerade mal 14 Jahre alt geworden.“ „Was soll mir schon passieren?“, entgegnete Iana, während sie mit den Tränen kämpfte.

Dabei wusste Swetlana gar nichts davon, was ihrer Tochter erst ein paar Wochen vorher passiert war. Es war spät abends und es war längst dunkel geworden.

Iana kam wie immer vom Tanztraining zurück. Sie hörte Schritte hinter sich. Sie drehte sich um und hinter ihr lief ein Mann. Er schien noch jung zu sein, vielleicht Anfang 20. Er schwankte leicht. Iana beschleunigte ihre Schritte. Sie erreichte ihre Haustür, schloß auf und verschwand im Flur. Der Mann war ihr gefolgt und stand nun ebenfalls an der Fahrstuhltür.

Der Fahrstuhl schien besonders lange bis unten zu brauchen. Als sich die Türen öffneten, schlüpfte Iana hinein und drückte sich an die hintere Wand des Fahrstuhls. „In welchen Stock willst du?“, fragte der Mann sie. Er kam dabei näher an Iana heran. Sein Atem roch nach Alkohol.

„In den 6. Stock“, antwortete Iana, obwohl sie eine Etage höher wohnte. Sie spürte ihr vor Angst rasendes Herz. Der junge Mann drückte den Knopf, die Türen gingen zu und der Fahrstuhl bewegte sich nach oben.

„Du bist so schön“, nuschelte der Mann, während er seinen alkoholgetränkten Atem in Ianas Gesicht hauchte  und sich immer stärker an sie herandrückte. Plötzlich versuchte er ihr unter den Rock zu greifen. Iana nahm all ihren Mut und ihre Energie zusammen. Als der Fahrstuhl hielt und die Türen aufgingen, schob sie den Unbekannten mit aller Kraft von sich weg, lief an ihm vorbei und verschwand aus dem Fahrstuhl.

„Daran hatte ich lange zu ‚knappern‘“, erinnert sie sich heute noch. Ihre Mutter durfte davon nichts erfahren. Auf gar keinen Fall. Sie hätte Iana nirgendwo zur Ausbildung hingelassen.

Traviata Iwanowna aber hatte wenig später die richtige Eingebung: „Warum gehst du nicht nach Donezk? Ich kenne dort den Leiter des Balletts, Vadim Pisarev?“, wandte sie sich eines Tages während des Unterrichtes an Iana. Iana und ihr Bruder Jaroslaw bekamen dank Traviata Iwanowna diese Chance, und zwar für wenig Kostgeld.

Bahnhofsvorplatz in Donezk

„Kinder, jetzt beeilt euch mal. Der Bus dort fährt zur Schule.“ Anatoli riss Iana aus ihren Gedanken. Nun spürte sie den starken Kohlegeruch, der von den großen Abraumhalden herüberwehte und die Stadt so prägte. Der Bus fuhr an den Häusern vorbei, die Iana klein vorkamen. Und sie bemerkte die engen Straßen, freute sich, wie gepflegt alles aussah. Sie waren an der Schule angekommen.

Ianas Herz pochte.

Translation, powered by Marian Walter 

December 1997
Iana, her brother Yaroslav and her father Anatoli looked a bit sleepy through the window in the compartment and saw the first outline of the houses before the train from Kiev rolled into the Donetsk train station.

The brakes creaked and the passengers, who were already in the corridors of the railroad car, were pushed forward. Everyone wanted to get out of the train as quickly as possible and onto the platform.

They had been driving all night, from 8 o'clock in the evening until 8 o'clock in the morning, twelve hours on the way.

Anatoli asked his children, while looking at Iana, „did you sleep a little?"
"Hm, good," grumbled Yaroslav.
"Oh, Dad, I'm so excited about what the day brings us today," said Iana.

Anatoli smiled. He understood the excitement of his daughter. After all, a whole new chapter in her life began for her.

"What should he bring," her brother answered instead.
"We'll look at everything and then we'll be admitted to the ballet school," Jaroslaw said.

"Now do not have such a big mouth, help me to bring the suitcase down from above," said Iana's father to him and stretched to get to the suitcase.

Finally they were able to get out. The train wagon had been pleasantly warm still. Now they stood on the platform and Iana shivered. From cold and excitement.

Iana had made it and was a little closer to her dream of becoming a great ballerina.
Father Anatoli tried to orient himself on the platform and figure out which bus to take to the ballet school.

Iana's thoughts wandered off. She still could not believe that a new phase of life was beginning for her now.
With a little sadness she thought of her teacher Traviata Ivanovna.

"Child, you have great talent and if you are diligent then you will go far."
"How far, Traviata Ivanovna?"
"Well, that's up to you. If you come to class regularly, do your exercises, then a lot has already been done. "
"And what else can I do?" Iana continued.

"Love the dance with all your passion that you carry in yourself. Do not be discouraged, especially if you think you can not do it anymore."

Traviata Ivanovna herself had received her ability at the famous Vaganova School in St. Petersburg.
She had no children and when she met her husband, they got married and moved to Kiev.
There she worked as a teacher in the ballet academy.

Lucky for Iana. Traviata Ivanovna quickly recognized Iana's talent and was evenstricter to make her achieve her great goal of becoming a ballerina.

"You need strong back muscles, you have to learn how to hold and move your arms and shoulders correctly," Traviata Ivanovna told Iana.
"And why do I have to practice the Grand Allegro so often, jump so far and make the pirouettes again and again?"
Iana sank exhausted on the dance floor.

"Did I say something about a break?" The teacher prompted.
And more forgiving, she added: "Aggripina Vaganova has designed this training method.
As a ballerina and teacher, she has made our Russian ballet famous all over the world.

If you want to be like them, then do not ask why you should practice so much, but ask what else you can do.

Learn from the best. And I'll tell you what's needed. Up, up, it goes on, and please: Grand allegro! "
Iana caught fire again, her exhaustion was blown away as she jumped.

 Summer 1996.
Pioneer camp Artek. Iana won the first prize in the dance competition. She was overjoyed.

All the stress, the school in between, practice again and again, the relentless harshness of her teacher - all this brought her now on the podium.

"Mamutschka, look, here's a letter from St. Petersburg, from the Vaganova ballet-cadre," said Iana.
"Open up, what's in it?", Iana's mother asked, preparing the kasha for dinner.
"I can start right there, mom, to get an education."
"Yanochka, we can not pay for that."

Svetlana knew that she would not be able to bear the costs of training her daughter.
Of course, she also knew what it meant to make that clear to her daughter.

Iana had just returned from Artek, winning a first prize. She noticed a jury member who also worked as a teacher in St. Petersburg. Very few children were even shortlisted to receive training at the Ballet Academy in St. Petersburg. And even less did the entrance exam.
But Iana, she was allowed to start there immediately.

"Yanochka, we can not pay 50 euros for you and your brother, that's not in possible," Svetlana said as she carried the plates to the table.
"Besides, it's way too far and too dangerous. You're just 14 years old now. "

"What should happen to me?", Iana replied while she was struggling with tears.

At the same time, Svetlana knew nothing of what had happened to her daughter only a few weeks before.
It was late in the evening and it was already dark. Iana came back as always from dance training. She heard footsteps behind her.

She turned around and behind her walked a man. He seemed to be still young, maybe in his early twenties.
He swayed slightly. Iana started to walk faster. She reached her front door, unlocked it and disappeared into the hallway.

The man had followed her and was now standing at the elevator door.
The elevator seemed to take even longer to get down.
As the doors opened, Iana glided inside and pressed herself against the back wall of the elevator.

"Which floor do you want go?", the man asked her. He came closer to Iana. His breath smelled of alcohol.

"To the sixth floor," Iana answered, even she lived one floor higher.
She felt her heart racing with fear.
The young man pushed the button, the doors closed and the elevator moved up.

"You're so beautiful," mumbled the man as he breathed his alcohol-soaked breath into Iana's face and moved closer and closer to her.
Suddenly he tried to reach under her skirt.
Iana took all her courage and energy together.

When the elevator stopped and the doors opened, she pushed the stranger away with all her power, ran past him and disappeared from the elevator.
"For a long time, I've had to fight with it," she recalls today.

Her mother was not allowed to hear about it. Absolutely no way. She would not have let Iana go to education anywhere.
Traviata Ivanovna, however, had soon after the right inspiration:
She turned to Iana one day during class.

"Why don’t you go to Donetsk? I know there the head of the ballet company Wadim Pisarev? ",
Iana and her brother Yaroslav got this opportunity thanks to Traviata Ivanovna, and for very little money.

 Train station in Donetsk
"Kids, hurry up now. The bus there goes to school. "
Anatoli tore Iana out of her thoughts. Now she could feel the strong smell of coal that blew over from the large industrial yards and shaped the city.

The bus drove past the houses, which seemed small to Iana. And she noticed the narrow streets, was pleased, how well maintained everything looked.

They had arrived at the school.

Iana's heart throbbed.











 

 

 

 

 

 

Demenz – wenn die Empathie schwindet

„Wie ist das Wetter bei euch da oben?“, fragte Peter Anna.

Es war das übliche Telefongespräch am Vormittag,  es war diesig und es schien keine Sonne, Wind war aber auch nicht.

Das war gestern so, vorgestern ebenfalls.

Anna hätte also sagen können: „Das Wetter ändert sich seit Tagen nicht, es ist gleich geblieben.“

Doch diese gedanklichen Fäden konnte Anna nicht mehr ziehen.

„Der Himmel ist grau, die Sonne scheint nicht, aber es ist auch kein Wind“, sagte Anna stattdessen.

„Prima“, antwortete Peter. Er war irgendwie, dass er über dieses stets wiederkehrende Thema den Gesprächsfaden mit Anna knüpfen konnte.

„Heute Nachmittag fahren wir zur Post. Klara hat einen Stollen eingepackt und den schicken wir dir“, redete Peter weiter.

„Ach, wie kann ich dir nur danken?“, fragte Anna.

„Naja, ich habe damit nichts zu tun. Nur, dass ich den vorhergehenden mit aufgegessen habe, nachdem Klara ihn gebacken hatte.“

Anna verstand diese Art von Humor nicht mehr.

„Ja, das ist so schön, ich freue mich. Wie kann ich euch nur eine Freude machen?“

„Ach, mir würde eine ganze Menge einfallen“, antwortete Peter und bereute zugleich, dass er es überhaupt gesagt hatte.

„Ja, was denn?“, fragte Anna nach einer Weile.

Flasche Sekt, warme Socken, Kasten Mon Cherie, Puppe für Krümel,  das könnte er antworten. Es schoss ihm geradezu ein, während Anna die Frage noch gar nicht zu Ende formuliert hatte.

Sagte er davon was? Natürlich nicht. War es schlimm, dass Anna nicht mehr auf das kam, was sie früher in solchen Momenten tat? Überhaupt nicht.

„Schade nur, dass Anna sich um die Glücksgefühle brachte, die sie früher überkamen, wenn sie anderen eine Freude machte“, dachte Peter in diesem Moment.

Doch dafür konnte sie nicht. Die Demenz ließ das nicht mehr zu, nahm ihr Stück für Stück diese Empathie. Das war das eigentlich Schlimme – vor allem für Anna. Umso mehr mussten sich Klara, Laura und Peter bemühen.

Und das taten sie ja auch.

„Wenn dir der Stollen schmeckt, dann ruf doch KIara an. Sag ihr, dass er gut gelungen ist.“

„Das mach ich ja sowieso“, sagte Anna, so als hätte Peter auf etwas hingewiesen, was doch selbstverständlich war. Nun wurde er noch von Anna der Begriffsstutzigkeit überführt.

Trotzdem: Für den Moment hatte er Anna ein paar unbeschwerte Momente bereitet, so schien es jedenfalls. Und wenn das Paket mit dem Stollen ankam, dann würde sich das wohl wiederholen. Immerhin. Der Kreis der Möglichkeiten, eine Freude zu bereiten, wurde kleiner.

Sie intensiver zu nutzen, das war wohl jetzt die Aufgabe.

Peter griff wieder zum Hörer, um Klara zu informieren: alles im ‚grünen Bereich‘.

Üben, üben, und: wieder üben

Ich war gestern zum Gespräch mit der Prima Ballerina, Iana Salenko. Es war interessant und es war sehr lustig, wie immer.

Eigentlich ist das der wahre Wert dieses Projektes. Nämlich: Indem ich die Fragen stelle, Antworten bekomme, wird mir persönlich mal wieder vor Augen geführt, wieviel Energie ein Mensch in ein Vorhaben stecken muss, um an sein Ziel zu gelangen.

Iana gab mir zum Beispiel gestern eine Festschrift aus dem Jahr 2010 mit, die ihr zu Ehren verfasst wurde. Ihr wurde damals der Zukunftspreis verliehen, der damalige Essener Oberbürgermeister hat dazu ein sehr schönes Begleitwort geschrieben.

Das liest sich alles gut, die Bilder sind sehr schön.

Kurzum, in dem Heft sind die Preise festgehalten, die Auszeichnungen, die sie schon in sehr jungen Jahren erhalten hat, national und international.

Wenn du nun hörst, dass sie mit 12 schon den ersten Akademielehrgang absolviert hat, und sie als vierzehnjähriges Mädchen mit ihrem Bruder, aber doch faktisch allein nach Donezk in die dortige Ballettschule gegangen ist, dann ahnst du, wieviel Anstrengung es kostet, bist du ganz oben bist.

Iana hat vor der Schule zwei Stunden trainiert, geübt. Dann von 10.00 Uhr bis 16.00 Uhr Unterricht. Anschließend ging es weiter mit dem Üben, von 16.00 bis 19.00 Uhr, manchmal bis spät in die Nacht hinein.

Und den nächsten Tag alles wieder von vorn. Üben, wieder üben. Und: nochmal üben.

Das tiefste Geheimnis jeden Erfolgs. Angesichts ’schneller Medien‘ will heute so manch eine oder manch einer Erfolg, möglichst schnell eben. Das ist an sich in Ordnung. Du kannst aber an noch so vielen ‚Schrauben drehen‘,  an einer Binsenwahrheit kommt keiner vorbei: Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt.

Deshalb schreibe ich über den Alltag, zwischen den Erfolgen und Preisen.

Und der soll auch noch schön sein. Ist er auch, muss er sein, denn sonst hältst du das alles nicht durch.

 

KRÜMEL ZU BESUCH

Es ist etwas Besonderes, wenn uns Krümel besucht. Sie bringt unseren ganzen ‚Laden‘ in Schwung und durcheinander. Gestern noch, da saß sie auf meinem Schreibtisch und hat sich gemeinsam mit mir Lieder angehört. Heute ist der Schreibtisch wieder verwaist, nur Stifte und bekritzeltes Papier liegen auf dem Tisch und erinnern mich an gestern.

Der Alltag hat mich wieder und ich muss ihn mir erst wieder zum Freund machen. Da hilft die Aussicht, dass ich in ein paar Stunden das nächste Gespräch mit der Prima Ballerina habe. Ich habe am Wochenende ein Haufen Berichte über sie gelesen, über ihre Erfolge auf der Bühne. Da kannst du schon mal Respekt bekommen, auch wenn sie halb so alt ist wie du selbst.

Doch mich interessiert der Mensch weniger auf der Bühne, sondern eher dahinter, ungeschminkt. Und genau die Gespräche machen auch Spaß mit ihr.

Am Samstag, da hatten wir eine kleine Vorstellung von Krümel. Sie hatte das Kleid an, was Klara getragen hat, Laura und Anna davor. Es muss an die 80 Jahre alt sein und sieht noch gut aus. Krümel hat sich darin zur Musik bewegt und ein wenig mit dem Hintern gewackelt.

Warum sind das eigentlich die Dinge, die einen wirklich freuen?

Wahrscheinlich, weil du kein Geld dafür brauchst und du die Sorgen vergisst, oder sie wenigstens für ein paar Stunden zugedeckt werden.

Na gut. Auf geht‘ s Alltag, mein Freund – in die Woche. Ich freue mich drauf.

 

SCHREIE GELLTEN DURCH DIE NACHT

SCHREIE GELLTEN DURCH DIE NACHT

„Hilfe, so helft mir doch!“

Es war die verzweifelte Stimme von Ludmilla, Ianas geliebter Großmutter. Sie blutete.

Wassili, Ludmillas Ehemann, hatte auf sie eingestochen, brüllend vor Trunkenheit.

Als Iana das wiedergab, da war Stille im Raum.

„Oma hat es mir erzählt, nachdem ich sie immer wieder dazu gedrängt hatte“, erinnert sie sich heute.

„Es war für mich, als würde ich selbst unter diesen Schmerzen leiden. Oma war aus dem Haus gelaufen, in den Garten, zu ihrem Lieblingsbaum, in der Hoffnung, sie würde von jemandem auf der gegenüberliegenden Straße gehört werden.“

Für Iana ist es noch heute ein Wunder, wie ihre Großmutter Ludmilla das alles ertrug. Und später  sich das ganze Leid, das ihr wiederfahren war, nie groß anmerken ließ.

„Oma bekam mit 14 Jahren ihr erstes Kind. Sie hatte keine durchgehende Schulbildung erhalten. 1920 geboren ging es für sie immer ums Überleben“, erzählt Iana mit trauriger Stimme.

Und weiter: „Oma hat schon als Kind selbst viel Leid ertragen müssen und fürchterliche  Dinge gesehen. Anfang der dreißiger Jahre brach in der Ukraine eine große Hungersnot aus. Über drei Millionen Menschen starben. Die damalige Sowjetregierung erließ einen ‚Ukas‘, nachdem die Bauern nahezu 100 Prozent der Getreideernte abgeben mussten, und so selbst fast nichts für die eigene Versorgung behielten“, erinnert sich Iana an die Berichte ihrer Großmutter.

„Ich sah als Kind, wie andere Kinder verhungerten. Die Bilder waren kaum zu ertragen. Ein Stück Brot war in der Zeit tatsächlich mit Gold aufzuwiegen“, erzählte Ludmilla später ihrer Enkelin.

Ludmilla heiratete einen Lehrer. Der kämpfte im 2. Weltkrieg gegen die Deutschen und fiel an der Front.

Später, nach dem Krieg heiratete Ludmilla ein zweites Mal – Wassili.

Wassili ist der Großvater von Iana und der Vater ihrer Mutter, Swetlana.

„Ich kenne Wassili nur aus den Erzählungen“, sagt Iana.

„Dein Großvater war ein Säufer und Taugenichts.“

Das klang hart aus Ludmillas Mund. Doch die erlittenen Verletzungen, seelisch und physisch, saßen tief.

„Oma, von Anfang an?“

„Nein, Yanochka, nicht von Anfang an, das war er nicht. Wie hätte ich ihn sonst heiraten können?“

„Ja, Babuschka.“

„Dein Großvater litt sehr stark unter den Kriegserlebnissen. Er muss viel Grausames gesehen haben. ‚Hände hoch‘, so rief er manchmal im Schlaf. Später, da begann er zu trinken und mich zu schlagen. Das war schlimm.“

Iana beobachtete ihre Großmutter, wenn sie darüber sprach. Ihr herbes Gesicht wurde noch herber, die Falten schienen sich dann noch tiefer einzugraben.

„Großvater hat sich das Leben genommen. Er hat es wahrscheinlich nicht mehr ertragen, dass ich mich von ihm getrennt habe, dass ihn die Kriegserlebnisse in den nächtlichen Träumen einholten und dass ihn der Alkohol nach und nach zerstörte, den Rest an Würde nahm“, beschloss Ludmilla die Erinnerungen an ihren Mann.

Dabei war Ludmilla mal eine schöne Frau. Knapp 1,50 groß, schlank, mit fraulicher Figur.

„Oma trug stets ein Kopftuch, hatte dunkles, gewelltes Haar. Sie wollte aber nicht, dass dies andere Dorfbewohner sahen“, erinnert sich Iana.

„Manchmal bekam ich Angst vor Oma, wenn sie ernst schaute. Es war der Blick einer leidgeprüften Frau, mit einer dunklen Stimme, die zudem auch noch furchteinflößend klang.“

Yanochka aber, das war der Liebling von Ludmilla. Ihre Enkelin brachte viel Sonnenschein in ihr Herz. Und Iana wusste: auch wenn Oma streng schaute, mit tiefer Stimme sprach, ihre Seele viele Narben trug, so war sie doch ein Mensch, mit einem großen Herzen. Ein Mensch, der mit all der Kraft, die ihr verblieben war,  sich für die Familie aufopferte.

„Yanochka, komm runter vom Baum, es gibt Piroschki, gefüllt mit Birnen“, rief Ludmilla an einem sonnigen Nachmittag. Einem Tag wie ihn Iana vielfach erlebte, und die ihr vor allem in den Momenten in  Erinnerung sein werden, in denen sie an ihre geliebte Großmutter Ludmilla denkt.

 

Schreibend in einen angenehmeren Zustand gelangen

Schreibend in einen angenehmeren Zustand gelangen

Heute ist so ein Tag, wo du dich fragst, warum du überhaupt aufgestanden bist. Es ist diesig, windig, kalt. Irgendwie fühlst du dich so, wie es das Wetter vorgibt. Jetzt ist es schwierig, schwieriger als sonst, gute Laune zu bekommen. Aber muss ich die überhaupt haben?

Nicht unbedingt. Es reicht ja, dass ich akzeptiere, dass es solche Tage gibt. Nur Narren haben immer gute Laune.

Was kann ich tun, wenn es nicht so klappt mit dem freudigen Umherhüpfen?

Ich denke mir dann was aus, mach mir faktisch was vor und denke so darüber nach, warum gute Laune besser ist als schlechte. Und das, während ich mich mies fühle. Bekloppt?

Ja, ein wenig. Aber du kommst gar nicht umhin, dir etwas vorzumachen. Wenn du nur die Realität so nimmst wie sie ist, dann kannst du schon manchmal verzweifeln. Also nehme ich mir vor, die guten Dinge aus der Realität herauszunehmen. Und wenn ich in dem Moment keine finde, dann schreibe ich mich dahin. Das kostet Mut. Denn mit jedem Satz, den du formulierst, kommen dir die Zweifel, ob das denn so eintreten wird. Und dann hinterfragst du auch, warum du das tust, warum du dich aufgerafft hast, mit Papier und Stift herumzufuchteln.

Gerade habe ich über einen Autor gelesen, dass dieser schreibend über das Schälen eines Apfels philosophiert. Kann man das machen? Kann man.

Man kann es auch bleiben lassen.

Egal, was du dir zum Thema nimmst: Indem du schreibst, hinterfragst du das, worüber du nachdenkst, was dir in den Kopf kommt. Du musst es begründen, dein Gehirn anstrengen.

Macht das Schreiben also Spaß? Vergiss es. Aber du wirst zufriedener, wenn du mal über eine Sache, die dich bewegt, schreibend nachgedacht hast.

Das meiste von dem, was ich auf Papier kritzle, das veröffentliche ich gar nicht erst. Es hilft mir trotzdem. Du bleibst kreativ, beobachtest im Alltag genauer, schaust Leuten zu, bei dem, was sie tun oder sagen.

Früher habe ich mehr gesagt. Heute bin ich lieber still. Da kann ich mich besser konzentrieren. Ich schreibe in solchen Situationen meist mit dem Kugelschreiber. Nicht auf dem Computer. Warum? Weiß ich auch nicht genau. Es ist irgendwie intensiver. Ich merke mir das Geschriebene mehr.

Und dass, obwohl ich ansonsten mit zehn Fingern über die Tastatur fliege.

Auf jeden Fall verleitet das aber zur Oberflächlichkeit.

Was will ich eigentlich mit alledem sagen? Weiß ich nicht, nicht mehr genau. Ich habe einfach angefangen zu schreiben. Ich wollte mich nur in eine Situation schreiben, in der es mir besser geht. Gelungen? Ja.

Vorlesen für Krümel

Vorlesen. Darüber wird viel gesprochen und geschrieben in letzter Zeit. Ich sah am vergangenen Samstag einen Bericht darüber im Fernsehen. Spontan habe ich mit Laura telefoniert.

„Ich übernehme das Vorlesen bei Krümel. Wenn sie soweit ist, dann werde ich ihr Geschichten vorlesen – Märchen, vielleicht eigene Erzählungen, Kinderbücher.“

Laura findet das gut.

Noch ist Krümel ja nicht soweit. Als ich das letzte Mal bei ihr war, da habe ich mit ihr probehalber in einem Buch geblättert, in dem verschiedene Dinge abgebildet waren – eine Tomate zum Beispiel, eine Gießkanne oder ein Sandkasten.

Krümel hat einen Augenblick mitgespielt. Dann hat sie mir kurzerhand das Buch weggenommen, es zugeklappt und stattdessen dem Schakal aus Stoff, den mit den hässlichen Ohren, zum Trinken genötigt, und zwar durch die Nasenlöcher.

Ich habe vor einigen Jahren schon einmal als Vorleser fungiert – in der örtlichen Bibliothek. Meist waren es Märchen, die von den Kindern gewünscht waren. Da ist mir noch einmal so richtig deutlich vor Augen geführt worden, wie grausam einzelne Inhalte sind: bei „Aschenputtel“ wird bei dem einen Mädchen hinten ein wenig vom Hacken weggenommen, damit der Schuh passt, ich glaube „Struwel-Peter“ verhungert, weil er zu lange Fingernägel hat.

Das Vorlesen ist noch mal eine Aufgabe, die mir viel Spaß machen wird.

Wir können nicht nur immer die Welt retten, indem wir über die großen Katastrophen reden. Das ist notwendig. Natürlich. Wir können aber auch was im Kleinen tun – Lesen ist enorm wichtig. Damit fängt alles an.

Internet, digitale Medien – da wird Krümel Laura überholen und mich sowieso. Aber das kann sie umso schneller, je besser sie lesen kann, je mehr sie weiß, je intensiver ihr Verstand geschult wird.

Ich sollte mal wieder in der Bibliothek nachfragen, ob die noch Vorleser suchen.

 

 

Alltag – Freund oder Feind?

Heute kehrt der Alltag zurück – Montag, der 19. November 2018.

Ich habe mir aus irgendeiner Literaturquelle gemerkt, dass am 19. November 1942 die Rote Armee vor Stalingrad zum Gegenangriff auf die Stellungen der 6. Armee unter Generalfeldmarschall Paulus überging. Vor 76 Jahren war das. Wie müssen die Leute dort gelitten haben? Auf beiden Seiten.

Ich bin froh, dass ich zehn Jahre später geboren bin.

Und dann denke ich daran, wie viele Menschen am Montag aufstehen und den Wochenbeginn verfluchen. Ich habe das auch getan und tue es manchmal heute noch. Aber kluge Leute haben mal gesagt, dass du das lieben sollst, was du nicht ändern kannst.

Und so bin ich auf den Namen gekommen, der auch über diesem Beitrag steht: „Mein Freund, der Alltag.“

Zuerst habe ich mir gesagt: „Du bist mein Feind, denn du gehst mir gewaltig auf die Nerven.“

Ich habe es noch drastischer formuliert. Aber ich hoffe, dass Krümel eines Tages meine Texte liest. Und sie soll dann nicht sagen: „Opa, das darf man doch nicht sagen oder gar schreiben!“

Also schreibe ich es nicht, ich sage es nicht, ich denke es aber.

Auf jeden Fall habe ich dann „Meinen Freund, den Alltag“ befördert und ihn zu meiner inneren kritischen Stimme gemacht.

In dieser Eigenschaft sagte mein Freund zum Beispiel zu mir: „Steh‘ doch mal auf, fahr‘ mit Klara so gegen 05.00 Uhr mit rein nach Berlin, stell‘ dich in Mitte im U-Bahnhof hin und sprich‘ einfach Leute an.“

„Und was soll ich sagen?“, habe ich ihn gefragt.

„Naja, wie toll du den beginnenden Tag findest, den Montag, morgens um 05.00 Uhr.“

„Dann begebe ich mich in Lebensgefahr, oder was glaubst du, was die Leute mit mir machen, noch dazu die Berliner?“

Solche Dialoge führe ich mit meinem Freund, dem Alltag, also mit mir. Ganz schön bekloppt.

Aber sie haben vielleicht einen Sinn. Du denkst mehr darüber nach, worüber du dich freuen kannst, anstatt die ganze Zeit herum zu stöhnen, wenn die Woche beginnt.

Dass du kreativ sein kannst, gebraucht wirst, offensichtlich gesund bist, jedenfalls einigermaßen.

Das ist irgendwie richtig leben. Und das kannst du dann am Dienstag und Mittwoch auch tun, bis die Woche eben zu Ende ist.

Ja, und dann musst du es aushalten, bis am Montag, dein bester Freund wieder auf der Matte steht. Schön, oder?

 

Kotelett – das ist ja wohl das letzte (2)

Kotelett – das ist ja wohl das letzte (2)

Wiederholung aus Teil 1

„Hast du denn schon dein zweites Frühstück gehabt.“

„Mach‘ ich gleich.“

„Was gibt’s denn?“

„Was soll’s schon geben? Immer dasselbe.“

„Was ist dasselbe?“

„Na, ein halbes Brötchen. Isst du denn etwas Anderes?“

„Ich esse gar nichts. Ich muss arbeiten und habe nur mal eine kleine Pause eingeschoben, um mich zu erkundigen, wie es dir geht.“

Peter merkte, wie seine Schilddrüse anschlug. Ein sicheres Zeichen dafür, dass er langsam sauer wurde.

„Aber, dass du mich danach fragst, was ich esse. Das versteh‘ ich nicht.

Es gibt doch immer das gleiche.“

„Naja, du könntest doch ein gebratenes Kotelett zum 2. Frühstück essen.

So wie im Hotel.“

Das sollte ein kleiner Scherz von Peter sein. Anna kam immer weniger mit Humor klar, seitdem die Demenz langsam fortschritt. Überhaupt war sie viel übellauniger geworden.

„Das ist ja wohl das letzte, dass du so etwas fragst. Kotelett. Unmöglich ist das!“. Anna schnauzte Peter regelgerecht an.

„Bei allem Respekt Anna. Dein Ton gefällt mir nicht. Wir rufen dich an, weil wir uns um dich sorgen.“ Peter musste sich beherrschen. Er musste diese Situation einfach bewältigen.

Teil 2

Was sollte Peter jetzt antworten? Und vor allem: Wie sollte er reagieren? Barsch? Brutal, laut? Oder eher ruhig, besonnen, vielleicht sogar sanftmütig? Jetzt konnte er Anna ja endlich mal sagen, wie es ihm auf die Nerven ging, wenn sie sich für nichts interessierte – als für die Blumen auf ihrem Balkon. Da stürzten Häuser ein, brannten in Kalifornien die Felder nieder, starben Menschen. Da griff Friedrich Merz insgeheim schon nach der Kanzlerkrone und Anna redete nur davon, dass sie es unverschämt fand, dass Peter ihr ein Kotelett zum zweiten Frühstück vorgeschlagen hatte.

Sonst war Klara stets dabei. Sie hatte ein Herz für die, die nicht so  redegewandt wie Peter reagieren konnten. Sie half deshalb nicht Peter, sondern denen, die mit Peter einen Disput begannen, die ihn oft überhaupt erst provozierten.

Sie kannte Peter. Sie wusste, dass der sich zwar schon seine Antwort zurechtgelegt hatte, dass seine rhetorischen Truppen längst zum Angriff bereit waren. Doch sie wusste eben auch, dass er sich zunächst zurückhielt, zum Schein zurückzog. Er senkte in solchen Momenten seine Stimme, ’stopfte sich Kreide in den Mund‘, damit der Feind eingeschläfert wurde.

Er lullte quasi sein Gegenüber ein, damit der noch leichtfertiger wurde und nicht darüber nachdachte, was er noch so alles sagte, was noch an leichtfertigen Gedanken über dessen Lippen kamen.

Der Zeitpunkt für den Gegenangriff war aber nun gekommen. Peter hielt den Hörer in der Hand, am anderen Ende faselte Anna etwas von ‚so einsam‘ und er versank in einen Traum,  in eine unwirklich anmutende  Geschichte. Einer Geschichte, die sich vor Jahrhunderten hätte so abspielen können.

Geben wir Peter in dieser unwirklichen Geschichte den Zusatz ‚Peter, der Entschlossene‘. Dieser war hoch oben auf seinem Pferd vor der Schlachtordnung. Hinter ihm seine Getreuen, auf die er sich verlassen konnte. Seine Generäle, seine Soldaten. Und dann war da noch seine Frau, die mit ritt in die Schlacht. Sie saß auf einem Pferd, abseits von Peter. Nennen wir sie einfach ‚Sieglinde‘.

Und plötzlich passierte das Unfassbare. Sieglinde löste sich mit ihrem Pferd aus der Schlachtordnung und ritt in Richtung des Gegenübers, des Feindes. Deren Anführer soll der ‚Eiserne Gustav‘ heißen.

Sieglinde ritt also auf den Eisernen Gustav zu und winkte ihm fröhlich entgegen, mit einem Tuch, das sie auch noch selbst bestickt hatte. Der gegnerische Feldherr argwöhnte: „Was wollte Sieglinde, die Angetraute von Peter, dem Entschlossenen?“

Doch den Eisernen Gustav überkam die Neugier. Er übergab das Kommando seiner Truppen an seinen Marschall und ritt Sieglinde entgegen.

„Was willst du? Wir werden euch zermalmen, mit unseren mächtigen Reiterscharen!“, brüllte er schon von weitem.

„Gewiss doch, lieber Eiserne Gustav.“

„Aber ihr müsst euch nicht auf dem Schlachtfeld fetzen, du und mein Peter.“

„Warum nicht?“ Eiserner Gustav war verwirrt.

„Weißt du, mein Mann, der meint das nicht so. Im Gegenteil. Der mag dich sogar. Ein bisschen jedenfalls.“

Sieglinde fährt fort zu reden, während ihr der Eiserne Gustav zuhört.

„Peter weiß, dass du der Klügere und der Stärkere bist. Kehrt einfach nach Hause zurück, zu euren Weibern und Kindern und besauft euch nach Herzenslust.“

Eiserner Gustav schaute verdutzt. Dann drehte er sich um und rief seinen Generälen entgegen: „Wir greifen nicht an. Wir drehen um. Wir haben schon gesiegt. Sieglinde hat gesagt, Peter, der Entschlossene hat sich in die Hosen gepullert und ist indisponiert.“

Die Truppen vom Eisernen Gustav und seine Pferde wieherten vor Lachen und stoben auseinander, trotteten nach Hause.

Peter, der Entschlossene schäumte vor Wut, als Sieglinde zurückkam.

„Was erlaubst du dir, Weib?“

„Ärgere dich doch nicht Peter. Ich habe Gustav gesagt, dass du ihn zermalmen wirst, und dass nichts übrigbleibt von ihm und seinem Volk. Da hat er es mit der Angst gekriegt und ist lieber geflohen. Wir haben jetzt kein Blut vergossen, unsere Kräfte geschont und können weiter unsere Ziele verfolgen.“

„Welche Ziele?“, fragte Peter, der jetzt Schwankende.

„Na, die Ernte einbringen, Geld verdienen.“

„Und dann?“

„Dann gut leben, Gustav in seinem Glauben belassen, er sei in Wahrheit der Stärkere und mit gutem Sold mehr Soldaten anlocken, damit wir für den Fall der Fälle gut gerüstet sind.“

„Wir sollten überlegen, ob Sieglinde nicht mehr zu sagen bekommt, in unserem Kriegsrat“, flüsterte Peter seinem treuesten General zu.“

„Noch mehr, mein König“, erwiderte der, „sie beherrscht doch faktisch schon immer unser Reich.“

Peter wachte auf aus seinem Traum.

„Bist du noch da?“, fragte ihn Anna.

„Ja, ja. Ich bin noch da. Weißt du, Anna, du hast Recht. Was für ein Quatsch mit dem Kotelett! Aber sag‘ mal, wie ist eigentlich das Wetter bei euch?“

„Und, wie war es heute mit Anna am Telefon?“, fragte abends Klara.

„Du wunderbar, ich hatte alles im Griff. Du weißt ja, sie erzählt manchmal schon wirres Zeug. Und ihr Charakter verändert sich auch durch die Demenz.“

„Gott sei Dank, dass du da nicht mit der Faust draufhaust und unnötiges Porzellan zerschlägst“, erwiderte Klara

„Das traust du mir zu?“, fragte Peter.

Klara seufzte nur und Peter ging in sein Zimmer, zufrieden mit dem, wie das Telefonat mit Anna gelaufen war.

„Morgen,  da werde ich Anna sagen, dass es zum zweiten Frühstück auf See immer Steaks gab, mit Bratkartoffeln. Ja, das war gut“, dachte Peter.

Er konnte nicht aus seiner Haut. Jedenfalls nicht ganz.  Aber er konnte ja noch eine Nacht drüber schlafen. Morgen, da würde das Spiel von vorn beginnen.

„Du, wir können Anna gar nichts mehr vorwerfen. Wir sind die Klügeren“, sagte Peter beim Zähneputzen zu Klara.

Klara schwieg. Sie traute ihm intellektuell so einiges zu. Nur seiner Rauflust, der traute sie nicht.

 

Kotelett – das ist ja wohl das letzte (1)

Peter rief bei Anna an. Wie jeden Tag. Schließlich hatte er es Klara versprochen, kurz bei Anna durch zu klingeln, zu hören, wie sie drauf war und ob sie etwas zum zweiten Frühstück aß. Sie vergaß es in letzter Zeit immer häufiger.

Dabei war er im Stress und musste sich regelgerecht von den anderen Sachen losreißen. Er hatte diesmal besonders viel zu tun. Da musste er noch die Fakten zur Ukraine recherchieren, für den geschichtlichen Hintergrund zum Interview mit der Prima Ballerina und er wollte unbedingt wieder Ordnung in seine Pressemitteilungen bringen.

„Wann willst du endlich wieder anfangen, Geld zu verdienen?“, hatte Klara ihn erst kürzlich gefragt.

„Lass doch, dann haben wir weniger Umsatzsteuer zu zahlen“, meinte Peter.

„Und weniger im Portemonnaie“, sagte Klara.

„Du kannst es nicht lassen, mir damit auf die Nerven zu gehen“, antwortete Peter. Er ärgerte sich über Klara und über sich selbst. Durch seine Krankheit war einiges liegengeblieben. Aber als erstes arbeitete  er nicht etwa das auf, was Geld brachte, sondern das, was ihm Spaß machte. Klara wusste das. Und Peter wusste es auch.

„Jetzt bin ich schon Rentner und ackere mehr als früher“, sagte Peter.

„Du hast gesagt, dass du im Monat locker ein paar Hundert Euro zusätzlich reinbringst.“

„Locker? Das soll ich gesagt haben?“

„Das hast du gesagt und deine gönnerhafte Handbewegung gemacht“, erwiderte Klara.

„Ach, lass mich doch zufrieden. Wenn ich mich einen Tag ans Telefon schwinge, dann wirst du schon sehen.“

„Ja, wenn. Aber ich sehe überhaupt nicht, dass du irgendwelche Anstalten machst.“

Klara gab sich kämpferisch und ließ nicht locker: „Du schreibst nur über das, was dir Spaß macht.“

Peter antwortete nicht mehr.

Und nun saß er am Schreibtisch, hatte ein Haufen to-do-Listen geschrieben und geplant, wann er welchen Kunden mit welchem Ziel erreichen wollte. Peter hätte auch einfach den Telefonhörer aufnehmen können. Aber das passte nicht zu ihm. Er musste erst eine Struktur schaffen, planen, um ein gutes Gefühl zu haben.

„Schreibst du schon wieder Pläne?“, fragte ihn Klara in so einem Moment, wenn sie sah, wie Peter Papiere auf dem Schreibtisch hin- und herschob.

Peter kam gut voran. Er unterbrach seine Arbeit, um Anna anzurufen.

„Wie geht es dir?“, fragte Peter, nachdem sich Anna am Telefon gemeldet hatte.

Stille. Nach einer Weile: „Och, weißt du, es geht so.“

„Na, du bist wohl heute nicht so gut drauf?“, fragte Peter.

„Nö!“, sagte Anna.

„Was ist denn?“

„Ich bin so allein.“

„Ja, allein. Warum gehst du denn nicht mal raus, vor die Tür. Danach ist alles anders.“

„Keine Lust.“

Peter stutzte. Der Ton gefiel ihm nicht. Er ließ sich nichts anmerken.

„Hast du denn schon dein zweites Frühstück gehabt.“

„Mach‘ ich gleich.“

„Was gibt’s denn?“

„Was soll’s schon geben? Immer dasselbe.“

„Was ist dasselbe?“

„Na, ein halbes Brötchen. Isst du denn etwas Anderes?“

„Ich esse gar nichts. Ich muss arbeiten und habe nur mal eine kleine Pause eingeschoben, um mich zu erkundigen, wie es dir geht.“

Peter merkte, wie seine Schilddrüse anschlug. Ein sicheres Zeichen dafür, dass er langsam sauer wurde.

„Aber, dass du mich danach fragst, was ich esse. Das versteh‘ ich nicht. Es gibt doch immer das gleiche.“

„Naja, du könntest doch ein gebratenes Kotelett zum 2. Frühstück essen. So wie im Hotel.“

Das sollte ein kleiner Scherz von Peter sein. Aber Anna kam immer weniger mit Humor klar, seitdem ihre Demenz langsam fortschritt. Überhaupt war sie viel übellauniger geworden.

„Das ist ja wohl das letzte, daß du so etwas fragst. Kotelett. Unmöglich ist das!“  Anna schnauzte Peter regelgerecht an.

„Bei allem Respekt Anna. Dein Ton gefällt mir nicht. Wir rufen dich an, weil wir uns um dich sorgen.“  Peter musste sich beherrschen. Er musste diese Situation einfach bewältigen.

Fortsetzung in Teil 2