ANNA IST DEMENT (26)

DEMENZ – WENN DIE EMPATHIE

SCHWINDET

Anna hat keine Freude mehr am Schenken.

„Wie ist das Wetter bei euch da oben?“, fragte Peter Anna.

Es war das übliche Telefongespräch am Vormittag,  es war diesig und es schien keine Sonne, Wind war aber auch nicht.

Das war gestern so, vorgestern ebenfalls.

Anna hätte also sagen können: „Das Wetter ändert sich seit Tagen nicht, es ist gleich geblieben.“

Doch diese gedanklichen Fäden konnte Anna nicht mehr ziehen.

„Der Himmel ist grau, die Sonne scheint nicht, aber es ist auch kein Wind“, sagte Anna stattdessen.

„Prima“, antwortete Peter. Er war irgendwie, dass er über dieses stets wiederkehrende Thema den Gesprächsfaden mit Anna knüpfen konnte.

„Heute Nachmittag fahren wir zur Post. Klara hat einen Stollen eingepackt und den schicken wir dir“, redete Peter weiter.

„Ach, wie kann ich dir nur danken?“, fragte Anna.

„Naja, ich habe damit nichts zu tun. Nur, dass ich den vorhergehenden mit aufgegessen habe, nachdem Klara ihn gebacken hatte.“

Anna verstand diese Art von Humor nicht mehr.

„Ja, das ist so schön, ich freue mich. Wie kann ich euch nur eine Freude machen?“

„Ach, mir würde eine ganze Menge einfallen“, antwortete Peter und bereute zugleich, dass er es überhaupt gesagt hatte.

„Ja, was denn?“, fragte Anna nach einer Weile.

Flasche Sekt, warme Socken, Kasten Mon Cherie, Puppe für Krümel,  das könnte er antworten. Es schoss ihm geradezu ein, während Anna die Frage noch gar nicht zu Ende formuliert hatte.

Sagte er davon was? Natürlich nicht. War es schlimm, dass Anna nicht mehr auf das kam, was sie früher in solchen Momenten tat? Überhaupt nicht.

„Schade nur, dass Anna sich um die Glücksgefühle brachte, die sie früher überkamen, wenn sie anderen eine Freude machte“, dachte Peter in diesem Moment.

Doch dafür konnte sie nicht. Die Demenz ließ das nicht mehr zu, nahm ihr Stück für Stück diese Empathie.

Das war das eigentlich Schlimme – vor allem für Anna. Umso mehr mussten sich Klara, Laura und Peter bemühen.

Und das taten sie ja auch.

„Wenn dir der Stollen schmeckt, dann ruf doch KIara an. Sag ihr, dass er gut gelungen ist.“

„Das mach ich ja sowieso“, sagte Anna, so als hätte Peter auf etwas hingewiesen, was doch selbstverständlich war. Nun wurde er noch von Anna der Begriffsstutzigkeit überführt.

Trotzdem: Für den Moment hatte er Anna ein paar unbeschwerte Momente bereitet, so schien es jedenfalls.

Und wenn das Paket mit dem Stollen ankam, dann würde sich das wohl wiederholen. Immerhin. Der Kreis der Möglichkeiten, eine Freude zu bereiten, wurde kleiner.

Sie intensiver zu nutzen, das war wohl jetzt die Aufgabe.

Peter griff wieder zum Hörer, um Klara zu informieren: alles im grünen Bereich.

ANNA IST DEMENT (25)

KOTELLET – DAS IST JA WOHL DAS LETZTE

Fortsetzung

Was sollte Peter jetzt antworten? Und vor allem: Wie sollte er reagieren? Barsch? Brutal, laut?

Oder eher ruhig, besonnen, vielleicht sogar sanftmütig? Jetzt konnte er Anna ja endlich mal sagen, wie es ihm auf die Nerven ging, wenn sie sich für nichts interessierte – als für die Blumen auf ihrem Balkon.

Da stürzten Häuser ein, brannten in Kalifornien die Felder nieder, starben Menschen.

Da griff Friedrich Merz insgeheim schon nach der Kanzlerkrone und Anna redete nur davon, dass sie es unverschämt fand, dass Peter ihr ein Kotelett zum zweiten Frühstück vorgeschlagen hatte.

Sonst war Klara stets dabei. Sie hatte ein Herz für die, die nicht so  redegewandt wie Peter reagieren konnten. Sie half deshalb nicht Peter, sondern denen, die mit Peter einen Disput begannen, die ihn oft überhaupt erst provozierten.

Sie kannte Peter. Sie wusste, dass der sich zwar schon seine Antwort zurechtgelegt hatte, dass seine rhetorischen Truppen längst zum Angriff bereit waren.

Doch sie wusste eben auch, dass er sich zunächst zurückhielt, zum Schein zurückzog. Er senkte in solchen Momenten seine Stimme, ’stopfte sich Kreide in den Mund‘, damit der Feind eingeschläfert wurde.

Er lullte quasi sein Gegenüber ein, damit der noch leichtfertiger wurde und nicht darüber nachdachte, was er noch so alles sagte, was noch an leichtfertigen Gedanken über dessen Lippen kamen.

Der Zeitpunkt für den Gegenangriff war aber nun gekommen. Peter hielt den Hörer in der Hand, am anderen Ende faselte Anna etwas von ‚so einsam‘ und er versank in einen Traum,  in eine unwirklich anmutende  Geschichte. Einer Geschichte, die sich vor Jahrhunderten hätte so abspielen können.

Geben wir Peter in dieser unwirklichen Geschichte den Zusatz ‚Peter, der Entschlossene‘. Dieser war hoch oben auf seinem Pferd vor der Schlachtordnung.

Hinter ihm seine Getreuen, auf die er sich verlassen konnte. Seine Generäle, seine Soldaten. Und dann war da noch seine Frau, die mit ritt in die Schlacht. Sie saß auf einem Pferd, abseits von Peter. Nennen wir sie einfach ‚Sieglinde‘.

Und plötzlich passierte das Unfassbare. Sieglinde löste sich mit ihrem Pferd aus der Schlachtordnung und ritt in Richtung des Gegenübers, des Feindes. Deren Anführer soll der ‚Eiserne Gustav‘ heißen.

Sieglinde ritt also auf den Eisernen Gustav zu und winkte ihm fröhlich entgegen, mit einem Tuch, das sie auch noch selbst bestickt hatte. Der gegnerische Feldherr argwöhnte: „Was wollte Sieglinde, die Angetraute von Peter, dem Entschlossenen?“

Doch den Eisernen Gustav überkam die Neugier. Er übergab das Kommando seiner Truppen an seinen Marschall und ritt Sieglinde entgegen.

„Was willst du? Wir werden euch zermalmen, mit unseren mächtigen Reiterscharen!“, brüllte er schon von weitem.

„Gewiss doch, lieber Eiserne Gustav.“

„Aber ihr müsst euch nicht auf dem Schlachtfeld fetzen, du und mein Peter.“

„Warum nicht?“ Eiserner Gustav war verwirrt.

„Weißt du, mein Mann, der meint das nicht so. Im Gegenteil. Der mag dich sogar. Ein bisschen jedenfalls.“

Sieglinde fährt fort zu reden, während ihr der Eiserne Gustav zuhört.

„Peter weiß, dass du der Klügere und der Stärkere bist. Kehrt einfach nach Hause zurück, zu euren Weibern und Kindern und besauft euch nach Herzenslust.“

Eiserner Gustav schaute verdutzt. Dann drehte er sich um und rief seinen Generälen entgegen: „Wir greifen nicht an. Wir drehen um. Wir haben schon gesiegt. Sieglinde hat gesagt, Peter, der Entschlossene hat sich in die Hosen gepullert und ist indisponiert.“

Die Truppen vom Eisernen Gustav und seine Pferde wieherten vor Lachen und stoben auseinander, trotteten nach Hause.

Peter, der Entschlossene schäumte vor Wut, als Sieglinde zurückkam.

„Was erlaubst du dir, Weib?“

„Ärgere dich doch nicht Peter. Ich habe Gustav gesagt, dass du ihn zermalmen wirst, und dass nichts übrigbleibt von ihm und seinem Volk. Da hat er es mit der Angst gekriegt und ist lieber geflohen. Wir haben jetzt kein Blut vergossen, unsere Kräfte geschont und können weiter unsere Ziele verfolgen.“

„Welche Ziele?“, fragte Peter, der jetzt Schwankende.

„Na, die Ernte einbringen, Geld verdienen.“

„Und dann?“

„Dann gut leben, Gustav in seinem Glauben belassen, er sei in Wahrheit der Stärkere und mit gutem Sold mehr Soldaten anlocken, damit wir für den Fall der Fälle gut gerüstet sind.“

„Wir sollten überlegen, ob Sieglinde nicht mehr zu sagen bekommt, in unserem Kriegsrat“, flüsterte Peter seinem treuesten General zu.“

„Noch mehr, mein König“, erwiderte der, „sie beherrscht doch faktisch schon immer unser Reich.“

Peter wachte auf aus seinem Traum.

„Bist du noch da?“, fragte ihn Anna.

„Ja, ja. Ich bin noch da. Weißt du, Anna, du hast Recht. Was für ein Quatsch mit dem Kotelett! Aber sag‘ mal, wie ist eigentlich das Wetter bei euch?“

„Und, wie war es heute mit Anna am Telefon?“, fragte abends Klara.

„Du wunderbar, ich hatte alles im Griff. Du weißt ja, sie erzählt manchmal schon wirres Zeug. Und ihr Charakter verändert sich auch durch die Demenz.“

„Gott sei Dank, dass du da nicht mit der Faust draufhaust und unnötiges Porzellan zerschlägst“, erwiderte Klara

„Das traust du mir zu?“, fragte Peter.

Klara seufzte nur und Peter ging in sein Zimmer, zufrieden mit dem, wie das Telefonat mit Anna gelaufen war.

„Morgen,  da werde ich Anna sagen, dass es zum zweiten Frühstück auf See immer Steaks gab, mit Bratkartoffeln. Ja, das war gut“, dachte Peter.

Er konnte nicht aus seiner Haut. Jedenfalls nicht ganz.  Aber er konnte ja noch eine Nacht drüber schlafen. Morgen, da würde das Spiel von vorn beginnen.

„Du, wir können Anna gar nichts mehr vorwerfen. Wir sind die Klügeren“, sagte Peter beim Zähneputzen zu Klara.

Klara schwieg. Sie traute ihm intellektuell so einiges zu. Nur seiner Rauflust, der traute sie nicht.

ANNA IST DEMENT (24)

KOTELLETT – DAS IST JA WOHL DAS

LETZTE

Peter schlägt Anna vor, sich zum zweiten Frühstück ein Kotellett zuzubereiten und erntet Unverständnis.

Peter rief bei Anna an. Wie jeden Tag. Schließlich hatte er es Klara versprochen, kurz bei Anna durch zu klingeln, zu hören, wie sie drauf war und ob sie etwas zum zweiten Frühstück aß. Sie vergaß es in letzter Zeit immer häufiger.

Dabei war er im Stress und musste sich regelgerecht von den anderen Sachen losreißen. Er hatte diesmal besonders viel zu tun. Da musste er noch die Fakten zur Ukraine recherchieren, für den geschichtlichen Hintergrund zum Interview mit der Prima Ballerina und er wollte unbedingt wieder Ordnung in seine Pressemitteilungen bringen.

„Wann willst du endlich wieder anfangen, Geld zu verdienen?“, hatte Klara ihn erst kürzlich gefragt.

„Lass doch, dann haben wir weniger Umsatzsteuer zu zahlen“, meinte Peter.

„Und weniger im Portemonnaie“, sagte Klara.

„Du kannst es nicht lassen, mir damit auf die Nerven zu gehen“, antwortete Peter. Er ärgerte sich über Klara und über sich selbst. Durch seine Krankheit war einiges liegengeblieben.

Aber als erstes arbeitete  er nicht etwa das auf, was Geld brachte, sondern das, was ihm Spaß machte. Klara wusste das. Und Peter wusste es auch.

„Jetzt bin ich schon Rentner und ackere mehr als früher“, sagte Peter.

„Du hast gesagt, dass du im Monat locker ein paar Hundert Euro zusätzlich reinbringst.“

„Locker? Das soll ich gesagt haben?“

„Das hast du gesagt und deine gönnerhafte Handbewegung gemacht“, erwiderte Klara.

„Ach, lass mich doch zufrieden. Wenn ich mich einen Tag ans Telefon schwinge, dann wirst du schon sehen.“

„Ja, wenn. Aber ich sehe überhaupt nicht, dass du irgendwelche Anstalten machst.“

Klara gab sich kämpferisch und ließ nicht locker: „Du schreibst nur über das, was dir Spaß macht.“

Peter antwortete nicht mehr.

Und nun saß er am Schreibtisch, hatte ein Haufen to-do-Listen geschrieben und geplant, wann er welchen Kunden mit welchem Ziel erreichen wollte.

Peter hätte auch einfach den Telefonhörer aufnehmen können. Aber das passte nicht zu ihm. Er musste erst eine Struktur schaffen, planen, um ein gutes Gefühl zu haben.

„Schreibst du schon wieder Pläne?“, fragte ihn Klara in so einem Moment, wenn sie sah, wie Peter Papiere auf dem Schreibtisch hin- und herschob.

Peter kam gut voran. Er unterbrach seine Arbeit, um Anna anzurufen.

„Wie geht es dir?“, fragte Peter, nachdem sich Anna am Telefon gemeldet hatte.

Stille. Nach einer Weile: „Och, weißt du, es geht so.“

„Na, du bist wohl heute nicht so gut drauf?“, fragte Peter.

„Nö!“, sagte Anna.

„Was ist denn?“

„Ich bin so allein.“

„Ja, allein. Warum gehst du denn nicht mal raus, vor die Tür. Danach ist alles anders.“

„Keine Lust.“

Peter stutzte. Der Ton gefiel ihm nicht. Er ließ sich nichts anmerken.

„Hast du denn schon dein zweites Frühstück gehabt.“

„Mach‘ ich gleich.“

„Was gibt’s denn?“

„Was soll’s schon geben? Immer dasselbe.“

„Was ist dasselbe?“

„Na, ein halbes Brötchen. Isst du denn etwas Anderes?“

„Ich esse gar nichts. Ich muss arbeiten und habe nur mal eine kleine Pause eingeschoben, um mich zu erkundigen, wie es dir geht.“

Peter merkte, wie seine Schilddrüse anschlug. Ein sicheres Zeichen dafür, dass er langsam sauer wurde.

„Aber, dass du mich danach fragst, was ich esse. Das versteh‘ ich nicht. Es gibt doch immer das gleiche.“

„Naja, du könntest doch ein gebratenes Kotelett zum 2. Frühstück essen. So wie im Hotel.“

Das sollte ein kleiner Scherz von Peter sein. Aber Anna kam immer weniger mit Humor klar, seitdem ihre Demenz langsam fortschritt. Überhaupt war sie viel übellauniger geworden.

„Das ist ja wohl das letzte, daß du so etwas fragst. Kotelett. Unmöglich ist das!“  Anna schnauzte Peter regelgerecht an.

„Bei allem Respekt Anna. Dein Ton gefällt mir nicht. Wir rufen dich an, weil wir uns um dich sorgen.“  Peter musste sich beherrschen. Er musste diese Situation einfach bewältigen.

 

ANNA IST DEMENT (23)

MUTTI MUSS STAUBSAUGEN

Anna hat ein verstaubtes Bild von der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. Und sie lässt sich davon nicht mehr abbringen. Jetzt, nach ihrer Krankheit, erst recht nicht mehr.

Es gibt Routinen, eben täglich wiederkehrende Dinge. Die meisten davon sind unabdingbar, ich mag sie trotzdem nicht. Ich muss mich dazu eben zwingen. Dazu gehört der Anruf bei Anna.

„Aber dir macht das doch so viel Spaß“, werden einige sagen, die mich kennen. Ja, wenn ich davon erzähle. Ansonsten wäre das glatt gelogen.

Anna ist dement. Das wissen wir. Und wir wissen, dass sie Aufmunterung braucht. Klara kümmert sich, fährt hin, organisiert Arzt- und Frisörbesuche.  Lukas ist täglich bei Anna und schaut, wie es ihr geht.

Diejenigen Menschen, die mich kennen, in dem Fall den Schreiber, und die unsere Familie  kennen, die wissen natürlich genau, über wen ich berichte.

Aber ich will eine gewisse Distanz halten. Zum einen aus Respekt. Und zum anderen, weil ich das ja alles in kleinere Geschichten packe und das Recht habe, etwas wegzulassen, zu überhöhen oder etwas hinzu zu dichten.

Ich gebe zu: Ich bin schon nahe dran an der Wahrheit. Klara ist das oft genug zu nah. Inzwischen weiß sie aber, dass ich stets mit Wertschätzung schreibe und aus einer Perspektive heraus, von der ich faktisch die Figur beobachten kann.

Ja, ich stehe quasi hinter ihr. Das gibt mir die nötige Sicherheit – ich halte Distanz, bin aber auch wieder nah genug dran, um über etwas zu schreiben, was passiert ist.

Die größte Herausforderung, wenn du mit einem demenzkranken Menschen sprichst ist, dass du ihm keinerlei Vorhaltungen machen kannst. Das versteht er nicht und es verunsichert ihn. Es gibt kein Veränderungspotenzial mehr.

Klara sagt dann meist: „Aber du könntest dich verändern, und du tust es  nicht, du stellst dich einfach blöd an, wenn du etwas machen sollst.“

Darin bin ich nun mal geübt.

Doch zurück zu Anna. Sie rief mich  gestern Abend zweimal an und fragte mich, ob es mir gutgehe. In Wirklichkeit wollte sie Klara sprechen, wen sonst, ihren Schwiegersohn? Ja, ja. Wenn die Sonne ‚mal im Westen aufgeht‘, dann vielleicht.

Aber sie hatte vergessen, dass Klara donnerstags erst gegen 18.00 Uhr Schluss hat und dann noch von Kreuzberg hierher zurück muss, zurück in den Wald, der zu der Zeit schon dunkel ist.

Also könnte ich jetzt sagen: „Anna, das haben wir doch vor einen halben Stunde besprochen.“ Und anschließend könnte ich mich darüber bei Klara aufregen.

Früher habe ich das getan: „Deine Mutter denkt, dass ich Zeit ohne Ende habe. Und wenn ich fünfmal erkläre, dass ich auch außerhalb meines geliebten Schreibtisches zu Terminen muss, Interviews absprechen, interessante Menschen treffen. Keiner schenkt mir das Geld.

Aber unvorsichtigerweise habe ich mal Anna erzählt, dass ich zu den Interviews in schönen Cafès sitze, da, wo  es gemütlich ist und wo vielleicht noch ein Schauspieler hereinkommt. Dabei habe ich gar nichts davon. Denn abends, wenn  ich darüber berichte, dann sagt Klara kurzerhand: „Den verwechselst du bestimmt.“

Vor zwei Jahren genauso. Direkt vor unserem Tisch in einem Restaurant in Hamburg steht Udo Lindenberg. Ich zeige versteckt, zische durch die Zähne, ‚Liiinnndenberg‘. Klara sagt: Ne, der ist nicht so dünn.“

Was willst du machen? Du musst damit leben. Als Olivia auf der Straßenseite gegenüber stand und einer Gruppe von Menschen etwas erklärte, da sagte ich: „Siehste? Schau doch mal hin!“

Olivia überragte alle. Aber nein, Klara blieb dabei: „Ich glaub‘ die sieht anders aus.“

Was hätte ich tun sollen? Entweder sofort das Schnitzel mitsamt Teller und Tisch aufessen oder rübergehen.

Was sagt Klara danach: „Wie sieht das aus, dass du darüber läufst!“

„Ich seh‘ mich nicht, wenn ich laufe“, habe ich geantwortet.

Danach  ist erst einmal Pause und Klara gibt mir das Gefühl, ich wäre wieder der ‚Vollpfosten‘, der alle verwechselt.

Nur Anna, der kannst du keine Vorwürfe mehr machen. Du kannst nur Verständnis zeigen. Und da habe ich mich ‚eingegroovt“.

Nur heute, da wären die ‚Räder fast  wieder aus den Schienen“ gesprungen.

„Ich sauge jetzt gleich“, sage ich zu Anna am Telefon.

„Oh Gott, und das als Mann!“, erwiderte Anna. Wie aus der Pistole geschossen. Ohne nachzudenken. Jetzt kam ich mir nicht mehr vor, wie Ironman, sondern wie „Weichman“.

Sollte ich jetzt sagen, dass dies mein Veränderungspotenzial der letzten Jahre war? Oder dass es nun wirklich die Gleichberechtigung von Mann und Frau gibt, dass im Prenzlauer Berg  die Männer die Kinderwagen schieben, altmodische ‚schicke‘ Mützen tragen, leise und weich reden,  wie: „Patricia, wir gehen nicht über die Straße.“

„Nein“, denke ich „du Leichtgewicht fliegst rüber“.

„Weißt du Anna, das ist bei uns im Haus schwere körperliche Arbeit.

Du weißt doch, was es bedeutet, die Treppen immer hoch und runter zu gehen.“

„Ich weiß“, sagt Anna.

„Wirklich?“ Ich hake lieber nicht nach.

Dann erzählt sie mir, dass in der Anbauwand die ganzen Bilder von uns stehen.

„Hast du gestern  schon erwähnt, vorgestern auch. Jeden Tag erwähnst  du das!“. Das könnte ich erwidern. Tu‘ ich aber nicht. Ich spreche über die Bilder, die Anna gemalt hat und bei mir im Arbeitszimmer hängen. Das freut Anna und wir verabschieden uns.

Ich rufe Klara an: „Deine Mutter sagt, saugen sei keine Arbeit für einen Mann!“

„Ich dachte, du bist schon fertig?“, sagte Klara enttäuscht. Sie ist ein klein wenig wie unsere Kanzlerin – immer trocken, aufs Ergebnis  aus.

Ich hole den Staubsauger raus, setze meine Lieblingsmütze mit der Aufschrift „Fischkopp“ auf und mach‘  ein ‚Selfi‘. Gut, ich musste noch ein wenig am iPhone herumdrücken, bis ich wusste, wie es geht.

Schließlich habe ich über WhatsApp  an Klara das Foto mit Staubsauger und Mütze gepostet: „Mutti beim  Saugen.“

„Schöner  Mann“, schreibt sie zurück. „Find‘ ich ja auch“, antworte  ich  Ach irgendwie mag ich Klara doch. Und Anna? Die ruf’ ich Morgen wieder an. Na klar.