‚Mutti‘ muss Staub saugen

Es gibt Routinen, eben täglich wiederkehrende Dinge. Die meisten davon sind unabdingbar, ich mag sie trotzdem nicht. Ich muss mich dazu eben zwingen. Dazu gehört der Anruf bei Anna.

„Aber dir macht das doch so viel Spaß“, werden einige sagen, die mich kennen. Ja, wenn ich davon erzähle. Ansonsten wäre das glatt gelogen.

Anna ist dement. Das wissen wir. Und wir wissen, dass sie Aufmunterung braucht. Klara kümmert sich, fährt hin, organisiert Arzt- und Frisörbesuche.  Lukas ist täglich bei Anna und schaut, wie es ihr geht.

Diejenigen Menschen, die mich kennen, in dem Fall den Schreiber, und die unsere Familie  kennen, die wissen natürlich genau, über wen ich berichte.

Aber ich will eine gewisse Distanz halten. Zum einen aus Respekt. Und zum anderen, weil ich das ja alles in kleinere Geschichten packe und das Recht habe, etwas wegzulassen, zu überhöhen oder etwas hinzu zu dichten.

Ich gebe zu: Ich bin schon nahe dran an der Wahrheit. Klara ist das oft genug zu nah. Inzwischen weiß sie aber, dass ich stets mit Wertschätzung schreibe und aus einer Perspektive heraus, von der ich faktisch die Figur beobachten kann. Ja, ich stehe quasi hinter ihr. Das gibt mir die nötige Sicherheit – ich halte Distanz, bin aber auch wieder nah genug dran, um über etwas zu schreiben, was passiert ist.

Die größte Herausforderung, wenn du mit einem demenzkranken Menschen sprichst ist, dass du ihm keinerlei Vorhaltungen machen kannst. Das versteht er nicht und es verunsichert ihn. Es gibt kein Veränderungspotenzial mehr.

Klara sagt dann meist: „Aber du könntest dich verändern, und du tust es  nicht, du stellst dich einfach blöd an, wenn du etwas machen sollst.“

Darin bin ich nun mal geübt.

Doch zurück zu Anna. Sie rief mich  gestern Abend zweimal an und fragte mich, ob es mir gutgehe. In Wirklichkeit wollte sie Klara sprechen, wen sonst, ihren Schwiegersohn? Ja, ja. Wenn die Sonne ‚mal im Westen aufgeht‘, dann vielleicht.

Aber sie hatte vergessen, dass Klara donnerstags erst gegen 18.00 Uhr Schluss hat und dann noch von Kreuzberg hierher zurück muss, zurück in den Wald, der zu der Zeit schon dunkel ist.

Also könnte ich jetzt sagen: „Anna, das haben wir doch vor einen halben Stunde besprochen.“ Und anschließend könnte ich mich darüber bei Klara aufregen.

Früher habe ich das getan: „Deine Mutter denkt, dass ich Zeit ohne Ende habe. Und wenn ich fünfmal erkläre, dass ich auch außerhalb meines geliebten Schreibtisches zu Terminen muss, Interviews absprechen, interessante Menschen treffen. Keiner schenkt mir das Geld.

Aber unvorsichtigerweise habe ich mal Anna erzählt, dass ich zu den Interviews in schönen Cafès sitze, da, wo  es gemütlich ist und wo vielleicht noch ein Schauspieler hereinkommt. Dabei habe ich gar nichts davon. Denn abends, wenn  ich darüber berichte, dann sagt Klara kurzerhand: „Den verwechselst du bestimmt.“

Vor zwei Jahren genauso. Direkt vor unserem Tisch in einem Restaurant in Hamburg steht Udo Lindenberg. Ich zeige versteckt, zische durch die Zähne, ‚Liiinnndenberg‘. Klara sagt: Ne, der ist nicht so dünn.“

Was willst du machen? Du musst damit leben. Als Olivia auf der Straßenseite gegenüber stand und einer Gruppe von Menschen etwas erklärte, da sagte ich: „Siehste? Schau doch mal hin!“

Olivia überragte alle. Aber nein, Klara blieb dabei: „Ich glaub‘ die sieht anders aus.“

Was hätte ich tun sollen? Entweder sofort das Schnitzel mitsamt Teller und Tisch aufessen oder rübergehen.

Was sagt Klara danach: „Wie sieht das aus, dass du darüber läufst!“

„Ich seh‘ mich nicht, wenn ich laufe“, habe ich geantwortet.

Danach  ist erst einmal Pause und Klara gibt mir das Gefühl, ich wäre wieder der ‚Vollpfosten‘, der alle verwechselt.

Nur Anna, der kannst du keine Vorwürfe mehr machen. Du kannst nur Verständnis zeigen. Und da habe ich mich ‚eingegroovt“.

Nur heute, da wären die ‚Räder fast  wieder aus den Schienen“ gesprungen.

„Ich sauge jetzt gleich“, sage ich zu Anna am Telefon.

„Oh Gott, und das als Mann!“, erwiderte Anna. Wie aus der Pistole geschossen. Ohne nachzudenken. Jetzt kam ich mir nicht mehr vor, wie Ironman, sondern wie „Weichman“.

Sollte ich jetzt sagen, dass dies mein Veränderungspotenzial der letzten Jahre war? Oder dass es nun wirklich die Gleichberechtigung von Mann und Frau gibt, dass im Prenzlauer Berg  die Männer die Kinderwagen schieben, altmodische ‚schicke‘ Mützen tragen, leise und weich reden,  wie: „Patricia, wir gehen nicht über die Straße.“

„Nein“, denke ich „du Leichtgewicht fliegst rüber“.

„Weißt du Anna, das ist bei uns im Haus schwere körperliche Arbeit.

Du weißt doch, was es bedeutet, die Treppen immer hoch und runter zu gehen.“

„Ich weiß“, sagt Anna.

„Wirklich?“ Ich hake lieber nicht nach.

Dann erzählt sie mir, dass in der Anbauwand die ganzen Bilder von uns stehen. „Hast du gestern  schon erwähnt, vorgestern auch. Jeden Tag erwähnst  du das!“. Das könnte ich erwidern. Tu‘ ich aber nicht. Ich spreche über die Bilder, die Anna gemalt hat und bei mir im Arbeitszimmer hängen. Das freut Anna und wir verabschieden uns.

Ich rufe Klara an: „Deine Mutter sagt, saugen sei keine Arbeit für einen Mann!“

„Ich dachte, du bist schon fertig?“, sagte Klara enttäuscht. Sie ist ein klein wenig wie unsere Kanzlerin – immer trocken, aufs Ergebnis  aus.

Ich hole den Staubsauger raus, setze meine Lieblingsmütze mit der Aufschrift „Fischkopp“ auf und mach‘  ein ‚Selfi‘. Gut, ich musste noch ein wenig am iPhone herumdrücken, bis ich wusste, wie es geht.

Schließlich habe ich über WhatsApp  an Klara das Foto mit Staubsauger und Mütze gepostet: „Mutti beim  Saugen.“

„Schöner  Mann“, schreibt sie zurück. „Find‘ ich ja auch“, antworte  ich zurück. Ach irgendwie mag ich Klara doch. Und Anna? Die ruf’ ich Morgen wieder an. Na klar.