ANNA NIMMT NOCH AM GESELLSCHAFTLICHEN LEBEN TEIL, WENN AUCH ZUNEHMEND WENIGER

Christi Himmelfahrt. Manche sagen auch Vatertag oder Herrentag.
Peter hatte keine Lust darauf. Er freute sich eher auf seinen Schreibtisch. Er konnte an dem Tag in Ruhe die Sachen ordnen, vielleicht ein wenig schreiben, aber eben ohne Druck und ohne, dass er angerufen wurde, oder selbst jemanden anrufen musste.

Laura meldete sich. Sie gratulierte zum Vatertag. „Danke“, brummte Peter. Er war noch nicht ganz da, als er am Frühstückstisch saß.

„Na, ich bin gespannt, ob deine Mutter heute anruft.“
„Das hat dich doch bisher eher gestört, wenn dich deine Schwiegermutter angerufen hat und zum Herrentag gratulierte“, sagte Klara.

„Na so ist es ja nun auch nicht. Ich habe mich schon gefreut.“
Aber das Telefon blieb stumm. Anna hatte den Tag schlichtweg vergessen.

Sie hatte auch vergessen, ihrem Sohn Lukas zu gratulieren
Lukas wohnte in Stralsund, ganz in ihrer Nähe. Er hatte ein Haus mit einem Hof. Anna ging dort täglich vorbei. Und an solchen Tagen hatte sie Lukas meist eine Packung mit alkoholfreiem Bier mitgebracht.

Klara rief bei Lukas an: „Hat Mutti dich angerufen und gratuliert?“
„Nein, hat sie nicht.“
Peter war geschockt. Wieder mal war es ein sicheres Zeichen dafür, dass Anna mehr und mehr vergaß.

Klara nahm den Hörer noch einmal in die Hand und fragte Anna direkt: „Mutti, du weißt schon, dass heute Vatertag ist, oder?“

„Ja, ja weiß ich“, beteuerte sie. „Also grüß‘ Peter schön.“
„Das hat sie doch sonst immer selbst gemacht und mir gratuliert.

Jetzt war Peter doch ein wenig beleidigt, obwohl er wusste, dass es einen Grund dafür gab. Einen Grund, für den Anna keine Schuld traf.

ICH HABE 8000 EURO GEWONNEN
Abends rief Anna erneut bei Klara an.
„Ich hab‘ da vielleicht wieder eine Aufregung“, sagte Anna.

„Was denn für eine Aufregung?“, fragte Klara. „Na, ich habe schon wieder 8000 Euro gewonnen.“

„Mutti, du hast nicht gewonnen. Das ist ein Werbebrief. Und wenn du weiter unten liest, dann siehst du, dass du die Chance hast, zu gewinnen. Eventuell. Aber das ist eher unwahrscheinlich.“

„Ich lese dir jetzt mal vor, was hier steht.“ Anna fing an, den Werbebrief vorzulesen: „Liebe Frau Sturm, freuen Sie sich! Sie haben gewonnen… Schicken Sie die Antwort noch heute zurück, und: Vergessen Sie nicht, den beiliegenden Bestellschein auszufüllen… Sobald wir Ihre Rückantwort erhalten haben, sind Sie mit dabei – bei der großen Verlosung für den Hauptgewinn in Höhe von 8000 Euro…Also schicken Sie den Brief noch heute ab, liebe Frau Sturm.“

Klara hatte bis zum Schluss gewartet. Sie war dem Rat von Peter gefolgt und hatte ihre Mutter nicht unterbrochen. Doch es fiel ihr schwer, ruhig zu bleiben, zuzuhören, nicht hineinzureden.

Doch nun platzte es aus ihr heraus: „Mutti, wir haben doch schon so oft darüber gesprochen. Das ist ein Werbe-Gag. Du bist eine von Tausenden, die wie du diese Post erhalten haben. Der Brief erfüllt nur einen einzigen Zweck: Du sollst wieder eine Bluse bestellen, verstehst du das?“

„Ja, aber hier steht, ich habe gewonnen.“
„Mutti, jetzt zerreiß den Brief, und wirf‘ ihn in die Tonne!“
„Meinst du wirklich?“ „Ja!“

Klara konnte nicht mehr. „Du erreichst nichts, wenn du auf diese Art mit deiner Mutter sprichst. Anna hat jetzt ein schlechtes Gefühl, weiß aber nicht so richtig warum und wird dir beim nächsten Mal gar nichts mehr erzählen.“

Peter versuchte Klara zu erklären, dass sie so nicht weiterkam.
„Du hast gut reden. Du redest ja nicht jeden Abend mit ihr.“
Klara war bedient.