BERTA HAT DIE MUSIK AUFGELEGT

Anna rief am nächsten Tag erneut an, vormittags. Sie wollte Klara sprechen, aber die war zur Arbeit.

Peter musste ebenfalls arbeiten, doch ihn konnte Anna wenigstens erreichen.

„Es war schön gestern bei der Diamantenen Hochzeit.“
„Hattet ihr denn auch Musik?“, fragte Peter.
„Ja, Berta hat aufgelegt.“ Berta und Anna waren seit ihrer Kindheit miteinander befreundet.

„Oh, Donnerwetter!“, staunte Peter und musste schmunzeln.
Aufgelegt – war das nicht ein Begriff, der längst vergangen war? Oder ist er gerade hip, wenn man an die heutigen Veranstaltungen denkt, wo der DJ auflegt?

Jedenfalls: Anna sprach und dachte modern.
Trotzdem: Wahrscheinlich war das ein ganz normaler Recorder, auf dem die Musik spielte und zwischendurch die CD’ s gewechselt wurden. Und das tat eben Berta.

„Waren denn Gäste da, die wir kennen?“, fragte Peter weiter. Anna überlegte kurz und sagte: „Nein, keine.“

Da war er wieder der Gedächtnisverlust. Peter und Klara kannten bestimmt über die Hälfte derjenigen, die bei der Veranstaltung Gäste waren.

„Wie heißt noch gleich die Tochter von Berta, ich komme einfach nicht drauf“, fragte Peter jetzt.

„Na, Cornelia, das musst du doch wissen?“, sagte Anna vorwurfsvoll.
Ja, Anna hatte Recht. Peter musste und konnte es wissen.
Anna konnte es im ersten Anlauf nicht wissen, dass es jemand war, den Peter und Klara kannten, und sie musste es vielleicht auch nicht mehr.

Peter verabschiedete sich von Anna, indem er ihr sagte, wie schön es wäre, dass sie am Vortag bei der Diamantenen Hochzeit dabei gewesen war, wieder eine Möglichkeit, unter Leuten zu sein.

 

IM WARTEZIMMER VON DR. SILBERFISCH
Klara plante, in der nächsten Woche nach Stralsund zu fahren. Sie wollte es ihrer Mutter nicht sagen.

Sondern: Sie wollte – gemeinsam mit ihrem Bruder Lukas – zu Dr. Silberfisch. Sie wollten ihn um Rat fragen, was sie tun könnten wegen ihrer Mutter Anna.

Dr. Silberfisch stand bei Anna hoch im Kurs.
Für Anna war es ein Höhepunkt, wenn sie zu ihm in die Praxis gehen konnte. Sie kannte sich dort aus. Früher war dort mal eine Drogerie drin. Anna hatte dort als Verkäuferin gearbeitet.

Und Anna kam immer noch ins Schwärmen, wenn Sie daran zurückdachte. Sie fing gleich im Wartezimmer an zu erzählen, was dort früher war und wie die einzelnen Räume aufgeteilt waren.

„Und da oben, da haben wir immer Mittag gemacht, Schwester.“
„Ach ja?“, sagte Schwester Erika und verdrehte die Augen verstohlen zu ihrer Kollegin.

Anna wusste nicht, dass sich die Schwestern heute Praxishelferinnen nennen. Und das störte sie auch nicht im Geringsten.

„Manchmal, da haben wir dort auch Kaffee getrunken und Kuchen gegessen“, fuhr Anna unbeirrt fort. „Ach, das war schön. Und die Kunden mochten uns“, meinte sie.

„Frau Sturm, der Doktor wartet jetzt auf Sie. Bitte gehen Sie doch durch.“
„Ja, das mach‘ ich doch glatt.“ Anna war im Arztzimmer verschwunden. „Sooo…“, sagte Schwester Erika – also die Praxishelferin Erika.

„Das hätten wir jetzt wieder.“

„Na ja, wer weiß, wie wir mal werden“, meinte ihre Kollegin.
„Meinst du?“

„Na ja“, seufzte Erika, „ich will‘ s nicht hoffen, dass wir dement werden.“
Aber wissen konnten sie es nicht, und das wussten sie auch.