KLARAS MUTTER GEHT INS HEIM

ALLTÄGLICHES-2021.09.08
Wir hatten lange damit gewartet, Klaras Mutter im ‚Betreuten Wohnen‘ anzumelden. Wir wollten, dass sie möglichst lange in ihren eigenen vier Wänden bleiben konnte, in der Wohnung, in der sie die letzten sechs Jahrzehnte verbracht hatte.

Es war still in der Wohnung von Klaras Mutter. Alle waren angespannt- denn an dem Tag war es so weit. Die Umzugsfirma würde in wenigen Augenblicken eintreffen und die Möbel heraustragen, die mit ins ‚Betreute Wohnen‘ gehen sollten.

Das dunkle Wetter passte zur Stimmung, die alle befallen hatte.
Keiner sprach es aus und doch lag allen die eine Frage auf den Lippen: Sollte es das für Klaras Mutter gewesen sein, musste sie wirklich die Wohnung aufgeben, in der sie über 60 Jahre gewohnt und gelebt hatte?

„Sie müssen etwas tun, Ihre Mutter kann nicht mehr alleine bleiben“, hatte die Pflegedienstleitung Klara unlängst auf die Situation aufmerksam gemacht.

„Wir können es nicht mehr verantworten, dass Ihre Mutter hier in der Wohnung einzig auf sich gestellt ist“, sagte die Schwester am Telefon.

Im Grunde genommen war es allen klar, dass dieser Tag nicht mehr weit entfernt war, wo Klaras Mutter eine Betreuung rund um die Uhr brauchte.

Dabei hatten alle etwas getan, damit es noch möglichst lange funktionieren würde. Klara kümmerte sich um die organisatorischen Dinge, rief jeden Abend ihre Mutter an. Lukas besuchte täglich seine Mutter, ging einkaufen, brachte den Müll runter und machte sauber.

Aber es half nicht. Klaras Mutter wollte die Wohnung nicht mehr verlassen, verwechselte die Tages- mit der Nachtzeit, wollte nur noch im Bett liegen.

„Wir können nicht anders, Mutti muss rund um die Uhr betreut werden“, sagte Klara seufzend zu mir.

Es war nicht einfach gewesen, einen guten Platz zu bekommen. Immer mehr Angehörige bewarben sich darum, ihre Mutter oder ihren Vater unterzubringen, weil sie dement waren und nicht mehr allein zuhause zurechtkamen.

Klara fuhr zu ihrer Mutter, sprach mit Heimen und Betreuungseinrichtungen.

Es war anstrengend und nervenaufreibend, doch es hatte sich gelohnt.

Ich konnte gar nicht mehr zählen, wie oft Klara in ihre Heimatstadt gefahren war, um sich um ihre Mutter zu kümmern und zugleich mit den Verantwortlichen von Pflegeeinrichtungen zu sprechen.
Aber dann hatten wir Erfolg.

„Wir können Ihnen ein Zimmer bei uns im ‚Betreuten Wohnen‘ anbieten“, sagte eine Mitarbeiterin zu Klara am Telefon, als sie gerade mal einen Tag zurück war.

Ich half Klara dabei, die schriftlichen Dinge zu erledigen – Anträge schreiben, Pflegebett ordern, mit der neuen Hausverwaltung über den Mietvertrag sprechen.

Ich habe schon so oft über die Arbeit von Pflegedienstinhabern geschrieben, hatte mit ihnen in den vergangenen Jahren unzählige Interviews geführt, wollte erfahren, was es bedeutete, an Demenz erkrankte Menschen zu betreuen und zu pflegen. Aber das eine war die Erzählung, quasi die Theorie.

Und das andere war die Realität, die unbarmherzig nach Lösungen verlangte, nach Einsatz, neben der Arbeit und den eigenen Sorgen im Alltag.

Ich hätte nie gedacht, was es für eine Kraftanstrengung bedeutete, dies alles hautnah mitzuerleben, und was es hieß, einen Menschen ins Heim zu bringen.

Fortsetzung:
Klaras Mutter geht in die Kurzzeitpflege und das Zimmer im Betreuten Wohnen muss für ihren Einzug vorbereitet werden.

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