DER WEIHNACHTSBAUM STEHT – DACHTEN WIR (5)

ENDLICH GESCHAFFT

„So, hol den Baum wieder hoch“, sagte Klara.
Ich räumte die Bohrmaschine beiseite, fasste den Stamm an und hob ihn wieder auf.

„Du musst gucken, ob der Dorn jetzt in das Loch kommt, das ich gerade gebohrt habe“, schniefte ich.

„Ich seh‘ hier nichts“, sagte Klara, die am Boden hockte und versuchte, den Baumstamm von unten auf den Dorn zu bekommen.

Plötzlich rutschte der Stamm ein wenig, so als würde er nun auf dem Dorn sitzen.

„Jetzt mach‘ ich ihn schnell fest“, sagte ich zu Klara.
„Ja, und Wasser kippe ich auch noch rein.“

Der Baum stand wieder, machte einen stabilen Eindruck.

Nun half ich Klara noch, die Lichter wieder gerade zu rücken, die Kugeln, die heil geblieben waren, erneut anzuhängen.

Geschafft.

Ich ging ein Stück zurück und betrachtete unser Werk. Ich war zufrieden. Ich fand, er sah jetzt besser aus, als am Vortag. Klar, ich hatte ja diesmal die Kugeln mitangehängt.

„Saugst du noch mal durch?“, fragte Klara mich.
„Mach‘ ich“, sagte ich, obwohl ich dazu überhaupt keine Lust hatte. Vor allem die Nadeln, die direkt unter dem Baum lagen, die waren schwer zu erreichen.

Ich setzte mich deshalb auf den Boden, während ich in einer Hand den Stiel des Staubsaugers hielt. Ausgerechnet darauf setzte ich mich mit meinem ganzen Gewicht.
Ich schrie auf und Klara eilte ins Wohnzimmer zurück.

„Ist schon wieder etwas passiert?“, fragte sie.
„Nein, ich sitze nur mit meinem Gewicht auf dem Metallrohr des Staubsaugers.“

„Und?“, fragte Klara.
„Darunter ist mein Unterarm eingeklemmt.
Klara stöhnte nur, zog die Augen hoch und verließ das Zimmer.

Ich saugte zu Ende, stellte den Staubsauger weg, wozu ich wieder Klaras schwere Handtasche wegräumen musste.
Die stand irgendwie immer im Weg.

Jetzt ging ich ins Wohnzimmer, setzte mich still auf die Couch und schaute den Weihnachtsbaum an.

„Und?“, fragte Klara.

„Der Weihnachtsbaum steht, denke ich“, erwiderte ich.
Hoffentlich dachte ich da richtig.

Na dann fröhliche Weihnachten.

DER WEIHNACHTSBAUM STEHT – DACHTEN WIR (4)

DER BAUM KIPPTE AM NÄCHSTEN MORGEN SCHEPPERND UND KRACHEND UM

Klara brachte schon die Kugeln an.
Ich fand es herrlich. Ich saß auf der Couch und dirigierte Klara.

„Da kann noch eine Kugel hin“, sagte ich.

„Du kannst dich ruhig mal erheben und mitmachen“, sagte Klara.
„Nö, ich weiß nicht wie das geht“, antwortete ich.

Schließlich war der gesamte Festschmuck angebracht, der Baum strahlte und glänzte und wir machten es uns auf der Couch bequem, um die ganze Herrlichkeit noch ein wenig zu genießen.

Wir machten den Fernseher an, schauten einen Thriller und schliefen dabei ein.

Am nächsten Morgen gingen wir ins Wohnzimmer, freuten uns am schönen Weihnachtsbaum und begannen in der Küche zu frühstücken.

Plötzlich war ein Rauschen zu hören, ein leisen Knacken und ein Geräusch, als würde Glas zersplittern.
Wir sprangen auf und schauten nach.

Der Baum war umgekippt, Glaskugeln lagen in Scherben auf dem Teppich, die Lichter waren heruntergerutscht.

„Das kann doch nicht wahr sein“, schimpfte ich.
Dann kam mir die Erleuchtung.

„Wir haben vergessen, unten ein Loch in den Stamm zu bohren, damit er auf dem Dorn im Weihnachtsbaumständer richtig aufsitzen kann“, sagte ich.

„Dann müssen wir das jetzt nachholen. Gehst du in den Keller und holst das Werkzeug? Ich werde in der Zwischenzeit wieder den Baumschmuck herunternehmen, damit nicht noch mehr kaputtgeht“, sagte Klara noch.

„Ja, in Ordnung“, sagte ich.
Ich schleppte mich die Kellertreppe hinunter. Eigentlich wollte ich mich nach dem Frühstück schön in den Sessel am Fenster setzen und die Zeitung lesen.

Daraus wurde nun nichts.
Ich kramte meinen Werkzeugkoffer hervor. Dort war alles drin, was ich im Laufe der Jahre so gebraucht hatte.

Ich wollte ihn schon längst aufgeräumt haben, schob es aber immer wieder hinaus.

Das rächte sich nun.
„Verdammt, ich finde keinen Bohrer“, sagte ich zu Klara.
„Du hast doch so viele, sagst du immer!“
Klara schaute mich vorwurfsvoll an.

„Ich weiß überhaupt nicht, wieso hier die ganzen Tüten umherliegen, zwischen all dem Werkzeug“, sagte ich.

Ich hatte keine Lust, weiter zu suchen und nahm den einzigen Handbohrer, den ich fand und strich über die Spitze. Sie war mehr rund als spitz. Ich setzte am Baum an, rutschte ab und quälte mich.

Ich versuchte mit dem Bohrer in der Mitte zu bleiben. Aber auch das gelang nicht.

„Ich hole jetzt die Bohrmaschine raus. So wird das nichts“, sagte ich und spürte, wie mein Blutdruck langsam hochschnellte.

Wieder musste ich in den Keller, Tüten beiseite räumen, kleine Kisten, Werkzeug, das lose herumlag, um schließlich an die Bohrmaschine zu gelangen.

Er war groß und dafür gedacht, dicke Mauerwände zu durchbohren. Und genauso sahen auch die Bohrer aus.

Ich nahm einen, der wohl für Stahlbeton infrage kam.
Jetzt musste ich also nur noch den Schalter vom Zeichen ‚Schlagbohrer‘ auf das Zeichen ‚normaler Bohrer‘ umstellen.

Ich versuchte, den Schalter zu drehen, und von dem Zeichen mit dem Hammer zu dem einfachen Bohrer zu gelangen. Aber der Schalter bewegte sich nicht.

Ich gab es auf. Ich musste es so versuchen. Ich setzte mit dem stumpfen Bohrer an, schaltete die Maschine ein.

Die vibrierte und stampfte sofort los. Klara hielt den Stamm fest, und ich versuchte die Bohrmaschine wenigstens einigermaßen gerade zu halten.

Es klappte. Ich bohrte verbissen und schließlich hatte ich eine kleine Öffnung in das Ende des Baumstammes getrieben.

FORTSETZUNG-MONTAG, 23.12.

DER WEIHNACHTSBAUM STEHT – DACHTEN WIR (3)

GEFLÜGELSCHERE GEHT AUCH ZUM NETZAUFSCHNEIDEN

„Wir müssen ihn nun so aufstellen, dass er gerade steht“, sagte Klara.
„Ich halte den Baum und du drehst an der Kurbel“, sagte ich.

Ich musste an die DDR-Zeit zurückdenken, und was es manchmal für eine Quälerei war, den Baum gerade hinzustellen.

Mein Vater bohrte oft noch den Baumstamm an und befestigte Zweige daran, kann ich mich gut erinnern, als ich noch ein Kind war und den Baum vorher nicht anfassen durfte.

Die Nordmanntanne stand im Weihnachtsbaumständer.
„Fest?“, fragte ich knapp.
„Fest!“, antwortete Klara.

Ich ging ein Stück zurück und tatsächlich, er stand gerade. Wir drehten ihn noch ein wenig hin-und her, und schoben ihn ein Stück nach links. Sonst wäre das ja zu einfach gewesen.

Nun konnte das Netz, das noch den Baum gefangen hielt, losgetrennt werden.

„Hol mal bitte die Schere aus der Küche“, sagte Klara zu mir.
Ich holte die Schere und begann das Netz am Baum aufzuschneiden. Besser, ich versuchte es.

Die Schere war eigentlich zum Schneiden von Geflügel da.
Sie rutschte ständig vom Band herunter. Sollte ich etwa meine scharfe Schere aus dem Arbeitszimmer holen?“, überlegte ich.

Aber dazu müsste ich ja wieder die Treppen hochsteigen.
„Gib‘ mir mal die Schere“, sagte Klara, während ich noch nachdachte.

Sie schnitt das Netz ohne Probleme durch.
Wieso ging das nicht bei mir. Naja, es war halt so. Mit manchen Dingen hatte ich mich über die Jahre abgefunden.
Jetzt kamen die Lichter dran.

Klara hatte neue Lichter besorgt. Wir brauchten nun keine Schnur mehr zwischen den einzelnen Lichtern, sondern es kam in jedes einzelne Licht eine Batterie.

Also schraubten wir die Kapseln unten auf und steckten dort jeweils eine Batterie hinein.
Über eine Fernsteuerung konnten die Lichter nun aus und an gemacht werden. Ich staunte.

„Stell dir mal vor, wir hätten das schon in der DDR-Zeit gehabt, wir wären die Weihnachtskönige gewesen“, sagte ich. Klara hatte keine Zeit für meine nostalgischen Träumereien.

FORTSETZUNG – SONNTAG, 22.12.

DER WEIHNACHTSBAUM STEHT – DACHTEN WIR (2)

DIE NORDMANNTANNE, DIE NUR 12,98 EURO KOSTETE – DACHTE ICH

WEIHNACHTSGESCHICHTE

Es verlief alles ziemlich reibungslos, als es am Mittwochabend losging. Klara hatte den Weihnachtsbaumständer bereits aus dem Keller hochgeschleppt.

Das war eigentlich meine Arbeit, aber ich saß noch am Schreibtisch und wollte einen Text zu Ende schreiben.
„Du kannst jetzt den Baum von der Terrasse hereinholen“, sagte Klara zu mir.

Ich schlüpfte in die Straßenschuhe und ging zur Terrasse herum, wo der Weihnachtsbaum schon ein paar Tage auf mich wartete. Eine Nordmanntanne.

Ich dachte daran zurück, wie ich sie gekauft hatte.
„Nur 12,98 Euro für jede Nordmanntanne“, hatte auf dem Werbebanner gestanden.
Also suchte ich mir die schönste aus und fragte nach dem Preis.

„25,95 Euro“, sagte der Verkäufer.

„Wieso, ich denke, jeder Baum kostet nur 12, 98 Euro?“, fragte ich ihn.

„Ja, aber nur bis zu einer Höhe von 1,30 cm“, antwortete der.
„Und das steht auf der Werbeanzeige?“, fragte ich.

„Schauen Sie hier“, sagte der Verkäufer und zeigte mit dem Finger nach ganz unten. Dort stand in kleinen Buchstaben ‚bis 1,30 m‘.
„Hm“, brummte ich.

„Soll ich den Baum mit einem Netz versehen“, fragte der Verkäufer noch.

„Ja, bitte“, antwortete ich und war noch ein wenig verschnupft, dass der Baum nun doch teurer war.
Aber der Verkäufer hatte eigentlich nichts falsch gemacht.

Ich hätte nur das Kleingedruckte lesen müssen, wie so oft hatte ich das aber nicht getan.

Der Verkäufer brachte mir den Baum noch zum Auto und half mir, ihn zu verstauen.
„Hier sind 30 Euro“, sagte ich.
„Den Rest können Sie behalten.“

„Oh, vielen Dank, ein schönes Weihnachtsfest für Sie“, sagte der Verkäufer und ich nickte, stieg ins Auto und fuhr davon. Der erste Schritt war getan.

Jetzt hievte ich die Tanne hinein ins Wohnzimmer.

FORTSETZUNG – SAMSTAG, 21.12.

JEEPY (44)

KRÜMEL IST KRANK UND KANN NICHT MIT AN DIE OSTSEE

Hallo Krümel,
hier ist Jeepy – zum letzten Mal vor Weihnachten.
Mein Fahrer war heute ganz traurig.

Zuerst hat er mir mächtig wehgetan, denn er ist in der Tiefgarage vom Fitness-Center an der Wand entlanggeschrammt und hat mein ‚Ohr‘ verletzt.

Ich meine natürlich meinen Seitenspiegel an der Fahrerseite. Der Spiegel ist rausgesprungen und am Lack waren Kratzer zu sehen.
Er sagt, dass er unaufmerksam war.

„Ich bin traurig, weil Krümel krank ist und nicht mit an die Ostsee fahren kann“, hat er zu mir gesagt.

Siehst du Krümel, jetzt sollst du auch noch Schuld daran sein, dass mein Fahrer nicht aufpasst, wo er hinfährt.

Aber heute Abend hat er wieder bessere Laune. Er hat Oma geholfen, den Weihnachtsbaum aufzustellen.

Du wirst Augen machen, wenn du über Silvester hier bist und zum ersten Mal den Baum siehst.

Ich muss ja wieder leider draußen bleiben, unter meinem Carport.
Aber ich freu‘ mich trotzdem, wenn ich dein Juchzen höre und du den Baum anstaunst.

Also bis bald mal Krümel. Jetzt wird ja nichts aus dem Weihnachtssingen mit dir gemeinsam bei mir im Auto.
Wir denken an dich und singen trotzdem.
Dein Jeepy.

DER WEIHNACHTSBAUM STEHT – DACHTEN WIR (1)

MITTWOCHMORGEN – DER BAUM SOLL HEUTE ABEND AUFGESTELLT WERDEN

Klara hatte am Mittwoch, 18.12., ihren letzten Arbeitstag in diesem Jahr.
„Wir stellen heute Abend noch den Weihnachtsbaum auf“, sagte sie zu mir.

„Dann können wir am nächsten Morgen in Ruhe frühstücken und den Donnerstag, gemächlich angehen.“

„Klingt gut“, antwortete ich.
Vor allem, wir konnten mal richtig ausschlafen.
Mittwochmorgen mussten wir ja noch sehr früh aufstehen.
Wie immer hatte ich den Wecker auf 3.45 Uhr gestellt.

Als ich aufwachte und hochschreckte, da schaute ich auf Klaras Uhr und es war bereits Viertel nach 4.00 Uhr.

„Verdammt, dachte ich, du hast verschlafen.“
Trunken vor Müdigkeit rückte ich die Kissen und die Bettdecke zurecht, ging ins Bad, um mich zu rasieren und die Zähne zu putzen.

Ich trug  den Rasierschaum auf und schaute noch mal auf die Uhr. Es war inzwischen ‚zwanzig nach…‘. Aber Moment Mal, die Uhr zeigte vorn die Zahl 23 an.

War es etwa erst 23.15 Uhr?
Ich griff nach meinem Handy und schaute auf den Wecker.
Tatsächlich, er war noch nicht angegangen.
Wie konnte mir das passieren?

Waren das die Anfänge von Alzheimer oder war ich einfach von den letzten Tagen erschöpft?

Auf jeden Fall rasierte ich mich noch zu Ende und putzte die Zähne, wenn ich schon mal im Bad war – ging zurück ins Schlafzimmer, schmiss die Decke und einige Kissen wieder im hohen Bogen auf den Fußboden, wummerte mich ins Bett, zog die Decke hoch und war froh, wieder einschlafen zu können.

Wenig später, so kam es mir jedenfalls vor, schnarrte, das entsetzliche Grillen-Weckgeräusch vom Handy los und ich quälte mich erneut aus dem Bett. Diesmal fiel es mir noch schwerer.

Das konnte mir Gott sei Dank am nächsten Tag Donnerstagmorgen nicht passieren, denn da wollte ich ja bekanntlich ausschlafen. Also willigte ich ein, den Baum am Mittwochabend aufzustellen. Klare Sache.

FORTSETZUNG – FREITAG, 20.12.2019

 

SCHREIB-ALLTAG (11)

TRAINING GEHÖRT ZUM SCHREIBEN

Wenn ich auf mein Lieblingsthema, das Schreiben zu sprechen komme, dann stöhnen alle auf. Manche leise, Laura hingegen hörbar: „Ach Papa, nicht schon wieder“, sagt sie dann.

„Kannst du auch mal über etwas Anderes reden?“, schiebt Klara hinterher.

„Nein, kann ich nicht“, antworte ich und bin beleidigt. Logisch.

Dabei will ich nur sagen, wie mühevoll es ist, am Schreiben dranzubleiben, sich jeden Tag wieder neu aufzuschwingen, sich etwas ‚abzuquetschen‘.

Also gehe ich nach diesen Bemerkungen in die innere Emigration, schweige und beteilige mich auch nicht an den Gesprächen der anderen am Tisch.

Und ich hätte so viel darüber mitzuteilen, über das Schreiben.

Zum Beispiel das: Wenn du dich zwingst, wenigstens einmal am Tag für zehn Minuten ein Blatt weißes Papier zu nehmen, einen Bleistift anzuspitzen und einfach drauflos zu fabulieren, dann wirst du sehen, wie es deine Gedanken in Fahrt bringt. Wichtig ist, die Tastatur beiseite zu lassen. Sie stört, ist im Weg beim schnellen Schreiben, im Moment, wo es nicht um formvollendete Sätze ankommt.

„Kann ich noch mal kurz was zum ‚automatischen Schreibtraining‘ sagen?“, frage ich.

„Nein!“, schallt es mir wieder von allen Seiten ins Ohr.

„Na dann eben nicht“, sage ich und fange an mit Krümel Quatsch zu machen. Sie hört mir wenigstens zu.

„Wollen wir singen?“, frage ich sie.

„Ja“, sagt sie und ich beginne, eine Melodie zu brummen.

Das haben die anderen nun davon. Jetzt müssen sie eben das ertragen. Und Krümel gefällt’s. Sie klatscht in die Hände, singt ein klein wenig mit und dreht sich im Kreis.

Das ist noch besser, als über das Schreiben zu reden.

 

 

 

 

ANNA IST DEMENT (51)

WIR SIND MAL ZUR STIPPVISITE DA

Anna war beim Friseur, nach vielem Hin- und Her, vielen Ausreden und Ausflüchten.

„Der Termin ist hier gestrichen, ich muss da also nicht mehr hin“, sagte sie noch am Tag, als Lucas sie abholen wollte.
Schließlich ließ sie sich doch überreden und stieg zu Lucas ins Auto, um zum Frisörladen zu fahren.

Als sie da war, fühlte sie sich wohl, weil die Friseurin es ihr sehr leicht machte, sich ‚fallen zu lassen‘.
Sogar eine andere Haartönung bekam sie.

„Ich bin jetzt anspruchsvoller geworden“, sagte Anna zu Klara am Telefon, als sie auf ihre Frisur zu sprechen kam.

Klara war für einen Moment sprachlos, dann musste sie sich zusammenreißen, um nicht laut loszulachen.
Sie tat es nicht, denn sie würde damit ihre Mutter auslachen. Das brachte sie nicht übers Herz.

„Na dann ist ja alles prima, Weihnachten kann jetzt kommen“, sagte Klara stattdessen zu ihr.

„Und übrigens, wir kommen zur Stippvisite vorbei“, fuhr Klara fort und ließ es aussehen, als würden Klara, Peter, Laura und die Kleine nur so nebenher mal vorbeikommen.

Am Telefon war es still. Keine Reaktion.
Anna fragte nicht, wann Klara kommen wollte, ob sie über Weihnachten blieben, wo sie schliefen.

Klara war traurig darüber. Doch andererseits auch froh, dass Anna sie nicht löcherte.

„Wenn die Kleine mit nach Stralsund kommt, dann lerne ich sie ja endlich mal kennen“, sagte Anna, ohne groß eine Emotion in ihren Satz zu legen.

„Mutti, du hast die Kleine schon so oft gesehen!“
Klara konnte sich das nicht verkneifen, bereute den Satz aber sofort.

„Also ich hab‘ sie noch nicht gesehen, das würde ich ja wohl wissen“, sagte Anna daraufhin trocken.

„Ja, Mutti, das würdest“, antwortete Klara.
‚Wenn du gesund wärst und dich daran erinnern könntest‘, dachte Klara bei sich, sprach diesen Halbsatz aber nicht aus.

50 KILO ABNEHMEN (20)

ES LÄUFT – NUR DER BAUCH, DER MUSS NOCH WEG

Ich habe gestern mein Trainingsprogramm straff durchgezogen. Dabei hat es mich zu Beginn enorm viel Überwindung gekostet.

Besonders wenn ich aus der Umkleidekabine zum Laufband gehe, dann muss ich an einem Spiegel vorbei. Und da sehe ich das Grauen in voller Breite. Der Bauch, den ich im Spiegel erblicke, der ärgert mich.

Wieder habe ich nicht konsequent am Wochenende auf die Diät geachtet.

Also was bleibt? Weitermachen!

Ich stellte mich auf das Laufband und begann meine Füße zu bewegen, einen Fuß vor den anderen. Und ganz allmählich kam ich in Fahrt.

Ich staune immer wieder aufs Neue, wie schnell die Zeit vergeht. Eine halbe Stunde ist schnell rum. Ich glaube, es liegt daran, dass ich viel auf den Fernseher schaue, der direkt vor mir an der Wand aufgehängt ist. Da siehst du Videos von sportlichen Leuten, meine Güte.

Ein paar Jungs springen über Mauern, überwinden Häuserschluchten, rollen federleicht ab, wenn sie unten ankommen und laufen weiter.

„Junge, Junge, bin ich froh, dass ich hier nur laufen muss“, sage ich mir dann in Gedanken und so vergeht die Zeit eben. Plötzlich taucht die Zahl dreißig auf, ich kann auf die Stopptaste drücken, einen Schluck Wasser nehmen und weitergehen – zum Rudern. Naja, da hatte ich gestern auch keine Lust zu.

Was habe ich gemacht?
Ich habe mich auf den Sitz gesetzt, die Schnallen um die Schuhe gelegt, sie festgezurrt, und angefangen zu rudern.

Und so ging es gestern von Station zu Station.
Wird es heute anders sein? Nein, es geht wieder von vorn los.

Ich merke, dass ich allmählich Muskeln bekomme. Nur der Bauch, der muss noch verschwinden.

ALLTÄGLICHES – (22)

WARUM MIR AMSTERDAM GERADE VOR DEM 3. ADVENT SO GUT GEFÄLLT

Freitagnachmittag, vor dem 3. Advent. Einkaufen. Menschenmengen, die auf die Eingänge zu den Einkaufstempeln zurollen.

Samstagvormittag, vor dem 3. Advent. Einkaufen, drängeln, Parklücke suchen, über den langsamen Autofahrer vor mir fluchen, volle Körbe im kleinen Jeep verstauen, Körbe ausladen, Getränke in den Keller schleppen.

Schon mal an Morgen denken. Vormittags den Weihnachtsbaum aus dem Netz schneiden, ihn probehalber aufstellen, Nadeln aufsaugen.
Nachmittags auf der Couch bei brennenden Kerzen wegsacken, den Schlaf der Gerechten nachholen.

Montagfrüh auf die Waage, fluchen, weil der Stollen nicht hätte gegessen werden dürfen.

Ich träume von Amsterdam. Dort soll Weihnachten nicht so intensiv gefeiert werden.
Ich sehe mich durch die ruhige Stadt schlendern, vorbei an Grachten, die am Ufer vertäut sind und an deren Bordwand leise das Wasser herabplätschert.
Eine Melodie geht mir nicht mehr aus dem Kopf: „Tulpen aus Amsterdam…“.

Und bis Weihnachten? Oh, da geht noch was im Einkauf. Na dann erst einmal einen schönen 3. Advent.

JEEPY (43)

KAFFEE ALLE

Hallo Krümel,
hier ist Jeepy. Ich habe ja wieder was über meinen Fahrer gehört, das typisch für ihn ist.

Mein Fahrer, also dein Opa, und deine Oma haben dich besucht und du hast dich gefreut, dass sie dich vom Kindergarten abgeholt haben.

Während deine Oma später den Kaffeetisch deckte, hast du mit meinem Fahrer gespielt. Ihr habt bei Euch zuhause in der Küche gesessen.

Mein Fahrer sagte, er hätte auf der linken Seite des Tisches gesessen und du hast dich durch die Stühle hindurch zur rechten Seite hindurchgedrängelt und schließlich hat dir dein Opa noch hochgeholfen.

Anschließend holte dein Opa ein kleines Ponny hervor und führte es mit der Hand über den Tisch.

Dabei hat dein Opa immer ein bisschen gewiehert und er hat gesagt, dass du dem Ponny zuwinken sollst, was du auch emsig getan hast.

An der Tischkante hat mein Fahrer das Ponny fallen lassen, jedenfalls hat er so getan und zu dir gesagt:

„Ruf mal nach dem Ponny.“
„Pooonyyy!“, hast du gerufen und schwupp war es wieder auf dem Tisch.

Schließlich habt ihr alle zusammen Kaffee getrunken.
Mein Fahrer hat mir erzählt, dass du wohl schon ein paar Mal beobachtet hast, dass er stets den letzten Schluck aus der Kanne in seine Tasse gießt.

Das macht man ja nun wirklich nicht und so ist Oma stets böse geworden und hat gesagt: „Der Kaffee ist schon wieder alle. Hast du den letzten Rest bei dir eingegossen.“

Mein Fahrer tut in solchen Momenten so, als würde er schwer hören.

Das sagen ja alle zu ihm, also kann er ja mal tatsächlich nichts gehört haben.

Aber als du deinen Opa dabei beobachtest hast, dass er erneut den Rest des Kaffee‘s aus der Kanne in die Tasse gegossen hat, da hast ihn ganz empört angeschaut und mit deinem kleinen Finger auf die Kanne gezeigt.

„Opa, Kaffee alle!“
Zuerst hat mein Fahrer so getan, als würde er es ebenfalls nicht hören, dann aber musste er laut lachen und du hast trotzdem mit deinem kleinen Finger weiter auf die leere Kanne gezeigt.

„Weißt du Jeepy“, hat mein Fahrer später zu mir gesagt, „Krümel beobachtet alles ganz genau und mir war es ehrlich gesagt sogar ein bisschen peinlich, dass sie mich ertappt hat.

Das werde ich in Zukunft lassen, mir den Rest aus der Kaffeekanne einzugießen, ohne zu fragen.“

Siehst du Krümel, jetzt hast du deinen Opa schon ein wenig miterzogen.

Gut gemacht, lieber Krümel. Mit einer vollen Kaffeetasse auf der Motorhaube grüßt dich dein Jeepy.

ALLTÄGLICHES (21)

EIN KLEINER FRISEURLADEN IN SASSNITZ GANZ GROSS

Man sagt, demenzkranke Menschen können nicht mehr so denken, wie es vor ihrer Krankheit der Fall war.
Das ist wohl so. Doch sie können eines, nämlich mit dem Herzen sehen, fühlen, einfach wahrnehmen, ob ein Mensch es gut mit ihnen meint.

Und die Friseurin Ilka in dem kleinen Sassnitzer Friseurladen meinte es gut mit ihr.

Es sind oft nicht die großen Gesten, die uns berühren. Nein, es sind vielmehr die kleinen Dinge, die nur allzu oft im Gewirr des Alltags untergehen.
Umso wichtiger, dass wir auf sie aufmerksam werden, wenn sie uns geradezu in den Schoss fallen.
Gestern war so eine Gelegenheit.

Schwiegermutter hatte einen Termin beim Friseur, in Sassnitz, und nicht gerade um die Ecke für uns. Also ist meine Frau unruhig, ob alles klappt, ihre Mutter den Termin nicht vergisst, pünktlich im Friseurladen erscheint.

Das klingt nach ‚ist doch wohl normal, was ist da schon besonderes dran?‘ Im Prinzip ist das schon richtig. Doch was ist, wenn der Mensch, dem deine Fürsorge gilt, an Demenz erkrankt ist, und du selbst kannst das alles nur aus der Ferne gedanklich begleiten?

Na klar, meine Frau weiß, dass sie sich zu hundert Prozent auf ihren Bruder verlassen kann, der sich um seine Mutter liebevoll kümmert, wenn es sein muss, Tag und Nacht.

Und trotzdem weiss sie, dass jede alltägliche Unterbrechung für demenziell erkrankte Menschen Unruhe mit sich bringt.
An nichts hängen Demenzkranke mehr, als an einem möglichst gleichmäßig verlaufenden Tagesablauf. Jeder noch so kleine Termin bringt Unruhe und Unsicherheit.

Schwiegermutter kam trotz alledem zum geplanten Zeitpunkt im Friseurladen an und wurde gleich freundlich begrüßt.
Sie fühlte sich wohl in der Zeit, in der ihre Haare gewaschen, geschnitten, gefärbt und getrocknet wurden und die Friseurin sich noch mit ihr angeregt unterhielt.

Kurzum: Ilka schnitt und färbte nicht nur die Haare, sie tat mehr, sie betreute Schwiegermutter so, dass es für sie zu einem wirklich aktivierenden und angenehmen Aufenthalt wurde.

Abends schickte die Friseurin noch ein Foto von Schwiegermutter, mit der neuen Frisur.

Wir alle wissen nicht, was aus uns mal wird, wie wir in späteren Jahren zurechtkommen und vielleicht auch auf Hilfe und Fürsorge angewiesen sind.

Deshalb sind es diese kleinen Dinge, die Menschen untereinander brauchen  – Verständnis für den jeweils Anderen, die Empathie, auf ihn individuell einzugehen.

Gerade in der Zeit vor Weihnachten wird viel geredet über Nächstenliebe, Fürsorge, Unterstützung für die Hilfsbedürftigen.

Die Friseurin Ilka hat das einfach getan, ohne groß darüber zu reden, bescheiden und fast unbemerkt von uns.

Deshalb ist der kleine Friseurladen in Sassnitz für uns ganz groß.

Danke Ilka, danke liebes Team.

Die Angehörigen aus Sassnitz, Wandlitz und Berlin.

50 KILO ABNEHMEN (19)

VON NOVEMBER BIS DEZEMBER 2,4 kg WENIGER – DA GEHT NOCH MEHR

Der Monat November ist nun auch schon wieder Geschichte.

Am Montag, den 04.11.2019 habe ich 124,1 kg gewogen.

Am Mittwoch, den 04.12.2019 war als Zielmarke 119,7 angegeben. Das habe ich nicht geschafft, nicht ganz jedenfalls.

Aber ich war bei 121,7 kg, immerhin.
Das sind gegenüber dem Monatsanfang 2,4 kg weniger.

Von Anfang Januar bis Anfang Dezember habe ich insgesamt 7,5 Kilo abgespeckt (am 09.01.2019 wog ich 129,2 kg).

Gewiss, das selbst gesteckte Ziel habe ich verpasst.

Doch ich habe endlich den Weg ‚nach unten‘ einschlagen können und diesen Pfad werde ich auch nicht mehr verlassen oder gar umkehren.

Seit dem Sommer fahre ich jeden Tag ins Fitness-Center, jeden Wochentag.

Das Glas ist halbleer, weil ich das Ziel verfehlt habe, und es ist halbvoll, weil ich weitermachen werde.

50 KILO ABNEHMEN  (18)

DIE SACHE MIT DEM POSITIVEN DENKEN

MIT DEM KOPF GEGEN DIE GLASSCHEIBE RAMMEN UND DANN SOLLST DU AUCH NOCH POSITIV DENKEN

Es läuft gerade nicht so im Training, wie ich es mir vorstelle. Irgendetwas ist in meinem Kopf, das mich daran hindert, mich voll auszupowern.

Zum Beispiel in der vergangenen Woche, da war ich für ein paar Tage nicht im Studio.

Klara war krank und so bin ich auch nicht reingefahren.
Aber dann, den ersten Tag nach der Pause, da begannen die Schwierigkeiten so richtig.

Ich kam nicht in Gang und es fiel mir schwer, alle Übungen hintereinander zu absolvieren.

Meine inneren Stimmen mischten dabei wieder mächtig mit.
„Komm‘, lass doch mal eine Trainingseinheit ausfallen“, flüsterte mir ‚Loser‘ ins Ohr.

„Soll ich wirklich?“, fragte ich ‚Loser‘.
„Ja doch, kriegt keiner mit, sei nicht so pedantisch, werd‘ mal locker“, erwiderte ‚Loser‘.

Keine schlechte Idee, die ‚Looser‘ da hatte.
Aber sollte ich wirklich von meinem Programm abweichen?
„Von wegen, das kriegt keiner mit“, brüllte mir plötzlich ‚Folterknecht‘ ins Ohr.

„Der taucht aber auch überall auf, wo man ihn nicht haben will. Der kommt mir manchmal vor, wie die böse Tante in der Familie, die du auch nicht loswirst“, dachte ich bei mir im Stillen.
So war es eben mit ‚Folterknecht‘.

Aber hatte er nicht auch ein bisschen Recht?
„Denk‘ mal an den neuen Fitness-Trainer bei Hertha BSC. Den hat Klinsmann mitgebracht. Der sorgt jetzt dafür, dass die Jungs aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen.

Sie nennen ihn ‚Quälix‘. Und dieser ‚Quälix‘ für dich bin nun mal ich, der ‚Folterknecht‘“, setzte der noch nach.

‚Folterknecht‘ lag ja nicht so falsch, denn ich konnte mir nun mal keinen teuren Personalcoach leisten.

Nein, ich musste schon auf meine inneren Stimmen hören und den Kompromiss zwischen den beiden wählen.
Also machte ich weiter.

Als ich aus dem Studio rausging, da war ich glücklich, aber fertig.
Ich schleppte mich mehr raus, als ich ging.

Der Kopf war nach unten gesenkt, und so sah ich die Glastür nicht, knallte mit dem Kopf gegen die Scheibe und stieß gleichzeitig mit dem Knie gegen die Holzfüllung in der Tür.

„Ach du Armer“, jammerte ‚Loser‘.
„Denk‘ positiv, du hast alle Geräte absolviert“, sagte daraufhin ‚Folterknecht‘.

Ich konnte gar nicht denken, denn mir brummte der Schädel und die Kniescheibe tat mir weh.

JEEPY (42)

WIR SIND BEIDE KLEIN – DU WIRST GRÖSSER UND UNSERE FREUNDSCHAFT EBENFALLS

Hallo Krümel, schon wieder ist eine Woche vergangen, seitdem ich mich das letzte Mal bei dir gemeldet habe.

‚Wieder blitz blank‘ habe ich dir geschrieben. Jetzt bin ich schon wieder schmutzig, aber im Herbst und im Winter ist das nicht anders.

Krümel, ich freue mich ja so auf die Fahrt an die Ostsee.
Natürlich haben wir alle nicht so viel Platz bei mir im Innenraum, wie das bei ‚Bobby‘ der Fall war, dem großen und schweren SUV von Mercedes. Dein Opa hat ihn geliebt.

Aber weißt du, was der jetzt zu mir sagt?
„Es ist alles ein bisschen enger geworden, aber genauso fröhlich geblieben, und wir singen auf der Fahrt unsere Lieder. Diesel fahren wir auch nicht mehr Jeepy ist eben für uns alle unser kleiner ‚Großer‘.“

Krümel, du wirst wachsen, aber ich bleib‘ klein, und unsere Freundschaft wächst trotzdem, immer.

Es grüßt dich zum ‚Nikolaus‘ der kleine Jeepy – dein großer Freund.

ANNA IST DEMENT (50)

ICH RUF DOCH NICHT MORGENS UM HALB SECHS AN (FORTSETZUNG)

Anna hat Peter morgens angerufen, halb sechs Uhr. Sie glaubt aber fest daran, dass es bereits abends ist.

„Das kann nicht sein, wir haben es nämlich halb sechs Uhr morgens“, sagte Peter.

„Wieso morgens?“, hakte Anna wieder nach. Ihr Ton klang nun noch vorwurfsvoller.

„Wieso morgens und wieso abends, das sollten wir mal denen da oben im Himmel überlassen“, sagte Peter und biss sich gleich auf die Zunge.

„Hast du denn noch eine andere Uhr?“, fragte er Anna weiter.

„Ja, hier meine Armbanduhr“, sagte Anna.

„Und wie spät ist es darauf?“

„Halb sechs.“

„Siehst du“, sagte Peter.

Anna schwieg.

„Bist du noch da?“, fragte Peter.

„Ja, aber ich versteh‘ das alles nicht“, sagte nun Anna.

„Hast du denn gar nicht geschlafen?“, fragte Peter sie.

„Wie kommst du bloß darauf, dass ich nicht geschlafen habe?“

Anna’s Stimme klang empört.

„Du hast Recht, was für eine blöde Frage“, sagte Peter.

„Ich weiß doch, dass du jeden Abend gegen zehn Uhr ins Bett gehst“, fügte er noch an.

„Dann wünsch‘ ich dir noch einen schönen Tag und denk an dein zweites Frühstück.“

Peter wollte wieder an seine Arbeit gehen.

„Ja, ich denke an das zweite Frühstück. Ich eß‘ doch da so gern einen Apfel.“

„Obst ist gesund und stärkt das Gedächtnis“, sagte Peter.

„Warum ausgerechnet das Gedächtnis?“, fragte Anna ihn.

„Ach nur so. Ich meine das ganz allgemein.“
Peter verabschiedete sich und legte auf. Gegen 10.00 Uhr rief er noch einmal bei Anna an.

„Na, weißt du noch, um welche Uhrzeit du mich heute Morgen angerufen hast?“
Am Telefon war Schweigen.

„Warum fragst du mich, ob ich noch weiß, ob du mich angerufen hast? Ich würde dich doch nie morgens um halb sechs Uhr anrufen!“
Anna’s Stimme klang gereizt.

„Ja, du hast Recht. Ich glaube, ich habe da was durcheinander gebracht“, sagte Peter nun schnell.

„So soll es ja mal losgehen“, sagte Anna daraufhin zu Peter.
„Iss bloß viel Obst“, meinte sie noch.

ANNA IST DEMENT(49)

ICH RUF‘ DOCH NICHT MORGENS UM HALB SECHS AN

Anna bringt die Tageszeiten durcheinander.

Peter saß an seinem Schreibtisch. Er hatte Klara nur zur S-Bahn gebracht und war nicht mit in die Stadt gefahren, weil es ihm nicht gut ging.

„Leg’dich doch wieder hin“, sagte Klara, als sie aus dem Auto stieg.
„Nein, das mach‘ ich auf keinen Fall“, antwortete Peter.

„Ich hab‘ genug zu tun und bin froh, wenn ich mal die frühen Morgenstunden nutzen kann“, rief er ihr hinterher, als Klara bereits den S-Bahneingang im Blick hatte.

Er fuhr zurück und ging ohne Umschweife daran, sich die Tagesplanung auf einen alten Zettel zu schreiben.

Er hatte immer noch die Angewohnheit, die bedruckten Seiten nicht in den Papierkorb zu schmeißen, sondern sie wiederzuverwenden.

Peter schrieb seine ersten Gedanken gern mit dem Bleistift aufs Papier, weil ihm dadurch keine Tastatur gedanklich im Wege stand.
‚Vom Kopf in die Hand und von da aus aufs Papier‘, dachte er so bei sich.

Nur das Abschreiben seiner eigenen Kritzeleien, das lag ihm gar nicht.

Das Telefon klingelte. Peter schaute auf die Telefonnummer. Es war Anna. Und es war kurz vor halb sechs Uhr.

‚Was will Anna um die Zeit?‘, schoss es ihm durch den Kopf.
‚War etwa irgendwas passiert?‘

Peter zögerte noch ranzugehen, weil er sich nicht ablenken lassen wollte
Als das Klingeln nicht aufhörte, tat er es schließlich doch.

„Gerber“, sagte Peter, obwohl er wusste, dass es seine Schwiegermutter war.

„Ja, guten Abend Peter, hier ist Anna.“

„Weißt du, wie spät es ist?“, erwiderte Peter, ohne auf ihren Gruß einzugehen.

„Wieso wie spät es ist?“, wiederholte Anna die Frage am Telefon.
Peter kam es vor, als würde sie ihn nachäffen.

„Schau doch bitte mal auf die Uhr und sage mir, was du da siehst“, sagte Peter und bemühte sich ruhig zu bleiben.
„Es ist hier halb acht abends“, antwortete Anna.

Fortsetzung folgt

 

 

 

ALLTÄGLICHES (20)

GUTE LAUNE AUS DER TIEFKÜHLTRUHE

Manchmal, wenn es mir nicht so gut geht, oder ich depressiv bin, dann greife ich nach einem Trick, der mich am eigenen Schopf aus dem ‚Tal der Tränen‘ wieder nach oben ans Licht hievt.

Ich rufe Bilder ab, die ich in meinem Kopf gespeichert habe. Das ist ein nichts anderes, als würde ich eine Pizza aus der Tiefkühltruhe holen und sie aufwärmen.

Ich denke zum Beispiel an einen Tag, an dem ich im Wohnzimmer im Sessel sitze, meistens am Samstag, eine dicke Zeitung in der Hand halte und dabei noch umherschaue.

Auf dem Tisch steht eine Schale mit grünen Zweigen und mittendrin eine rote Weihnachtskerze. Im Garten liegt noch der Morgentau auf dem Gras, die Vögel streiten sich im Vogelhäuschen um das Futter und die Sonne zeigt sich mit ihren ersten hellen Strahlen.

Das weckt in mir die kreative Seite, ich bekomme Lust auf den Tag und fange mit Schwung an zu arbeiten. Diese Bilder hole ich aus der Gedankentruhe, und da kann es getrost regnen oder stürmen oder beides.

Ich jedenfalls bleibe gut gelaunt.

ALLTÄGLICHES (19)

ENDLICH DEZEMBER

Der November war dunkel, nass, neblig, ungemütlich. Nicht immer, aber meistens.

Heute Morgen ist es auch dunkel, und die Straßen sind feucht
Aber es ist der zweite Tag im Dezember und wir sind damit im Monat des Weihnachtsfestes angekommen.

Ich sehe durch die Dunkelheit hindurch die Weihnachtslichter, die bereits so früh in vielen Häusern leuchten und ich fahre nicht so schwermütig über die menschenleeren Straßen.

Aus dem Ungemütlichen wird das Gemütliche, Vorweihnachtsfreude eben.

Daran ändert selbst der Montag nichts.