EINWEISUNG IN DIE BEDIENUNG DER WASCHMASCHINE

Ich habe viel gelernt. Ich weiß, welche Blumen ich gießen muss und wo sie stehen. Komisch, dass ich einige gar nicht vorher gesehen habe.

Heute ist die Einweisung in die Bedienung der Waschmaschine dran. Ich habe noch nie in eine Waschmaschine Wäsche getan und sie anschließen zum Laufen gebracht:

„Ich schwöre“, so heißt es doch heute unter den Jugendlichen, oder? Es ist jedenfalls die Wahrheit. Ich kann es ja selbst nicht glauben.

Dabei habe ich mich mit so vielen technischen Fragen beschäftigt, zum Beispiel mit den Autos. Ich bin in der ganzen Zeit meiner Ehe vom Trabbi auf einen Lada umgestiegen, ich habe die Bedienungsanleitung des Citroen studiert, den Audi in seiner Fahrweise analysiert, bin mit einem schweren BMW auf der Friedrichstrasse in einen Opel reingefahren.

Aber ich habe in der ganzen Zeit nie wirklich die Waschmaschine bedienen können.
Heute war also nun der große Tag der Einweisung. Wir gingen in die Waschküche und ich musste mit dem Finger auf die Waschmaschine zeigen, die uns gehörte.

Wir sind vier Parteien in einem Mehrfamilienhaus. Wir haben zwar einen separaten Eingang und können von unserem Keller aus direkt in die Waschküche gehen. Dort aber stehen eben noch die anderen drei Waschmaschinen.

Ich schaute sie alle der Reihe nach an und zeigte anschließend zielsicher auf unsere. Sie war sauber, die Sachen lagen ordentlich, das konnte nur unsere Maschine sein.

„Du machst die Tür auf und legst die Sachen rein“, sagte Klara zuerst.
„Du meinst das Bullauge hier?“, fragte ich fachmännisch interessiert. Klara pflegte auf diese Art von Einwänden nicht zu reagieren.

„Nun stellst du die Plastikkugel rein, gefüllt mit der Flüssigkeit für dunkle Wäsche.“
„Und der bleibt dort stehen?“, fragte ich.

„Stell‘ dich doch nicht so an“, seufzte Klara. Wir hatten uns darauf geeinigt, dass nur dunkle Wäsche gewaschen würde. Das andere sollte ich zu einem späteren Zeitpunkt erfahren, in einem Fortbildungsseminar sozusagen.

Also vor allem Unterhosen und schwarze Pullover. Die Unterhosen könnte ich ja auch nur jeden zweiten Tag wechseln, dachte ich bei mir.

„So, jetzt machst du die Klappe zu, bis es klickt. Dann stellst du den Schalter auf 40 Grad für Buntwäsche. Und schließlich musst du noch in das mittlere Fach links den Weichspüler kippen.“

Es war soweit. Ich drückte auf ‚Start‘. So muss man sich fühlen, wenn die Sojus-Rakete ins All abhebt.

KLARA FÄHRT ZUR KUR UND ICH KRIEG PANIK

„Vergiss nicht, den Zahnputzbecher zu säubern“, ruft Klara mir nach.

Sonntagmorgen.

Klara weist mich in die Haushaltsabläufe ein. Am Dienstag fährt sie zur Kur. Drei Wochen lang.

Widerwillig klemme ich mir meine Schreibunterlage unter den Arm.
„Hast du ein ‚Muttibuch‘, wo du dir alles einschreibst, was du wissen musst?“, hatte mich Klara noch vorher gefragt.

‚Muttibuch‘, wenn ich das schon höre, dann bekomme ich schlechte Laune. Ich weiß, ich würde heute bei jeder Prüfung durchfallen, was die gleichberechtigte Arbeit von Mann und Frau im Haushalt anbetrifft.

Ich lese gerade in der Berliner Zeitung eine Reihe von Artikeln über dieses Thema. Eine Journalistin schreibt darüber. Sie macht das gut und ich kann darüber sehr lachen. Ich finde es sympathisch wenn sie schreibt, wie sie nach Hause kommt, von einem langen Arbeitstag kommt, und ihr Mann ihr sofort zuruft, dass im Haus kein Brot mehr sei.

Aber da sitze ich im Sessel, habe die Beine hoch und lese das durch, ohne auch nur auf eine praktische Schlussfolgerung für mich zu kommen. Dieser Gedankengang ist verriegelt. Jetzt aber, da ist eine völlig andere Situation entstanden. Aus grauem ‚Lese- Spaß‘ wird bittere Praxis.

„Wir fangen bei den Blumen an.“ Klara holt mich gerade zurück in den Bereich der bitteren Wahrheit.
„Und, was ist mit den Blumen?“, frage ich sie, während ich mir gleich einen Stuhl zurechtrücke, um mich darauf fallen zu lassen.

„Als erstes gießt du den Roseneibisch, hier am Fenster. Und nimm viel Wasser, eine Kanne voll.“ Auch noch ein ‚Saufaus‘, denke ich, sage ich aber nicht.

„Auf dem Tisch, die Orchideen, die gießt du auch.“
„Welche Orchideen?“

„Na hier, direkt vor deiner Nase, auf dem Tisch.“
„Ach das sind Orchideen, na meinetwegen.“

Klara zeigt mir die weiteren Standorte der Blumen – neben dem Fernseher, neben dem Lesesessel, auf dem Glastisch.

„Komisch, die sind mir noch gar nicht aufgefallen“, sage ich zu Klara.
„Jetzt tu‘ mal nicht so bescheuert. Als würdest du die zum ersten Mal sehen.“ Klara ist mit ihrer Geduld am Ende.

„Ja geht in Ordnung“, sage ich und sage im Stillen zu den Blumen:
„Wenn ihr anfangt mich zu nerven, glaubt mir, ich lass‘ euch alle verdursten.“

Es antwortet keiner. Also hätten wir das schon mal geklärt.

„Vergiss bitte die Palme nicht“, sagt Klara weiter.
Die Palme, ja, die habe ich schon lange auf dem Kieker. Wenn du mal an den Fernseher näher ran musst, um den Stecker zu ziehen, dann beugst du dich runter und zack, einer von diesem Palmengedöns piekt dir ins Gesicht, wenn es schlecht läuft, dann ins Auge.

„Ist notiert“, sage ich laut.
„Und diesen Flamingo ebenfalls gießen.“
Was denn noch, denke ich.

„Wo steht der?“, frage ich stattdessen.
„Na hier, auf der Kommode.“

Das ist also ein Flamingo. Ich wusste gar nicht, dass der bei uns mit wohnt. Nun die Pflanzen im Gäste-WC, im Flur und danach sind wir fertig. Jetzt geht es nach oben, in mein Arbeitszimmer.

„Den darfst du nicht vergessen. Du behandelst ihn so stiefmütterlich“, sagt Klara und zeigt mit dem Finger auf die einzige Pflanze, die bei mir vor dem Fenster steht.

Sie ist da nicht zur Zierde. Nein, sie hat eine klare Funktion. Sie verstellt den Blick, wenn das Licht an ist und ich am Schreibtisch sitze.

Dann kann nicht gleich jeder von draußen sehen, wie ich mich am Computer abquäle. Wenn ich tagsüber die dünne Gardine vor das ebenerdige Fenster ziehe, dann bleibt sie immer an der Pflanze haken und ich ärgere mich, dass ich nachjustieren muss.

Na gut, ich schmeiß da auch ein paar Wassertropfen rauf. Im Zimmer von Laura, heute Klaras Arbeitsraum, da stehen die restlichen Pflanzen. Ich gehe in mein Arbeitszimmer zurück und gebe bei Google den Begriff ‚Roseneibisch‘ ein.

‚Hibiskus rosa- sinensis‘ kommt da zum Vorschein. Na bitte, wenigstens ein bisschen Wissenschaft ist dahinter. Das gefällt mir.
„Der Roseneibisch ist aus der übergeordneten Kategorie der Hibiskus-Pflanzen“, rufe ich zu Klara die Treppe hinunter.
„Die Hauptsache, du vergisst nicht, sie zu gießen.“

Gott sei Dank habe ich nicht zum Valentinstag Blumen gekauft.
„Das musst du nicht“, sagte sie. „Wir haben genug hier stehen.“
Sie hatte mal wieder Recht.

Fortsetzung: Einweisung in die Bedienung der Waschmaschine

DER BVG – STREIK HATTE AUCH SEIN GUTES

Freitagmorgen. Kurz vor fünf Uhr. Klara und ich sind zur Sightseeing Tour aufgebrochen, nach Berlin-Kreuzberg-Mitte.

Nicht, dass wir dazu Lust hätten oder es unser Wunsch gewesen wäre. Nein, weit gefehlt. Aber Klara wäre sonst nicht zur Arbeit gekommen.

Wie auch?

Es fuhr keine S-Bahn, keine U-Bahn, kein Bus und keine Straßenbahn. Es war Warnstreik. Ich bin ja für Solidarität. Aber dieses Gefühl schwächelte langsam in mir, wenn ich daran dachte, wie oft wir es abrufen mussten.

Denn es streiken ja in Berlin nicht nur die Verkehrsbetriebe. Mal sind es die Zugbegleiter, dann die Zugführer, die Flugbegleiter, die Angestellten in den Bürgerämtern und zum Schluss die Kita-Mitarbeiter.

Gott sei Dank sind wir gelernte Ossis und bauen aus den Steinen, die uns in den Weg gelegt werden, etwas Wunderbares, und sei es noch so früh am Morgen. Kurzum, ich habe zu Klara gesagt, ich würde sie zur Arbeit fahren und mir bei der Gelegenheit das neue Zeitungsviertel rund um den Springer-Verlag anschauen.

Wir sind pünktlich losgekommen und die Straßen waren noch leer. Wir kamen schnell durch, erreichten den Prenzlauer Berg, ließen ihn hinter uns und sahen bald das Park-Inn-Hotel am Alex.

Jetzt wurde Klara richtig munter. Sie fühlte sich in ihrem Revier, nun wo ihre Arbeitsstelle nicht mehr weit entfernt war. Sie meinte, mich nun führen zu müssen, als einen, der vom Dorf kam und den ganzen Tag in Trainingshosen am Schreibtisch saß.

„Fahr‘ mal dort rüber und dann biege rechts ab“,
„Hm“, habe ich geantwortet. Ich liebe es, wenn mich jemand einweist, in meinem eigenen Auto.

„Jetzt kannst du dich schon links einordnen. Und wenn du zurückfährst, dann mach‘ deinen Abstecher zum neuen Verlagsgebäude der Berliner Zeitung.“
Klara meinte es gut mit mir, zu gut.

„Kein Bock mehr, ich stech‘ nirgendwo mehr hin, sondern drehe gleich um in Richtung ‚Heimat'“.
Klara schwieg. Sie war verstimmt. Wir hatten das Haus von Springer erreicht und ich hielt auf der Busspur. Der Bus kam ja nicht, wie wir aus sicherer Quelle wussten. Klara stieg aus, überquerte die Straße und verschwand im Bürogebäude.

Ich hatte wieder schnell das Rathaus erreicht. Es hellte sich langsam auf. Der Tag würde schön werden. Ich hatte nun die innere Ruhe, meinen Blick schweifen zu lassen, in Richtung Fernsehturm.
Wann bekommt man schon mal die Gelegenheit, Berlin beim Aufwachen zu beobachten. Ich fuhr an eine Tankstelle heran und tankte voll.

Drinnen war kein Mensch.
„Haben Sie Kaffee?“, fragte ich die Kassiererin.
„Ja, heute habe ich extra selbst Gebrühten von Zuhause mitgebracht, wenn schon gestreikt wird. Wollen Sie?“
„Ja, gern“, sagte ich freudig und schlürfte die ersten Schlucke hinunter.

Ich hatte zu hastig angesetzt und verbrannte mir gleich die Zunge.
„Und, schmeckt‘s?“, fragte mich die Kassierin.
„Einfach wunderbar. Was muss ich zahlen?“

„Na, lassen Sie mal. Ich wünsch‘ Ihnen einen schönen Tag.“
„Wenn das so eine sympathische Mitarbeiterin am frühen Morgen zu mir sagt und mir dann noch Kaffee einschenkt, kostenlos sogar, dann ist das keine Frage. Der Tag ist gerade eben schön geworden.“
Die Kassiererin lachte fröhlich und ich stieg gut gelaunt ins Auto, um in mein Dorf zu streben, zurück an meinen Schreibtisch, in die laschen Trainingshosen.

Aber hätte ich das erlebt, wenn die BVG nicht gestreikt hätte?
Ganz sicher nicht. Alles hat sein Gutes, du musst es nur suchen.
Ich werde das heute Abend Klara sagen. Aber die wird wohl schweigen und schließlich antworten: „Du wolltest ja nicht den Abstecher ins Zeitungsviertel machen.“

„Das nächste Mal, wenn die Zugführer streiken, dann hole ich das nach, bestimmt“, werde ich antworten.

JEEPI SAGT HALLO

Teil 2
Lieber Krümel,
ich schreibe ein paar Geschichten auf, die du später mal lesen kannst. Jetzt muss du deiner Mama noch zuhören und hoffen, dass sie dir mal etwas vorliest.
Weißt du noch, worum es geht in ‚Jeepi sagt hallo‘?

Also, ich erzähle über Orli und Berlinga. Orli, das ist ein BMW. Ich fuhr ihn vor vielen Jahren. Ich bin also in der Geschichte Orlis Fahrer.

„Ein BMW kann doch nicht sprechen“, wirst du jetzt denken. Stimmt. Aber wir tun einfach mal so, als ob der 7er BMW es kann. Und dann ist da noch Berlinga, der kleine Renault. Orli hat sich ein bisschen in Berlinga verliebt, aber die will von Orli nichts wissen.

Bis zu dem Tag, wo Berlinga hinten ein Reifen platzt, sie halten muss und Orli vorbeikommt, anhält und seinen Fahrer, in dem Fall mich, um Hilfe für Berlinga bittet. Was bleibt Orlis Fahrer also übrig?
Hier die Fortsetzung

Orlis Fahrer ging zum Auto zurück und setzte sich auf den hinteren Sitz und nahm das Telefon aus der Mittelkonsole heraus. Du musst wissen, Krümel, vor fast 20 Jahren, da gab es noch nicht so schöne Handys, wie wir sie heute haben. Ich meine zum Beispiel das Smartphone von deiner Mama.

Das also, womit du versuchst immer abzuhauen, um durch die ganze Wohnung zu laufen, bis Mama dem schließlich ein Ende bereitet und du dich lautstark beschwerst. Naja, später wirst du das alles besser verstehen. Aber ich schreibe das schon jetzt mal für dich auf.
Zurück zu Orli.

Orlis Fahrer wählte eine Telefonnummer und hoffte darauf, den Abschleppdienst zu erwischen oder noch besser einen Service, der beim Reifenwechsel half.

„Der hat doch nur Angst, dass er sich schmutzig machen könnte“, dachte Orli bei sich.
„Warum machst du das eigentlich nicht selbst und hilfst dem Fahrer von Berlinga?“, fragte Orli seinen Fahrer.

Der schwieg. Er wusste, wenn er jetzt keine Hilfe heranholen konnte, dann musste er wohl selbst mit Hand anlegen. Und das, obwohl er im weißen Hemd und Schlips im Auto saß.
„Wir müssen weiterfahren, ich habe einen Termin“, sagte nun Orlis Fahrer.

„Das kommt gar nicht infrage“, antwortete Orli.
„Du machst, was ich dir sage, und wenn ich den Zündschlüssel umdrehe, dann springst du an und fährst los.“
„Warum?“, fragte Orli.
„Weil du das Auto bist, und ich bin der Fahrer!“

Orli antwortete nicht darauf.
„Dann geht eben mein Motor nicht an“, dachte Orli und schaute, was seine Freundin Berlinga machte. Die stand immer noch schief. Berlingas hinterer Reifen war ja platt.

Plötzlich sah Orli ein gelbes Auto, das sich von hinten annäherte. Sein Gesicht hellte sich auf und er rief: „Berlinga, deine Hilfe kommt gleich. Halte durch.“
Berlinga lächelte gequält, denn ihr taten die Hacken, ich meine die hinteren Reifen, weh.

 

JEEPI SAGT MAL WIEDER HALLO

Guten Morgen Krümel,

hier ist Jeepi, dein bester Freund. Naja, auf jeden Fall einer deiner besten Freunde. Ich steh‘ hier draußen, unter dem Carport, und ich friere mir die Reifen ab.

Damit ich mich aufwärme, erzähle ich dir ein bisschen von meinem großen Bruder, Orli.

Orli war ein großer Lulatsch. Seine richtige Bezeichnung war 7-er-BMW. Orli, der ist überall hingefahren, zum Beispiel nach Bad Hersfeld.

Da hat ihn sein Fahrer, dein Opa, immer in eine große Tiefgarage gestellt. Er musste manchmal stundenlang dort stehen. Und so hat er sich eine Freundin angelacht. Die hieß Berlinga und war eine Französin.

Orli hat morgens schon geschaut, wo Berlinga bleibt und dann hat er gehofft, dass sie genau neben ihm parkt.

Am Anfang hat Berlinga stets ein bisschen die Nase hochgetragen.

Sie wollte von Orli nichts wissen. Der war ihr zu lang und ihrer Meinung auch zu träge.

„Du bist viel zu langsam für mich“, sagte sie eines Tages zu ihm. Da war Orli ganz traurig. Bis er Berlinga auf der Autobahn wiedertraf.

Orli sah ganz weit vor ihnen die Heckscheibe von Berlinga.

„Jetzt erlaub‘ mir doch mal, die Reifen durchzudrehen“, sagte Orli zu seinem Fahrer. Aber der dachte gar nicht daran. Der wollte schön gemütlich fahren, leise Musik hören und vor sich hindösen.

Plötzlich blieb Berlinga auf dem rechten Seitenstreifen der Autobahn stehen. Ein Reifen war geplatzt.

Orli war ganz aufgeregt.

„Wir müssen halten und Berlinga helfen“, rief Orli zu seinem Fahrer.

Der aber reagierte nicht. Da hörte Orli einfach auf, seine Räder zu drehen.

„Orli, du wirst jetzt sofort wieder schneller laufen“, sagte der Fahrer.

„Werde ich nicht. Ich muss mal halten. Ich habe Durst. Ich brauche Wasser“, sagte Orli da störrisch.

„Also gut, wir halten auf dem nächsten Parkplatz“, sagte der Fahrer.

„Nein, ich kann nicht mehr. Bitte halte sofort.“

„Wo?“

„Na hier, wo der Renault steht.“

„Ok“, sagte der Fahrer.

Er bremste und fuhr auf die rechte Standspur.

„Eigentlich darf ich hier gar nicht halten“, sagte er noch.

Aber Orli war das egal, er hatte nur Augen für Berlinga, die hinten rechts ein wenig stief stand. Sie guckte gequält.

„Können wir helfen?“, fragte Orlis Fahrer, in der Hoffnung, dass Berlinga’s Fahrer ablehnte.

„Oh ja, Sie kommen wie gerufen“, antwortete jedoch der Fahrer von Berlinga.

„Was kann ich tun?“

„Könnten Sie den Pannendienst rufen, ich habe kein Telefon dabei.“

„Das kann ich machen“, sagte Orlis Fahrer und zwinkerte Berlinga zu.

Die lachte gequält zurück, denn ihr hinterer Fuß, äh Reifen, tat ihr weh.

„Wird schon“, sagte da Orli zu ihr. Jetzt schaute sie schon etwas freundlicher.

Fortsetzung folgt

 

 

DER TÄGLICHE ANRUF BEI ANNA

Der Anruf bei Anna ist eine Sache wie du eben jeden Tag deine anderen Aufgaben in der to-do-Liste abarbeitest. Das denke ich, doch es ist die pure Theorie. Die Wirklichkeit, die sieht anders aus, und zwar jeden Tag anders.

Gegen 10.00 Uhr schrecke ich hoch, weil ich das Erinnerungstool am iPad mal wieder aktiviert habe und mich doch über die Störung ärgere, wenn es dann tatsächlich soweit ist. Ich greife zum Telefon und stehe vom Schreibtisch auf, um ein wenig umherzugehen. Es dauert eine Weile, bis Anna den Hörer abnimmt.

„Wie ist das Wetter bei dir?“, frage ich sie zu Beginn. Ich frage das stets zuerst. Nicht das mich das wirklich interessieren würde, da bin ich ganz ehrlich. Nein, wirklich nicht. Ich könnte den Tag glatt ohne diese Information verbringen. Aber es geht ja nicht um mich. Es geht um Anna. Und die lässt sich Zeit mit der Antwort.

„Weißt du, es ist windig draußen?“, sagt sie nach einer Weile schleppend.
„Warst du denn auf dem Balkon?“, frage ich.
„Nein. Warum?“
„Nun, um den Wind zu spüren.“
„Ach, ich geh‘ doch jetzt nicht auf den Balkon!“
Anna wirkt gereizt, unausgeglichen, störrisch. Ich bleibe ruhig. Ich habe schon ein wenig gelernt. Nicht viel vielleicht, aber ein bisschen jedenfalls.


„Wir dürfen Anna ihre eigene Wesensänderung nicht zum Vorwurf machen“, sage ich zu Klara noch heute Morgen im Auto. Das ist ein toller Satz, finde ich. Den musst du doch erst mal so formulieren.

Aber ich kann mich nur selbst loben. Ein anderer wird das nicht tun. Klara auf keinen Fall. Sie antwortet gar nicht. Ich weiß auch warum. Sie denkt: „Na hoffentlich hält der sich selbst daran.“ Ja, das tue, in aller Regel.

Also frage ich Anna weiter: „Hast du denn schon ein zweites Frühstück gemacht?“

„Ne.“
„Willst du es noch machen?“
„Ja, aber nur ein kleines Brötchen. Sonst habe ich mittags keinen Hunger.“
„Ja, das verstehe ich“, sage ich sofort.
„Machst du dir denn auch was zu essen?“, fragt Anna mich.
„Nein, ich werde sonst müde. Und ich muss doch danach weiterschreiben.“


„Das kenne ich nicht.“ Na das glaube ich dir aufs Wort, denke ich. Sage es aber nicht.
„Weißt du, wenn ich etwas Warmes zu mir nehme, dann habe ich danach die Stunde der ‚toten Augen‘“, entgegne ich stattdessen.
„Stunde der ‚toten Augen‘, was ist denn das für ein Quatsch?“

Ich merke, wie langsam meine Schilddrüse anfängt zu pumpen.
Wie gerne würde ich darauf eine knackige Antwort geben, ganz in der mir eigenen Art.

Aber das darf ich nicht. Ich habe es Klara versprochen. Sie freut sich, wenn ich Anna anrufe, aber nur dann, wenn ich mich an die Spielregeln halte. Und das heißt, Anna ist dement, und wir sind diejenigen, die sich darauf einstellen müssen, nicht umgekehrt.

NORDIC WALKING IST NICHT IMMER GESUND

Montag am Vormittag. Ich habe seit 05.30 Uhr am Schreibtisch gesessen will mich nun bewegen. Ich setze mich ins Auto und fahre zum Liepnitzsee. Auf dem Parkplatz angekommen steige ich aus.

Es stürmt. Kalt ist es auch. Die Luft scheint sich geradezu in den Hals hineinzuschneiden. Trotzdem beginnt alles perfekt. Ich mache ein paar Lockerungsübungen für die Beine.

Dann kommt der unangenehme Teil. Ich zwänge die Tragetasche um meinen Bauch und puste, um Luft zu bekommen. Jetzt sind die dicken Handschuhe dran. Als ich sie übergestreift und mit dem Klettverschluss jeweils befestigt habe, kommen die Stöcke an die Reihe.

Ich legte die Schnalle um die rechte Hand und ziehe mit den Zähnen die Schlaufe durch die Plastikschnalle, um sie mit dem mit dem anderen Teil des Klettverschlusses zu verbinden.

Nun der linke Stock – eine Quälerei. Denn ich kann nicht mehr die rechte Hand zur Hilfe nehmen. Manchmal vergesse ich, dass ich schon einen Stock an der Hand befestigt habe, will sie ungeachtet dessen zur Hilfe nehmen und fuchtele so ungesteuert mit dem Stock durch die Gegend.

Läuft es schlecht, dann knallt noch einer dieser Stöcke gegen das Auto. Aber heute bin ich vorsichtig genug. Endlich bin ich abmarschbereit. Vorher aktiviere ich noch die App von Runtastic. Ich strebe in den Wald, Richtung See. Das Laub ist feucht und sieht rutschig aus.

Ich habe den Gedanken kaum zu Ende gedacht, da knicke ich mit dem rechten Fuß zur Seite. Es gibt kein Halten mehr. Das passiert mir nicht das erste Mal. Ich weiß also ziemlich genau, was nun kommt.

Mein Körper prasselt mit hoher Energie nach unten und ich kann mich nicht mit den Händen abstützen. Ich fliege mit dem Gesicht in den Dreck und schmecke Erde, schwarz und feucht. An der Lippe kleben zwei Blätter. Ich versuche sie abzuschütteln, indem ich die Zunge dazu benutzen will. Doch die Blätter bleiben an der Zungenoberfläche hängen und zerbröseln direkt auf ihr.

So muss sich eine der Dschungelprüfungen anfühlen. Ich versuche mich aufzurichten, aber die Stöcke verhindern es. Ich muss mit den Knien nach vorn rutschen und sie dabei anwinkeln. Nachdem ich nun auch noch an den Knien ein Gemisch aus Blättern, kleinen Kienäpfeln und Erde habe, stehe ich wieder.


‚Tschuldigung‘ presse ich in Richtung einer Fichte heraus. Seitdem ich weiß, dass Bäume ebenso Schmerzen empfinden wie wir Menschen tue ich das. Ein Experte des Waldes hat darüber bereits mehrere Bücher veröffentlicht und spricht dazu in Talk-Shows. Also ist da ja irgendetwas dran.

Und die Wurzeln müssen gerade heftige Schmerzen verspürt haben. Ich humple weiter. Das linke Knie schmerzt und in der Kniekehle verspüre ich ein Ziehen. Ich kehre um und schleppe mich zum Parkplatz zurück. War das nun eine Aktion für oder gegen die Gesundheit? Ganz sicher bin ich mir nicht. Ich versuche Klara zu erreichen, damit sie mir Trost spendet. Auf Arbeit geht sie nicht ran. Wenn man die Frauen schon mal braucht.

STAUBWISCHEN IM ARBEITSZIMMER

„Ich wisch‘ mal Staub bei dir?“, sagt Klara zu mir.
„Warum?“, frage ich. Ich weiß natürlich warum. Aber musste das jetzt sein? Ich hatte mich gerade gefreut, mich an den Schreibtisch zu setzen, den Füller in die Hand zu nehmen und auf einem Stück Papier eine Skizze des nächsten Pressetextes zu fertigen.

Das alles mag ich nicht sehr. Ehrlich gesagt, ich hasse es. Lieber trödele ich am Computer herum, klicke mal auf Facebook, freue mich, wenn jemand meine kleinen Geschichten bemerkt hat. Aber die andere Arbeit musste ja auch sein.

Ich meine das Schreiben der PR-Texte. Schließlich bekam ich ausschließlich dafür das Geld. Doch wie lieb hast du das, was bezahlt wird? Genauso lieb wie den Mülleimer rausbringen.

Nur Staubwischen hab‘  ich noch weniger lieb. Am besten, ich blendete das aus. Und das tat ich seit Wochen. Wenn ich morgens die Lampe anknipse, dann mach‘ ich die Augen zu, weil mir sonst der Dreck gleich entgegenspringt. Ich schließe die Augen und knipse die Lampe an.
„Warum kneifst du die Augen zusammen, wenn du die Lampe anmachst?“, fragte Klara mich, als sie mich dabei sah.

„Och, das Licht blendet so, wenn ich direkt in die Glühbirne schaue“, sagte ich.
„Dann mach‘ eine schwächere Birne rein“, sagte sie.
Nö, wollte ich nicht. Staubwischen auch nicht.
„Bei dir ist der Dreck schon meterhoch zu sehen“, reißt Klara mich aus den Gedanken.
„Wunderbar, dann kann ich darauf ja auch noch Bücher stapeln.“
Klara antwortet darauf nicht. Ihr ist das zu blöd.


„Ich wische jetzt Staub, solltest du es nicht tun“, sagt sie drohend.
Das wäre mir schon recht. Doch sie würde den Korbstuhl abrücken, der bei mir in der Ecke steht, denn der stört beim Wischen auf der ehemaligen Wohnzimmeranbauwand, die seit über zwei Jahrzehnten nun mein Bücherregal ist.

Darauf stehen viele Sache, die wir aus Moskau mitgebracht haben – ein Samowar, ein paar Holzlöffel, die bunt bemalt sind, fein mit Blattgold verzierte Vasen. Die waren alle mit einer dicken Staubschicht überzogen. Wäre günstig, wenn Klara die mitabwischt. Aber hinter dem Korbstuhl, der mal in Polchow in unserem Bungalow stand, da tut sich das Grauen auf.

Ich habe daneben ein Stehpult errichtet. Es dient dazu, dass ich dort schreibe, wenn ich vom Sitzen Rückenschmerzen bekomme. Das Stehpult ist perfekt befestigt. Ich habe überall noch um die Füße Klebeband gewickelt. Das weiß Klara.

Was sie nicht weiß: Die Klebebänder sind auch an der hinteren Wand befestigt. Jetzt ist das Stehpult ein richtiges Standpult, unverrückbar. Nur die Klebebänder, die sehen natürlich grottenhässlich aus. Deshalb habe ich den Korbsessel davor gestellt, damit die Bänder nicht zu sehen sind. Vor allem Klara darf das nicht wissen, sonst kriegt sie einen Anfall.

„Warum schiebst du eigentlich den Sessel immer so weit in die Ecke?“, hat sie mich mal gefragt.
„Du, da kann ich am besten sitzen und lesen“, habe ich geantwortet.
„Was ist jetzt, soll ich Staub wischen?“, fragt Klara nun.
„Nein, das kann ich noch selbst. Schließlich will ich dir ja auch mal helfen. Du hast genug damit zu tun, die Böden aufzuwischen“, antworte ich.
Klara schweigt. Sie traut mir nicht und geht die Treppe runter. Ich ziehe schnell den Korbstuhl nach vorn und das Grauen nimmt seinen Lauf. Wer kann nur so kulturlos sein und hat hier die hässlichen Bänder an die Wand geklebt?

Das hätte ich gefragt, wenn ich das nicht selbst gewesen wäre. Ich arbeite blitzschnell.
Als Klara von unten hoch kommt, da schiebe ich gerade den Korbstuhl zurück.

„Das ging aber zügig“, sagt Klara.
„Hm, ich muss auch wieder an den Schreibtisch“, brumme ich und sacke in den Schreibtischsessel.


„Na, der macht wohl auch nicht mehr lange, und den Korbstuhl könnten wir auch mal entsorgen“, sagt Klara.
„Um Gottes willen! Denk‘ mal daran, wieviel Erinnerungen von unserem geliebten Polchow allein an diesem Korbsessel hängen.“
Das sah Klara ein.

DER MANN MIT DEN VIER BUCHSTABEN AUF DEM RÜCKEN

„Du kannst mal wieder bei meiner Mutter anrufen?“, sagte Klara zu mir, bevor sie aus dem Auto stieg, um zum Bahnsteig zu gehen. Es war dunkel, kein Mensch zu sehen. Nur einige Meter entfernt lief der Mann mit den „Vier Buchstaben“ auf dem Rücken. Wir nennen ihn so, weil der Firmenname groß auf seinem Rücken steht.

Besser gesagt auf der Arbeitsjacke, die er trägt. Der Mann mit den „Vier Buchstaben“ geht schon jahrelang zur nahezu gleichen Uhrzeit wie wir eben auch zum Bahnsteig.

Nur, dass wir fahren und ihn schon von weitem erkennen, an seinen leuchtenden Buchstaben auf dem Rücken. Er wankt von einem Bein auf das andere. Rennen würde ihm wohl nicht in den Sinn kommen. Aber auf ihn ist Verlass. Ich kann mich kaum an einen Morgen erinnern, an dem er nicht zum Bahnsteig watschelt.

Es hat so etwas Vertrautes, was Beruhigendes. Klara mag das auch. Hier sind die Leute noch zu unterscheiden. Wenn Klara erst in die S-Bahn gestiegen ist, wo sich Hunderte auf einmal in die Waggons hineindrängen, drücken, schubsen, drängeln, mit missmutigen Gesichtern, dann ist dieses Gemütliche vorbei.

Und das hier vor Ort, das Ruhige, gibt dir ja irgendwie Sicherheit, ein Gefühl, dass du nicht in der Masse untergehst. Selbst wenn dazwischen Dinge passieren sind, über die du dich eigentlich aufregen müsstest.

Nachmittags zum Beispiel, wenn ich Klara vom Bahnhof wieder abhole, dann sehe ich den Mann mit den „Vier Buchstaben“ nicht. Dafür erkenne ich andere wieder. Da ist zum Beispiel ein Fahrer, der seinen Pick-up grundsätzlich auf den Behinderten-Parkplatz steuert. Das ist der erste Platz, der zu erreichen ist, wenn du zum Bahnsteig willst oder von dort kommst.


Ist der Zug da, quellen die Menschen aus ihm heraus und der Pick-up fährt schon mal ein Stück vor. Und sowie die Frau des Pick-up – Fahrers eingestiegen ist, drückt der aufs Gas, obwohl auf dem Parkplatz Menschen zu ihren Autos eilen, schnell nach Hause wollen.
‚Würdest du dich dem anvertrauen, falls du Hilfe brauchst?‘, frage ich mich in diesen Momenten im Stillen. ‚Naja, nur bei drohender Lebensgefahr‘, denke ich.

Und jeden Abend kommt noch ein kleiner Smart um die Ecke gesaust. Er braucht wenige Bewegungen und Drehungen, bis er in der Lücke steht. Rollt der Zug in den Bahnhof, schmeißt er den Motor an, fährt schon vom Stellplatz rückwärts in Richtung Fußgängerzone. Er ist also in der ‚Pool-Position‘. In dem Fall versperrt er sogar dem Pick-up-Fahrer den Weg. Das ist das einzig Gute, das ich darin sehe.

Und nun kommt die Freundin vom Smart-Fahrer angerannt. Vielleicht sind sie ja auch verheiratet. Jedenfalls rennt sie gleich vom Bahnsteig aus los, hastet an denen vorbei, die sich ebenfalls in Richtung Parkplatz in Bewegung gesetzt haben. Am Smart angelangt springt sie förmlich ins Auto und während sie die Tür zuschmeißt, ruckt der Smart bereits an.

Wohin müssen die nur so schnell? Springen die erstmal in die Betten, wenn sie zu Hause sind oder wartet dort der Hund, der ausgeführt werden will? Ich weiß es nicht. Und es ist ja auch nicht etwas, worüber ich länger nachdenken will.

Aber worüber ich nachdenke ist: Wem würdest du dich anvertrauen, wenn du etwas wissen wolltest, vielleicht ein Abschleppseil brauchtest?
Dem Pick-up-Fahrer? Um Gottes will. Wenn du ihn fragst würde der wahrscheinlich knurren: „Pfoten weg von meinem Auto oder ich rolle über deinen Plattfuß.“


Oder der Smart-Fahrer? Naja, da müsste ich wohl neben dem kleinen Flitzer nebenher sprinten, um meine Frage loszuwerden. Und ich glaube nicht, dass der Fahrer, nur weil ich ihn etwas fragen will, die Fensterscheibe herunterkurbeln würde.

Dann doch lieber der Mann mit den ‚Vier Buchstaben‘. Aber hat der überhaupt ein Auto? Ich glaube nicht. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen.

„Also rufst du heute an bei Anna?“, fragt Klara mich. Anna ist dement. Und sie braucht die Aufmunterung.
„Ja“, sage ich, verabschiede mich und fahre los, ins Dunkle, nach Hause, wo die Berliner Zeitung auf mich wartet.

Ich werde sie wieder ausführlich lesen, damit ich nicht so schnell an den Schreibtisch muss. Es ist schön, dass sich mein Arbeitsplatz nur eine Treppe von mir entfernt befindet.

Aber am Montag, ja da geht es wieder los. Wir fahren um 05.00 Uhr zum Bahnhof, werden nicht allzu gut gelaunt sein. Doch plötzlich kommt der Mann mit den ‚Vier Buchstaben‘ um die Ecke. Und dann ist alles im Lot. Der Alltag kann beginnen.

EIN LOCH IN DER SOCKE

Es war alles anders geplant. Klara hat heute Geburtstag und wir wollten den Tag zusammen verbringen. Klara, Laura, Krümel und ich.

Ich wollte Laura und Krümel von Hohenschönhausen abholen und sie nachmittags, nach dem Kaffee, wieder zurückbringen. Doch Krümel hatte Fieber. Also mussten wir uns was Neues einfallen lassen. Wir sind zu Krümel gefahren, zu ihr nach Hause.

Die Kleine empfing uns schon an der Fahrstuhltür. Sie quietschte, juchzte und warf die Arme in die Luft. Wir haben zusammen Kaffee getrunken und ich wollte mit Krümel gemeinsam die Kinderlieder singen. Das Buch mit den Texten hatte Klara besorgt.

Du drückst vorn auf ein Bild und dann ertönt eine Melodie. Doch Krümel hatte ihren eigenen Willen. Sie schob meine Hand beiseite und wollte selbst auf den Musikknopf drücken und so spielte sie immer wieder die gleiche Melodie. Bis wir nicht mehr zuhören konnten und Krümel Gott sei Dank das Interesse verlor, den Knopf weiter zu drücken.

Jetzt musste ein neues Erlebnis her. Ich hatte mich auf die Couch gesetzt und die Füße hochgelegt. „Das gibt’s doch nicht, du hast an meinem Geburtstag Strümpfe mit Löchern an“, sagte Klara. Das war das Signal für Krümel. Sie blickte hoch, lachte mich an und steuerte auf mich zu. In der einen Hand hatte sie ein Tuch, in der anderen ein Kabel, das sie irgendwo herausgezogen hatte.

Nun prüfte sie mit einem ihrer kleinen Finger, ob sie das Strumpfloch zum Spielen nutzen konnte. Klara zeigte ihr, wie sie das Kabel dort verstecken konnte und es dann wieder zum Vorschein kam. Das ganze Zimmer war voll von Spielzeug, voll Puppen, kleinen Holzautos, sogar eine Spielküche war vorhanden und ein kleines Dreirad. Und so mancher Holzklotz lag unterhalb der Schränke.

Zum Schluss aber muss eine löchrige Socke und ein Stück Kabel herhalten und Krümel konnte nicht genug davon bekommen, mit dem kleinen Kabel an meinen Zehen zu kitzeln. Wenn ich dann noch hinterher mit den Zehen wackelte, konnte sie sich ausschütten vor Lachen. Es kommt also stets anders.

Früher, da saßen wir an gedeckten Kaffeetafeln, erzählten, tranken. Es musste ringsherum alles stimmen. Heute freuen wir uns, wenn Krümel aus vollem Herzen lacht, und wenn sie es tut, weil sie ein Loch in der Socke entdeckt hat, mit dem sie etwas anfangen konnte. Wir fuhren glücklich nach Hause. Der Geburtstag von Klara war gerettet.

WAREN RÄUMEN IM MINIJOB

Wir waren gestern noch in einem großen Einkaufsmarkt. Nachdem ich vormittags allein im Schreibwarenladen gewesen war und meine stillen Abenteuer bestanden hatte, ging es nun in den größten Einkaufsmarkt am Ort. Ich hatte Klara vom Bahnhof abgeholt. Sie war aus der Weltstadt Berlin zurück von der Arbeit und tauchte nun mit mir in die dörfliche Idylle ein.

Und mittendrin eben dieser große Supermarkt. Ich hatte Klara versprochen, dass wir dort noch hineingehen. Ich mochte es nicht sehr, mit hineinzugehen. Doch diesmal wollte ich mit rein.
Klaras Geburtstag stand bevor und ich hatte noch kein Geschenk.
„Du musst mir nichts kaufen. Ich habe bereits Sachen für die Kur besorgt“,  wirkte sie auf mich beruhigend ein.  Aber mein Gewissen konnte sie nicht beruhigen. Es war schwer, etwas für Klara zu kaufen. Mal passten die Kleidergrößen nicht, mal nicht die Farben.

Und als ich ihr eine Uhr schenkte, da wetterte sie, dass diese keine Ziffernblätter hätte. Ich bin noch an ihrem Geburtstag zum Alex ins Kaufhaus zurückgefahren, in Pantoffeln, so wütend war ich und habe mir einen Umtauschschein geben lassen. Seitdem bin ich vorsichtig geworden. Dann bin ich auf die Idee gekommen, ihr Gutscheine zu schreiben, handschriftlich. Für einen Laptop zum Beispiel.

Naja, den hat sie nie eingelöst, obwohl ich ihn sogar zu Weihnachten erneut an sie verschenken wollte. Also sind wir jetzt so verblieben, dass ich ihr Tulpen schenke.
„Wenn du ohnehin noch in den Einkaufsmarkt willst, dann kann ich ja gleich mitreinkommen und die Blumen aussuchen“, sagte ich.
„Ja, das kannst du machen.“

Ich zog mir extra Jeans über und nicht die Turnschuhe, sondern die Lederschuhe mit den dicken Sohlen. Die trage ich im Winter und im Sommer. Sie sind so schön bequem und ich sehe größer aus. Ich war also für den supergroßen Markt inmitten unseres Dorfes gut gewappnet, kleidungsmäßig jedenfalls.

Sonst behielt ich die Trainingshose an und wartete im Auto. Das ist praktisch meine Arbeitshose. Ich saß ja auch eben mit dieser Trainingshose am Schreibtisch. Ich habe schon oft gehört, dass schreibende Menschen ein bisschen verkommen, kleidungsmäßig. Weil sie ständig in ihrer Meinung nach bequemen Sachen am Schreibtisch herumhängen, die Bleistifte anknabbern, durch die ungekämmten Haare fahren und wenn der Postbote kommt ganz ungern die Tür öffnen.


Jedenfalls stand ich nun in meinen Jeans neben Klara.
„Gib den Einkaufswagen her, du kannst damit nicht umgehen.“
„Das ist ja wohl eine Unverschämtheit“, zischte ich und griff umso fester um die Stangen des Wagens.

Wir waren bei den Blumen angekommen. Ich hätte einen Strauß gekauft. Klara nahm drei Sträuße mit – Narzissen, Tulpen und Rosen. Ich sagte nichts, denn ich war froh, dass sie ihre Blumen selbst ausgesucht hatte. Schließlich standen wir an der Kasse. Ich drängelte mich an den Leuten vorbei und wartete im Vorraum. Ich drehte mich um und sah eine große Stele mit einer Stellenanzeige drauf.

„Wir suchen Sie im Minijob für unsere Warenräumung“, stand da drauf. Ich ging zurück zu Klara und erzählte ihr was davon.
„Ja, du wolltest doch immer Sport machen, das ist was für dich, und Geld kommt auch noch rein, neben deinen Einkünften für die Texte.“
Ich schwieg und erwog, ob ich unter der angegebenen Telefonnummer melden sollte.

Plötzlich fiel mir ein Mitarbeiter auf, der genau diese Funktion auszuüben schien, um die es auf der Stellenanzeige ging. Er kniete und keuchte vor einem Regal. Seine Blicke irrten das Regal auf und ab. Dann richtete er sich ächzend auf, sein Kopf war rot. Das Blut war ihm ins Gesicht geschossen.

Dann plumpste er zurück auf die Knie und zerrte ein Gerät aus dem Pappkarton. Er drehte die Ware hin- und her, suchte wohl, wo er einscannen sollte. Plötzlich sah ich nicht ihn dort hocken, sondern mich. Mein Bauch drückte, die Knie taten mir in der eingeknickten Stellung weh. Ich hatte den Überblick verloren, wohin die Waren eingeräumt werden sollten. Plötzlich stand hinter mir der Einkaufsleiter und sagte: „Sie sind zu langsam und sie haben schon wieder die Waren falsch eingeräumt, das müssen wir Ihnen vom Lohn abziehen.“

Ich schrak aus meinem Tagtraum auf. Klara hatte bereits an der Kasse bezahlt und ich eilte schnurstracks mit dem Einkaufswagen aus der Halle heraus.
Im Auto sagte ich zu Klara: „Du, ich morgens noch Kapazitäten, um eine paar Texte zu schreiben und zu verkaufen.“
Klara schmunzelte, sagte nichts und ich war froh darüber.

AUSFLUG INS DORF – IN DEN SCHREIBWARENLADEN

Ich war heute in unserem Dorf, im Schreibwarenladen. Nicht das ich dringend etwas gebraucht hätte. Nein, das nicht. Doch es ist einfach schön, dort hineinzugehen. Das ist schon eine kleine Sucht. Ich schaue mir gern die Blöcke und Hefte an, die Stifte, die vielen kleinen Büroutensilien, die dort herumstehen und dich anzuflehen scheinen: „Nimm‘ mich mit, sonst muss ich hier verrecken, in der hintersten Ecke des Ladens.“

Ich antworte, natürlich in Gedanken: „Du, ich versteh‘ dich voll. Und ich würde dich auch mitnehmen, aber dann habe ich hinterher die Hölle auf Erden, wenn ich mit dir nach Hause gehe und du heute Abend von Klara entdeckt wirst.“

Es reichte heute Morgen schon, dass ich zu ihr am Telefon sagte, dass ich bereits zwei Stunden gearbeitet hätte und jetzt eine kleine Pause brauchte.

„Geh‘ doch Sport machen“, hat sie gesagt.
„Was willst du schon wieder im Schreibwarenladen?“
Hat sie ’schon wieder‘ gesagt?
Das letzte Mal war ich vor Monaten hier drin. Klara geht in der Woche zwei Mal, manchmal auch noch mehr in Kaufhäuser am Alex oder in Kreuzberg, oder wenigstens ins ‚KiK‘ in Wandlitz.

„Na, hast du das ‚KiK‘ – Dach eingerissen, weil die Einkaufsbeutel nicht mehr durchgepasst haben?“, frage ich sie in den Momenten scherzhaft. Sie reagiert darauf nicht.

„Schau mal. Für Krümel, ist das nicht schön?“
Ja, das sind doch ‚Totschlagargumente‘. Was soll ich schon sagen, wenn Krümel im Spiel ist als toll, klasse, wunderbar.
Krümel ist das Zauberwort, das öffnet alle Türen. Da sagt keiner von uns: „Oh, das ist jetzt aber zu viel. Das reicht nun, sonst liegt das Spielzeug nur rum.“
Nein, da wird zugeschlagen, eingepackt und sich gefreut.

Aber jetzt? Jetzt ist es anders.
„Was willst du überhaupt kaufen?“
Ich schweige beharrlich, denn alles was ich nun sage, würde sofort gegen mich verwendet werden.

„Ach nur so“, sage ich und merke, dass es die falsche Antwort war.
„Na, das glaube, wer will!“, sagt Klara prompt.
Ich sage nichts mehr und verabschiede mich am Telefon.

Zurück zur hinteren Ecke im Schreibwarenladen:
„Kann ich Ihnen helfen?“, spricht mich eine junge Frau an. Sie ist die Inhaberin, sehr engagiert und dabei nicht aufdringlich.

„Ja, können Sie. Ich suche ein Tintenfass. Blau.“
Sie schaut mich an, als wäre ich aus dem Urwald gekommen und hätte die letzten Jahrzehnte des Computerzeitalters nicht miterlebt.
„Ich schreibe ja viel mit der Tastatur vom iPad“, sage ich schnell.
„Aber wenn ich tiefer nachdenke, dann muss ich mit der Hand schreiben.“


Die junge Frau schaut mich prüfend an, von oben bis unten.
„Du siehst schon so aus. Als würdest gerade du überhaupt einen Computer bedienen können, geschweige denn ein iPad“, schien sie gerade zu denken.


Ich beließ sie in ihrem vermeintlichen Glauben. Was sollte ich ihr schon sagen? Dass ich mit zehn Fingern über die Tastatur sause ?
Ich traue mir sogar zu, an einem Schreibwettbewerb teilzunehmen, mit Aussichten auf einen der vorderen Gewinnplätze.

Sollte ich sagen, dass ich manchmal auf einer Schreibmaschine herumhacke, weil ich Spaß daran habe und mir gleich mehr einfällt, weil ich denke, dass es ja erst einmal ins „Unreine“ geschrieben ist?

„Ich brauche noch Klebestifte“, sage ich stattdessen.
„Wieviel?“
„Fünf.“
„Noch etwas?“
„Ja. Buntstifte.“
„Sind Sie Rechtshänder?“
„Ja, aber zur Not nehme ich auch einen Stift für Linkshänder“, antworte ich.
„Welche Farbe?“
„rot.“
„Noch einen?“
„Ja.“
„Welche Farbe?“
„rot.“
„Wieder rot?“
„Ja, rot!“

Endlich bin ich wieder zu Hause. Ich fülle die Tinte aus dem Fass um in einen dafür vorgesehenen Behälter auf meinem Schreibtisch.
Na klar, jetzt sind die Hände blau. Also schrubbe ich sie gründlich, bevor ich mich den Stiften zuwende. Den roten Stiften.

Sie haben alle Kerben. Nachdem ich sie angefasst habe, bemerke ich den „Rechtsdrall“.
Auf jeden Fall gehen die Kerben in diese Richtung. Es ist ein wunderbares Gefühl. Ich tauche den Füller ins Fass mit der Tinte, schreibe etwas auf das Blatt und anschließend unterstreiche ich das Geschriebene mit dem neuen roten Stift.

„Ah“, sage ich laut, so als hätte ich gerade einen teuren Rotwein verkostet. Aber wir schwelgen hier nicht im Luxus. Nein. Wir können uns noch an Farbstiften erfreuen. ‚Wir‘ stimmt nicht ganz. Klara wird wahrscheinlich wieder die Augen verdrehen.

Aber ich, ja ich freue mich, dass ich den Abstecher ins Dorf gemacht habe. Das Leben kann so schön sein. Selbst in einem Schreibwarenladen.

SIE GING OHNE ABSCHIED

Link to the english version:
https://uwemuellererzaehlt.de/2019/02/02/she-left-without-saying-goodbye/

 

Iana stieg in Donetsk in den Zug. Sie freute sich darauf, endlich wieder nach Hause zu fahren, nach Kiew, und dieses Mal für immer. Wirkliche Glücksgefühle aber kamen in ihr trotzdem nicht hoch. Im Gegenteil. Sie war traurig, sehr traurig. Der Zug ruckte langsam an und die Räder der Eisenbahnwaggons begannen sich zu drehen. Iana lehnte sich zurück, schloss die Augen. Vor ihrem Inneren liefen Bilder der letzten Jahre ab, das Für und Wider, warum sie heute überhaupt im Zug saß, um einem neuen Ziel entgegenzufahren.

Das schlechte Gewissen meldete sich immer wieder


In Donetsk ließ Iana viele Freunde zurück. Sie hatte sich sehr wohl gefühlt in dieser Stadt, mochte die Menschen. Hier hatte alles begonnen – die professionelle Ausbildung zu einer Balletttänzerin, die vielen Trainings, die ersten Aufführungen auf der Bühne, der erste tosende Applaus des Donetsker Publikums. Und da war noch eine Sache: Sie war einfach so gegangen, ohne sich von ihren größten Förderern und Unterstützern zu verabschieden – von Irina Pisareva und Vadim Pisarev. Das liegt ihr auf der Seele, bis heute. Irina Pisareva hatte Iana in ihren schwersten Stunden zu sich genommen, als sie nicht mehr wusste, ob sie jemals wieder tanzen könnte. Sie hatte Iana gepflegt, sie mit Essen versorgt, ihr Kraft gegeben, mit ihrer Liebe und Fürsorge.

 

Vadim Pisarev – väterlicher Freund, Lehrer und großartiger Tänzer


„Vadim Pisarev war damals bereits berühmt, als mein Bruder und ich an der Schule mit der Ballettausbildung begannen. Er war nicht nur ein berühmter ukrainischer Tänzer, sondern auch der künstlerische Leiter des Staatlichen Akademischen Opern- und Balletttheaters von Donetsk, bekannt weit über die Grenzen der Ukraine hinaus. Vadim Pisarev gründete weiter das internationale Festival World Ballet Stars, deren Direktor er auch wurde. Er schuf ebenso die choreografische Meisterschule. Mein Bruder und ich, wir hatten also das Glück, bei einem wahren Meister der Ballettkunst zu lernen.“

Donetsk, liebgewonnene neue Heimat und kreative Stätte zugleich

Iana fehlte es in Donetsk an nichts, sieht man ab von ihrem Heimweh zu ihrer Familie in Kiew. Sie wohnte gemeinsam mit einer Balletttänzerin in einer Wohnung. Darüber waren sie glücklich. Vadim Pisarev hatte das ermöglicht.
„Wir bekamen so mehr Freiheiten, mussten uns nicht mehr nach der Nanny richten, die uns in der Internatszeit überall hin begleitete“, erinnert sich Iana. Iana entfaltete sich kreativ, nicht nur im Rahmen ihrer Ballettausbildung und ihrer Auftritte an der Bühne in Donetsk. Sie nahm außerdem an einer Ausbildung zum Fotomodel teil.
„Da war ich gerade 17 Jahre alt. Die Schule war nahe am Theater gelegen. Wir lernten solche Fächer kennen wie Make up, Laufen oder Casting.“ Sogar eine Pariser Fotoagentur meldete sich bei ihr und machte ihr ein Angebot, dort mitzuarbeiten.
„Das war alles so aufregend. Und Vadim Pisarev hat das mitunterstützt. Er wollte einfach, dass ich mich weiterentwickeln konnte, meine kreativen Fähigkeiten ebenfalls auf anderen Gebieten ausprobierte“, sagt Iana. Sogar in der Dramaturgie durfte sie sich am Theater ausbilden lassen.
„Das hieß natürlich, wenig Freizeit, keine Party, sondern nur lernen, trainieren“, erinnert sie sich zurück.

 

Der Entschluss aus Donetsk wegzugehen reifte langsam

Donetsk zu verlassen, diese Entscheidung fällte Iana nicht über Nacht. Sie rang mit sich. Sollte sie das alles hier aufgeben? In der Stadt, in der sie so viel Liebe, Hilfe und Unterstützung erfahren hatte? Wo die besten Lehrer und Balletttrainer ihr zu dem verhalfen, was sie zum Ende ihrer Ausbildung und zu Beginn ihrer Karriere war? Nämlich eine verheißungsvolle Künstlerin, die nun ein wenig von dem, was sie bekam, zurückzugeben könnte. Ianas Gefühle schienen sich zu überschlagen, wenn sie daran dachte, was sie tun sollte.
„Ich war hin- und her gerissen, wusste nicht, was richtig war, fraß das alles in mich hinein, traute mich nicht, mit jemandem darüber offen zu sprechen“, sagt Iana.

Bruder Jaroslaw kehrt nicht mehr nach Donetsk zurück

 

Iana reiste mit ihrem Bruder in die USA, nach Boston zu einer Tournee. Jaroslaw bekam dort ein Angebot vom Direktor des Bostoner Balletts, in den USA zu bleiben und als Tänzer zu arbeiten.
„Dieses Angebot bekam ich auch. Aber ich mochte nicht. Ich wollte zurück nach Donetsk, noch mehr trainieren, mich auf der Bühne weiter ausprobieren“, sagt Iana. Jaroslaw ist nicht in Boston geblieben, sondern weitergezogen nach Miami. Das Angebot dort schien ihm besser zu sein. Doch das hatte keinen Einfluss auf Iana. Sie flog zurück nach Donetsk und war künftig dort allein. Das schürte ihr Heimweh noch mehr, ihre Sehnsucht, zur Familie nach Kiew zurückzukehren.

Der neue Verehrer – ein japanischer Tänzer aus Kiew


Das Gefühlskarussell kam bei Iana nicht zur Ruhe. In ihr Leben trat ziemlich unverhofft ein Tänzer aus Japan, der aber in Kiew lebte und dort am Ballett arbeitete. Ein Balletttänzer also wie sie, der bereits sehr erfolgreich war.
„Er sah mich bei einem seiner Besuche zu einem Auftritt in Donetsk. Er war sofort verliebt in mich, wie er mir später gestand“, sagt Iana.
„Mein neuer japanischer Freund war regelgerecht vernarrt in mich.“
Er war fasziniert von Ianas Art zu tanzen, grazil und kraftvoll zugleich, von ihrer Fähigkeit mit wenigen Bewegungen der Bühnenfigur Leben einzuhauchen, das Publikum zu berühren. Der japanische Freund kam immer öfters nach Donetsk, bedrängte Iana, mit ihm nach Kiew zu gehen und dort im Ballett angestellt zu werden. Sollte sie dem wirklich nachgeben? Sie wusste es nicht.

‚Lass uns gemeinsam in Kiew leben und arbeiten‘

Iana fühlte sich einerseits sehr geschmeichelt, wie ihr neuer japanischer Freund sie umwarb, alles tat, damit sie ihn erhörte. Und andererseits flammte der Gedanke auf, weiter unabhängig zu bleiben, den eigenen Weg zu gehen. In dieser Zeit lud ihr Freund sie ein, mit zu ihm nach Japan zu kommen, in seine Heimat und an einem internationalen Wettbewerb teilzunehmen.
Dort lernte Iana die Mutter ihres neuen Freundes kennen, die dieser sehr verehrte, wie eine Göttin.
„Das war für mich alles sehr interessant und neu, zu sehen, was es für Traditionen, Kulturen in diesem Land gab. Die Freundlichkeit, mit der ich empfangen wurde, der Respekt, der uns als Tänzern entgegengebracht wurde, das alles berührte mich sehr“, sagt Iana. Sie erhielt dort nach dem Wettbewerb einen Preis. All diese Eindrücke brachten Iana ein Stückchen näher an ihren Entschluss heran, tatsächlich nach Kiew zu gehen.

Wenn du ein Herz hast, vergisst du nicht die guten Menschen an deiner Seite


Was war nun der entscheidende Auslöser dafür, nach Kiew zurückzugehen?
„Ich kann darauf bis heute keine hinreichend nachvollziehbare Antwort geben. Es ist ja so: Erst wenn du losgelassen hast, dann spürst du wirklich den Schmerz, wie dir das Herz wehtut, weil du liebe Menschen und Freunde zurücklässt, die sicher auch enttäuscht von dir sind. Ich habe nie meine Gefühle groß nach außen gezeigt. Entweder habe ich sie mit meinem Tanzen ausgedrückt, oder ich habe sie nach innen verarbeitet, so manches Mal auch in mich hineingefressen“, sagt Iana. Sie wollte sich auf neuen Bühnen ausprobieren, weiterlernen, sich weiterentwickeln. Die Aussicht, mit ihrem Freund in Kiew zu sein, ihre Familie wieder um sich zu haben, das waren entscheidende Impulse für ihren Entschluss zur Rückkehr nach Kiew.

Rückblick

„Der Zug wird in wenigen Minuten in Kiew eintreffen“, ertönte die Stimme aus dem Lautsprecher. Iana machte die Augen auf. Gleich würde sie ihre Familie wiedersehen.
„Papa, kannst du nicht noch einmal nach Donetsk fahren und Vadim Pisarev erklären, warum ich ihm nicht persönlich auf Wiedersehen sagen konnte?“
Iana blickte ihren Vater Anatoli flehend an, als die ersten Wiedersehenstränen getrocknet waren. Anatoli wollte seiner Tochter diese Bitte nicht abschlagen, fuhr nach Donetsk und erklärte Vadim Pisarev, warum Iana nun wieder in Kiew war. Er versuchte es, wirkte dabei ein wenig hilflos und traf trotzdem auf viel Verständnis bei seinem Gesprächspartner. Iana hat das alles nie in Ruhe gelassen. Sie sagt deshalb zum Schluss unseres Gespräches:
„Ich bin heute mehr denn je davon überzeugt, dass ich meine tänzerische Ausbildung an einer der besten Ballettschulen in der Welt bekommen habe. Danke dafür, lieber Vadim Pisarev, danke Irina Pisareva – für eure Liebe und eure Tatkraft. Ihr seid für immer in meinem Herzen!“

EIN NEUES BUCH MIT ALTEN KINDERLIEDERN

Guten Morgen Krümel,
während du dich wahrscheinlich noch im Bett herumdrehst und hoffentlich schöne Träume hast, habe ich heute mit etwas ganz Besonderem begonnen. Nämlich, ein neues Liederbuch für Kinder anzuschauen. Oma brachte gestern so ein Buch mit. So etwas habe ich noch nicht gesehen. Auf dem Deckel ist ein Bär abgebildet. Er läuft, lacht und singt. Woran ich das erkenne?

Nun, daneben sind kleine Noten abgebildet. Das ist aber nur die eine Hälfte des Buchdeckels. Auf der anderen Seite gibt es einen Notenschlüssel. Und wenn du dort auf die einzelnen Bilder drückst, dann ertönt ein Lied. Im Buch selbst sind dann einzelne Liedtexte abgebildet.

Zum Beispiel: Kommt ein Vogel geflogen. Jetzt muss ich nur noch herausbekommen, welcher Text zu welcher Melodie passt. Damit bin ich heute Morgen beschäftigt. Obwohl ich eigentlich längst hätte einen Text über einen Pflegedienst schreiben müssen.

Oma sagt: „Jetzt kannst du mal deine Lieder vergessen.“
„Welche?“, habe ich gefragt.
„Na, ‚…auf der Reeperbahn… zum Beispiel“, sagte sie.
Aber mit den neuen Liedern ist es so, wie mit den neuen Spielzeugen. Wir bekamen früher zwar nicht so viele neue Sachen zum Spielen. Indianer schon. Und wir freuten uns, wenn wir diese Indianer hatten, und wir sie in den Kampf schicken konnten. Doch nach einer gewissen Zeit, da holten wir die alten Wäscheklammern hervor und der Indianer lag in der Ecke.


Was ich damit sagen will?

Also, wir werden bestimmt mit dem Buch so einiges anstellen, schöne Kinderlieder singen oder besser, ich brumme und du rufst dann ,na, na‘, oder so ähnlich. So richtig kann ich es ja noch nicht verstehen, was du ausdrücken willst.

Pure Lebenslust ist es allemal. Aber schließlich wirst du wieder das alte Staubtuch hervorholen und es über das Buch decken und danach eine deiner vielen Puppen damit einrollen oder das Feuerwehrauto einwickeln.

Auf jeden Fall wird dich das Tuch erneut in seinen Bann ziehen. Das Liederbuch ist auch noch da, liegt aber zwischen der kleinen Küche, deinem Roller und den Puppen. Und das ist der Zeitpunkt, wo ich dann zu „Auf der Reeperbahn…“ kann. Ich wünsch‘ dir einen schönen Tag. Einen wirklich schönen Tag, an dem du lachst und durch die Wohnung rennst, um etwas Neues zu entdecken oder die Videos von Mama aus dem Regal schmeißt.

She left without saying goodbye

Iana got on the train to Donetsk. She was happy to finally go back home to Kiev and this time, forever. But her feelings were divided. In fact, a certain sadness came upon her.

The engine of the train started running and the wheels slowly began to turn. Iana laid back in her seat and closed her eyes and as she did this, images started appearing in her mind about the year that had just past. She knew that she was heading towards a new goal in her future.

A guilty feeling would constantly reappear

Iana had left many friends behind. She had a feeling of comfort in the city and really liked the people in Donetsk.

Everything she loved began in this city; her professional education towards becoming a ballerina, her first performances and the first admiration from the audience. But what she regretted the most was not saying goodbye to the ones who supported her and helped to make her dreams come true.

Two special people: Irina Pisareva and Vadim Pisarev. Even today, this thought is heavy on her soul. Irina was there for her when she struggled the most. In particular when Iana didn’t know if she could continue to follow her dream to dance.

Irina gave her food, shelter, nurtured her and gave her the strength through love and compassion which was vital for her to continue.

Vadim Pisarev was a father like figure, teacher and incredible dancer

Vadim was a famous ballet dancer at the time that Iana and her brother started their education. He also held the highly renowned position as Artistic Director of the state Academy of Opera and Ballet in Donetsk, known far beyond the borders of Ukraine.

He then continued creating the international „World Ballet Stars“ festival of which he also became director and he created the Master School of Choreography. Iana and her brother knew how fortunate they were to be under the wings of a true master of the art of ballet.

Donetsk, my new city and my beloved new home

There was nothing Iana would miss in Donetsk, apart from her family in Kiev. She would share an apartment with another balletdancer. Vadim Pisarev was able to acquire this apartment for them, which madeIana very happy because now she would be able to enjoy more freedom.

There wasn’t a nanny anymore who would follow her around everywhere and tell her offfor certain things she would do. That’s how she remembered her time in the dormitory.

This was the time Iana would grow creatively, not only in her ballet education or during her performances on stage in Donetsk but inother areas of life as well.

She also attended a modelling school to become a photography Model. The school was very near to the theatre. The classes provided knowledge on things like how to use the right make up and how to applyit.

She was taught how to walk on a catwalk and everything one would need to know about casting. Once she even received an offer to work with a Parisian modelling agency.

It all seemed so exciting and Vadim Pisarev supported her all the way. He thought it was important for Iana to grow as an artist and to learn about other ways to be creatively active. He even encouraged her to take part in the drama classes at the theatre.

Of course with so many new things to learn, Iana wouldn’t have much time for other things like partying or hanging out withfriends; only very intense work.

To leave Donetsk was not an easy decision but Iana knew it was time to move on in order for her to grow and experience different aspects of her dream. The decision didn’t come over night.

„Should I stayor should I not stay?“

„Should I really leave the city that gave me so much love and support? The ballet teachers who set me on the path to my dream career? “

These questions were constantly running through her mind. She tried to tell herself that this would be her way of giving back for all the good things she had been given but her thoughts were pulling her in different directions and she didn’t know what to do. She didn’t feel comfortable enough to talk to anyone about it so she kept it to herself which would eventually start eating her up inside.

Her brother, Jaroslaw, decided for himself that he would never go back to Donetsk.  Iana decided to follow him to Boston, America to take part in a tour. From there, Jaroslaw received a contract from the balletdirector of Boston to work in his company as a ballet dancer. Iana received the same offer but she had a different idea about what she wanted to do next. Her idea was to go back to Donetsk to train more and improve herself. This was the placewhere she could experiment with her artistry on stage. 

Boston wasn’t the end destination for Ianas‘ brotherJaroslaw. He later went on to dance with Miami Ballet. Miami seemed to be abetter place for him to dance. This decision didn’t seem to have any influence on Iana however, so she flew back to Donetsk and would be there on her own this time, without her brother. This made her miss her family back home in Kiev evenmore. She felt alone and was in need of her parents and all she wanted now was to go back home.

Later, a new love interest emerged for Iana

 He was a Japanese dancer from Kiev. He was already very successful in his career. Iana experienced quite strong feelings for him. He told Iana that he was watching one of her performances in Donetsk and that from that moment on, he was alreadyin love with her.


My new Japanese boyfriend seemed a little obsessed with me

He was fascinated by Iana’s dancing. He felt that it was powerful yet effort less and elegant. She had the ability to emotionally transform the audience with her roles. He would come more frequently to Donetsk to see her. At one point he started to insist for her to move to Kiev with him and become a Ballerina in the Kiev company. Was that what she should do? She didn’t know.

Let’s live and work together in Kiev

Iana was deeply flattered by the attention she got from him. He would have done anything for her. She enjoyed this attention but she also had the desire to be independent and follow her own path.
Iana’s boyfriend asked her if she would go with him to Japan, his home country, in order to participate in an international ballet competition. After a long flight, they arrived in Japan where Iana was introduced to his mother. His mother was incredibly important to him.

He worshiped her like a Goddess. Iana found the Japanese culture and traditions to be very interesting and everyone was so kind to her. It brought her great joy to see the respect they had for the ballet dancers.

Iana was also overjoyed to receive a special prize at the competition. Her experiences in Japan were a big part of her decision to move back to Kiev.

She had a good heart and she never forgot the people by her side

That was the tipping point for her to move back to Kiev. The moment Iana let go, she felt the pain. It hurt deep within her heart because she had left behind good people; good friends. Iana had never been the type of person who would show her inner feelings to others. She either expressed them through dancing or kept them buried inside herself. She had kept all of these emotions hidden because it was important to her to develop her skills, expand her horizons and strive to become the best ballerina she could. The thought of her being with her boyfriend in Kiev and being with her parents again were important factors in her decision to move back to Kiev.

Flashback

„We will shortly be arriving in Kiev.“  Said a voice from the speaker on the train. Iana opened her eyes. Finally, very soon she would see her family again.

„Daddy, could you drive back to Donetsk one more time and explain to Vadim Pisarev why I had to leave without saying goodbye or telling him why?“

Iana begged her father, Anatoli, after her tears upon arrival had dried. Anatoli couldn’t deny the request of his daughter. He drove back to Donetsk and explained to Vadim why Iana had returned to Kiev. He tried his best but he felt a little lost for words. However, Vadim was very understanding. He only wanted the best for Iana.

Iana mentioned at the end of our conversation: „Today, I’m more sure than ever that I had the best dance education in the best school in the world. Therefore I want to thank you from the bottom of my heart, Vadim Pisarev and Irina Pisareva, for your love and support throughout all these years. You will always have a place in my heart.“



‚JEEPI‘ – WIE ALLES BEGANN

Freitag.
Lieber Krümel, während ich hier an dich einen Brief schreibe, da tobst du noch im Kindergarten herum. Vielleicht schläfst du ja auch noch. Es ist gerade Mittag. Oder bist du schon wach? Bald holt deine Mama dich ab, und du wirst juchzen vor Glück, wenn du sie siehst.

Weißt du noch, als ich dich abgeholt habe? Wie wir mit dem falschen Kinderwagen losgefahren sind und ich deine Hose und deine Schuhe mit denen vom Nachbarkind verwechselt habe?

Aber du hast in der Situation gemächlich an deinem Kuchen herumgekaut und ich musste vor lauter Verzweiflung die kleinen Stücke, die du gleichmäßig auf den Boden gestreut hast aufheben und schnell in meine Hosentasche stopfen.

Manchmal finde ich ein paar Krümel davon noch heute. Aber das macht nichts. Ich denke dann sofort an dich und wie du mich umarmt hast, in dem Moment, wo ich dich auf die Wickelkommode gehievt habe, um dir deine Hose besser anzuziehen.

Jetzt ist mir wieder etwas eingefallen, was ich längst tun wollte. Nämlich kleinere Geschichten zu erzählen, die wir mit „Jeepi“ erlebt haben und noch erleben werden. ‚Jeepi‘ ist unser kleiner Geländewagen, der hier draußen unter dem Carport steht und friert. Den Namen hat er von deiner Mama bekommen.

Weißt du früher, da habe ich immer für deine Mama, Laura, kleinere Geschichten über unsere Autos geschrieben. Die hatten ja alle Namen. Nur der Trabbi nicht. Wir dachten damals, das müsste nicht sein, denn wir würden ohnehin bis ans Lebensende nur diesen einen Wagen fahren.

Dafür habe ich ihn von innen mit schöner Latexfarbe gestrichen, also nur den Kofferraum. Denn am nächsten Tag fuhren wir in den Urlaub nach Thüringen. Da sollte alles frisch renoviert sein. Ich kann mich noch erinnern, wie Oma aufschrie und dann schrill kreischte. „Das kann doch nicht wahr sein!“ Doch, war es aber.

Gut, die Farbe war nicht ganz trocken geworden und so blieb etwas davon an den Koffern kleben, als sie diese im Kofferraum unterbringen wollte.

Oma sah mich an, als wollte sie mich auf der Stelle umbringen. Aber du siehst, ich lebe noch und kann dir davon erzählen.

Später kam dann ‚Flippi‘, der Lada, den wir aus Moskau mitbrachten. Danach war ‚Orli‘ an der Reihe, der lange BMW. Davon berichte ich dir später noch. Da war in der Mitte ein Telefon eingebaut. Und ich habe mich hinten rechts hingesetzt, um wie ein Generaldirektor zu fahren und währenddessen zu telefonieren. Das klappte aber nur, wenn ich auf dem Parkplatz stand. Ich hatte ja keinen Chauffeur.

Schließlich war ‚Bobby‘ dran. Mit dem sind wir 15 Jahre gefahren. Das war ein großer Geländewagen, sehr gemütlich und robust. Damit bin ich sogar noch nach Buch gefahren, um dich nach deiner Geburt zu begrüßen. Doch zuvor, in der Nacht, da sind wir über die menschenleeren Straßen gesaust – deine Mama, Oma und ich.

Du warst noch im Bauch deiner Mama. Am nächsten Morgen hörten wir die ersten Schreie von dir und nachmittags haben wir dich dann in der großen Wiege gesehen. Das Bett war eigentlich nur ein kleines ‚Bettchen‘. Aber du warst noch kleiner. Das hat Bobby alles miterlebt. Er stand immer in deiner Nähe, auf dem Parkplatz in Buch.

Jetzt fährt er wahrscheinlich in Afrika umher, auf unbefestigten Straßen und verflucht mich. Wenigstens wird ihn keiner mehr anpöbeln, wie im Prenzlauer Berg. Da bekam er verachtende Blicke, weil er ein Diesel ist und die Menschen, nur vereinzelt, natürlich, die dort leben, ihn deshalb beschimpften. Na ja besser gesagt mich. Aber ich habe meine Ohren zugeklappt.

Und nun also ‚Jeepi‘. Wieder ein Geländewagen. Ein Benziner. Nur kleiner eben. Damit sind wir schon gemeinsam bis zur Ostsee in den Urlaub gefahren. Das weißt du nicht mehr. Du hast meist geschlafen, während ich über die Autobahn gedüst bin. Irgendwie muss ich deine Mama noch davon überzeugen, dass sie mir mal ein schönes Bild von ‚Jeepi‘ macht. Naja, das kriegen wir schon alles hin.

Später, wenn du größer bist und lesen kannst, dann liest du die Geschichten hoffentlich. Und vorher lese ich sie dir eben vor, oder Mama macht das.

Wenn es gut läuft, dann machst du vielleicht die Sirenen von deinem Feuerwehrauto an, und außerdem das Heulen dazu, von der Dampflokomotive – unserem Weihnachtsgeschenk für dich.

Glaub‘ mir, in dem Moment ist es wirklich egal, was wir sagen. Es hört ja doch keiner mehr etwas.

Geträumt oder erlebt?

Ich schreibe auf, was im Haus meiner Großmutter geschah, als ich acht oder neun war. Aber ist es tatsächlich passiert? Ich weiß es nicht. Mit Gewissheit jedenfalls nicht.

Schwerin, Glasinenstrasse. Das Haus, in dem meine Großmutter wohnte, war aus rotem Backstein. Es war schmal und hatte zwei Stockwerke. Im oberen Stockwerk waren das Bad, das Schlafzimmer und ein kleines Nähzimmer.

An jenem Tag im Sommer waren wir mal wieder bei Oma zu Besuch. Meine Schwester, mein Bruder und ich hielten uns im Wohnzimmer auf. Wir spielten gern auf Omas Plüschsofa. Das konnten wir an dem Tag nicht tun. Nur wenn wir allein da waren, ohne Mama und Vati, dann hüpften wir nach Herzenslust darauf herum. Wir machten nur eine Pause, wenn Oma uns in die Küche holte und wir ein Stück Streuselkuchen bekamen.

Auf dem Hof waren Teppichstangen angebracht. Um dieseStangen sausten wir auch gern. Wenn ich mir eine Beule holte, weil ich mal wieder gegen eine der Stangen gelaufen war, lief ich schreiend zurück ins Haus. Oma Martha hielt mir dann ein Messer an die Stirn und schickte mich wieder nach draußen. Das war unsere kleine, heile Welt. Wir kannten nichts Anderes. Wirwollten gar nichts weiter kennen. Uns reichte einfach der Hof mit den beidenTeppichstangen und das alte Plüschsofa, wo wir ungestört toben konnten.

An dem Tag, an den ich mich zu erinnern glaube, kam meine Oma aus Kiel zurück. Sie hatte ihren Bruder besucht. Der handelte mit Schokolade. Er war Großhändler. Und so freuten wir Kinder uns riesig, wenn Oma in der Küche stand und eine der mitgebrachten Tafeln umständlich aus der Tasche kramte. Endlich war es soweit. Sie entfernte das Papier, Silberpapier kam zum Vorschein und die einzelnen Riegel waren zu sehen. Es roch herrlich nach Schokolade. Wir konnten es kaum erwarten, bis Oma Martha für jeden ein Stück abbrach und uns rüberreichte. Vati stand hinter uns, an die Küchentür gelehnt. Er schaute grimmig drein. Er mochte die Schokolade nicht. Jedenfalls sagte er das. Wir glaubten ihm nicht. Es war uns auch egal, wenn wir nur die Schokolade in die Hände bekamen.

„Möchtest du auch ein Stück?“, fragte Oma Vati.
„Gib‘ schon her“, brummte der und biss hinein. Er verzog das Gesicht, als hätte man ihm gerade Gift eingeflößt.
„Dein Bruder ist ein verdammter Kapitalist“, sagte er, während er wieder ein großes Stück von seinem Teil abbrach und in den Mund schob. Uns machte das nichts aus, das mit dem Kapitalisten. Wenn man dadurch doch an so eine Schokolade kam, die roch, als wäre sie nur gemacht, damit Oma uns eine Freude bereiten konnte. Ich wollte auch Kapitalist werden, das war sonnenklar.
Vati sagte ich aber nichts davon. Als ich acht Jahre alt war, am Tag, als Oma zurück war aus Kiel, da war ihr Bruder, der Kapitalist also, oder wie Oma sagte „min Broder“ unser allerbester Freund.

Davon wollten wir uns von keinem abbringen lassen. Selbst Vati hatte da keine Chance. Wir kannten unseren Großonkel zwar nicht persönlich, doch musste der ein gutes Herz haben. Das war klar. Sowieso war er ja Oma‘s Bruder. Und er verschenkte Schokolade.

„Dürfen wir wieder in das Wohnzimmer gehen?“, fragten wir Oma.
„Ja, geht nur. Und tobt nicht so“, sagte sie, während sie jedem von uns noch schnell einen Riegel unter den misstrauischen Blicken von Vati in die Hände drückte. Wir saßen im Wohnzimmer, auf dem Sofa und kauten und lutschten auf der Schokolade herum. Es war einer der wenigen Momente, wo wir still und friedlich nebeneinander saßen. Mama und Vati unterhielten sich lautstark auf dem Flur mit Oma Martha.

Plötzlich hörten wir klatschende Geräusche. Wir sahen uns mit schreckgeweiteten Augen an. Wir kannten dieses dumpfe Klatschen, nämlich wenn Vati einen von uns Kindern schlug.
Hatte es jetzt auch Oma Martha erwischt? Keiner sagte etwas. Wir hielten die Schokolade in den Händen, so als würde sie gar nicht zu uns gehören. Wir waren wie gelähmt. Dann löste ich mich aus dem Schock und schlich zur Tür. Die Dielen knarrten und ich versuchte nur noch auf den Zehenspitzen zu laufen. Vorsichtig drückte ich die Klinke nach unten und öffnete die Tür, nur einen Spalt breit. Oma wimmerte.

Vati brüllte: „Willst du uns im Stich lassen, wenn wir mit den Kindern nach Dresden ziehen?“ Mein Herz raste, pochte bis zum Hals. Die Knie zitterten und ich traute mich nicht, mich zu bewegen, nicht mal einen Zentimeter, obwohl ich kaum noch in der verkrampften Haltung stehen konnte. Oma Martha war von kleinem Wuchs. Ihr Rücken schien sich von Jahr zu Jahr mehr zu krümmen und in dem schrecklichen Moment sah sie noch kleiner aus. Sie hielt ihre Hände schützend vor das Gesicht. Man konnte trotzdem ihre Tränen sehen und sie schluchzen hören. In mir krampfte sich alles zusammen. Sollte Vati doch uns schlagen. Aber nicht Oma. Bloß nicht Oma. Sie war für uns das wichtigste Stück Glückseligkeit, das wir hatten.

Wie es weiterging an dem Tag, das weiß ich nicht mehr.

Auf jeden Fall verstanden wir Kinder Oma, dass sie nicht mitziehen wollte. Sie hatte sich jahrelang um uns gekümmert. Sie kam frühmorgens in unsere Wohnung, heizte den Ofen an, machte das Frühstück, weckteuns. Sie kochte Mittagessen, nähte und stopfte unsere Kleider, wischte den Flur. Erst spät abends, wenn wir eingeschlafen waren, oder so taten, als würden wir schlafen, ging sie zurück in ihr Haus. Wir konnten unsein Leben ohne Oma gar nicht vorstellen.

Für Vati und Mama war sie ebenfalls unersetzlich. Schmiss sie doch den gesamten Haushalt, anstelle von Mama. Die ging in dieser Zeit in Schwerin arbeiten. Vati studierte in Berlin, promovierte sofort im Anschluss daran. Doch nun war der Zeitpunkt heran, dass Vati fertig war mit alledem. Das bedauerten wir sehr. Es war vorbei mit dem schönen Leben, wo wir toben konnten, ohne dass Vati eingriff. Vati wollte jetzt mit uns nach Dresden gehen und dort als Hochschullehrer arbeiten.

Wir aber sträubten uns dagegen, wollten lieber in Schwerin bleiben, bei Oma. Vati bekniete sie schon wochenlang, damit sie mitziehen würde und sich weiter um uns Kinder kümmern konnte. Sie hätte ein eigenes Zimmer bekommen. Klein zwar, doch das war es nicht, was sie davon abhielt, mit uns mitzuziehen.

Oma wäre gern bei uns Kindern geblieben. Liebend gern. Aber sie fürchtete, dass Vati sie noch mehr drangsalieren würde, als er es in Schwerin schon getan hatte, körperlich und seelisch. Wir waren klein, doch wir verstanden das schon sehr gut, wir fühlten es noch mehr, ohne Worte eben.

Wir alle hatten Angst vor Vati, vor seinen Wutausbrüchen und seinen brutalen Schlägen, von denen keiner verschont blieb. Darum wollten wir Oma lieber in Schwerin besuchen, als dass sie in Dresden an dieser Situation kaputtgehen würde. Wir sprachen nicht mit ihr darüber. Wir lagen nur abends traurig in unseren Betten, als der Tag des Abschieds von ihr immer näher rückte.

Wir zogen nach Dresden um, ohne Oma. Ich sprach viele Jahre mit niemandem darüber, was ich erlebt hatte. Selbst mit meiner Frau, Klara, nicht. Und das, obwohl sie alles von mir wusste, das meiste jedenfalls.

Später begann ich Klara doch davon zu erzählen. Und immer hatte ich ein schlechtes Gewissen. So, als hätte ich mir das alles nur ausgedacht. Allerdings: Die Erinnerungen sind eingebrannt. Ich kann sie nicht löschen. Trotzdem will ich sie nicht wahrhaben, behandle sie, als wären sie eine Fata Morgana. Ich überliste mich selbst, erfinde Gründe, warum sich das alles vielleicht nur in meinem Kopf abgespielt hat.

„Uwe träumt gern, hat viel Phantasie, verwechelt manchmal Erdachtes mit dem wahren Leben“ , schrieb mein Klassenlehrer nach Abschluss der dritten Klasse in mein Zeugnis. Trafen diese Worte auch auf meine geschilderten Erlebnisse in Omas Haus zu? Nur was machte ich mit den Bildern von Oma, die sich in mein Gehirn, in meine Seele eingebrannt hatten?

Sie waren wie ein schlechtes Tattoo, das man nie haben wollte, aber trotzdem bekam und wusste, dass man es nie wieder loswerden würde. Und deshalb tut es manchmal gut, wenn man sich einfach sagen kann, dass es ja schon so lange her sei und man vielleicht Erlebtes und Erdachtes gar nicht mehr auseinanderhalten könne.