Anna ist dement (12)

Bei Dr. Silberfisch

Klara ist nach Stralsund gefahren. Ihr hat es keine Ruhe gelassen damit, wie sie weiter mit Anna umgehen soll. Sie hat einen Termin bei Dr. Silberfisch, gemeinsam mit ihrem Bruder Lukas.
„Ich habe es auch schon bemerkt, dass Ihre Mutter nicht immer mehr auf der gedanklichen Höhe ist.“
Ja, da hatte er recht. Klara fährt fort: „Herr Doktor, Sie müssen vielleicht ein paar Dinge wissen, die für uns eindeutige Zeichen einer beginnenden Demenz sind.“
„Was meinen Sie genau?“, hakt Dr. Silberfisch nach.
„Da war die Sache mit der Bank. Meine Mutter ist dort über Jahrzehnte Kundin. Eigentlich schon zu Zeiten der DDR. Nur dass die Bank damals anders hieß und eine andere war.“
Dr. Silberfisch schaut sie schweigend an. Man merkt ihm an, dass er sich auf das konzentriert, was nun kommt.
„Also um es kurz zu machen – meine Mutter hatte sich nach einer Beratung damit einverstanden erklärt, dass ihr gesamtes Erspartes in verschiedenen Fonds angelegt wird; insgesamt mehrere Tausend Euro.“
„Wirklich?“ „Ja, wirklich.“
„Können Sie sich vorstellen, wie geschockt wir waren?“
„Ja, durchaus.“ „Aber wie haben das denn die Berater angestellt?“
„Herr Doktor“, Klara blickt den Arzt fest an, „können Sie sich vorstellen, wie sich ein älterer Mensch fühlt, dem eine Mitarbeiterin mit Entschlossenheit einen Fonds verkauft, und sie zudem versichert, dass es das Beste für meine Mutter sei, was sie mit Geld anstellen könnte?“
„Ja, schon. Ich kann mir das vorstellen. Aber da gibt es doch eine ethische Komponente.“
„Sehen Sie Herr Doktor, da sind wir ganz einer Meinung. Aber meiner Mutter haben sie gesagt, dass es für eine große und auch ziemlich sichere Sache sei, wenn sie das Geld in verschiedene Aktien – und Immobilienfonds geben.“
„Was hat denn Ihre Mutter geantwortet?“
Sie meinte: „Na gut, dann machen Sie das.“
Und während die Mitarbeiterin die Anträge ausfüllte, da hat meine Mutter ihr erzählt, dass ihr Vater früher in der gleichen Bank gearbeitet hätte, und  sie wüsste, was für eine schwere Arbeit die Mitarbeiterin jetzt  beim Ausfüllen der Anträge leisten müsste.“
Dr. Silberfisch sagte nichts. Er war sprachlos.

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