Schlagwort-Archive: MAL SCHNELL ERZÄHLT

GARTENARBEIT – DA FLIEGE ICH DOCH LIEBER ZUM MOND (2)

MAL SCHNELL ERZÄHLT

ALLTÄGLICHES (44 – FOLGE 2)

Im Garten arbeiten – unter engmaschiger Beobachtung von Klara und dem Nachbarn

Es war Samstagmorgen, die Sonne schien und Klara war voller Elan.
„Ich dachte, du fängst hier an zu graben.“

Klara dachte also für mich mit. Sie dachte gar nicht daran, mich allein denken zu lassen, wo ich ansetzen wollte mit dem Spaten. Nein. das kam für sie gar nicht infrage.

„Ich dachte das nicht!“, sagte ich.
„Ich fange hier an.“ Entschlossen nahm ich den Spaten und ging zu der Stelle, wo ich dachte, dass ich anfangen würde. Ich hätte natürlich auch dort beginnen können, wo Klara es mir gezeigt hatte.

Aber warum musste sie mir laufend zeigen, wo es lang ging? Noch dazu, wo auf der anderen Gartenseite in dem Moment ein fröhliches „Guten Morgen“ erscholl. Ich drehte mich um und schaute direkt in das Gesicht unseres Nachbarn, Herrn Kursikowski.

Na klar, der durfte ja nicht fehlen, wenn Klara und ich einmal im Garten etwas tun wollten. Herr Kursikowski hakte den Rasen ab, kleinteilig. Nicht, dass er das mit Schwung tat.

Nein, nein. Er strich mit seiner Harke ganz zart über den Rasen, immer wieder über die gleiche Stelle. Denn dort, wo er stand, konnte er alles bestens bei uns überblicken.

„Na, geht’s wieder los?“, fragte er einschmeichelnd.
„Ja, geht los“, brummte ich.

Ich war mit Absicht kurz angebunden. Hatte er mich erst einmal am Wickel, ja dann konnten wir unsere Arbeit am Vormittag vergessen. Also fing ich sofort an zu graben.

Jetzt begann ich doch dort, wo Karsta dachte. Ich wollte mit ihr keinen Disput vor Kursikowski anfangen. Klara war mal wieder der ‚Koch‘ und ich war der ‚trottlige Kellner‘, der nicht mal wusste, wo er anfangen könnte zu graben.

Der Baumstumpf der bereits im vergangenen Jahr gefällten Tanne sollte heute endgültig verschwinden. Erst einmal legten wir die Wurzeln frei. Jedenfalls versuchten wir das. Ich kam sofort ins Schwitzen und zog meinen Pullover aus.

Dabei lugte ich aus den Augenwinkeln zu Kursikowski rüber. Der hielt sich jetzt an der Harke fest und schaute uns ungeniert zu.

„Hat der denn nichts zu tun?“, murmelte ich leise.
„Ja, hat er. Der beobachtet dich, wie du dich anstellst.“
„Lass uns mal die Kettensäge fertigmachen, damit wir nachher gleich anfangen können, die Wurzeln abzusägen“, erwiderte ich und ließ den Spaten fallen.

Ich ging zur Terrasse. Auf dem Tisch lag die nagelneue Säge. Das Sägeblatt musste noch montiert werden.
„Du musst dir die Anleitung durchlesen, bevor du anfängst“, sagte Klara.

Die Anleitung durchlesen. Auch das noch. Ich hasste das. Meist verstand ich nicht, was dort geschrieben war. Lustlos nahm ich das Heft in die Hand und blätterte darin herum.

Schwert und Kette könnten ohne Werkzeuge montiert werden, versprach der Text. Ich entschloss mich, das ganze nun systematisch anzugehen. Ich sollte die Kettensäge auf eine stabile Unterlage legen.

Sie lag auf unserem Gartentisch, den wir erst im vergangenen Jahr erworben hatten. Es fehlte nur eine Zeitung oder ein Stück Pappe, damit keine Kratze auf die Tischplatte kamen. Ich schaute mich um. Nichts zu sehen.

„Kannst du mal eine Zeitung besorgen?“, rief ich Klara zu und beobachtete aus den Augenwinkeln Kursikowski. Der schaute unglücklich, denn ich verdeckte mit meinem Rücken den Blick auf unsere Geheimwaffe.

 

 

 

 

 

GARTENARBEIT – DA FLIEGE ICH DOCH LIEBER ZUM MOND (1)

MAL SCHNELL ERZÄHLT

ALLTÄGLICHES – (44) – FOLGE 1

Es ist April im Jahr 2020. Die Corona-Krise macht uns zu schaffen. Klara ist krankgeschrieben, ich arbeite ja ohnehin seit vielen Jahren im Homeoffice.

Aber Klara will die Zeit nutzen, um den Garten auf Vordermann zu bringen. Die Ärztin hat ihr empfohlen, sich viel an der frischen Luft zu bewegen und dabei nicht in Kontakt mit anderen Menschen zu kommen.

Nur ich, ich kann ihr nicht ausweichen. Will ich auch nicht, bis auf die Momente, wo ich im Garten so richtig mitanfassen soll. 

Die meiste Zeit kann ich mich hinter meiner Arbeit verstecken, doch im Frühjahr, da ist Klara unerbittlich.

Ich denke zurück, wie es im vergangenen Jahr war, ohne Corona. Irgendwie auch nicht anders.

 April 2019. Es sollte schön werden am Wochenende, vor einem Jahr. Das versprach zumindest der Wetterfritze vom Fernsehen.
„Wollen wir denn am Samstag den Holzstumpf ausgraben, der noch von der Tanne übriggeblieben ist?“, fragte Klara mich. Es war Donnerstagabend.

„Dann muss ich ja schon am Freitag saugen“, sagte ich zu ihr. Mich überlief es siedend heiß, wenn ich daran dachte, dass ich zwei Tage hintereinander körperlich arbeiten sollte. Das war ich nicht gewöhnt. Am Schreibtisch sitzen, bis der Rücken schmerzt, ja das konnte ich, aber unentwegt bücken? Ne, danke.

Vor dem Garten kam noch das Staubsaugen

Ich fügte mich in das Unvermeidliche und entschloss mich, am Freitag zu saugen. Vorher arbeitete ich morgens noch konzentriert an einem Auftrag, von sechs Uhr früh an. Es war inzwischen 09.00 Uhr geworden.

Ich schweifte immer wieder gedanklich ab und dachte daran, dass ich ja noch saugen müsste. Also machte ich den Computer aus und zog mich in meine Sportsachen um.

Das tat ich, weil ich dann das Gefühl bekam, ich würde etwas für die Gesundheit tun. Jetzt hatte ich die Putzaktion im Haus noch vor mir und meine Laune trübte sich ein, wenn ich mir klarmachte, dass damit erst alles begann.

Am Samstag würde es ja weitergehen, dann mit Gartenarbeit.

GARTEN AUF RÜGEN UND IN ZUHAUSE – ARBEITSPOTENZIAL OHNE ENDE

Wie hatten wir das nur alles früher geschafft, als wir noch das Gartengrundstück und den Bungalow in Polchow hatten?

Irgendwie kriegten wir das alles hin. Als ich Ende 89 und Anfang der 1990er an meiner Doktorarbeit schrieb, da fuhren wir nach Rügen hoch, obwohl ich dachte, über mir bricht alles zusammen.

Aber Polchow zog – es war eben unser Stück Heimat, das wir uns bewahren wollten.

Und damals gab es noch nicht einmal die neue Brücke über den Strelasund, und die A20 war auch noch nicht gebaut.

Am Montag, nach der Fahrt über die Dörfer und durch die kleinen Städte, Greifswald, Anklam, Pasewalk, Woldegk, Prenzlau und dann über die alte holprige Prenzlauer Autobahn, ja da war ich schlagkaputt und schlief am Schreibtisch ein.

Irgendwann, Jahre später, wuchs uns das alles über den Kopf und wir gaben den Garten auf der Insel auf, schweren Herzens.

Was brachten mir diese Gedanken jetzt? Überhaupt nichts. Ich wollte mit dem Saugen anfangen und raffte mich dazu auf.

Am schlimmsten war es für mich, erst einmal alles wegzuräumen, die Stühle hochzustellen, die Teppiche auszuklopfen. Ich tüftelte an einem System, in welcher Reihenfolge ich was tat.

Klara verdrehte nur die Augen und sagte danach zu mir:
„Du sollst nur saugen!“.
Das traf mich.

„Du schätzt das nicht, was ich tue“, sagte ich dann.
„Weißt du, mich hast du früher nie gelobt, wenn du nach Hause gekommen bist und alles sauber war.

Im Höchstfall hast du zu mir gesagt, dass da noch ein Fussel auf dem Teppich sei“, entgegnete nun Klara.

Das stimmte, ja da hatte sie recht. Und ich begriff erst jetzt, was das alles für eine Arbeit machte.

DER COUNTDOWN BEGANN

Endlich war alles hochgestellt. Ich saugte durch, erst im unteren und danach im oberen Stockwerk.

Als ich fertig war, kam mir der Gedanke, gleich durchzuwischen. Das machte Klara eigentlich am Samstagmorgen, während ich bereits wieder am Schreibtisch saß und mich freute, dass ich fertig war mit meinem Teil.

Ich wollte Klara mit meinem Extraservice überraschen.

Ich holte also den Behälter aus der Nische, in dem ich den Lappen zum Aufwischen vermutete. Es polterte und mir flogen kleinere Flaschen entgegen. Ich fluchte laut.

Konnte Klara hier nicht mal Ordnung halten? Nein, konnte sie nicht. Und ich hatte es aufgegeben, das anzumahnen.

Dann kam stets der gleiche Satz: „Ich finde alles und du suchst in deinem System vergeblich deine Sachen.“
Das stimmte irgendwie.

Aber nur, weil ich das System stets verfeinerte, dabei die Ablage änderte und vergaß, die alten abgelegten Zettel in das neue System einzuordnen.

Was machte Klara? Sie hob einen Stapel mit Akten, Papier und Heften hoch, ungeordnet, nicht auf Kante gelegt. Und dann zog sie mit spitzen Fingern den richtigen Zettel aus dem Stapel. Ich fand das ungerecht.

Zurück zum Putzen: Ich musste mich jetzt konzentrieren. Wo waren die Spülmittel, die Klara in den Behälter tat?

Egal, ich nahm von jeder Flasche, die ich fand, ein bisschen und mischte es ins Wasser hinein. Es konnte losgehen.

Ich wischte die Fliesen im Kellervorraum, ging dann die Treppe hoch und machte in der Küche weiter. Manche Flecken ließen sich nicht gleich wegwischen.

Ich musste mich also bücken und rubbeln. Ich bereute es, dass ich damit überhaupt begonnen hatte. Schließlich war ich fertig und haute mich in einen Sessel.

Eigentlich müsste ich am Text weiterarbeiten. Aber ich fühlte mich, als hätte mich jemand verprügelt.

An dem Tag habe ich nur noch vor dem Fernseher gesessen. Am Samstag, ja da konnte ich mich wieder bewegen, im Garten mit Spaten und Kettensäge.

SCHREIBEN IN ZEITEN VON CORONA

SCHREIB-ALLTAG

Das Schreiben in der kontaktarmen Zeit von Corona
kann ich auch als Chance begreifen.

Die Bilder im Fernsehen über das Fortschreiten der Pandemie jagen mir einen Schauer über den Rücken.

Ich weiß, dass es kaum ein Entrinnen gibt, auch für mich nicht. Und trotzdem, ich hoffe, dass ich wenigstens glimpflich davonkomme. Das wünsche ich meiner Frau, meiner Tochter, meiner Enkelin, im Grunde genommen allen Menschen. Einfach, dass es irgendwie an uns vorüberzieht.

Aber wird es so sein? Mein Bauchgefühl sagt mir das Gegenteil.
Was soll ich tun? Nur am Schreibtisch sitzen und darüber philosophieren?

Nein. Ich ordne mein Leben neu, gedanklich jedenfalls.
Ich will weiterschreiben. Es gehört einfach zu mir dazu.
Gestern Abend, da lag ich auf der Couch und ließ mich von einem mittelklassigen Thriller berieseln.

„Eigentlich brauchtest du doch nur noch ein wenig Sport machen, lesen und das Schreiben ganz wegfallen lassen. Dafür gehst du eben arbeiten, aufwischen zum Beispiel und das reicht dann.“

Ich finde den Gedanken gut. Und ein paar Stunden hält sich diese Stimmung auch. Aber dann schlägt sie wieder um.
Was will ich wirklich? Was macht mein Leben aus?

Es ist genau das, worüber ich sehr oft fluche, nämlich das Schreiben.
Wie kann ich das attraktiver gestalten, was gibt es für Chancen, trotz der Corona-Krise, oder gerade wegen ihr?

BELLETRISTISCHES SCHREIBEN IM FOKUS

Ich werde mich auf das belletristische Schreiben konzentrieren. Etwas Anderes kann ich jetzt ohnehin nicht tun.
Also schreibe ich, Blogbeiträge, Texte für E-Books.
Ich merke immer stärker, dass ich noch nicht fokussiert genug an die Sache herangehe.

Bisher habe ich überlegt, wie ich dem Leser gefallen kann.
Die großen Marketingexperten sagen dir das.
„Interessiere dich für deine Zielgruppe, schreibe darüber, was sie interessiert.“

Das habe ich nun lange genug gemacht. Obwohl ich auf Keywords bei der Recherche geachtet und mir Themen gesucht habe, die leserfreundlich sind, hat das alles nichts genützt.

Jetzt in dieser aktuellen Zeit werde ich mich neu aufstellen.
Zum einen mache ich mich nicht mehr abhängig davon, ob ich ein E-Book verkauft bekomme oder nicht.

Und: Ich schreibe ausschließlich kleine Geschichten, die aus dem Alltag sind, so wie ich es schon längst wollte.

Wie ich das nun wirklich mal intensiver voranbringe, darüber denke ich im nächsten Beitrag nach.

 

SCHREIB-ALLTAG

Mehr lesen:

https://uwemuellererzaehlt.de/schreiballtag/

DER FILM „1917“

MAL SCHNELL ERZÄHLT

Samstag im Kino im CineMotion in Berlin Hohenschönhausen.
Vor den Kassen haben sich riesige Schlangen gebildet. Das habe ich noch nie erlebt. Das gab es nur zu Ostzeiten, wenn Bananen oder Apfelsinen verkauft wurden.

Vielleicht hängt es aber auch mit der Berlinale zusammen, dass mehr Leute ins Kino gehen.

Wir wollen den Film ‚1917′ ansehen. Er ist Oscarprämiert und erzählt die spannende Geschichte zweier Soldaten im ersten Weltkrieg, und das künstlerisch in sogenannte ‚Echtzeit‘ gepackt.

Ich genieße es, im Vorraum des Kinos zu sitzen und mir die Leute anzuschauen, die vorübergehen, manche mit Bechern, die randvoll mit Popcorn gefüllt sind.

Ich schaue mir die Plakate an der Wand an und stelle fest, dass es noch den Film ‚Lassie‘ in Neuauflage gibt. Darum also die vielen Kinder, die im Foyer des Kinos aufgeregt umherschnattern.
Jetzt entdecke ich auch noch das Plakat zu ‚Ruf der Wildnis‘ mit Harrison Ford in der Hauptrolle.

Deshalb also die Ansammlung vor den Kassen. Und ich dachte anfangs, dass es wegen unseres Films ist, in den wir hineingehen.
Wir sitzen im Kinosaal, der Film beginnt.

Man sieht ein Schlachtfeld im ersten Weltkrieg, Gräben, in denen Soldaten hocken, schlafen, vor sich hindämmern.
Ich stelle mir vor, was diese Menschen aushalten mussten und konzentriere mich auf das, was passiert.

Es ist unheimlich und faszinierend zugleich, dem Eindruck zu erliegen, man sei direkt am Ort und in der Zeit des Geschehens. Ich werde trotzdem froh sein, wenn ich danach wieder nach Hause fahren und in meinem Bett schlafen kann, und ich vorher vielleicht noch ein Stück von dem Juror einer Castingshow sehe, der gerade sagt: „Du kannst ja überhaupt nicht singen, Mensch.“

‚Wir jammern den ganzen Tag, wie schlecht wir es haben‘, geht mir noch durch den Kopf, und wir können das aber nur, weil es uns richtig gut geht.
Dann nimmt mich der Film vollends gefangen.

DAS DRAMA UM DEN KAUF EINER LEUCHTSTOFFRÖHRE

MAL SCHNELL ERZÄHLT
TEASER:
Peter verhielt sich beim Einkauf im Baumarkt ungeschickt und wurde von Klara barsch vor den Leuten gerüffelt.

Es begann bereits dunkel zu werden, als der Regionalzug aus Berlin am Bahnsteig einlief. Er hielt kaum, da drängten die Menschen aus den Türen heraus und hasteten im Eiltempo in Richtung Parkplatz, dorthin, wo Peter bereits mit seinem Auto stand und auf Klara wartete.

Peter schaute fasziniert zu, wie sich die Leute verhielten.
Ein Mann fiel Peter an diesem Tag besonders auf. Er nannte ihn den Mann mit den vier Buchstaben, weil er stets die gleiche Jacke trug, und weil auf der Rückseite vier Buchstaben prangten, der Name seiner Firma, in die er jeden Tag fuhr.

Morgens, da sahen Klara und Peter ihn schon von weitem, weil die Buchstaben auf dem Rücken im Dunkeln weiß leuchteten. Der Mann ging nicht, er wankte von einem Bein auf das andere, langsam, so als müsse er sich dahinschleppen.

Abends hingegen, da hatte er einen recht flotten Schritt angenommen und beeilte sich, nach Hause zu kommen. Und das beobachtete Peter bei den meisten Menschen, die er früh sah und abends wieder. Es waren die gleichen Menschen, aber mit einem unterschiedlichen Schritttempo, je nach Tageszeit.

Klara war inzwischen an seinem Auto angekommen. Sie öffnete die Tür, stieg ein und fragte gleich:
„Wollen wir noch in den Baumarkt?“
„Können wir machen“, brummte Peter ziemlich lustlos.

Aber was sollte er tun, denn in der Küche war eine Leuchtstoffröhre kaputt. Sie flackerte zwar noch, doch es machte ihn wahnsinnig, wenn er morgens dort stand und die Kaffeemaschine anstellte.
Klara hatte Peter diese Aufgabe übertragen, weil er seine Wasserflasche für das Fitness-Studio fertigmachte.

„Da kannst du doch gleich den Kaffee aufsetzen“, schlug Klara vor.
Peter übernahm immer mehr Aufgaben im Haus, obwohl er das gar nicht wollte. Aber er war nun mal derjenige, der seinen Schreibtisch zuhause stehen hatte.

„Irgendwann kommt sie noch und sagt, dass ich die Waschmaschine anstellen soll“, dachte Peter. Aber er schob diesen Gedanken gleich beiseite.

Jetzt ging es also erst einmal in den Baumarkt in Richtung Bernau.
Als sie auf den Markt zusteuerten und einen Stellplatz suchten, verlor Klara die Geduld: „Immer schön in die entlegenste Ecke fahren, die am weitesten weg ist vom Baumarkt“, motzte sie.

Peter antwortete nicht. Was verstand Klara schon davon. Er fuhr zwar einen kleinen Jeep, aber er war noch so eingestellt, als müsste er den großen Mercedes-Geländewagen in eine Parklücke steuern.
Schließlich hielt er an, sie stiegen aus dem Jeep aus und gingen zum Eingang des Marktes.

„Schau mal hier“, sagte Peter und öffnete seine Jacke.
Darunter kamen Hosenträger zum Vorschein, die an einer Trainingshose befestigt waren. Er kam sich vor, wie Krause, der Schauspieler, der stets die Hosenträger offen über dem Hemd trug.

„Mach bloß wieder die Jacke zu“, sagte Klara und schaute sich um, ob auch niemand zu ihnen hinsah.

Peter war das egal. Im Gegenteil, er fand es klasse, dass er vom Schreibtisch aufstehen konnte, in die Schuhe schlüpfte, deren Schnürsenkel er auch nur noch selten aufmachte, die Jacke überschmiss, den Autoschlüssel schnappte und schon abfahrbereit war.

Schließlich wollte er ja nicht ins Theater. Aber Klara sah es lieber, dass er wenigstens seine Jeans anzog.
Doch Peter blieb da eisern und trug seine Trainingshosen.
Peter ging auf die Kasse im Eingangsbereich zu, wo oben drüber das Schild ‚Information‘ aufgehängt war.

„Sagen Sie, können Sie mir kurz erklären, wo wir hier diese Leuchtstoffröhren finden“, fragte er die Kassiererin, die ihn unfreundlich musterte und besonders auf seine Wollmütze schaute, die er tief über den Kopf bis fast ins Gesicht gezogen hatte.

Vielleicht dachte sie ja, dass Peter die Mütze im nächsten Augenblick ganz über das Gesicht zog und nach dem Kleingeld in der Kasse fragte.

„Gang 22“, sagte sie kurz angebunden.
„Oh, wunderbar, vielen Dank“, flötete Peter fröhlich und zeigte Klara mit dem Arm den Weg.

„Gang 22, da ist er“, sagte er und schritt die Regale ab.
Aber Peter sah nicht, wo die Lampen waren.
Da war Klara besser.
„Hier, schau mal, da sind sie!“.

Klara hatte schon eine Leuchtstoffröhre in der Hand.
„900 mm, 30 Watt, das passt“, sagte sie und drückte sie Peter in die Hand.

Der nahm sie und wandte sich in Richtung Kasse.
„Sollen wir die alte entsorgen?“, fragte die Kassiererin?
„Oh, das ist aber nett“, meinte Peter und gab ihr die alte Leuchte in die Hand.

Klara war noch beim Bezahlen, während Peter übermütig die verpackte Leuchtstoffröhre hin- und herschwenkte.
Plötzlich gab es einen lauten Knall. Peter schaute sich um, weil er nicht mitbekam, woher der Lärm kam.

Doch dann sah er auf dem Fußboden die neue Röhre liegen, zerschellt in winzige Teile.
Peter schaute verdattert, die Augen der Kassiererin richteten sich auf ihn, die von Klara auch und einige Kunden schauten ebenfalls neugierig herüber.

Offenbar hatte sich eine Seite der Verpackung gelöst und die Leuchtstoffröhre war herausgerutscht.
„Was hast du denn nun schon wieder gemacht?“, fragte Klara ihren Mann, so als wäre der ein kleines Kind, das wieder etwas ganz Schlimmes angerichtet hatte.

Ihr Blick sagte: „Oh, es tut mir leid, das ist zwar mein Mann, aber er ist in Wirklichkeit ein großer Trottel.“
Peter war es peinlich, dass er nun diesen Lärm verursacht hatte, doch noch mehr ärgerte ihn, dass Klara ihn nun erst recht wie einen ungeschickten, zu nichts zu gebrauchenden, lediglich mitgekommenen Ehepartner aussehen ließ.

„Gehen Sie schnell zum Regal und holen sich eine neue Röhre, wir kümmern uns hier“, sagte eine Angestellte versöhnlich.
Peter nickte, lief zum Regal und holte die neue Leuchtstoffröhre.

„Sie müssen nicht noch einmal bezahlen“, sagte die Kassiererin.
Peter und Klara bedankten sich und gingen stumm zum Ausgang.
Sie stiegen wortlos ins Auto und schwiegen eine Weile auf der Fahrt nach Hause.

„Warum hast du mich wie einen Trottel behandelt?“, fragte Peter schließlich.

„Ach, das war doch nicht so gemeint“, lachte Klara.
„Darüber kann ich nicht lachen!“, empörte sich Peter und schwieg, bis sie am Carport angekommen waren.

EIN BÄCKERLADEN – DEN MAN GERN BESUCHT

MAL SCHNELL ERZÄHLT
Wie ein Gespräch mit dem Verkäufer vom Bäckerladen im Einkaufsmarkt in Basdorf nach dem Fitnesstraining gute Laune machen kann.

Freitag – noch vor der Corona-Krise
Ich war mit Klara nachmittags im großen Einkaufsmarkt von Basdorf. Klara kaufte dort das Brot, ein Heidebrot.

Und ein großes Stück Streuselkuchen. Am Wochenende genehmigten wir uns manchmal so ein Stück, obwohl ich eigentlich weiter an Gewicht verlieren wollte. Ich konnte noch so viel Sport treiben, ohne Reduzierung der Kalorien würde da nichts gehen.

„Bekommt Ihr Mann denn auch etwas von dem Kuchen ab?“, fragte der Verkäufer meine Frau.

„Ach, der isst doch am meisten davon“, antwortete sie prompt.
Ich schämte mich ein wenig. Sie hatte ja recht, aber musste sie das jetzt so sagen, wo ich doch um jedes Gramm weniger kämpfte.

„Dafür fahre ich aber auch jeden Morgen ab 5 Uhr ins Fitness-Studio nach Berlin rein“, verteidigte ich mich.
Der Verkäufer schaute mich prüfend an, ja er taxierte mich geradezu.

Sein Gesichtsausdruck sagte mir: „Ja, mein kleiner Dicker, du bist ganz bestimmt nicht jeden Tag im Fitness-Studio und schon gar nicht so früh – eh‘ du Fitness treibst, motiviere ich vorher eine Kuh zum Seilspringen“

Wir unterhielten uns noch ein wenig und ich erklärte ihm, dass meine Frau sehr früh in ihrer Behörde anfing zu arbeiten und dass wir deshalb das eine mit dem anderen verbanden.

Freitag vor einer Woche
Das Gespräch mit dem Verkäufer eine Woche zuvor ging mir nicht aus dem Kopf.
Klara riss mich jedoch aus meinen Gedanken:

„Holst du heute ein Brot aus dem Einkaufsmarkt, wenn du vom Sport kommst?“
„Na klar“, sagte ich. Vielleicht war ja der Verkäufer vom vergangenen Freitag da, denn dann würde ich ihn noch einmal ansprechen.

Ich rollte aus der Tiefgarage des Fitness-Centers in Mitte, war gut gelaunt wollte nun Klaras Auftrag abarbeiten.
Ich kam zügig voran, war schnell wieder in Basdorf und
stoppte am Einkaufsmarkt. Ich schnappte mir meine Tasche und steuerte zielstrebig auf den Bäcker im vorderen Teil des Gebäudes zu.

Tatsächlich: Der Verkäufer stand wieder hinter der Theke und bediente eine Kundin.

„Was darf’s denn für Sie sein?“, fragte er freundlich die Dame vor mir.
Überhaupt waren alle Mitarbeiter der Bäckerei freundlich, selbst wenn es am Freitagnachmittag voll und damit stressig wurde.

Solange ich wartete, überlegte ich, was ich alles kaufen wollte.
Das Brot schmeckte und der Kuchen auch. Der Streuselkuchen schmeckte sogar so gut, dass ich mit mir kämpfte, was ich tun sollte.

Ich wollte abnehmen und da passte der Kuchen nun gar nicht ins Konzept. Außerdem hatte ich bereits am vergangenen Freitag ‚gesündigt‘.

„Soll ich ein Stück Kuchen vom Bäcker mitbringen, wenn ich das Brot hole?“, hatte ich noch früh auf der Fahrt ins Fitness-Center gefragt.

„Das überlasse ich ganz dir“, antwortete sie.
Jetzt war der schwarze Peter bei mir. Ich konnte also nicht sagen, dass ich eigentlich keinen Kuchen mehr essen wollte, wenn alles aufgegessen war.

„Und was möchten Sie?“, holte der Verkäufer mich aus meinen Gedanken zurück an die Verkaufstheke.
„Ein Brot bitte.“
„Geschnitten?“
„Nein, danke.“
„Sonst noch etwas?“

Ich zögerte.
Doch dann sagte ich den Satz: „Ein Stück Streuselkuchen bitte“.
„Kann es gleich der hier oben sein?“, fragte der Verkäufer zurück.
„Ja, gern“, antwortete ich.

„Erinnern Sie sich eigentlich an unser Gespräch vom letzten Freitag in der vergangenen Woche?“, fragte ich ihn.

Der Verkäufer stutzte, doch dann sagte er: „Ja, Sie sind doch der, der immer um 5 Uhr früh ins Fitness-Center nach Berlin fährt.“
Donnerwetter, dass er sich das gemerkt hatte, dachte ich bei mir.

„Sie haben bestimmt gedacht: Der Dicke hier, kann mir viel erzählen, von wegen Sport, fit und schlank werden, oder?“, sagte ich.
„Um Himmelswillen nein, das habe ich nicht gedacht, sondern nur gestutzt, dass Sie so früh dort reinfahren“, antwortete er.

Ja, das war natürlich schwer zu vermitteln.
Was sollte ich dazu sagen? Dass ich Klara bis ins Zeitungsviertel hineinfuhr, dann wendete und auf das Fitness-Center zurückfuhr? Klara war froh, dass sie morgens nicht in die S-Bahn musste.

Oder dass ich ja auch noch am Tag arbeiten wollte und ich meistens keinen Sport mehr machte, wenn ich mich erst einmal am Schreibtisch festgebissen hatte?

„Ich mach‘ auch viel Sport und achte ebenfalls auf meine Ernährung. Ich habe in den letzten Wochen ein paar Kilo abgenommen, und ich werde wieder mit dem Sport anfangen“, sagte er zu mir.

Hinter mir stand eine Kundin, die schon ungeduldig wurde.
Eine angenehme Unterhaltung, dachte ich und freundliche Leute in dem Team, ja das waren sie.

„Aber wenn Sie morgens vom Sport kommen, dann können Sie doch hier eine Tasse Kaffee trinken“, meinte der Verkäufer noch. Ich überlegte, ob ich das sofort tun sollte, aber ich hatte beide Hände voll und wollte die Sachen nicht mehr ablegen.

„Das mache ich bestimmt mal“, antwortete ich und wandte mich endgültig zum Ausgang.

Bald ist wieder Freitag und Klara hat mich schon gefragt, ob ich ein Brot mitbringen würde, wenn ich aus der Stadt zurückkäme.
„Mach‘ ich“, gab ich zurück.
Ich freu‘ mich drauf.