„ANNA IST DEMENT“ – Teil 18

Das wird noch schlimmer
Ein paar Tage war es ruhig gewesen. Anna rief regelmäßig abends an. Doch die Telefonate waren nicht aufregend. Sie war nicht depressiv, sie sprach klar und man merkte nicht sofort, dass sie an Demenz erkrankt war. Peter stand auf dem Parkplatz vor dem Aldi und überlegte, ob er die Telefonnummer von Anna wählen sollte. Er saß im Auto und hatte Langeweile. Klara hatte ihn überredet, doch noch mal schnell beim Aldi vorbeizufahren. Sie wollte dann gleich bei Kick reinschauen. Dort konnte sie so schön wühlen und nach weiteren Stramplern und Babymützen suchen.
„Hoffentlich reißt du nicht das Kick-Dach ab und packst es bei deiner Kaufwut gleich mit ein.“ Klara reagierte darauf gar nicht. Sie war im Kaufrausch. Krümel war noch nicht auf der Welt. Aber sie nahm Stück für Stück einen größeren Platz im Denken ein, von Klara und Peter. Laura hat ihren Geburtstermin Anfang Oktober. „Wir müssen jetzt einen Notfallplan aufstellen, damit wir wissen, was jeder zu tun hat, wenn es soweit ist“, sagte Peter zu ihr. „Was soll denn das für ein Plan sein?“ Klara schaute ihn verwundert beim Frühstück an. „Naja, wenn die Wehen bei Laura anfangen“, meinte Peter. „Dann fällst du doch schon in Ohnmacht“, konterte Klara. „Na dann versinkt eben alles im Chaos“, gab Peter beleidigt zurück. Peter wurde aus seinen Gedanken gerissen. Ein Geländewagen sauste vor ihm heran und bog scharf in die freie Parklücke ein. Eine Frau stieg aus, schlug ohne hinzusehen die Tür hinter ihrem Rücken zu und stampfte auf den Aldi – Markt zu.
„Wieder mal typisch“, dachte Peter. „Kann die sich nicht richtig in die Parklücke stellen?“ Das Auto stand mit zwei Rädern schon auf dem anderen Parkplatz. „Wahrscheinlich ist die gerade von der Arbeit gekommen und muss noch was für die Familie einkaufen. Einfach haben die es ja nicht gerade“, dachte Peter versöhnlich. Peter hatte nichts zu lesen mitgenommen. Er mochte nicht mitgehen, wenn sich Klara von einem Wühltisch zum anderen hangelte und ihre Begeisterung nicht zu bremsen war, wenn sie wieder mal ein paar Babysachen hochhielt. So stellte sich Peter die Hölle vor: eine Menschentraube an den Wühltischen und keinen Stuhl zum Hinsetzen, wo man wenigstens die Leute beobachten konnte. Das machte Peter dann schon mal gern. Jemanden beobachten, ihn einschätzen, was er wohl beruflich machte oder was das überhaupt für ein Mensch war, der vor ihm stand und in den Sachen herumfingerte. Diesmal wartete Peter also im Auto. Er wählte die Nummer von Anna. „Sturm!“, ertönte die Stimme von Lukas. „Stör‘ ich?“, fragte Peter. „Ich liege gerade auf dem Boden und repariere das Radio von Mutti.“
„Oh, dann will ich dich nicht weiter davon abhalten, wir können ja später telefonieren.“
„Ja“, antwortete Lukas. Peter drückte auf die rote Taste am Telefon. Bei Anna schien wieder der Teufel los zu sein. Lukas hatte seine schlechte Laune am Telefon kaum verbergen können.
Klara war mit dem Einkauf fertig und steuerte auf das Auto zu. „Na, Kick – Dach eingepackt?“ „Guck doch mal, wie niedlich!“ Klara reagierte gar nicht auf die Frage von Peter.
Sie hielt ihm eine Baby-Decke vor die Nase, auf der lauter niedliche Tiere zu sehen waren. „Mensch, die haben heute Sachen, da kann man nur staunen“, sagte Peter. Jetzt war er auch begeistert und sah schon vor seinem Auge Krümel auf der Decke liegen. Er würde sie sogar windeln. Das hatte er sich fest vorgenommen. Das war bei Laura noch anders. „Ich habe Rückenschmerzen“, hatte er damals immer gesagt. Doch nun war es anders. Er wollte für seine Enkelin von Anfang an da sein. „Ich wollte deine Mutter anrufen“, sagte Peter und drehte den Zündschlüssel um.
„Und?“ „Dein Bruder war dran. Er ächzte und keuchte, lag wohl auf dem Boden wegen dem Radio von deiner Mutter.“ „Schon wieder?“ Klara war entsetzt. Gerade hatte Lukas ihr gesagt, dass er das Radio wieder hinbekommen hatte, nachdem Anna alles rausgerissen hatte. Sie fuhren schweigend nach Hause. Abends rief Lukas zurück. „Ich krieg noch einen zu viel“, stöhnte er sofort los.
„Warum?“, fragte Klara ihn. „Mutti hört nicht zu. Sie lässt sich nicht erklären, was sie falsch gemacht hat und fragt ständig dazwischen. Du wirst wahnsinnig.“ „Sie lässt sich nichts sagen, hört nicht zu, ist aufgeregt. Zum Schluss habe ich ihr gesagt, dass ich es nicht mehr aushalte.“ „Und was hat sie geantwortet?“ „Du brauchst hier nicht pampig zu werden, Lukas. Das wird noch schlimmer.“
Klara war still. Dann fing sie an zu lachen und Lukas stimmte ein.

Peter kommt nicht zum Luft holen

„Anna ist dement – Teil 18“

Kaum hat er verdaut, was ihm sein Vater, Manfred Gerber, wieder an Vorhaltungen gemacht hat, da meldet sich Anna Sturm. Sie meldet sich nicht bei ihm, das muss er schon zugestehen. Peter verfolgt die Gespräche zwischen Anna und Klara im Hintergrund. Er wertet, analysiert und gibt Hinweise. Bis er immer zu dem gleichen Punkt kommt und zu Klara sagt: „Ich weiß auch nicht, wie wir mit einem Menschen, der Demenz hat, uns sehr nahesteht, umgehen sollen.“ Er will damit Klara zeigen, dass er sich nicht mit abgehobenen Ratschlägen einmischen will. Trotzdem sagte er zu Klara vor einigen Tagen folgenden Satz: „Ich mache mir Sorgen um Lukas. Der leidet unter all dem und hat keinen Menschen, dem er sich anvertrauen kann. Er frisst alles in sich hinein und das ist nicht gut.“ Lukas ist der Sohn von Anna. Er wohnt ebenfalls in Stralsund. Er hat ein Haus und arbeitet viel. Vor einigen Tagen rief ihn Anna an: „Du musst sofort zu mir kommen. Es ist alles so furchtbar. Ich habe wieder ein Paket bekommen und ich weiß nicht, was das soll.“ „Mutti, ich komme gleich“, sagte daraufhin Lukas. Als er Anna eintraf und er das Paket öffnete, traute er seinen Augen nicht. Es lagen Kataloge darin. Nicht mehr. Anna sollte natürlich wieder bestellen, so jedenfalls das Schreiben, das wie folgt begann: „Liebe Frau Sturm, lehnen Sie sich entspannt in Ihrem Stuhl zurück und genießen Sie den Ausblick auf eine wunderbare Kleidung, die Ihnen den Herbst versüßen wird.“ Eine harmlose Sache also. Doch Anna hatte daraus einen Staatsakt gemacht. Lukas wusste nicht, was er sagen sollte. „Schmeiß das doch einfach weg, Mutti“, meinte er schließlich. „Nein, wo denkst du hin, ich muss antworten, was sollen die von mir denken!“, entgegnete Anna entrüstet. Sie zog dabei einen Mund, als würde draußen gleich eine öffentliche Hinrichtung stattfinden, oder aber das Haus einstürzen. Nicht gering jedenfalls. Lukas war verzweifelt. Er nahm schließlich das Paket mit und entsorgte es in der Papiertonne. Zu Hause angekommen, hockte er sich auf einen Stuhl. Er spürte sein Herz schlagen. Erst vor kurzem waren ihm zwei Stents eingesetzt worden. Was sollte er nur tun. Er griff zum Hörer und wählte die Nummer von Klara.

MEIN FREUND, DER ALLTAG – FREITAG

Freitag. Endlich! Das ist doch der Tag, den ich schon am Montag herbeigesehnt habe. Jetzt ist er da. Schäume ich über vor Freude? Irgendwie nicht. Warum nicht? Ja gut, ich muss heute trotzdem arbeiten. Es ist nur die Aussicht auf das Wochenende. Aber da ist Stress angesagt. Wir wollen mit Freunden in die Pilze. Dort soll auch ein Picknick stattfinden. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Also meine Frau hat das in der Hand. Ich muss heute aber noch den Staubsauger schwingen. Das Auto muss gewaschen werden. Mein Geländewagen heißt Bobby. Er führt alle Attribute mit sich, die man heute nicht will: Er ist ein Mercedes, ein SUV, ein Diesel, war furchtbar teuer und ist es bei Reparaturen immer noch. Mein Fernlicht zum Beispiel, das geht laufend an. Es blinkt einfach auf. Mir kommen Autos entgegen. Einige hupen, Menschen auf den Fußwegen heben zum Gegengruß die Hand. Mir ist das so peinlich. Aber ich schiebe den Werkstatttermin immer wieder raus. Hast du erst einmal bei Mercedes die Werkstatt betreten, dann bist du schon 100,00 Euro los, gefühlt. Dafür säuselt eine Stimme: „Herr Dr. Müller, nehmen Sie doch bitte Platz, darf ich Ihnen einen Kaffee bringen?“
„Nein, danke, ich hol ihn mir selbst.“ Ich denke, ich spare mit der Antwort Geld. Denkste. Dann kommt der Berater. Er bittet dich zu seinem Tisch. Du erzählst etwas und er schreibt was völlig Anderes auf das Blatt, das du natürlich danach unterschreibst. Weil du dich nicht traust zu fragen, warum er jetzt aufschreibt, dass die gesamte Lichtanlage überprüft werden soll, wo doch nur wahrscheinlich ein Wackelkontakt irgendwo ist. Ich lasse das alles und fahre auf Risiko weiter. Heute morgen, kurz vor 06.00 Uhr, kurz nachdem ich meine Frau zum Bahnhof gefahren habe, war ich noch in der Sparkasse. Als ich wieder ins Auto stieg, blinkten die Scheinwerfer wieder wie verrückt, an und aus. Dann blieb das Fernlicht einfach an. Ich schrie Bobby an: „Jetzt mach doch mal halblang und halt deine Fresse!“ Hatte ich das wirklich zu meinem lieben Bobby gesagt. Ja, wirklich. In dieser Woche schon ein paar Mal. Zurück zum Freitag. Wann sauge ich? Wenn ich das noch vor mir habe, dann kann ich nicht richtig denken. Ich kriege schlechte Laune. Und Kreuzschmerzen. Mal einfach so vorneweg. Aber ich muss da jetzt durch.
Staubsaugen, Autowaschen, Pilze sammeln, Ausgang der Bundestagswahl verfolgen. Und dann ist endlich wieder Montag. Gott sei Dank.

MEIN FREUND, DER ALLTAG – DONNERSTAG

Jetzt geht es dir an den Kragen, meine liebe Woche. Du kannst mir nichts mehr anhaben. Es ist Donnerstag, noch ein Tag, und es ist Wochenende. Was sagst du nun, Montag? Ich habe es geschafft. Mir kommt es vor, als liefe ich über Wasser. Aber ich musste balancieren, erst auf dem Montag, dann auf dem Dienstag, schließlich noch gestern der Mittwoch. Und jetzt ist Donnerstag. Ja, so kann es gehen. Und es geht schon ein ganzes Leben lang so. Du rennst dein Leben lang irgendeinem Tag hinterher und du versuchst ihn dann möglichst wieder schnell loszuwerden. Bis auf den Samstag und den Sonntag, natürlich. Aber sonst? Alles nur Ballast. Aber wenn ich so weiterdenke, dann wird es nichts mehr mit der Freundschaft zu meinem Alltag. Dabei passiert hier doch das Allermeiste im Leben. Sonntagsreden. Kennst du das Wort? Bestimmt. Das kommt von daher, dass du sonntags alles durch die rosarote Brille siehst. Du schmiedest Pläne, bis voller Energie, die überschwappt in Euphorie. Und dann kommt der Montag. Das schlimme Erwachen. Die Vorhaben verlegst du erst mal auf den Dienstag. Montags musst du ja erst einmal reinkommen in die Woche. Das verstehst du nicht, lieber Alltag. Du denkst: Warum schreibt der, ich sei als Alltag sein bester Freund? Dabei will er mich nur so schnell wie möglich wieder loswerden.
Das ist so banal. Ist es das? Ich glaube, es ist das Leben. Nur, dass du dir darüber keine Gedanken machst und darüber vergeht es auch, dein Leben. Übrigens: Ich denke beim Alltag in Farben. Der Montag ist rot, der Dienstag ist grün, der Mittwoch gelb, der Donnerstag braun und der Freitag wieder rot. Warum das so ist? Keine Ahnung. Weißt du, lieber Alltag, warum ich dich so nenne? Gut, kommt mal wieder keine Antwort. Also lassen wir das mal so stehen. Ich frage mich die ganze Zeit, warum ich über dich schreibe, lieber Alltag. Willst du es wissen? Nein? Ich sage es dir trotzdem. Weil ich dir deinen Schrecken nehmen will. Ich möchte, dass du genauso gefeiert wirst wie zum Beispiel ein Geburtstag. Ich kenne ein Sprichwort. Das geht so: Nichts ist schlimmer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen. Also ist etwas dran an dir lieber Alltag. Ich bleib da mal dran.

MEIN FREUND, DER ALLTAG – MITTWOCH

Das ist die Mitte der Woche. Ich finde den Tag gut. Besser als Dienstag und erst recht als Montag. Mittwoch, Mitte, das hat etwas mit Balance zu tun. Sollte man nicht jeden Tag denken und fühlen, als sei man schon am Mittwoch angekommen? Kann man versuchen. Wird das gelingen? Nein, ich glaube nicht. Du musst schon am Montag denken, warum du gute Laune haben solltest, obwohl es montags ist. Und nicht: Ach, heute ist Montag, aber ich fühle mich wie am Mittwoch. Dann denkt der Andere: Der hat schon wieder in den falschen Tablettenschrank gegriffen. Hättest du gedacht, dass man so viel über einen einzelnen Wochentag schreiben kann? Ich auch nicht. Aber das mit der Balance finde ich gut. Sich ausbalancieren. Work-Life- Balance- das ist doch jetzt der große Knaller. Da kannst du dich coachen lassen, für viel Geld, ja, ja. Sonst ist das nicht wertvoll. Ich stelle mir diesen Coach immer montagsfrüh vor. Wie wird wohl sein Gesicht aussehen? Sagt er: „Guten Morgen, ich finde den Montag zwar gruselig, aber morgen ist ja das Seminar, wo ich den Leuten erzähle, wie sie sich ausbalancieren können?“ Oder geht er einfach die Teilnehmerzahl durch und denkt: „Sch…., das reicht nicht, davon kann ich nicht leben.“ Aber gut, das ist jetzt seine Sache. Ich denke an meinen Mittwoch und warum ich in der Balance bin. Ich denke. Erst mal fällt mir nichts ein. Doch halt: Ich glaube, die Gesichter der Menschen in der S-Bahn, die am Montag so versteinert geschaut haben, schauen heute weicher, freundlicher. Das muss ich wirklich mal überprüfen. Und dann fällt mir ein, dass ich bald Opa werde. Das macht mich sehr glücklich. Eigentlich sollte ich das am Montag denken, da gibt es sonst nichts zu lachen. Warum fällt es uns Menschen so schwer, von innen heraus Freude zu empfinden? Uns Deutschen fällt es besonders schwer. Wir sind politisch korrekt, gut die meisten jedenfalls. Wir erzählen von der Arbeit und machen ein bedeutungsschweres Gesicht dabei. Wir wissen, wann wir uns zu freuen haben. Weihnachten zum Beispiel. Aber nicht sofort. Erst einmal hetzen, einkaufen, backen, vorbereiten und wie von Sinnen durch die Geschäfte surfen. Dann den Ablauf planen. Und schließlich ist Weihnachten. Am zweiten Weihnachtsfeiertag kannst du dich wirklich freuen. Denn nun werden die Fernsehsendungen lockerer, das Christkind ist abgereist und du weißt, morgen muss Schwiegermutter auch wieder los. Ach, es gibt so viel, wo du dich freuen kannst. Aber eine Frage habe ich doch noch: Warum können wir uns nicht einfach mal über den Moment freuen? Ja, über diesen Moment, den du jetzt gerade erlebst! Du sitzt zum Beispiel in der S-Bahn, schaust dir die Leute an und denkst: Ich bin einer der geilsten und aufregendsten Städte auf dieser Welt. Laufend kommen neue, spannende Menschen herein. Was sie wohl in dem Moment denken? Ich will, dass sie sich freuen. Aber nein, das denken wir nicht. Warum auch? Wenn ich mal auf der Straße in Gedanken bin und ich denke an meine Enkelin, ja die, die noch nicht geboren ist. Dann lächle ich vor mich hin. Und wenn ich schließlich in ein anderes Gesicht schaue, zufällig, schaut derjenige freundlich zurück. Es ist so einfach. Nein, nein, das wollen wir uns erst gar nicht angewöhnen. Sonst kommen wir aus unserem Alltagstritt. Und wovon soll dann der Work-Life-Balance- Coach leben? Immerhin: Ein schreckliches Wort.

MEIN FREUND, DER ALLTAG – DIENSTAG

Lieber Dienstag, ich freue mich, dich begrüßen zu können. Schleim hier nicht rum, du freust dich, dass du den Montag geschafft hast. Ich glaube, so würde der Dienstag antworten, wenn er denn reden könnte. Kann er aber nicht. Also lege ich mal wieder die Antworten fest. Ich freue mich tatsächlich, weil ich das Gefühl habe, dass ich auf dem Berg schon oben angekommen bin und jetzt nur noch abwärts laufen muss – bis zum Samstag. Ich stelle mir vor, ich stehe jetzt auf dem Berg, dem Montag, den ich erklommen habe und schaue hinab ins Tal. Da unten ist eine Kneipe. Gutes Bier gibt es da, gutes Essen, coole Leute, mit denen du abhängen kannst, weil nach Samstag der Sonntag kommt. Aber ich bin ja erst am Dienstag angekommen. Irgendwie ist es schon leichter geworden. Das sagt mein Gefühl. Ich habe meiner Frau heute früh gesagt: „Du wirst sehen, heute gucken die Leute nicht so grimmig wie gestern.“
„Ich sehe keine grimmigen Leute, ich löse Sudoku.“
„Du kannst aber heute nicht das Feuilleton kriegen“, sagte ich zu ihr.
„Warum nicht?“
„Da steht ein Artikel über einen Schriftsteller drin. Den will ich lesen“, entgegne ich. „Außerdem: Dann kannst du mal in die Gesichter der Leute schauen, die mit dir in der Kleinbahn fahren, dann in der S-Bahn und später noch in der U-Bahn. Das wäre auch noch interessant, ob sich die Leute irgendwie anders geben, wenn sie zum Beispiel von der Kleinbahn, dem Regionalzug, in die S-Bahn steigen“, setze ich nach. Ich glaube, in der Regionalbahn geht es noch dörflich zu. Die Leute schweigen sich an, schauen aus dem Fenster oder sehen zu, dass sie nicht vom Nachbarn erkannt werden. Mit dem jetzt reden, das geht gar nicht!
Das denke ich mir jedenfalls – wer hat schon Lust auf ein Gespräch, morgens, um 05.30 Uhr? Na gut, Ausnahmen gibt es immer. „Gibst du mir nun die Zeitung?“, reißt mich Karsta aus den Gedanken. Widerwillig gebe reiche ich ihr das Blatt. „Du kannst die doch noch heute Abend lesen“, sagt sie zu mir. Heute Abend? Da habe ich keine Lust mehr. Das Feuilleton sieht dann auch aus, als wäre es gefoltert worden. Überall sind Knicke drin. Und dann nicht mal gleichmäßig gefaltet. Das Sodoku-Feld ist vollgekritzelt mit Kugelschreiberminenbuchstaben. Nicht, dass ich das Kreuzworträtsel lösen will. Aber ich möchte der erste sein, der die Zeitung aufschlägt. Manchmal schaffe ich es noch beim Frühstück, den Feuilleton – Teil durchzusehen. Das ist Karsta aber auch nicht Recht. „Da waren Fettflecke auf der Vorderseite, das ist ja peinlich, wenn das einer sieht.“ Karsta schaut mich dann vorwurfsvoll an. Ich bin ehrlich, es berührt mich nicht im Geringsten. Der, der das beanstandet, hat sich doch nur vorgestellt, dass er selbst im Zug die Zeitung lesen will und nur der Fettfleck zwischen ihm und der Zeitung steht. Da kanns‘ te mal sehen, lieber Alltag, welche schwerwiegenden Probleme ich am Dienstag wälze, noch vor 06. 00 Uhr. Aber das ist ja noch gar nichts. „Wenn ich erst mal mit der politischen Diskussion beginne, kurz nach 05.00 Uhr.
„Also die Merkel, ich weiß nicht!“, sage ich dann zu Karsta und schaue sie an. Ihre Augen sagen: Bitte nicht schon wieder. Also höre ich gleich wieder auf und sage nur: „Naja, der andere, der Oberlehrer aus dem kleinen Ort, wie heißt der nochmal? Egal, der schafft es nicht mehr. Aber wen wählen wir?“ Karsta antwortet nicht. Sie ist klug. Sie will mir kein Futter geben für weitere Diskussionen. „Wir müssen los“, sagt sie stattdessen. Ja, wir müssen, lieber Dienstag, wollen wir auch? Ich muss darüber noch mal nachdenken.

MEIN FREUND, DER ALLTAG – MONTAG

Das glaubt mir doch kein Mensch: Ich freue mich auf Montag.
Das habe ich mir gestern vorgestellt, am Sonntag.
Ich war zum Nordic Walking in der Schorfheide unterwegs.
Meine Tochter und meine Frau waren in dieser Zeit zum Pilzesammeln ausgeschwärmt. Die Sonne schien durch die Bäume, die Blätter wiederum schienen bunt zu leuchten. Ich war begeistert, denn so stellte ich mir den Tag vor: Die, die ich liebte, waren in meiner Nähe und ich konnte trotzdem tun, was ich wollte, nämlich vor mich hinlaufen. Wenn du so auf weichem Boden läufst, und das aufgestapelte Holz an der Seite verströmt seinen Duft, und dir begegnet keiner, dann hat das was mit Meditation zu tun. Ich stelle mir sowas immer vor und ich bin bei dem Gedanken glücklich, wirklich in dem Moment das zu tun, was ich auch will. Aber wie würde es morgen sein, wenn 04.30 Uhr der Wecker klingelt und ich denke noch, dass ich mich bestimmt verhört habe.
Rede ich dann noch so geschwollen, so voller Glückshormone? Heute Morgen war es soweit, die Chance, zu jubeln, war da: Moin, moin, lieber Montag, ich hab‘ dich wieder und du hast mich auch wieder. Das mit dem Jubeln fiel erst einmal aus. Das ist doch auch so bei neuen Freunden. Du tastest sie ja ebenfalls ab, ob sie deine wirklichen Freunde sind, oder nicht eher verkappte Feinde. Ich dachte jetzt daran, wie die Leute in der S-Bahn sitzen. Das Wochenende vorbei, die Aussicht auf den nächsten Samstag weit weg, in unendlich weiter Ferne. Und dann die Gesichter der Leute, die auf den Bänken in der Bahn durchgeschüttelt werden – gleichgültig, verbittert, schlecht gelaunt. Da bin ich schon mal besser dran. Gut, meine Frau nicht. Die muss nämlich gleich zur Bahn. Aber dann hat es wenigstens einer aus der Familie besser. Da kann ich heute anknüpfen in meiner Motivation. Ich hatte den Alltag ja bewusst zum Freund gemacht. „Morgen Montag, morgen mein lieber Alltag!“ Hatte ich das jetzt wirklich im Stillen gesagt? Ich glaub‘, ich dreh am falschen Ende des Rades. Aber dann denke ich: Wie viele Leute gibt es, die alles haben – Geld, vielleicht ein Haus. Sie sind jedoch ans Bett gefesselt, sind pflegebedürftig. Im Gegensatz dazu geht es mir blendend. Jetzt habe ich es: Ich muss mit meinem neuen Freund reden, mit ihm in den Dialog treten. Gut, er wird nicht antworten, es sei denn, ich gebe die Antworten vor. Ich laufe inzwischen am Liepnitzsee – die Sonne scheint, die Blätter an den Bäumen leuchten. Dürfen die das eigentlich am Montag? Es sieht so aus. Na gut, dann werde ich meinen Blick darauf verändern und es am Montag im Wald ebenso schön finden, wie gestern am Sonntag. Diese Gedanken und vor allem die inneren Selbstgespräche sind irgendwie bescheuert. Aber: Der Montag, der erste Alltag in der neuen Woche hat ein wenig von seinem Schrecken verloren.

 

ANNA IST DEMENT – TEIL 17

Der Zug, der jede Milchkanne mitnahm
„Und ich will ihn nicht verstehen“, entgegnete Peter.
„Aber du weißt doch, wie es bei meiner Mutter ist. Irgendwann verlierst du die Nerven, wenn sie dich immer wieder das gleiche fragt.“
„Das ist mir schon klar, doch bei meinem Vater ist das etwas völlig anderes. Er denkt nach wie vor, dass sich alles um ihn drehen muss und er es besonders schwer hat. Dabei hat meine Mutter genauso unter ihrer Krankheit zu leiden und zusätzlich kommt eben ihre Demenz hinzu.“
„Ja schon“, Klara ließ nicht locker, „du weißt selbst wie es ist, wenn du hintereinander, immer und immer dasselbe gefragt wirst.“
„Es gibt einen Unterschied“, sagte Peter, nämlich, den, dass du irgendwann genervt bist. Das kann ich verstehen. Aber bei meinem Vater kommt noch etwas hinzu, etwas sehr Entscheidendes. Mein Vater will die volle Aufmerksamkeit für sich und ansonsten in Ruhe gelassen werden. Solange Mama ihm alles besorgt hat, da war sie gut genug, durfte ihm das Essen kochen, die Wäsche waschen und das ganze Gedöns im Haushalt bewerkstelligen.“
„Ja, ja, das ganze Gedöns, so denkst du auch!“, erwiderte Klara.
„Also immerhin sauge ich am Freitag, fege den Carport und habe alles im Blick.“ Peter hatte keine Lust, darauf einzusteigen.
„Weißt du, mein Vater hat mir schon als vierzehnjährigem Jungen bei einem Ausflug in Leipzig gesagt, dass er mich nicht mehr sehen kann. Kannst du dir vorstellen, wie weh das tut, wenn dein Vater so etwas zu dir sagt?“
„Ja und wie bist du von Leipzig nach Dresden gekommen?“, fragte Klara.
„Mit dem Zug natürlich. Der Schnellzug fuhr damals schon in knapp zwei Stunden nach Dresden. Ich brauchte aber fünf Stunden.“
„Warum?“ „Ich war in den falschen Zug gestiegen, in den, der wirklich an jedem Dorfbahnsteig hielt und die Milchkannen mitnahm.“
„Und was hat das jetzt mit deiner Mutter zu tun?“, Klara blickte ihn fragend an.
„Heute, im Pflegeheim, wenn meine Mutter ihn in seinem Zimmer besucht, dann sagt er, dass sie wieder auf ihr Zimmer gehen soll, verstehst du, was mich wütend macht?“
Klara schwieg, sie wusste, es hatte jetzt keinen Sinn weiterzureden. Zu tief waren die Wunden und sie schmerzten wieder, weil sein Vater sich mal wieder in seiner unnachahmlichen Art zeigte.

 

ANNA IST DEMENT – TEIL 15

Anna kann sich nicht an das kauende Kamel erinnern
„Stell dir vor, Mutti wusste heute nicht mehr, dass sie gestern Gundula und ihren Mann zu Besuch hatte!“
Klara war empört und traurig zugleich.
„Wer ist Gundula?“, fragte Peter.
„Da haben wir gerade vor einer Stunde gesprochen – Gunduuulahh aus Stuttgart!“
„Ach ja, Gundula, das kauende Kamel, ich erinnere mich. Ich dachte jetzt auch schon, bei mir fängt es an mit der Vergesslichkeit.“
„Ja, nicht nur mit der Vergesslichkeit, auch mit deinen Ohren. Also sei schön still.“
„Ich sag ja gar nichts mehr“, beschwichtigte Peter.
„Aber du musst doch zugeben, wenn Gundula den Mund öffnet und lacht, dann sieht sie aus wie ein Kamel, das die Zähne bleckt“, setzte Peter nach.
Klara antwortete darauf nicht. Ein Zeichen, dass sie es irgendwie satt hatte, mit den Spötteleien. Aber Peter setzte noch einen drauf.
„Ich denke, es war sooooh schön mit dem Kaffee trinken?“
„War es bestimmt auch. Nur Mutti weiß nichts mehr.“
„Und wie kommst du darauf, dass sich Anna nicht mehr erinnert?“
„Mutti sagte am Telefon, sie verstehe nicht, warum sich Gundula nicht bei ihr meldet.“
Jetzt schwieg Peter. Es war schon traurig und ein sicheres Zeichen, dass die Krankheit bei Anna weiter fortschritt.

AMBULANTER PFLEGEDIENST EPIS STELLT SICH VOR

Der ambulante Pflegedienst EPIS ist vorrangig im Duisburger Stadtgebiet tätig. Die Geschäftsführung hat Maria Spellier inne.
Wichtige Ansprechpartner sind:
Barbara Wenders, Pflegedienstleitung.
Birgit Thyssen – Fett – examinierte Krankenschwester, Pflegedienstleiterin, Justine Weiße, Wundmanagerin, Nicole Reinders, examinierte Altenpflegerin, Fachkraft für Gerontopsychiatrie, Praxisanleiterin, Maria Spellier, Beauftragte für das Qualitätsmanagement, Verwaltung, Stefanie Wenders, Praxisanleiterin, Melanie Addioui, Leitung der Wohngemeinschaft und Praxisanleiterin.

Das Leistungsspektrum beinhaltet Pflege-und Krankenversicherungsleistungen.

Über Kooperationspartner:
Betreuungs- und Entlastungsleistungen, stundenweise Verhinderungs- und Kurzzeitpflege; hauswirtschaftlichen Versorgung, Hausnotruf und Menüsysteme.

Wohngemeinschaft „Die Herbstzeitlosen“:
Die Wohngemeinschaft „Die Herbstzeitlosen“ befindet sich in der Weidmannstraße 15 in 47 166 Duisburg. Sie wird betreut durch den ambulanten Pflegedienst EPIS, Tiergartenstraße 27, 47053 Duisburg. Die Wohnung kann 7 an Demenz erkrankte Bewohner – beiden Geschlechts- aufnehmen. Die Betreuung wird tagsüber von je zwei Mitarbeitern aus dem Pflegedienst EPIS wahrgenommen. Nachts ist ein Mitarbeiter vor Ort. Die medizinische Behandlungspflege wird von Pflegefachkräften durchgeführt.

MEHR:  http://www.pflegedienst-epis.de

Kontakt:
Ambulanter Pflegedienst EPIS
Tiergartenstraße 27
47053 Duisburg
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Fax: 02 03 / 8 37 91
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Interview mit Barbara Wenders

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