Archiv der Kategorie: MEIN FREUND, DER ALLTAG

Kurzgeschichten

ALLTÄGLICHES (11)

DIE WELT IST EIN DORF

Es war ein heißer Tag geworden. Und das, obwohl wir Mitte Oktober schreiben.
Klara war dabei die Hecke zu schneiden und ich ging zu ihr, um das abgeschnittene Grün zusammenzufegen.

Klara hielt mich für talentiert genug, diese Sache ordentlich zu erledigen.
Aber an die Hecke – nein, da ließ sie mich nicht ran.
Schließlich war sie mit dem Heckeschneiden fertig und es ging nur noch darum, ein paar Äste am Baum zu kürzen, die über die Hecke ragten.

„Kann ich auch mal?“, fragte ich schüchtern.
„Ja, na klar!“, antwortete Klara großzügig und kam von der Leiter herunter.

„Pass bloß auf, dass du nicht herunterfällst“, sagte sie noch, als ich mich bereit machte, die Leiter zu erklimmen.

„Zeigst du mir, welchen Ast ich abschneiden soll?“, fragte ich vorsichtshalber.

„Nein, das machst du schon“, meinte sie hingegen.
Also ging ich ans Werk und kappte den ersten Ast.
„Also der sollte eigentlich dranbleiben“, hörte ich Klara zu mir heraufrufen.

Ich störte mich nicht daran und kappte die Äste weiter.
„Oh Gott, warum hast du denn jetzt den gekürzt?“

„Warum nicht?“, fragte ich zurück.
„Das ist ein Fliederbaum, und du musst aufpassen, welchen Ast du kürzt“, sagte sie daraufhin.

„Dann mach‘ doch deine Arbeit alleine“, brummte ich und stieg wieder die Leiter hinab.

Wortlos kehrten wir noch Äste zusammen, packten alles ein und gingen zur anderen Seite des Hauses zurück.

Der Schweiß lief mir herunter. Ich hatte den dicken Pullover an. Ich hatte mich bereits auf Winter eingestellt und erwartete das gleiche jetzt vom Wetter.

Schließlich sank ich auf die Bank vor unserer Eingangstür und schaute schlecht gelaunt vor mich hin.
Da kam der Briefträger. Der, der immer mit dem Fahrrad kommt und spezielle Post verteilt.

Meist waren das die Rechnungen. Jetzt wieder. Er überreichte mir einen Brief von der Telekom, mit einer Rechnung natürlich.
„Oh, sammeln Sie auch Steine von der Ostsee?“, fragte der Postbote mich und zeigte interessiert auf die Rückseite der Carportwand.

Dort hingen Steine, die Klara an einem Band befestigt hatte.
„Ja, wir sind Ostseefans“, antwortete ich kurz, obwohl ich kaum Lust hatte, meinen Mund zu öffnen.

„Und wo fahren Sie da hin?“, hakte der Postbote weiter nach.
„Wir fahren nach Rügen, an den Jasmunder Bodden. Aber das werden Sie vielleicht nicht kennen.“

„Und in welchen Ort?“, fragte er.
„Polchow“, sagte ich und war der festen Überzeugung, dass er dieses kleine Dorf auf keinen Fall kennen konnte.

„Nein!“, rief er aus.
„Doch!“, sagte ich.
„Wir hatten da viele Jahre eine Laube, in der wir die Ferien verbrachten.“

„Und wo da genau?“, fragte er mich, so als würde er den Wahrheitsgehalt meiner Worte überprüfen wollen.

„Sie kennen ja die Kappstraße, oder?“
„Kenn‘ ich“, sagte er.
„Links geht es zum Wasser, rechts ins Dorf und geradeaus zu unserem geliebten Bungalow“, sagte ich.

Der Postbote schaute mich an, zückte seine Brieftasche, holte den Ausweis heraus und gab ihn mir.
Dort stand sein Geburtsort: Polchow!

„Nein“, rief ich jetzt.
„Oh doch“, antwortete der Postbote schmunzelnd.
„Meine Schwester wohnt dort heute noch.“

Als er uns ihren Namen verriet, da sagte Klara: „Ihre Schwester hat viele Jahre direkt in Sassnitz in unserem Haus gewohnt, eine Wohnung unter uns.

Wir verabschiedeten uns fröhlich und meine schlechte Laune war wie verflogen.

„Die Welt ist ein Dorf“, sagte ich zu Klara und biss herzhaft in den Streuselkuchen, den ich gar nicht mehr essen wollte.

ALLTÄGLICHES (10)

MEINE ART, ZUM GEBURTSTAG ZU GRATULIEREN – NICHT AUF DEN SONNTAG, SONDERN AUF DEN ALLTAG SCHAUEN

Ich habe heute Morgen einem Geschäftspartner zum Geburtstag gratuliert und ihm zum Schluss folgendes geschrieben: „Ihr größtes Geschenk in Ihrem Leben kann in der Erkenntnis liegen, dass der größte Reichtum tatsächlich nicht zwingend in den monetären Dingen zu finden ist, sondern in den kleinen Dingen und Widrigkeiten des Alltags – zum Beispiel, wenn man dem geliebten Hund hinterherpfeifen muss, weil selbst der seinen eigenen Kopf hat.“

50 KILO (11)

ICH WILL ABNEHMEN – UND TROTZDEM KEIN VORBILD SEIN

Letzter Freitag, vergangener Woche: Das war wieder ein guter Tag.
Ich kriege die ‚volle Dröhnung‘ an positiver Energie im Fitness-Studio.

Ein guter Freund sagte mir, dass ich für andere kein Vorbild bin, weil es beim Abnehmen mal vor und zurückgeht.
Aber will ich überhaupt ein Vorbild sein?

Ich denke nicht, denn mir geht es um etwas anderes.
Ich will zeigen, dass es kein Spaziergang ist, auf dem du nur einfach deine Übungen machen musst, die richtigen Ernährungstipps befolgen sollst, und schon klappt es.

Das ist wichtig, aber entscheidend ist, ob ich meine Einstellung zum Leben verändern kann.

Warum? Nun, weil ich über Jahrzehnte nachlässig mit meinem Körper, meiner Gesundheit umgegangen bin. Karriere, die Wende mit ihren gewaltigen Veränderungen im beruflichen Bereich bewältigen – es gibt viele Gründe, warum ich überhaupt so viel Übergewicht angesammelt habe.

Und wer würde mir schon abnehmen, dass es von nun an nur noch mit dem Gewicht abwärts geht?

Kein Mensch. Die Härte besteht darin, die Einsicht zu gewinnen, das ich etwas tun muss, damit beginne und schließlich nicht aufhöre. Meine inneren Motivationskräfte hochzuhalten, damit ich nicht ins alte Muster zurückfalle, das ist das Erfolgspotenzial.

Das wird mir klar, wenn ich an den Geräten bin und deshalb schreibe ich in den Pausen zwischen den einzelnen Trainingseinheiten darüber.

Indem ich aufschreibe, was ich gerade für eine Trainingseinheit absolviert habe, bekomme ich wieder gute Laune.

Montag geht es weiter, denn Punkt 06.00 Uhr steige ich auf das Laufband und danach absolviere ich weitere 10 Stationen. Und so klappt es auch mit dem Abnehmen.

Ich freu‘ mich drauf, auch wenn es kein Spaziergang wird. Aber nur so entsteht ja die nötige positive Energie.

SCHREIB-ALLTAG (8)

WARUM AUSGERECHNET DER ALLTAG?

Ich habe in den vergangenen Tagen noch einmal darüber nachgedacht, warum ich gerade den Alltag zur Vorlage für meine Texte nehme.

Und wie passt dazu zum Beispiel die Pflege?
Um mir selbst noch einmal zu verdeutlichen, warum gerade der Alltag im Fokus meines Schreibens steht, habe ich die Rubrik ‚WARUM ICH ÜBER DEN ALLTAG ERZÄHLE‘ überarbeitet und zum großen Teil neu gefasst:

Unser ganzes Leben besteht aus Alltäglichem – aus kleinen Sorgen und großen, aus Kummer, Liebe, Leidenschaft, fantastischen Erfolgen und schlimmen Niederlagen.

Der Sonntag oder der Feiertag, sie sind wichtig, dienen meistens dem Innehalten, aber unsere Energie, unsere Motivation stecken wir in den Alltag.

Diese ‚alltägliche Wirklichkeit‘ erlebt jeder anders, nimmt sie ganz individuell wahr.

Deshalb will ich keine allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten herausarbeiten, die man vielleicht im Alltag beachten sollte.

Nein, ich kann nur von meinem Erfahrungshorizont aus schreiben.
Darum wähle ich auch in den meisten Texten die ‚Ich-Erzählperspektive‘.

MEINE KERNTHEMEN SIND:
WEITERLESEN:
https://uwemuellererzaehlt.de/uwe-mueller-erzaehlt/mein-antrieb/

 

ALLTÄGLICHES (9)

DER ERSTE TAG NACH DEM URLAUB

Ich sitze heute das erste Mal nach dem Kurzurlaub wieder am Schreibtisch.

Heute Morgen bin ich 03.59 Uhr aufgewacht und wusste, dass in einer Minute der Wecker klingelt.

Ich habe nur gedacht: „Das kann doch nicht wahr sein.“

In schwierigen Situationen kann eine Minute richtig lang sein.
Doch heute war es, als wäre nur eine Sekunde vergangen. Ich habe mein Bein noch in die Decke eingekuschelt und so getan, als würde ich nichts hören.

Aber: 05.00 Uhr saßen wir dennoch im Auto. Nicht ganz, denn Klara hatte die Brille vergessen, wie gewöhnlich also.

Die Straßen waren ziemlich leer und ich kam sehr gut durch. Bis auf die Gegend um das Rote Rathaus, denn da ist viel gesperrt oder die Fahrbahnen sind eingeengt.

Ich dachte kurz daran, wie es wohl heute Mittag sein würde, wenn die Klimaaktivisten so richtig loslegten.

Ich finde es gut, wenn sich Menschen dafür einsetzen. Und trotzdem: es nervt.

Aber vielleicht geht es nicht anders, wenn sich wirklich etwas tun soll. Ich glaube nur, dass Hysterie auch nichts bringt.

Würden wir das alles bei dem Getöse konsequent zu Ende denken, so müssten wir sofort unsere Handys abgeben, Pferdefuhrwerke besteigen und auf diese Weise ins Zentrum fahren. Das wäre konsequent. Oder?

Abends dann im Wald Beeren sammeln und in einer Hütte aus selbstgeschnittenem Schilf übernachten.

Naja, jedenfalls war ich im Fitness-Studio, habe meine Übungen diszipliniert durchgezogen und bin motiviert zurückgefahren – ohne an Straßensperren von Klimaaktivisten vorbeizukommen. Der Berliner Norden und das Umland sind ja auch nicht so interessant für sie. Für mich ist das gut.

Auf jeden Fall habe ich mir schon ein kleineres Auto gekauft, nachdem ich jahrelang einen SUV-Mercedes gefahren bin und davor einen 7er BMW. Schande über mich.

Aber schön war es trotzdem.

 

50 KILO ABNEHMEN (10)

ZIEL NICHT ERREICHT – IM GEGENTEIL

Heute ist der Tag, an dem ich für den Monat September Bilanz ziehe.

Eine negative Bilanz: Mein Ziel war es, von 124,4 kg auf 117,8 kg zu kommen, also 6,6 kg weniger.

Das Gegenteil ist eingetreten, ich habe nämlich zugelegt: von 124,4 auf 125,3 kg.

Damit wiege ich am 30.09.2019 insgesamt 900 Gramm mehr, als ich am 01.09.2019 wog.

Das Gute daran: Ich weiß es, weil ich inzwischen jeden Tag auf die Waage steige.

Im Januar wog ich noch 131 kg. Jetzt also rund 6 Kilo weniger.

Trotzdem: Ich muss hier noch konsequenter vorgehen, weil ich es sonst nicht schaffe, selbst bei regelmäßigem Sport nicht.

Am Samstag hatten wir eine Feier zum 70. Geburtstag eines guten Freundes.

Da habe ich Sekt und Wein getrunken. Allein das war schon falsch.

Na gut, ich schaue nach vorn. Jetzt habe ich für ein paar Tage Urlaub.

Da denke ich auch nicht so sehr ans Abnehmen.

Wie auch immer: Ich mache weiter und werde mein Ziel, 50 Kilo abzunehmen, nicht aus den Augen verlieren.

SCHREIB-ALLTAG (7)

WAS ICH AN DER SCHREIBEREI IM ALLTAG ÄNDERN WILL

Die erste gute Nachricht ist: Ich bin von Morgen an im Urlaub, die ganze nächste Woche.

Es gibt genug zu tun, aber natürlich vor allem Erholung.
Ich habe nachgedacht, wie ich die ganze Schreiberei noch besser organisieren kann.

Natürlich lasse ich mich vor allem davon leiten, was interessant sein könnte.

Ich glaube, es sind weiterhin die kleinen Fäden, die man aufgreift, wenn man sie am ‚alltäglichen Boden‘ liegen sieht und daraus eine Geschichte spinnt, die inspiriert ist von den eigenen Erlebnissen.
Aber ich muss das alles in Einklang mit dem Geldverdienen bringen, ein Korsett, das jeder trägt.

Klar, ich bin nun schon Rentner, und manches ist leichter geworden, aber wenn du etwas produzieren und verkaufen willst, dann brauchst du die Zeit und Energie, um das wirklich umzusetzen.

Sicher, ich verdiene mit dem Schreiben mein Geld, und mit dem Schreiben erfülle ich meinen Traum davon, ein bisschen zu plaudern, über Dinge nachzudenken, wozu ich früher nicht gekommen bin, oder wo ich oft auch keine Lust zu hatte.

Also insofern geht es jetzt nur noch um die Schreiberei.
Trotzdem gibt es Unterschiede, denn das eine sind die sogenannten PR-Texte und das andere sind Texte, die aus persönlichen Motivation und Freude heraus entstehen.
Beides ist wichtig.

Damit ich noch effektiver werde, habe ich mir überlegt, über die Zeit von einer Woche ein Thema zu bearbeiten.

Ab dem 07. Oktober beginne ich damit, eine Woche lang Geschichten über ‚Anna ist dement‘ zu veröffentlichen.
Ich werde zu jeder Erzählung einen kleinen ‚Klappentext‘ schreiben, damit sofort klar wird, worum es geht. Dazu gebe ich den Link vom Blog an.

Und wen es interessiert, der geht auf den Blog und wen nicht, den will ich natürlich auch nicht langweilen. Ich lese ja ebenfalls nicht alles.

Was bleibt: Ich freue mich riesig über jeden Like, jeden Kommentar.
Das ist schon Motivation pur.

Ich zieh‘ das mal einen Monat durch.
Nach ‚Anna ist dement‘ kommen eine Woche lang Texte zu ‚50 Kilo abnehmen‘, danach zu ‚Alltägliches‘ und schließlich zu ‚Jeepy‘.

Meine Texte über den ‚Schreib-Alltag‘ veröffentliche ich nur auf dem Blog, denn ich glaube, dass dies die wenigsten Leser interessiert, vielleicht ein paar Freaks, die genauso wie ich an ihrem ‚Handwerk‘ feilen.

Also, auf geht’s. Erst mal in den Urlaub.
Bis bald.
Uwe

 

50 KILO ABNEHMEN (9)

DEIN WEG MUSS DEIN ZIEL BLEIBEN – SONST HÖRST DU IRGENDWANN AUF

Es ist fast wie ein Wunder für mich: Ich fahre nun bereits über zehn Wochen ins Fitness-Studio, und das nicht 2 oder 3 mal in der Woche.
Nein, jeden Tag, jeden Wochentag – Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag.

Wenn du jetzt denkst: „Will der uns hier veräppeln? Die Wochentage kennen wir selber“ – dann hast du natürlich recht.

Ich meine etwas anderes. Vor Jahren hätte ich mir nicht im Traum vorstellen können, dass ich jeden Tag in der Woche ins Fitness-Studio gehe.

Das ist so surreal, so unwirklich für mich. Es ist aber so.
Und das macht mich schon stolz. Doch ich weiß natürlich, dass nichts langweiliger ist als der Erfolg, die erledigte Zielstellung von gestern.

Darum versuche ich professionell vorzugehen. Ich sage bewusst, dass ich es versuche und längst nicht immer durchhalte.
Was meine ich?

Nun, ich habe unzählige Vorträge darüber gehalten, was es heißt, sich Ziele zu setzen und diese dann auch zu erreichen.

Dazu gehört, sich das aufzuschreiben, was man sich vornimmt.
Tue ich das? Ja, da bin ich ziemlich eisern. Aber es reicht ja nicht nur, das Ziel aufzuschreiben.

Du musst ja auch auf dem Papier festhalten, wie du es erreichen willst, welche Geräte du abarbeiten willst, wie viel Kilo die Gewichte ausmachen sollen, während du die Übung absolvierst.

Und das alles aufzuschreiben, was du an dem Tag jeweils erreicht hast, das ist schon nervig. Ich schreibe inzwischen alles Nötige ins iPhone, in den Pausen, bevor ich zu einer anderen Station gehe.

Mittlerweile kenne ich die Namen der einzelnen Geräte, weiß zum Beispiel, wie viel Kilo ich an der Bizepsmaschine einstellen kann, ohne mir einen Muskelriß zu holen. Ich halte mich außerdem an eine genaue Vorgabe, in welcher Reihenfolge ich die einzelnen Geräte absolvieren will.

Ich glaube, das ist bei mir noch heute so drin, weil ich es mal bei der Marine gelernt habe. Ich erinnere mich an einen Film, in dem auf einem amerikanischen Flugzeugträger die Piloten ihre Maschinen in die Luft brachten, präzise vorab geplant und in der Kommandozentrale mit farbigen Bauklötzern nachgestellt – einfach damit es für jeden sofort plastisch sichtbar wird, welcher Pilot startet, wer sich in der Luft befindet und wer zum Flugzeugträger zurückkehrt.

Das imponiert mir und so versuche ich auch in meiner Planung vorzugehen.
Gut, ich lasse die Bauklötzer weg und nehme stattdessen die Excelliste.

Trotzdem: Klara kann dem nichts abgewinnen. Sie meint dann: „Klein Uwi spielt mal wieder.“ Aber ich brauche das. Ich habe außerdem im iPhone für unterwegs eine Datei und notiere sofort nach der Übung, ob ich alles geschafft habe und ob ich eventuell die Anzahl der Trainingseinheiten erhöhen kann.

Woran es hapert ist dies: Komme ich wieder in mein Homeoffice, dann müsste ich alles auf meinem Computer speichern, damit ich es später ausdrucken kann.

Und ich müsste eine Gesamtauswertung vornehmen. Mach‘ ich aber meistens nicht, weil mich dann die geschäftlichen Aufgaben drücken. Es wird nie aufhören, dass du irgendwas nicht machst oder es lückenhaft tust.

Dafür sind wir alle Menschen mit unseren Schwächen, und gewappnet mit hervorragenden Ausreden, warum wir irgendwas in dem Moment nicht leisten können.

Darum sage ich: Ziele setzen und erreichen sind gut. Damit ich aber dabei die Lust nicht verliere, muss der Weg ins Fitness-Center ein Hauptziel bleiben, verknüpft mit der Freude, auch durch den Eingang zu gehen und einfach anzufangen.

Als ich heute Morgen wieder rauskam, da sah ich einen glutroten Streifen am Himmel, ein untrügliches Zeichen dafür, dass es hell wurde.

Wenn du dann schon knapp zwei Stunden trainiert hast, dann glaubst, die Sonne hätte auf dich gewartet, um dir einen schönen Tag anzukündigen.

Manchmal glaube ich, dass du das alles viel intensiver wahrnimmst und genießt, weil du dich vorher gequält hast. Ich werde morgen wieder dort sein und dann geht es von vorn los.
Der Weg ist eben das Ziel.

 

ALLTÄGLICHES – (8)

WENN NUR DIE VIELEN SERIEN AUF NETFLIX NICHT WÄREN

Eine Woche voller spannender Ereignisse geht zu Ende.
Geprägt war sie von meinen Anstrengungen, weiter im Fitness-Studio zu trainieren und vor allem in der Gewichtsabnahme meine Ziele zu erreichen.

Die Euphorie ist vorbei, die ich anfangs gespürt habe, und die mich vorangetrieben hat, vor allem im Sport.

Und jetzt muss ich mit meinen Ausreden kämpfen, die sich häufen.
Freitag zum Beispiel, da hatte ich gegen Mittag einen Zahnarzttermin.

„Oh, ich kann nicht morgens zum Sport fahren und mittags dann zum Zahnarzt gehen“, sagte ich zu Klara.
„Warum nicht?“, fragte Klara mich.
„Weil ich sonst meine Arbeit nicht schaffe“, sagte ich zu ihr.
„Das ist doch eine Ausrede“, meinte sie.
„Du bist doch nur zu faul, 04.00 Uhr aufzustehen und mit mir reinzufahren“, entgegnete sie.
„Also gut, in Gottes Namen, dann fahre ich eben mit dir“, gab ich nach.

Später, als ich mit dem Training fertig war, die Sonne morgens durchkam und ich aus Berlin Mitte zurückfuhr, zu mir ins Homeoffice, da kriegte ich richtig gute Laune. Ich hatte es wieder einmal geschafft, mich zu überwinden, gute Laune zu bekommen.

Mittags war ich dann beim Zahnarzt und wir haben davon geschwärmt, was wir nicht alles für die Gesundheit tun.

Und als ich wieder zu Hause war, so gegen halb zwei, da war genügend Zeit, um meine Arbeitsaufgaben zu erledigen.
Aber da war ja noch die Serie auf Netflix über das Drogenkartell in Kolumbien. Wie wird es weitergehen, und schafft es der DEA- Agent, das Kartell erfolgreich zu bekämpfen?

Ich musste da dran bleiben. Also ging ich schnell an den Schreibtisch, machte die Planung auf der Excelliste auf. Da war es ja: ‚Pressemitteilung schreiben‘.

Konnte ich das verlegen? Natürlich konnte ich das.
Ich musste es sogar tun, denn abends durfte ich die Serie ja nicht sehen. Klara war das alles zu grausam.

Ich strich mit meinen Finger auf der Tastatur entlang und tippte auf ’strg‘ und ‚x‘- ‚ausschneiden‘ und danach auf ‚strg‘ und ‚v‘- ‚einfügen‘. Und schwupp‘s war ich beim nächsten Tag angelangt. Alles erledigt, auf dem Papier sah es jedenfalls so aus.

Immerhin konnte ich mich nun meiner Serie in Ruhe widmen. Ich schaute sie voller Inbrunst.

Abends fragte Klara mich: „Du wolltest doch den Text fertigstellen, damit du die Rechnung einreichen kannst“, meinte sie.

‚Warum hast du ihr nur den Termin gesagt‘, schimpfte ich innerlich mit mir selbst.

„Ach du, das ist nicht so einfach, wie du vielleicht denkst. Das alles muss reifen“, sagte ich wie nebenher.

Klara schwieg und schaute mich misstrauisch an.
Ich zeigte keine Regung.

„Sag‘ mal“, setzte ich vielmehr an, „du hast doch noch zu tun heute Abend?“

„Ja, hab‘ ich.“
„Warum fragst du?“
„Och, dann kann ich ja noch eine Serie zu Ende schauen. Am Tag ist da ja nicht so viel Zeit für.“

JEEPY (34)

MEIN FAHRER SPINNT – ER WILL SICH EINEN E-ROLLER KAUFEN

Hallo Krümel, hier ist dein Jeepy, oder ‚Jiiipi‘, wie du ihn rufst.
Wir haben ja lange nichts mehr voneinander gehört.

Deshalb melde ich mich mal bei dir, und ich will dir erzählen, was ich so in der Zwischenzeit erlebt habe, vor allem mit meinem Fahrer zusammen.

Erinnerst du dich noch, als wir alle gemeinsam auf dem Erdbeerhof waren, im Urlaub?

Ich erinnere mich noch genau daran, denn kurz bevor wir auf dem Parkplatz ankamen, hast du dich übergeben.

Naja, du kannst ja nichts dafür. Mein Fahrer, dein Opa, hat mal wieder nicht daran gedacht, dass er um die Kurven ganz langsam fahren muss, wenn du dabei bist. Sonst wird dir ja gleich schlecht.

Deine Mama und Oma haben das schnell wieder hinbekommen, nämlich dich umzuziehen und den Sitz wieder sauberzumachen.
In der Zeit hat dein Opa nur zugeschaut, so als würde ihn das nichts angehen.

Aber ich glaub‘, Oma und Mama waren froh, dass er sich nicht bewegte, weil sie Angst hatten, dass er dadurch noch mehr Unruhe stiften könnte.

Der Tag war schön. Denk‘ nur mal an die Rutsche, wo du auf einem Kartoffelsack mit Mama e hinuntergesaust bist.

Ich habe mir das alles erzählen lassen, denn ich stand ja in der Zeit in der prallen Sonne und habe geschwitzt.

Als wir aus dem Urlaub zurückfuhren, da ist doch mein Fahrer in Lietzow in die Radarfalle getappt.
Weißt du noch? Ich glaube, da hattest du schon wieder deine Augen zu.

„Das musst du doch wissen, dass hier ein Blitzer steht“, meinte Oma.
Mein Fahrer hat nicht geantwortet, so sauer war er.
25 Euro hat ihn das gekostet.

„Einer muss ja spenden“, sagte mein Fahrer, nachdem er den Strafbefehl erhalten hatte.
Aber es kam ja noch dicker.

Auf der Rückfahrt von Ahlbeck, da ist er noch einmal in eine Radarfalle gerauscht.
Und dabei war es so schön am Strand. Deine Mama und du, lieber Krümel, ihr habt euch da schon längst wieder jede in ihrer Kita aufgehalten.

Deine Mama in ihrer Kita, weil sie arbeiten musste und du in deiner Kita, weil du dort spielen solltest, während deine Mama arbeitete.
Gestern also kam der Bescheid.

Mein Fahrer hatte mit einem Punkt und einer Geldstrafe gerechnet.
Doch nun muss er nur 20 Euro bezahlen.
Er hat Glück gehabt, und er weiß nicht einmal, warum.
Also freute er sich und fuhr mich zur Belohnung gestern in die Waschanlage.

„Klappen Sie bloß die Spiegel ein, von ihrem schönen Auto“, sagte die Mitarbeiterin an der Kasse.

„Schönes Auto“, so hat die Frau mich genannt.
Ja, sie hat vollkommen recht damit.
Am Nachmittag fuhren ich und mein Fahrer zusammen nach Berlin-Buch. Wir waren beide frisch geduscht und wollten deine Oma abholen.

Auf dem Weg dorthin war es sehr voll, weil die S-Bahn sich mal wieder nicht an den Fahrplan hielt.
Die Leute liefen einfach über die Strasse, ohne sich umzuschauen.
Stell dir das mal vor, Krümel.

„Sollen doch die Autofahrer sehen, was sie davon haben, wenn sie mich anfahren“, wird wohl so manche Fußgängerin oder so mancher Fußgänger gedacht haben.

Mein Fahrer bleibt in solchen Situationen möglichst ruhig und wartet lieber einmal mehr ab, bis alle über die Straße rüber sind.

„Bald laufen alle auf der Straße“, sagt mein Fahrer gern in solchen Momenten.

„Rücksichtnahme ist gut“, meint er in so einem Fall außerdem.
„Gegenseitige Rücksichtnahme wäre noch besser“, brummelt er dann noch in seinen Bart.

Aber danach, ja danach, da kam der Höhepunkt.
Mein Fahrer musste halten, damit ein Fußgänger nicht in seinem Spaziergang gestört wurde, er schlenderte über die Straße, schaute nicht, ob dort ein Rad fuhr oder vielleicht ein Gefährt mit vier Rädern. Nein, warum auch?

Sollen doch die anderen aufpassen. Macht mein Fahrer ja auch, und so hat er geduldig gewartet.

Wurde er dafür belohnt? Auf keinen Fall, denn von hinten kamen zwei Jungen und traten mit ihren Füßen gegen mein Hinterteil.
Sie grinsten meinen Fahrer an und liefen einfach weiter.

Was soll ich sagen? Mir tut heute noch mein Hinterteil weh, ich meine natürlich meine Heckklappe und mein Fahrer überlegt, ob er mich verkauft und sich einen E-Roller zulegt.

Die soll es ja in der nächsten Woche in einem großen Discounter ganz billig geben.

„Das wird lustig“, findet er.
„Oma kann abends von der S-Bahn direkt auf den E-Roller umsteigen“, meint er zu mir.

Meinst du, der macht das?

Ich glaube das nicht. Aber zuzutrauen ist ihm alles.
Gestern war er schon mal in einem Fahrradladen und wollte sich Mountainbikes anschauen.

Der Verkäufer sagte zu ihm:
„Für Sie wäre ein Damenfahrrad besser, das ist bequemer für Sie.“
Mein Fahrer hat ihn ganz lange angeschaut und geschwiegen.

Oh, Krümel, du glaubst gar nicht, welche Gewitterwolken sich über dem Verkäufer in dem Moment zusammenbrauten.

Zum Glück hatte mein Fahrer gestern Kreide gefressen, weißt du? Wie der Wolf in dem Märchen, das er dir auf einen Podcast gesprochen hat.

Aber Krümel, er hat sich wieder beruhigt, auch innerlich.
Jetzt fährt er erst einmal mit mir zum Liepnitzsee, um zu joggen.
Arbeiten, das ist für ihn noch ein Fremdwort.

Morgens, ja da erzählt er Oma, was er an dem Tag alles machen will.
Aber ich, lieber Krümel, ich weiß Bescheid, was läuft – nicht viel eben.
Bis bald, dein ‚Jiiipi‘.

ALLTÄGLICHES – (7)

SCHAFF DIR FÜR DEINEN ALLTAG EIGENE BILDER –

IM KOPF

Warum immer wieder über den Alltag nachdenken?
Weil wir die meiste Zeit im Alltag verbringen – und mit ihm.

Es ist doch komisch: Wenn du im alltäglichen Gewühl bist, dann möchtest du dich am liebsten in irgendeine stille Ecke zurückziehen, nichts sehen, nichts hören, und vor allem nichts tun.

Dabei ist es genau das, was falsch ist, was uns nicht am Leben erhält.
Was ist es dann?

Ich denke die Tatsache, dass wir uns im Alltag anstrengen müssen, unsere Vorhaben nur erreichen wenn wir Energie aufbringen, und wenn du aus dem Bett aufstehen musst.

„Der hat gut reden“, wird manch einer sagen, der das jetzt liest.
Ja, das stimmt. Gesagt ist das alles schnell und leicht. Aber Veränderungen im Alltag beginnen ja nicht damit, dass du gleich alles umkrempeln sollst.

Ich behaupte, das meiste wirst du nicht verändern wollen, ja gar nicht verändern können.

Womit also anfangen, wenn das Alltagsgrau etwas freundlicher erscheinen soll?

Mit deinen Bildern im Kopf!

Jeder kann dir von außen reinreden: dein Chef, der gute Freund, der Ehepartner.

Aber wer trifft denn die Entscheidung darüber, was du davon wirklich annimmst?

Na klar, wenn du eine Weisung von deiner Chefin erhältst, dann mußt sie befolgen. Aber auch hier helfen dir deine eigenen Bilder, an die auch deine Chefin nicht herankommt.

Wenn ich in Situationen bin, die mir Unbehagen bereiten, dann rufe ich meine Bilder auf, die ich abgespeichert habe.
Ich muss zum Beispiel demnächst zum Zahnarzt.

Und obwohl ich meinen Zahnarzt für sehr kompetent halte, ihn menschlich sehr mag, gehe ich ganz ungern zu ihm in die Praxis.

Was tun?

Wenn der Doktor die ‚Folterinstrumente‘ herausholt, dann schließe ich die Augen und sehe die Ostsee vor mir.

Woher habe ich dieses Bild?

Wir waren im August in Sassnitz – bei einem Spaziergang entlang der Kreidefelsen, stets mit dem Blick auf’s Meer.

Wenn du oben stehst und du schaust von da aus auf das Wasser, dann geht dir das Herz auf. Es war ein sonniger Tag, die See lag ruhig da und die Sonnenstrahlen glitzerten auf den kleinen Wellen der Ostsee.

Diese Ruhe und diese Weite, sie haben etwas Majestätisches an sich. Das Wasser war schon Millionen Jahre vor uns da und es wird auch noch viele Jahre nach uns da sein.

Das macht die eigenen Probleme klein, und es macht die Möglichkeit, das eigene Glück zu genießen, vor allem im Alltag ganz groß.

Also, probier‘ es mal aus, mit deinen Lieblingsbildern, und du wirst sehen, selbst in der vollen S-Bahn macht die Fahrt zur Arbeit mehr Spaß.

ALLTÄGLICHES (6)

DER ERSTE URLAUBSTAG IN SASSNITZ – STURZ AUF DER HAUPTSTRASSE

Der Urlaub ist vorbei, die heißen Tage sind es auch.
Irgendwie fällt es mir trotzdem schwer, wieder in den normalen Arbeitsalltag zurückzukommen.

Und das mir. Wo ich doch immer vom Alltag als meinem besten Freund spreche.
Ist mir mein bester Freund abhandengekommen?

Ich denke lieber zurück – an unseren ersten Urlaubstag an der Ostsee, in Sassnitz.
Ich war mit Krümel allein auf der Hauptstraße unterwegs und wollte ins Kaufhaus schauen.

Laura war dort kurz vorher hineingegangen, um noch etwas Urlaubslektüre zu bekommen.
Klara war in der Ferienwohnung geblieben.

„Wollen wir mal deiner Mutter hinterhergehen?“, fragte ich Krümel und die nickte und wollte sofort losstürmen, direkt über die Straße.

„Halt, halt, nicht so schnell, Krümel“, rief ich und bekam sie am Arm zu fassen. Ich hob sie hoch und trug sie über die Strasse.

„So, jetzt kannst du ins Kaufhaus laufen und nach Mama sehen“, sagte ich zu ihr, während ich sie absetzte.

Krümel lief in Richtung des Kaufhauses, blieb plötzlich stehen, machte kehrt und sauste auf die Straße zu.
Mit schreckgeweiteten Augen erkannte ich die Gefahr.

„Bleib stehen!“, schrie ich. Doch Krümel hörte nicht.
Was sollte ich tun? Ich stürzte mich in Richtung Straße, auf die Krümel bereits gelaufen war.

Mit einem Hechtsprung erwischte ich sie noch. Ich hatte sie im Arm, aber ich konnte mich nicht halten und flog mit meinem ganzen Gewicht auf den Asphalt zu. Krümel war in meinem Arm und in Bruchteilen von Sekunden hielt ich sie über mir hoch, streckte sie geradezu in die Luft. Aber, ich konnte nicht verhindern, dass sie ebenfalls mit stürzte. Sie fiel leicht auf den Kopf und fing an zu weinen.

Ich lag auf dem Bauch, auf der Straße und konnte mich nicht bewegen.

„Hättest du doch schon mehr an Gewicht verloren“, fluchte ich im Stillen.

Passanten kamen zu Hilfe. Sie nahmen Krümel, trösteten sie und zu meiner Beruhigung sah ich aus den Augenwinkeln, dass ihr offensichtlich nichts Schlimmes passiert war.

Aber ich konnte mich nicht bewegen. Das Bein tat weh, der gesamte Oberkörper auch und ich bekam kaum Luft.

„Wir müssen ihn an den Straßenrand rollen“, hörte ich einen jungen Mann sagen.

„Können Sie aufstehen?“, fragte er mich.
„Geben Sie mir einen kurzen Augenblick“, rang ich mir ab und schnappte nach Luft.

Mehrere Menschen halfen, mich auf den Gehsteig zu rollen.
Inzwischen waren Schaulustigen da, die mich umringten.

Auf der anderen Seite hielt ein Autofahrer an und fragte: „Soll ich den Notarzt rufen?“

„Nein, nein, mir geht es gleich wieder besser!“
„Wirklich?“
„Ja, ich schaffe es allein“, sagte ich leise und versuchte aufzustehen.
„Soll ich Sie hochziehen?“, fragte der junge Mann.

„Tun Sie sich das nicht an“, antwortete ich.
„Wir schaffen das gemeinsam“, sagte er daraufhin.

Ich nickte, reichte ihm meinen Arm und er begann mich hochzuziehen.
Sein Gesicht lief rot an, seine Muskeln spannten sich unterhalb des Hemdes.
Schließlich stand ich wieder.

„Sollen wir jemandem Bescheid sagen?“, fragte die Begleiterin des jungen Mannes. Auf ihrem Arm saß Krümel und schaute schon wieder fröhlich durch die Gegend. Mir wurde gleich leichter ums Herz.

„Ja bitte, meine Tochter ist in das Kaufhaus gegangen.“
Es dauerte nicht lange und Laura kam herausgestürzt.

„Papa, dich kann man auch nicht einen Augenblick allein lassen“, schimpfte sie.

„Alles halb so schlimm“, presste ich hervor und schleppte mich mit ihr und Krümel von dannen.
Klara war in der Ferienunterkunft geblieben.

Sie erschrak, als sie mein blutendes Knie und die Wunde am Oberarm entdeckte.

„Was ist denn nun schon wieder los?“, fragte sie und schaute mich vorwurfsvoll an.
„Wir brauchen Verbandsmaterial“, sagte sie, ohne eine Antwort von mir abzuwarten.

Wir gingen in die nächste Apotheke und bekamen alles, was wir brauchten.
Den restlichen Urlaub lief ich mit Pflaster und Binden am Arm und Knie umher.

Wieder in Berlin.
Wir holten Krümel aus dem Kindergarten ab. Sie war auf der Treppe hingefallen und hatte sich die Lippe gestoßen.

„Hast du ‚Aua‘?“, fragte ich sie.
Krümel nickte.

„Lass mal sehen“, sagte ich.
Krümel zeigte nicht auf ihre Lippe. Nein, sie zog die Hose hoch und deutete mit ihrem kleinen Finger auf ihr Knie, und zwar auf eine heile Stelle

„Aua“, sagte sie und schaute mich an.
Dann zeigte ich ihr die Stelle an meinem Arm.

„Hier auch Aua?“
Krümel nickte.

Sie hatte es nicht vergessen, was in Sassnitz mit mir passiert war.
Klara und ich mussten lachten.

Der Alltag kann jetzt doch kommen.

ALLTÄGLICHES (5)

EIN FLYER, DEN MAN ALS WANDLITZER LESEN SOLLTE

Freitagmorgen. Ich sitze an meinem Schreibtisch und habe gerade mit meiner Arbeit begonnen. Meine Frau kommt herein und legt mir einen Flyer auf den Tisch.

„Hier, das wird dich interessieren“, sagt sie und deutet mit dem Finger auf das Foto auf dem Deckblatt.
„Sympathisch“, sage ich knapp.
„Und weiter?“
„Was weiter?“
„Na, lies mal den Namen: Oliver Borchert, der ist doch auf zahlreichen Plakaten abgebildet.“

Als meine Frau das sagte, fiel es mir auch auf.
Aber war das ein Grund,  diesen Flyer nun auch noch zu lesen?

Eigentlich nicht. Ich hatte kaum Interesse an diesem Wahlgetöse.

Mir reichte ohnehin die Diskussion in den Medien, die oft nicht mehr substanziell war, wo vielfach Worthülsen, oder ‚vorgestanzte‘ Formulierungen gebraucht wurden, um den politischen Wettbewerber niederzumachen und sich so selbst besser ins rechte Licht zu rücken.

Schon deshalb schaue ich mir die Menschen, über die ich schreibe, lieber persönlich an.
Also blättere ich lustlos im Flyer umher. Und dann nimmt mich das Geschriebene doch gefangen.

Das klingt entschlossen, man spürt beim Lesen förmlich die Tatkraft des Protagonisten.

8 Punkte sind aufgeführt, detailliert genug, um meine Vorstellungen anzuregen.

Da steht zum Beispiel etwas darüber, wie es weitergehen soll, mit dem Verkehrskonzept:“… die Ausweitung … des Halbstundentaktes der Regionalbahn bis Klosterfelde…“

Die Parkplatzsituation in Basdorf soll damit gleichzeitig verbessert werden.
Kleine Dinge? Ja, aber solche, die dir als Einwohner unter den Nägeln brennen.

Und: die ganz sicher großer Kraftanstrengungen bedürfen, wenn sie Wirklichkeit werden sollen. Du brauchst Menschen mit Energie, Entschlusskraft dafür, um den auf dem Papier formulierten Visionen tatsächlich Leben einzuhauchen.

Ich glaube, der Oliver Borchert ist so einer, der diese Fähigkeiten mitbringt.

Kann ich das genau sagen? Nein. Ich kenne ihn gar nicht. Aber warum habe ich ihn nicht längst schon einmal angerufen, einen Termin vereinbart, um ihm ein paar Fragen zu stellen?

Keine Ahnung. Warum macht man vieles im Leben nicht?
Auf jeden habe ich schon mal das Faltblatt in der Hand.

„Wandlitz ist Entwicklungsachse – aber auch Naturgemeinde!“, lese ich weiter.
Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen.

Ich denke zurück, als ich das erste Mal nach Wandlitz kam. Das war im Jahr 1993. Damals war ich bei der Firma Adams& Partner Wohnungsbau GmbH angestellt und sollte nach Wandlitz fahren, um mich mit dem Gebiet vertraut zu machen und später den Verkauf der noch zu errichtenden Immobilien zu organisieren.

Ich schlief in Wandlitz in einem Hotel und fuhr morgens mit meinem kleinen Auto über holprige Straßen.

Meine Familie wohnte in Stralsund. Dort waren wir nach der Wende hingezogen, weil ich einen Job als Dozent bekommen hatte.
Dann zog es mich aber  in die ‚große, weite Welt‘, in den Westen.

So wohnte ich zu dem Zeitpunkt in einer kleinen Wohnung in Essen. Und nun fuhr ich in Wandlitz umher.

„Ich bin ‚am Arsch der Welt‘“, dachte ich und war so unglücklich wie ich es nur sein konnte.

Ein paar Jahre später zog ich mit meiner Familie nach Basdorf. Das mit dem ‚Arsch‘ konnte ich nicht zurücknehmen. Also taufte ich das Gesagte um, in einen ‚schönen Arsch‘ eben.

Mein Chef sagte mir damals, dass wir mit den Bauten in Basdorf den Ort Wandlitz überholen würden. Das haben wir nicht geschafft. Aber das war ja auch nicht nötig. Heute gehört alles zu Wandlitz.

Und deshalb finde ich die Strategie von der ‚Entwicklungsachse‘ gut.

Außerdem: Ich liebe den Liepnitzsee. Ich laufe dort sehr gern, auch wenn mich schon mal der Dackel des Försters vor Jahren in das Knie während des Nordic Walkings gezwickt hat.

Warum schreibe ich das eigentlich auf? Ich weiß es nicht genau. In der Regel erstelle ich einen sogenannten Plot von dem, was ich später veröffentliche.
Das hier tippe ich spontan herunter. Ist das ein gutes Zeichen? Ja, auf jeden Fall.

Ich freue mich einfach, dass wir hier im Ort so tolle Menschen haben.

Kann der Oliver Borchert Bürgermeister? Mein Bauchgefühl sagt ja.

Und ich habe einen großen Bauch.

50 KILO ABNEHMEN(6)

ZIEL FÜR JULI VERFEHLT -URLAUBSLAUNE EINGETRÜBT

Morgen ist für Juli die Abrechnung fällig. Ich bin mit 127, 0 kg in den Monat gestartet.

Das Ziel: um 3,2 das Gewicht reduzieren, auf 123,8 kg.
Ich bin heute aber bei 126,0 kg. Also habe ich mein Ziel verfehlt, und zwar krachend.

Ich könnte ja jetzt sagen: Gut, immerhin habe ich mein Anfangsgewicht von 131 kg im Januar auf 126 kg im Juli vermindert.

Doch ich wollte weiter sein. Jeden Tag 100 Gramm, das ist doch nicht schwer, habe ich mir gesagt.

Ist es auch nicht. Aber was ist noch leichter?
100 Gramm wieder draufzukriegen.

Am Wochenende zum Beispiel, da war Laura bei uns.
Sie hat geholfen, meinen Computer wieder auf Vordermann zu bringen.

Vor lauter Freude habe ich abends dann eine ganze Flasche Sekt ausgetrunken, mit Erdbeeren. Allein. Die Frauen wollten nicht, umso besser.

Ach, es war herrlich. Am nächsten Tag bin ich gar nicht auf die Waage gegangen.

Und Montag? Da hatte ich den ‚Salat‘ – 127,3 kg.
Am vergangenen Donnerstag waren es noch 124,8 kg.

Was mache ich nun? Damit leben, weitermachen.
Gestern und heute habe ich im Fitness-Studio geackert. Doch abends, was war da?

Ja, da waren noch Reste vom Sonntagsessen.
Herrliche Knödel mit Gulasch.
Und vorher? Eis vom Sonntag, mit Früchten, nur zum Nachmittagskaffee.  Lecker.

Heute Morgen? Schnauze voll. Ich kann es nicht anders sagen.
Was wird heute, am vorletzten Tag? Fasten.

Ich habe heute kurz vor 5 Uhr gefrühstückt. Sonst streikt meine Galle.

Aber weiter gibt es nichts. Wirklich nicht? Wirklich nicht! Nur Wasser und Zitrone und ein konzentriertes Vitamingetränk, das ich mir leiste.

Wir wollen mal sehen, wie es morgen früh aussieht.
Wahrscheinlich werde ich es am Mittwoch, den 31.08. wiederholen, das mit dem Fasten.

Vielleicht kann ich ja noch ein paar Gramm loswerden, trotz Urlaubsfeeling.

JEEPY (33)

JEEPY UND FIATINE BEREITEN SICH AUF DAS VERKAUFSGESPRÄCH VOR

 

„Hallo Fiatine, heute geht’s los. Heute schreiben wir uns auf, wie wir dich am besten beim Inhaber des Einkaufsmarktes anpreisen.“

„Ach Jeepy, ich bin so froh, dass du mir hilfst“, flötete Fiatine fröhlich.
„Aber weisst du, ich habe gar kein gutes Gefühl dabei, wenn du sagst, du willst mich anpreisen. Das klingt, als würdest du ein besonders schmackhaftes Steak für den Grill anbieten.“

„Fiatinchen…“, hob Jeepy an.
„Nenn‘ mich bitte nicht Fiatinchen. Schliesslich sind wir nicht miteinander verwandt“, ging Fiatine sofort dazwischen.

„Also willst du jetzt raus, aus dem Autohaus, oder nicht?“, fragte Jeepy und hüpfte ungeduldig mit seinen Vorderreifen hin- und her.

„Ja, schon“, sagte Fiatine nun kleinlaut.
„Pass auf, wir erarbeiten einen richtigen Gesprächsleitfaden, so wie das mein Fahrer getan hat, wenn er seinen Kunden Immobilien verkaufen wollte.“

„Und hat er das dann abgelesen?“, fragte Fiatine. Sie war noch skeptischer geworden.

„Nein, natürlich nicht. Er hat sich nur ein paar Stichpunkte notiert und wenn er das aufgeschrieben hatte, dann war es auch in seinem Kopf.

„Oh Gott“, seufzte Fiatine.
„Ja und die Einwände, die sind ganz wichtig.“
„Ja, ein Einwand ist stets ein Kaufsignal.“
„Kaufsignal?“

„Ja“, Jeepys Wangen, äh Türen, wurden noch röter vor Eifer, als sie es ohnehin schon waren.

„Wenn der interessierte Kunde sagt, dass du pottenhässlich bist, dann zeigt er damit sein Inteteresse.“
Fiatine fing an zu weinen.

„Ich soll hässlich sein?“
„Das ist doch nur ein Beispiel. Natürlich bist du wunderschön“, schob Jeepy eilfertig hinterher.

„Aber wie wäre es damit: Fiatine hat eine Klimaanlage, einen Lautsprecher, Leichtmetallfelgen und ein höherverstellbares Lederlenkrad?“

„Ach, das klingt alles so technisch, so lieblos“, sagte Fiatine und ihrer Stimme war dabei die Enttäuschung anzumerken.

„Dann mach‘ du doch selbst einen Vorschlag, was du sagen würdest“, sagte nun Jeepy und war leicht eingeschnappt.

„Pass mal auf. Ich würde folgendes sagen: Sie sind der Inhaber eines Einkaufsmarktes und gehen tagaus und tagein durch die Türen Ihres Einkaufscenters, schwitzen und plagen sich mit Bestellungen rum und mit Reklamationen.“

„Und was hat das jetzt mit dem Verkaufsgespräch zu tun?“, entgegnete nun Jeepy spöttisch.

„Warte ab!“, sagte Fiatine.
„Der interessierte Käufer wird aufstöhnen und meine Fragen bestätigen.“

„Und dann?“, drängelte Jeepy
„Dann frage ich ihn, ob er den italienischen Spielfilm ‚Dolce Vita‘ kennt.“

„Was ist, wenn er ihn nicht kennt?“, fragte Jeepy skeptisch weiter.
„Ich frage ihn auf jeden Fall nach Sonne, Meer, italienischer Pasta und herrlichem Wein, einfach nach dem Lebensgefühl.“

„Nach Wein und Pasta?“
„Jetzt stell‘ dich doch nicht so an“, sagte Fiatine.
„Ich sag‘ jetzt gar nichts mehr!“

Jeepy war endgültig beleidigt.
„Ein offenes Verdeck, blau-weiß gestreift, herrliche Meerluft, aus dem Radio tönen schöne Melodien, das ist Dolce Vita, und das verkörpere ich, Fiatine.“

„Das ist mir noch gar nicht so aufgefallen“, sagte Jeepy jetzt.
„Aber wenn ich dich so anschaue, kann das hinkommen. Und du meinst also, da ist was dran, an so einer Art Präsentation, das will der Kunde hören?“, fragte Jeepy, immer noch ein wenig zweifelnd.

„Aber klar!“.
„Komm‘, wir fahren zum Verkäufer und fragen ihn, wie er das Gespräch führen würde“, rief Fiatine fröhlich.

„Na meinetwegen“, brummte Jeepy und war immer noch verschnupft.

Er wollte doch noch vor Fiatine mit den technischen Details glänzen, die er sich vorher auf eine Karteikarte geschrieben hatte.
Aber Fiatine hatte ihn mal wieder mit ihrer fröhlichen Art um den Finger gewickelt.

 

 

SCHREIB-ALLTAG (6)

SCHREIBEN IST WIE LIEGESTÜTZEN MACHEN

Es ist so einfach. Du nimmst dir einen Stift oder greifst dir die Tastatur und los geht’s.

Wirklich?
Wenn es so einfach wäre, dann hätten wir so viele und wahrscheinlich in der Mehrheit auch gute Texte.

Aber die Wahrheit lautet anders: Du musst dich  nämlich ziemlich überwinden.

Irgendwie kriegst du im Leben nichts hin, ohne dich wirklich anzustrengen, oder?

Willst du Liegestütze machen, dann musst du dich auf den Boden legen. Und dann brauchst du nur noch die Arme strecken. Nur? Dieses ’nur‘ kostet dich viel Überwindung. Aber wenn du es getan hast, dann bist du stolz auf dich.

Beim Schreiben ist es ähnlich.
Es gibt einen Trick, den ich dabei anwende.
Ich schreibe einfach los. Zum Beispiel, wenn ich im Fitness- Studio bin. Du fängst beim Tippen automatisch an zu denken.

Aber es ist auch ein bisschen wie ‚mal sehen, wo es mich ‚hinschreibt‘.
Doch das wirft den Gedankenmotor an. Ich sitze gerade im Studio an der ‚Beinpresse‘.

Neben mir liest jemand ein kleines Büchlein – zwischen den einzelnen Übungen – die er absolviert.
Ich schreibe eben in der einen Minute Pause, die ich mir nach 15 Wiederholungen gönne.
Was ist der Trick? Du schreibst sofort los. Besser, ich tippe los. Auf dem iPhone.
Mit dem rechten Daumen. Die Herausforderung ist, nicht zwei Buchstaben auf einmal zu erwischen. Vor allem, wenn der Daumen so dick ist, wie meiner.

Wäre ich an meinem Schreibtisch, dann würde ich mit dem Füller erst einmal einen groben Arbeitsinhalt skizzieren. Danach würde ich das Blatt einscannen. Umständlich.

Anschließend: den Rohentwurf schreiben, wieder mit dem Füller.
Warum mit Füller?
Weil zwischen meinen Gedanken und meinem Blatt nichts weiter ist, mental jedenfalls nicht.
Aber mit dem iPhone schreibt es sich auch sehr gut.
Du hältst mit der einen Hand das Handy und mit der anderen Hand tippst du auf die Buchstaben. Manche schreiben ja mit beiden Händen. Ich kann das nur mit meinem rechten dicken Daumen, zwar mit den bekannten Nebenwirkungen, aber immerhin erreiche ich beachtliche Tippgeschwindigkeiten.

Korrigieren kann ich später immer noch.
Ich hänge im Studio gerade etwas unbequem an der Beinpresse mit dem rechten Fuß fest. Wird mich das aufhalten, weiterzuschreiben? Nein.
Das kann Leben kann so schön sein. Vorausgesetzt, du findest es  schön, so wie es ist.

 

50 KILO ABNEHMEN (5)

DIE NEUE WAAGE IST SCHULD

Gestern habe ich morgens die neue Waage benutzt, um mich zu wiegen. Ich habe mich schon ein paar Tage nicht mehr gewogen.

Es war zu viel Trubel und so habe ich das alles beiseitegeschoben. Und dann ging noch die alte Waage kaputt. Ich fühlte mich wie im Blindflug.

Als wir die neue hatten, da wussten wir erst einmal nicht, wie wir sie bedienen sollten. Du kannst den Fettanteil messen und den Muskelanteil auch.

Aber wie? Die Bedienungsanleitung war klein gedruckt, in viele Sprachen übersetzt und unübersichtlich angeordnet. Was nützt der ganze technische Schnick- Schnack, wenn die Anleitung für Softwareingenieure geschrieben ist?

Ich machte mich an den praktischen Teil und drückte solange auf die einzelnen Button, bis das Zeichen für kg erschien. Das war das Signal, um alles so zu lassen. Ich stieg mit beiden Beinen drauf und schaute nach unten.

Die Zahlen sausten, ich schwankte auf der Waage hin – und her. Schließlich blieb die Anzeige bei 126,0 stehen. Ich müsste eigentlich bei 124,8 sein.

„Die Waage ist ja anders geeicht“, beschwichtigte Klara gleich.
Gott sei Dank war also nicht der Sekt mit Erdbeeren am Samstagabend schuld, oder die Spaghetti Bolognese, nein, die Waage muss sich erst an uns gewöhnen und wir uns an sie.

Aber morgen, ja morgen, da geht‘s wieder ins Fitness-Studio, und dann bin ich bald wieder bei 124,8 – trotz neuer Eichung.

Doch wahrscheinlich müsste ich dann schon bei 123,8 sein. Aber darüber mach ich mir Gedanken, wenn es soweit ist.
Wir finden schon einen Schuldigen.

ALLTÄGLICHES (4)

DIE GUTEN GEDANKEN KOMMEN SELTEN VON ALLEIN

Diesen Text schreibe ich schon heute, am Sonntag.
Bestimmt ist er allerdings für morgen, Montag, den Beginn des Alltags. Wie werde ich mich wohl fühlen, wenn ich wieder 4 Uhr aufstehe?

Die Laune ist um die Zeit nicht nur auf dem Nullpunkt. Sie ist im Minusbereich. Ich werde alle Kraft aufbieten müssen, um nicht laut aufzuschreien: „Mist, ich habe keinen Bock, lasst mich doch einfach zufrieden.“

Aber was ist es dann, was mich dennoch antreibt, was Menschen überhaupt dazu bringt etwas zu tun, wozu sie eigentlich gar keine Lust haben?

Irgendwie steckt wohl in jedem von uns so etwas wie ein Pflichtgefühl. Deine innere Stimme sagt dir: „Komm‘, reiß dich zusammen und schwing‘ die Beine aus dem Bett.“

Und mit einmal stehst du mit beiden Füßen neben deinem Bett, machst die ersten Schritte.

Es ist wie auf dem Laufband, auf das ich trete und zunächst bei Tempo 1 beginne. Schließlich wirst du schneller und plötzlich bist du drin, im Tag, erst zögerlich, schleppend, dann immer schneller, munterer, energievoller.

Ich versuche es noch mit einem anderen Trick. Ich stelle mir vor, was der Tag an Schönem bereithält.

Da muss ich nur eine Kleinigkeit beachten. Das Gehirn schickt mir nicht automatisch die guten Nachrichten, wie zum Beispiel, dass ich heute Krümels fröhliche Stimme am Telefon höre.

Nein, zuerst kommt: „Du musst noch die Steuerunterlagen fertig machen, Druckerpapier kaufen, das Auto waschen, den Rasen mähen, Kunden hinzugewinnen.

Es ist, als würdest du an der Essensausgabe stehen und auf eine köstliche Mahlzeit warten und plötzlich ruft dir aus der Küche jemand zu: „Wenn du essen willst, dann hilf gefälligst mit, die Kartoffeln zu schälen.“

Und genauso ist es mit den guten Gedanken, mit denen, die dich in einen guten Zustand versetzen sollen, sodass du ganz von selbst die Beine aus dem Bett schwingst.

Du musst dich um sie bemühen, sie mit Energie in die vorderen Schubfächer deines Gehirns ziehen.
Ich werde mich also anstrengen müssen, etwas Positives für mich zu finden, selbst am Montag.

Wie wäre es damit: Du siehst gleich im Fitness-Studio motivierte Leute, du hörst die Musik, nimmst ihren Takt auf und läufst dich auf dem Laufband so langsam frei?

Du gehst danach aus dem Studio, fühlst dich gut. Zuhause wartet dein Schreibtisch auf dich und du kannst den ganzen Tag kreativ sein.

Und zu guter Letzt ist Krümel am Telefon und plappert fröhlich mit ihren knapp zwei Jahren: „Haha, ‚auiwi’“, oder so ähnlich. Ich fühle mehr, was sie damit meint.

Lohnt es sich für all das am Montag aufzustehen?
Auf jeden Fall!

ALLTÄGLICHES (3)

‚SPREEGOLD‘ – DAS WAHRE GOLD STECKT IM TEAM
‚Spreegold-fresh food and events‘, so heißt das Lokal in der ‚Stargarder‘ im Prenzlauer Berg, in dem ich am Mittwochmorgen war.
‚Spreegold‘ allein, das klingt schon verheißungsvoll. Ich bin kein Gourmet, kein Restauranttester. Was ich sagen kann, das ist, dass ich mich lange nicht mehr so wohl in einem Restaurant gefühlt habe.

Warum?
Weil das Team, die Menschen, die in dem Lokal arbeiten, und denen ich am Morgen begegnet bin, das wirkliche Gold sind.
Ich muss ein bisschen ausholen, um das zu erklären.

Ich war morgens im Fitness-Studio. Vorher habe ich Klara zur Arbeit nach Kreuzberg-Mitte gebracht.
Wir waren 4 Uhr aufgestanden und 5 Uhr losgefahren. 05:58 Uhr löste ich das Ticket für das zweite Parkdeck in der Tiefgarage und die Schranke hob sich.

Routiniert steuerte ich auf meinen Stammplatz zu.
Lustlos und noch mitgenommen von den Erlebnissen am Vortag schlich ich die Treppen hoch.

Einen Tag zuvor war meine Mutter 90 Jahre alt geworden. Mein Vater war eine Woche zuvor gestorben. Und so gaben wir uns Mühe, die Feier zu Mutters 90-igstem trotzdem mit Liebe zu gestalten.

Am nächsten Morgen, kam das alles in mir noch einmal hoch. Ich schlich förmlich auf dem Laufband. Mehr war es nicht. Um mich herum waren sämtlich motivierte Leute, zumindest taten sie so. Die meisten wohl jünger als ich, und so bekam ich allmählich Lust, mich mehr in die Übungen hineinzuhängen.

Schließlich war ich an den Geräten fertig. Es war kurz vor 8 Uhr. Was sollte ich machen?

Zurückfahren, mich umziehen und mich danach erneut in den Prenzlauer Berg zu begeben, nur um beim Friseur zu sein?
Das war doch Quatsch, fand ich.

Doch was würde Klara sagen, wenn sie erfuhr, dass ich in den Trainingsklamotten zum Friseur wollte?

Würde sie dem zustimmen? Auf keinen Fall. Sollte ich sie also anrufen und nachfragen, was ich tun sollte? Um Gottes Willen.

Der Friseur würde ja 8 Uhr seine Pforten öffnen, spätestens aber 9 Uhr, glaubte ich.

Also machte ich mich auf den Weg, direkt in den Prenzlauer Berg. In der Schönhauser stellte ich das Auto erneut in einer Tiefgarage ab, schnappte mir meine Tasche und schlürfte los, in Richtung Friseurladen, dem Hairwork-Shop.

Wer sagt heute noch ‚Friseur‘? Höchstens ich, ich alter Sack. ‚Hairwork-Shop‘ heißt der Laden wohl richtig.

Es dauerte nicht lange und ich stand davor. Vor verschlossenen Türen. Der ‚Hairwork-Shop‘ öffnete nämlich erst 10 Uhr.
Ich wollte es nicht glauben. Meine Laune sank wieder auf den Null-Punkt.

Was sollte ich machen? Ein zweites Frühstück wäre jetzt gut. So etwas mit Rühreiern und einem Pott Kaffee.

Verstieß das gegen meine selbst auferlegten Regeln zur Gewichtsabnahme?

Ja, eindeutig. Was machte ich mit dieser Regel?
Ich deklarierte sie zur absoluten Ausnahme um.
Also auf ging’s.

Ich überquerte die Straße und sah ein Lokal, dessen Türen aufstanden. Es schien doch nicht alles verloren, im Prenzlauer Berg.
Ich ging hinein, es war gegen halb neun.

Ein fröhliches ‚Guten Morgen‘ erscholl mir von einer jungen Frau entgegen, die vor der Verkaufstheke stand. Sie schien zum Team dazuzugehören.

„Guten Morgen“, erwiderte ich.
„Moin!“, sagte die andere Mitarbeiterin, die hinter der Theke stand.
Moin, das gefiel mir. Es klang nach Norden. Woher war sie? Vielleicht aus Schleswig-Holstein?

Ich jedenfalls war in Schwerin aufgewachsen, bevor ich später nach Dresden ‚verschleppt‘ und mit dem Sächsischen gequält wurde.

Die sympathische Mitarbeiterin hieß Kim, wie ich später erfuhr.
„Das gibt’s doch nicht, hier im Prenzlauer Berg scheinen alle noch zu schlafen“, sagte ich.

Kim schaute mich fragend an, die Mitarbeiterin vor der Theke ebenfalls.

„Naja, ich wollte zum Friseur. Und der hat noch geschlossen.“
„Wer geht schon so früh zum Haareschneiden?“, fragte Kim.
„Ich!“, entgegnete ich.

Wir mussten lachen und ich bekam sofort gute Laune.
Kim wirkte sehr selbstbewusst auf mich. Sie hatte Humor, wusste, wie man mit einem Gast redet.

Was mir besonders gefiel: Es wirkte nichts aufgesetzt, sondern es kam von innen, diese Herzlichkeit, ohne sich bei mir anzubiedern, oder mich etwa auszulachen.

Ich hatte sofort das Gefühl, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Ich brauchte diese gute Laune, besonders nach dem gestrigen Tag.

„Was möchten Sie denn bestellen?“, fragte Kim mich.
„Haben Sie Rühreier und einen Pott Kaffee?“
„Haben wir. Mit ‚bacon‘?“

Nachdem ich verstanden hatte, dass sie gebratenen Schinken meinte, bejahte ich das Ganze heftig mit dem Kopf.

„Sie können sich schon hinsetzen. Ich bringe Ihnen den Kaffee“, sagte Kim.

Der Kaffee kam schnell und ich hatte noch einen Chip bekommen, der aufblinken sollte, wenn das Rührei fertig war. Ich schaute mich im Raum um.

Er war bis auf wenige Gäste leer. Noch! Wenige Stunde später, da steppte hier der Bär. Das hatte ich jedenfalls schon mehrfach beim Vorbeilaufen sehen können.

Ich war froh, dass ich reingegangen war. Gott sei Dank hatte der Friseur noch geschlossen.

Ein junger Mann kam zu meinem kleinen Tisch und sagte: „Geben Sie mir ruhig schon den Chip. Ich bringe Ihnen das Essen.“

Ich freute mich darüber, denn ich hatte mich gerade auf die Lederbank vor dem Fenster gesetzt und verspürte wenig Lust, noch einmal aufzustehen.

Die Rühreier kamen. Dazu herrlich duftendes Brot.
Italienisches Brot, wie ich später in der Speisekarte las.

Hätte mich in dem Moment jemand gefragt, wo ich sein wollte, damit es mir gut ginge, ich hätte geantwortet: „Hier, und nur hier“, ohne Zögern.

Der junge Mann kam wieder vorbei. Ich vermutete, dass es der Chef war. Er fragte mich, ob alles in Ordnung wäre.

„Bestens“, meinte ich.
Später nannte er mir seinen Namen, nachdem ich ihn danach gefragt hatte.

„Thomas“, meinte er freundlich und blieb beim ‚Sie‘, obwohl ich ihn gleich geduzt hatte. Dabei war ich sonst eher distanziert, machte es einem anderen nicht gleich leicht, mich zu duzen.

Diesmal war es also anders herum und auch das gefiel mir. Ich war im Sportzeug, wollte die Zeit überbrücken, ein zweites Frühstück genießen.

Das war eigentlich alles. Was ich aber bekam, das war viel mehr als nur ein paar kleine Köstlichkeiten und einen gut riechenden Pott Kaffee.

Es war ein Service, der unverkennbar zeigte, dass ich es mit Profis zu tun hatte. Aber was mich wirklich umhaute, das war diese herzliche Art, diese Botschaft: „Sei willkommen, fühl‘ dich wohl, wir kümmern uns um dich.“

Ich beobachte seit vielen Jahren Menschen, schreibe über das, was ich sehe. Du kannst alles lernen. Aber diese Leidenschaft, die musst du mitbringen.

Kim, Thomas, die Mitarbeiterin, deren Namen ich nicht erfragt habe, sie alle leben genau das, und zwar mit ganzem Herzen. Ich habe wieder ein Stück mehr Lust auf das Leben bekommen.

Danke Kim, danke Thomas, danke liebes Team für die mir erwiesene Gastfreundschaft.

50 KILO ABNEHMEN (4)

AUF DEM LAUFBAND

Die Euphorie ist verflogen. Jetzt schleppe ich mich morgens mehr oder weniger die Treppen von der Tiefgarage hoch, um zum Eingang des Fitness-Studios zu gelangen.

Ich gehe danach langsam den Gang entlang, hin zur Umkleidekabine, so als könnte ich noch Zeit rausschinden vor der ‚Hinrichtung‘.
Schließlich habe ich mich umgezogen, halte eine Flasche Wasser in der Hand und habe um den Hals ein Handtuch geschlungen.

Ich beginne zunächst mit dem Laufband.
Anfangs bin ich Fahrradergometer gefahren. Aber mir scheuerte das Hinterteil und ich habe mich nicht wohl gefühlt.
Beim Laufband ist es anders. Das erinnert mich an das Nordic Walking, was ich sonst immer mache.

Aber nun, da steige ich auf das Laufband, lege das Handtuch auf die Seite, stelle die Flasche Wasser ab und drücke die Starttaste.
Das Laufband beginnt sich in Bewegung zu setzen. Zunächst ganz langsam. Und ich habe es nicht eilig, die Geschwindigkeit hochzudrehen.

Eine junge Frau besteigt das Laufband neben mir. Sie macht es an, und fängt sofort an zu laufen.
Ein Stück weiter von mir entfernt hat ein junger Mann das Laufband schräg gestellt, sodass er nach oben laufen muss.

Da soll sich bloß keiner einbilden, dass ich so einen Quatsch auch anfange. Dafür ist mein Gewicht zu groß und die Belastung auf den Kniegelenken wäre zu hoch.

Meine eine innere Stimme, der ‚Loser‘ bestärkt mich sofort: „Um Gottes Willen, fang langsam an, mach es dir erst einmal bequem auf dem Band. Steigern kannst du dich immer noch.“

Also laufe ich und schaue dabei auf die Straße. Ich beobachte die Leute. Gerade geht eine Frau vorbei. Sie hat ein enormes Übergewicht.

Sofort meldet sich meine zweite innere Stimme, ‚Schweinehund‘: „Na, da siehst du wie es ist, wenn du dich nicht anstrengst. Du siehst genauso aus wie die Frau und wirst auch so bleiben, wenn du nicht anfängst, die Geschwindigkeit hochzustellen.“

„Jetzt bleib‘ mal ganz ruhig. Immerhin stehe ich wenigstens auf dem Laufband und zeige Einsatz, um weiter mein Gewicht zu reduzieren“, sage ich zu ‚Schweinehund‘.

Aber ich fange trotzdem an, die Geschwindigkeit systematisch hochzudrehen. Das Band wird schneller und ich beginne darauf zu hin- und her zu schwanken.

Das Band quietscht laut. Wahrscheinlich denken die anderen, dass der ‚Dicke‘ zu schwer ist für das Gerät.
Schließlich schaue ich auf den Fernsehapparat, der an der Wand angebracht ist.

Dort trainieren Hochleistungssportler ihre Muskeln. Das motiviert mich. Ich drehe die Geschwindigkeit weiter hoch. Außerdem höre ich auf den Takt der Musik und passe mich in meinen Laufbewegungen daran an.

Ich bin drin, fühle mich als Teil des Trainingsteams im Studio, laufe leichter, beginne zu schwitzen.
Ich krieg‘ gute Laune.

SCHREIB-ALLTAG (5)

WIE DIE FIGUR DES ‚MANFRED GERBER‘ MIR HILFT, DIE TRAUER UM MEINEN VATER ZU BEWÄLTIGEN

Ich will künftig mittwochs weitere Texte zu „ANNA IST DEMENT“ veröffentlichen.

Wer meinen letzten Beitrag zum Redaktionsplan gelesen hat, der weiß, dass ich den schon wieder ein klein wenig verändert habe.
Dafür ‚Asche auf mein Haupt‘. Aber das kommt, weil ich zur Zeit intensiv darüber nachdenke, wie ich Ruhe und Kontinuität in die Sache bringe.

Und dann kommt oft genug das Gegenteil von dem raus, was ich will. Ich hoffe aber, kein Chaos.

Deshalb wird es jetzt so sein, dass ich montags den Platz für „Alltägliches“ reserviere, dienstags für „50 KILO ABNEHMEN“, mittwochs für „ANNA IST DEMENT“, donnerstags kommen Texte zum „SCHREIBALLTAG“ und freitags halte ich den Platz für Geschichten über „JEEPY“ frei.

Samstags und sonntags spanne ich am Pool im Garten aus. Ich meine damit das Planschbecken für Krümel.
Das hätte ich also geklärt.

Aber wie nun weiter mit meiner Geschichte?
Ich merke immer mehr, dass ich nicht umhin komme, meine Figuren sorgfältiger und ausführlicher zu charakterisieren.
Gestern rief mich meine Schwester an und fragte mich, ob ich nicht ein paar Worte am Grabe meines Vaters sagen wollte.

Will ich. Hoffentlich schaffe ich das emotional.
Weshalb kommt mir das gerade jetzt in den Sinn?

Naja, mein Vater ist eben einer der Protagonisten in „ANNA IST DEMENT.“

Bisher habe ich nicht viel über ihn geschrieben.
Die Geschichte soll ja fiktional bleiben. Aber es sind natürlich an den Figuren Züge von Menschen zu erkennen, die ich zum Vorbild nehme, wenn ich bestimmte Handlungsstränge weiter vorantreiben will.

Und das kann ich nicht immer aus dem Hut zaubern.
Nein. Ich werde um ausführliche Charakterskizzen nicht herumkommen.
Ich fange mit der Figur des ‚Manfred Gerber‘ an und werde dabei an meinen Vater denken.

Es wird mir helfen, mit meiner Trauer fertig zu werden.

 

ALLTÄGLICHES (2)

REDAKTIONSPLAN WIEDER EINMAL UMGESTOSSEN

Je mehr ich schreibe, desto intensiver denke ich zugleich darüber nach, in welcher Reihenfolge ich die einzelnen Themenfelder am besten bearbeite und die entsprechenden Artikel danach veröffentliche.

Ich möchte, dass diejenigen, die regelmäßig bei mir auf den Blog schauen auch wissen, was sie täglich erwartet.
Und vielleicht interessiert den einen Leser mehr das Alltägliche, einen anderen wiederum, wie ich mich beim Abnehmen quäle.

Die wenigsten werden alles lesen wollen, manch einer möchte vielleicht gar nichts mehr lesen, wenn er meine Texte studiert hat. Das ist das Leben.

Und so soll es ab jetzt sein:
montags ist Alltägliches dran; kleine Erzählungen aus dem Alltag, was mir durch den Kopf geht, was ich sehe und erlebe;

dienstags schreibe ich über meine Quälerei, um 50 Kilo abzunehmen;
Halleluja, das bleibt spannend, zumindest für mich;

mittwochs ist eine Familiengeschichte am Start; ich erzähle in kleinen Häppchen darüber, was passiert, wenn Familienangehörige von Demenz betroffen sind, wie das Leben trotzdem nicht nur von Kummer und Leid geprägt ist, sondern auch von Humor.


donnerstags lasse ich mich im Schreib-Alltag über meine Erfahrungen aus, wenn ich den Stift in die Hand nehme, auf die Tastatur der Schreibmaschine haue oder eben gleich meine Ideen und Phantasien über die Computertastatur eingebe, welches Handwerkzeug ich für meine Erzählungen benötige;

freitags gibt Jeepy in Form von kleinen Geschichten sein Bestes,

und samstags und sonntags halte ich die Füße hoch.
Und danach geht alles wieder von vorn los mit meinem Freund, dem Alltag.

JEEPY (31)

JEEPY LÄDT FIATINE EIN, MIT AN DIE OSTSEE ZU KOMMEN

Fiatine ist traurig. Jeepy hat nicht Wort gehalten.
Er hatte ihr versprochen, dass er sie ins Fitness-Center mitnehmen wollte.

Aber Jeepy hat den Kopf voll. Er musste seinen Fahrer nach Dresden fahren, und zwar viele Male. Nächste Woche wieder.

„Fiatine, sei nicht traurig. Bald fahren wir in den Urlaub und vielleicht kannst du ja mit uns mitkommen.“

„Au ja, wohin fahrt ihr denn?“
„Wir wollen an die Ostsee. Wir nehmen Krümel mit und ihre Mama“, sagte Jeepy.

„Geht ihr denn richtig baden?“, fragte Fiatine.
„Natürlich, was für eine Frage. Alle gehen rein.“
„Du auch?“

„Nein, Autos dürfen nicht ins Wasser.“
„Warum nicht?“
„Weil sonst das Wasser schmutzig wird. Und stell dir vor, hinterher badet Krümel darin.“

„Ja, du hast Recht. Aber können wir nicht was anderes in der Zeit machen?“, fragte Fiatine.
Jeepy überlegte.

„Naja, wir könnten in die Waschanlage fahren und uns in der Zeit mal eine Abkühlung holen. Und danach müssen wir uns nicht einmal abtrocknen.
Wir werden trocken gefönt.“

„Das machen wir“, rief Fiatine.
„Und hast du schon jemand, der mich kaufen will?“, fragte sie noch.
„Ja, ich habe da einen Mann im Auge. Der leitet einen großen

Einkaufsmarkt. Ich glaube, der interessiert sich für einen kleinen Fiat mit einem himmelblauen Kleid.“

„Oh bitte, bitte, frag‘ ihn“, bettelte Fiatine.
„Ja gut, ich werde mal sehen, was sich machen lässt“, antwortete Jeepy.

 

50 KILO ABNEHMEN (3)

ZWEI SCHRITT VORWÄRTS, EINER ZURÜCK

Manchmal stehst du morgens auf und du möchtest am liebsten gleich wieder nach hinten umfallen.

Das habe ich auch getan. Also war Klara eine Stunde später auf Arbeit und ich auch, nur ich nicht auf Arbeit, sondern im Fitness-Center.

Ich bin im Studio den Gang hinuntergelaufen. Und ich habe mich gefragt, ob ich gleich wieder umdrehe und gehe. Ich hab‘ genau das getan. Ich glaub‘ es selber nicht, was ich für eine Flasche heute war.

Ich denke ununterbrochen an meinen Vater, der nun nicht mehr ist und ich habe gleich keinen Antrieb mehr. Also bin ich zurückgefahren, nach Hause und habe erst einmal die Zeitung gelesen.

Ich dachte, ich würde den Tod meines Vaters besser verkraften, denn ich wusste es ja bereits seit längerem, dass es mit ihm zu Ende geht.

Aber dann tritt es ein und du fragst dich, was eigentlich noch wichtig ist im Leben. Gestern Abend habe ich ein Glas Rotwein getrunken und an meine Kindheit gedacht.

Heute Morgen wog ich 200 Gramm mehr als es gestern der Fall war. Da waren es noch 124, 2 und heute sind es schon wieder 124,4 Kilo.

So schnell geht das, wenn du dich hängen lässt. Ich werde die ‚Kurve‘ wieder kriegen, werde weitertrainieren, mich an Krümel freuen, wieder abnehmen, damit ich noch möglichst lange mit Krümel auf dieser Erde Quatsch machen kann.

50 KILO ABNEHMEN (2)

DIE MÜHEN DER EBENE HABEN BEGONNEN

Am vergangenen Mittwoch wog ich 123,0 Kilo.
Das war für mich ein toller Erfolg, waren es doch am 29.06.2019 noch 127 Kilogramm.

Aber ich habe das Gewicht nicht halten können.
Heute am Montag, den 08.07.2019, sind es bereits wieder 125,2 kg.

Was ist schief gelaufen?
Ich bin leichtsinnig geworden, habe mal Abendbrot gegessen, obwohl ich das nicht mehr wollte und auch Kekse zum Kaffee gegessen.

Am Wochenende dann war ich in Dresden, bei meinem Vater. Es geht ihm sehr schlecht. Die Ärzte sagen, dass es zu Ende geht. Das alles hat mich so mitgenommen, dass ich abends zwei Gläser Rotwein getrunken habe.

Und schon waren die 123,00 Kilo wieder hin.
Es gibt in diesem Zusammenhang trotzdem etwas Positives:

Ich habe mein Ziel erreicht, denn ich will jeden Tag 100 Gramm abnehmen.

Heute sind als Soll 126,1 kg notiert.
Tatsächlich bin ich aber bei 125,2 kg, also bereits 1,8 kg unterhalb dessen, was ich laut meiner Liste wiegen darf.

Allerdings sehe ich mal wieder, wie schnell es auch wieder in die andere Richtung gehen kann.

Diese Woche will ich das Gewicht halten, nicht über 125,5 Kilo kommen – denn das ist mein Listenziel, wenn ich weiter davon ausgehe, täglich 100 Gramm abzunehmen.
Optimal wäre es, wenn ich bis nächsten Montag unter 125,0 kg komme.

Hier meine Liste, auf der ich täglich den Verlauf notiere. Ich will sie einfach einhalten, kein Schnickschnack, damit ich morgens schon mit Bleistift die Daten notieren kann.

ALLTÄGLICHES (1)

WIEVIEL FREUNDE HAT MAN IM LEBEN WIRKLICH?

Wer kennt das nicht, dass jemand so nebenher hinwirft: „Ich habe da einen guten Freund.“
In Wirklichkeit meint er vielleicht: „Wen ich den frage – ja, der hilft mir sofort. Von dem bekomme ich das ganz leicht.“

Oder solche Sätze: „Freunde von mir sagen…“
Ich bin da misstrauisch. Meine Erfahrung im Leben ist eine andere.
Ich hatte im Leben immer sehr wenige Freunde.

Klar, ich hatte stets gute Bekannte, Verwandte, zu denen ich ein ausgesprochenes freundschaftliches Verhältnis pflege.

Mein Schwager zum Beispiel ruft mich manchmal an und wir tauschen uns aus, wie wirkliche Freunde.

Oder natürlich: Meine Frau ist mein bester Freund.
Sie gibt wenig Ratschläge, redet sparsam, aber was sie sagt, das ist nicht ausgefeilt, doch es hat „Hand und Fuß“, wie der Volksmund sagt.

Aber außerhalb der Familie, da habe ich nur einen einzigen Freund.
Mit dem habe ich mich gerade richtig gefetzt.

Es ging um Ansichten darüber, wie man trainiert, wie man über die Jahre zu Höchstleistungen kommt, und wie man auf dem Boden bleibt, wenn man es geschafft hat.

Er sagte zu mir: „Das ist bei dir nicht schwer, am Boden zu bleiben, denn du hast das richtige Gewicht dafür.“
Das hat mich getroffen. Vor allem weil er ja recht hat mit meinem Übergewicht.

Also habe ich ihm zurückgeschrieben, dass mir manchmal seine Attitüden auf die Nerven gehen. Klara sagt: „Du kannst alles sagen und schreiben, aber leg‘ den Vorschlaghammer weg. Sonst ist hinterher keiner mehr am Leben, den du deinen Freund nennen kannst.“

Sie hat natürlich ins Schwarze getroffen, auch wenn ich keinen Vorschlaghammer genommen habe.
Nur einen schweren Säbel, während der andere ein Florett in der Hand hielt.

Ich sehe das immer alles ein, hinterher. Wie gesagt, wenn der Freund schwer getroffen wurde.
Erst dann werde ich wieder weich.

Schrecklich. Ich hasse diese Schwäche an mir. Aber wie gesagt, erst hinterher, leider.

Gibt es daran auch was Gutes?
Ja. Ich glaube nämlich, dass Freundschaft etwas ist, was nicht aus flüchtigen Umarmungen besteht.

Ich habe meinen Freund und seine Familie in einer Zeit kennengelernt, in der es mir nicht gut ging.
Trotzdem war er für mich da, hat geholfen.
Und ich war für ihn da.

Erst so wurde überhaupt eine Freundschaft daraus.
Sie ist mit Schweiß und Tränen in so manchen Stein gemeißelt.
Deshalb kann mein Freund heute zu mir sagen, was er will. Ja, er kann mir die Freundschaft kündigen. Ich nehme das einfach nicht an.
Manchmal verletzt man sich gerade dann tiefer, weil man sich eben näher steht.

Wichtig ist, dass man wieder auf einander zugeht.
Und dann merke ich umso mehr, wie wichtig mir dieser eine Freund ist.

JEEPY (30)

JEEPY IST GENERVT VOM FITNESS-CENTER

„Hallo Jeepy, wie geht es dir?“, ruft Fiatine schon von weitem, nachdem sie ihn im Autohaus entdeckt hat.

„Och, ganz gut“, murmelt Jeepy. Er wirkt erschöpft.
„Geht es dir wirklich gut?“, fragt Fiatine erneut.
„Ja, ich bin nur gerade ein wenig aus der Puste, weil ich mit dem Fahrer im Fitness-Studio war.“

„Du warst im Fitness-Studio?“, Fiatine kann es nicht glauben.
„Naja, mein Fahrer bringt morgens seine Frau zur Arbeit, nach Berlin-Mitte.“

„Und dann?“, fragt Fiatine.
„Dann, ja dann…“, hebt Jeepy bedeutungsvoll die Stimme und fährt fort: „Dann düsen wir zurück, aber nur ein kleines Stück. Wir fahren durch den Autotunnel am Alex, danach über die Kreuzung und biegen wieder nach links ab, um dann gleich in die Tiefgarage zu fahren.“

„Oh, wie spannend“, quietscht Fiatine vor Vergnügen.
„Spannend, was ist da spannend dran?“, fragt Jeepy.
„Was du alles erlebst, das ist doch wunderbar.“

„Was ich erlebe?“, fragt Jeepy.
Und weiter: „Jetzt pass mal auf – mein Fahrer bugsiert mich um die Ecken und fährt stets eine Ebene tiefer, sodass ich jedes Mal Angst habe, dass ich mit meinem zarten Autokörper an einer Wand entlangschramme, oder mir eine Beule hole.“

„Hast du das denn schon mal dem Fahrer gesagt?“
„Ach der, der sagt, wir müssten stets an der gleichen Stelle stehen, denn dann würden wir uns an die Kurven gewöhnen und wüssten, wie wir einparken müssen.“

Fiatine ist eine Weile still und sagt: „Gar nicht so doof, dein Fahrer.“
„Und was passiert dann?“, hakt Fiatine weiter nach.
„Was soll schon sein? Der Fahrer holt seine Tasche raus, geht nach oben, und ich, ja ich muss fast zwei Stunden auf ihn warten.“

„Das ist ja langweilig!“, sagt Fiatine empört.
„Vielleicht kannst du ja mal mitkommen“, meint Jeepy.
„Oh ja, das müssen wir machen“, ruft freudig Fiatine.
Jeepy schmunzelt.

„Warum lachst du?“, fragt ihn Fiatine.
„Nein, ich musste nur daran denken, dass mein Fahrer heute erzählt hat, dass das Laufband so geknarrt hat, als er darauf war. Das war ihm peinlich, denn mit seinen vielen Kilos tanzt er bestimmt darauf wie ein dicker Bär.“

„Lach‘ ihn nicht aus, denn deswegen ist er ja im Fitness-Center.“, nimmt da Fiatine den Fahrer in Schutz.

„Und manchmal, da spielt die Musik so laut, dass ich sie sogar auf der zweiten Ebene der Tiefgarage höre“, sagt Jeepy.
„Und was machst du dann?“, fragt Fiatine.

„Ich hebe meine Vorderräder an und tanze hier unten mit.“
„Das will ich auch. Lass mich das nächste Mal mitbekommen“, ruft da Fiatine begeistert.

„Ja, dann ist es bestimmt auch nicht so langweilig“, sagt Jeepy und fährt wieder aus dem Autohaus heraus.
Fiatine winkt ihm hinterher. Sie ist ein wenig traurig, denn sie ist ja noch nicht verkauft und muss deshalb im Autohaus bleiben.

SCHREIB-ALLTAG (4)

MEIN NEUER REDAKTIONSPLAN

Ich habe mir eine Struktur in der Veröffentlichung meiner Texte gegeben.
Warum?
Weil ich mich selbst mehr erziehen will.
Klingt gut, oder?

Wozu eigentlich? Na, zu mehr Disziplin.
Und: Weil ich denjenigen, die auf dem Blog oder bei Facebook regelmäßig vorbeischauen, einen besseren Überblick verschaffen will.

Manch einer interessiert sich vielleicht nur für das Alltägliche, also das, was mir förmlich auf der Straße in die Hände fällt, und was ich dann nur ‚noch‘ aufschreiben muss.

Das will ich montags tun. Dienstags und mittwochs schreibe ich über meinen Kampf, 50 Kilo abzunehmen.
Dazu zählen die Erlebnisse im Fitness-Center oder meine ‚Sünden‘ in der Ernährung, einfach meine Rückschläge und Erfolge.
Donnerstags ist ‚ANNA IST DEMENT‘ dran.

Das ist eine Geschichte. Ich erzähle über die täglichen Sorgen, das Weinen und Lachen einer ganz normalen Familie, die Erinnerungen darüber, wie es früher war und das Leben heute.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht ‚Anna‘, die an Demenz erkrankt ist, die ihre Familie auf Trab hält und trotzdem von Liebe und Fürsorge umgeben ist.

Die Personen und die Szenen sind frei erfunden, fiktional, wie der Autor wohl sagt. Und trotzdem haben sie einen realen Hintergrund.
Es geht nicht darum, irgendwelche Personen nachzuzeichnen, damit sie von anderen Menschen erkannt werden.

Nein, es geht zunächst um die Unterhaltung beim Lesen, aber auch darum, wie vielen Menschen es so ergeht, dass sie sich um dementiell erkrankte Familiengehörige kümmern müssen, nicht den Humor darüber vergessen und einfach auch mal oder gerade deshalb lachen können.

Es geht stets um Wertschätzung. Doch es geht ebenso darum, die Härte dieses Alltags zu beschreiben, wie die Krankheit oft schon alles infiltriert und wie die Erinnerungen und Erfahrungen aus der Vergangenheit der Familie in die Gegenwart geholt werden, sie ein Stück bestimmen.

Am Freitag schreibe ich über meinen Alltag beim Schreiben, was ich so beachten muss, was ich plane, zum Beispiel, so wie heute den Redaktionsplan.

Ich will gleichzeitig zeigen, dass sich Texte leicht lesen lassen müssen, dass sie einfach formuliert sind, und ich schreibe darüber, wie schwer mir das manchmal fällt.

Das ist sicher nicht für jeden etwas, aber manch einer, der sich selbst quält, der will natürlich wissen, wie es andere Schreiber hinkriegen oder ‚versemmeln‘.

Schreiben lernt man nur durch schreiben.
Richtig? Auf jeden Fall. Ich lerne aber das Schreiben auch dadurch, dass ich viel über das Schreiben anderer Autoren lese und lerne.
Vielleicht ist das nicht so interessant.

Trotzdem will ich es hier mit unterbringen, denn manch einen Leser interessiert es vielleicht doch.

Samstags beschließe ich die Woche mit ‚JEEPY‘, einer kleinen Kindergeschichte, natürlich ebenfalls gern für Erwachsene.
Das soll künftig der Plan sein.

Gibt es Ausnahmen?
Na klar. Wenn ich zum Beispiel über die Gespräche mit der Prima Ballerina berichte. Ich war ja gerade bei ihr und sie hat mir von der Geburt des kleinen Williams erzählt – von ihren Schmerzen und ihren Glücksmomenten.

Kann auch mal gar nichts erscheinen?
Ja, wenn ich durch mein Abnahmeprogramm morgens vor Hunger geschwächt aufwache und die Tastatur nicht anheben kann oder vorher meinen Füller nicht aufgedreht bekomme.

Oder ich habe mir einen Kreuzbandriss im Fitness-Center zugezogen. Vielleicht bin ich ja auch im Urlaub, meistens auf Rügen, meiner Lieblingsinsel, in Sassnitz, meiner Lieblingsstadt, und ich einfach lieber auf die See schaue, die Seele baumeln lasse.

Das geht da oben am besten.
Wie auch immer. Ich freue über jedes Interesse, jeden Kommentar, jeden Like von euch. Glaubt mir.

Wir können das meiste auf dieser Welt wenig, nur ganz schwer oder gar nicht beeinflussen. Aber gerade darum ist der eigene Alltag so wichtig, ihn selbst zu schätzen, daraus sein Glück zu ziehen, sich nicht unterkriegen zu lassen und einfach nie das Lachen zu vergessen.

Das ist das Ziel meines Schreibens, der Sinn meines Alltags. Und wenn wir nur einmal innehalten, ein paar Zeilen überfliegen, schmunzeln, weitermachen, dann ist alles erreicht.