Anna ist dement (10)

Nur noch 3000 Euro auf dem Sparkassenbuch

„Wollen wir die Umstellung beantragen?“ Die Postangestellte reißt Klara aus ihren Gedanken.
„Ja, wir machen das“, sagt Klara.
Während die Mitarbeiterin den Antrag vorbereitet, denkt Klara an den Anfang des Jahres zurück.
Klara war bei Anna zu Besuch in Stralsund. Sie saßen beide abends vor dem Fernsehapparat. Anna war unruhig.
Sie schoss förmlich aus dem Sessel heraus und fiel fast in die Anbauwand, so viel Schwung hatte sie genommen.
„Mutti, bleib doch mal sitzen. Ich kriege gar nichts vom Film mit.“
„Ja, weißt du Klara, ich will dir nur was zeigen.“
Sie kramte in einer kleinen Schublade, in der sie alles Mögliche verstaut hatte.
Jetzt holte sie ein kleines Fotoalbum heraus, setzte sich wieder auf ihren Platz und fing an, darin zu blättern.
„Klara, schau mal, hier bist du noch ganz klein.“
„Ja, Mutti“, quälte Klara mühsam hervor. Klara kannte alle Bilder.
Sie hatte sie schon sooft ansehen müssen, dass sie sogar wusste, in welcher Reihenfolge die Bilder eingeklebt waren.
„Ich lege jetzt mal das Fotoalbum zurück und wir schauen uns das Ganze morgen noch einmal in Ruhe an.“
Anna antwortete nicht. Ihre Mundwinkel waren heruntergezogen.
Sie konnte Klara nicht verstehen.
Am nächsten Morgen ging Klara an die Schublade.
„Suchst du das Fotoalbum?“
„Nein, Mutti, ich suche dein Sparkassenbuch.“
„Warum?“
„Weil ich schauen will, ob alles in Ordnung ist.“
„Natürlich ist alles in Ordnung.“
Klara antwortete nicht. Sie zog das Sparbuch heraus und blätterte auf die letzte Seite.
„Hier stehen ja nur 3000 Euro, Mutti. Hast du etwas abgehoben?“
„Nein, ich habe nichts abgehoben!“

„Aber Mutti, hier waren über 50.000 Euro drauf. Das weiß ich genau.“ Klara schaute ihre Mutter an.
„Ja, ich weiß auch nicht“, antwortete Anna und blickte Klara fragend und zugleich ratlos an. „So, jetzt können Sie hier den Antrag unterschreiben. Die Umstellung der Post läuft dann für ein halbes Jahr“, die Schalterangestellte rief Klara in die Gegenwart zurück.
Klara war wieder aus dem Postamt raus. Sie musste an den Ärger denken, der mit dem Sparbuch verbunden war.

 

 

Anna im Hafen

© Kristina Müller

Anna saß auf einer Bank im Hafen und schaute Gedanken verloren auf die Schiffe, die träge auf dem Wasser schaukelten. Touristen in kurzen Hosen, Röcken und T-Shirts liefen an ihr vorbei und machten hier und dort ein Foto, während andere sich an einem der letzten Kutter ein Fischbrötchen holten. Hier am Wasser war es bei der Hitze noch am ehesten auszuhalten, da immer etwas Wind ging. Doch Anna beachtete die vielen Menschen gar nicht. Sie schwelgte in Erinnerungen an ihre Kindheit, als es hier noch viele Kutter und kleine Fischerboote gab, die früh morgens auf die Ostsee schipperten und mit mehr und manchmal weniger Beute zurückkehrten. Ihr Stiefvater Wolf und ihr Onkel Gottfried waren Fischer. Auf dem Hof ihres Onkels und ihrer Großmutter, nur Öming genannt, war Anna aufgewachsen und spielte oft in dem alten Schuppen, wo Gottfried die Netze für die Ausfahrten aufbewahrte. Sie erinnerte sich zu genau an den Geruch und ein zufriedenes Lächeln umspielte ihre Lippen. Ihre Mutter Heide und Öming saßen im Hof an eben solchen warmen Sommertagen wie heute und nahmen die Fische aus, welche nicht in den direkten Verkauf gingen. Allein für den Zweck gab es einen Tisch, der nach all den Jahren auch nach gründlicher Reinigung immer wieder Spuren von Blut und Schuppen aufwies. Andere Kinder hätte solch ein Anblick vielleicht verstört, aber Anna war so aufgewachsen und daher behielt sie solche Details in guter Erinnerung. Sie hatte trotz Kriegszeiten und dem Weggang ihres Vaters eine wirklich schöne Kindheit ohne viele Sorgen verbracht, an die sie zu gern zurück dachte. Sie seufzte leicht und ließ den Blick wandern, ehe er an einem Eisverkäufer hängen blieb. Sie nickte innerlich und erhob sich von ihrem Ausguck. Langsam ging sie zu dem Stand und ließ sich ein Leckeis, wie sie es nannte, geben. So konnte sie der Hitze wenigstens etwas entgegen wirken, ehe der kalte Ostwind in ein paar Monaten wieder Schnee und Eis in den Hafen wehte.

Copyright Kristina Müller
Anna ist Dement
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Anna ist dement (9)

Die Betreffzeile

„Dann wollen wir das jetzt auch umbestellen – zu meinem Bruder – die  Einwilligung meiner Mutter liegt vor.“
Klara hatte sich die Vollmacht schriftlich geben lassen.
„Mutti, wir wollen dir helfen, zu verstehen, was du für Post bekommst und dann gemeinsam entscheiden, was wir damit tun.“
„Warum?“ Anna will nicht verstehen.
„Ich lese dir doch die Post immer vor, abends, wenn ich anrufe.“
Klara konnte Anna nicht sagen, wie sehr sie genervt war davon, wenn ihre Mutter begann, die Briefe vorzulesen.
„Ihr Ansprechpartner: Frau Sammredt. Jetzt die Adresse…“
„Mutti!“, unterbrach Klara Anna beim Vorlesen.
„Du musst mir jetzt nicht alles vorlesen. Lies doch einfach die Betreffzeile vor.“
„Betreffzeile?“
„Ja. Dort steht doch irgendwo ‚Betreff‘, und den Text danach, den kannst du mir ja noch einmal vorlesen.“
„Ich finde das nicht!“
„Aber Mutti“, Klara ist verzweifelt, „schau doch einfach die Zeilen von oben nach unten durch!“
Jetzt ist Anna völlig durcheinander.
„Ich versteh‘ gar nicht, warum die mir diesen Scheiß schicken.“
Briefe mit behördlichem Inhalt oder von der Bank, ja das war wirklich ein Scheiß. Anna empfand das so.
Die andere Post, die mit den bunten Briefumschlägen, die war viel angenehmer. Die schrieben so nett – „Liebe Frau Sturm, wir freuen uns…“
Ja, da freute sich Anna auch.
„Lass doch deine Mutter alles vorlesen. Und danach sortierst du für dich, was wichtig und unwichtig ist.“ Jetzt mischte sich Peter ein.
„Du hast mir mit deinen Ratschlägen gerade noch gefehlt. Willst du jeden Abend mit deiner Schwiegermutter telefonieren?“
Das wollte Peter nicht. Er schwieg jetzt besser.
„Du musst zu deiner Mutter fahren und dir eine Vollmacht geben lassen“, sagte er noch.
„Das brauche ich nicht. Die habe ich mir vor geraumer Zeit schon vorsichtshalber geben lassen.“

Anna ist dement (8)

Die Anzeichen mehren sich

Anna zeigt immer mehr Anzeichen von Demenz. Es fällt schwer, das zu akzeptieren.
Doch die Signale dafür häufen sich. Anna kann nicht mehr unterscheiden, was von der Post wichtig ist und was gleich in den Papierkorb kann.  Werbebriefe, die nimmt sie für bare Münze, denkt, sie müsse diese unbedingt beantworten. Dort stand ja: „Liebe Frau Sturm, wir freuen uns auf Sie.  Schicken Sie die die Rückantwort noch heute ab. Ein wunderschönes Gratis-Geschenk wartet darauf, von Ihnen in Empfang genommen zu werden, liebe Frau Sturm!“
„Da muss man doch antworten“, meint Anna. Und sie wird böse, wenn man ihr nicht zustimmt.
Klara geht in das Hauptpostamt in der Friedrichstrasse und schildert ihre Situation. „Meine Mutter gibt ununterbrochen Geld aus, kauft eine Bluse nach der anderen.  Was soll ich nur tun?“
„Ich weiß genau, wovon Sie sprechen.“ Die Schalterangestellte zeigt viel Verständnis.
„Mein Vater hat die Post versteckt. Er hat keine Briefe, keine Mahnungen mehr geöffnet.  Nur durch Zufall kamen wir dahinter. Und das nur deshalb, weil uns der Stromanbieter informiert hat, dass sie den Strom bei ihm abstellen wollen.“
„Und was haben Sie daraufhin getan?“
„Wir haben uns von meinem Vater eine Vollmacht geben lassen, dass wir die Post zu uns umleiten können und ihm danach die Briefe aushändigen.“
„Was hat er gesagt?“
„Ihr wollt mich alle betrügen und ruinieren. Wenn das eure Mutter noch erlebt hätte! Schämt euch!“ Klara schaute ungläubig. „Das ist ja furchtbar.“
„War es auch. Schließlich aber hat er eingewilligt.“

Anna ist dement (7)

Im Wartezimmer von Dr. Silberfisch

Klara fährt nächste Woche nach Stralsund. Sie will es ihrer Mutter nicht sagen.  Sondern: Sie will – gemeinsam mit ihrem Bruder Lukas – zu Dr. Silberfisch.
Sie wollen ihn um Rat fragen, was sie tun können wegen ihrer Mutter Anna. Dr. Silberfisch steht bei Anna hoch im Kurs.
Wie es umgekehrt ist, das wissen sie nicht. Aber für Anna ist es ein Höhepunkt, wenn sie zu ihm in die Praxis gehen kann.
Sie kennt sich dort aus. Früher war dort mal eine Drogerie drin. Anna hat dort als Verkäuferin gearbeitet.
Und Anna kommt heute noch ins Schwärmen, wenn Sie daran zurückdenkt.  Sie fängt gleich im Wartezimmer an zu erzählen, was dort früher war und wie die einzelnen Räume aufgeteilt waren.
„Und da oben, da haben wir immer Mittag gemacht, Schwester.“
„Ach ja“, sagt Schwester Erika und verdreht die Augen verstohlen zu ihrer Kollegin.
Anna weiß nicht, dass sich die Schwestern heute Praxishelferinnen nennen. Und das stört sie auch nicht im geringsten.
„Manchmal, da haben wir dort auch Kaffee getrunken und Kuchen gegessen“, fährt Anna unbeirrt fort. „Ach, das war schön.
Und die Kunden mochten uns“, meinte sie.
„Frau Sturm, der Doktor wartet jetzt auf Sie. Bitte gehen Sie doch durch.“
„Ja, das mach‘ ich doch glatt.“ Anna ist im Arztzimmer verschwunden. „Sooo…“, sagt Schwester Erika – also die Praxishelferin Erika.
„Das hätten wir jetzt wieder.“
„Na ja, wer weiß, wie wir mal werden“, meint ihre Kollegin.
„Meinst du?“
„Na ja“, seufzt Erika, „ich will‘ s nicht hoffen.“

Anna ist dement (6) – Berta hat aufgelegt

Anna ruft an: „Es war schön gestern bei der Diamantenen Hochzeit.“
Anna hatte vergessen, dass Klara zur Arbeit gefahren war und dachte, sie träfe sie am Telefon an. Jetzt musste sie mit ihrem Schwiegersohn vorlieb nehmen.
„Hattet ihr denn auch Musik?“, fragte Peter.
„Ja, Berta hat aufgelegt.“ „Oh, Donnerwetter!“, staunte Peter und musste schmunzeln.
Aufgelegt – war das nicht ein Begriff, der längst vergangen war? Oder ist er gerade hip, wenn man an die heutigen Veranstaltungen denkt, wo der DJ auflegt?
Jedenfalls: Anna sprach und dachte modern.
Trotzdem: Wahrscheinlich war das  ein ganz normaler Recorder, auf dem die Musik spielte und zwischendurch die CD’ s gewechselt wurden.
Und das tat eben Berta.
„Waren denn Gäste da, die wir kennen?“, fragte Peter weiter. Anna überlegte kurz und sagte: „Nein, keine.“
Da war er wieder der Gedächtnisverlust. Peter und Klara kannten bestimmt über die Hälfte derjenigen, die dort Gäste waren.
„Wie heißt noch gleich die Tochter von Berta, ich komme einfach nicht drauf“, fragte Peter jetzt.
„Na, Cornelia, das musst du doch wissen?“, sagte Anna vorwurfsvoll.
Ja, Anna hatte Recht. Peter musste und konnte es wissen.
Anna konnte es im ersten Anlauf nicht wissen, dass es jemand war, den Peter und Klara kannten, und sie musste es vielleicht auch nicht mehr.

Anna ist dement (5)

Sie haben gewonnen, Frau Sturm!

„Ich hab‘ da vielleicht wieder eine Aufregung“, sagt Anna. Sie hat Klara angerufen, eben wie immer täglich, gegen Abend.
„Was denn für eine Aufregung?“, fragt Klara. „Na, ich habe schon wieder 8000 Euro gewonnen.“
„Mutti, du hast nicht gewonnen. Das ist ein Werbebrief. Und wenn du weiter unten liest, dann siehst du, dass du die Chance hast, zu gewinnen.  Eventuell. Aber das ist eher unwahrscheinlich.“
„Ich lese dir jetzt mal vor, was hier steht.“
Anna fängt an, den Werbebrief vorzulesen: „Liebe Frau Sturm, freuen Sie sich! Sie haben gewonnen…
Schicken Sie die Antwort noch heute zurück, und: Vergessen Sie nicht, den beiliegenden Bestellschein auszufüllen… Sobald wir Ihre Rückantwort erhalten haben, sind Sie mit dabei – bei der großen Verlosung für den Hauptgewinn in Höhe von 8000 Euro…Also schicken Sie den Brief noch heute ab, liebe Frau Sturm.“
Klara hat bis zum Schluss gewartet. Sie war dem Rat von Peter gefolgt und hatte ihre Mutter nicht unterbrochen.
Doch es fiel ihr schwer, ruhig zu bleiben, zuzuhören, nicht hineinzureden.
Doch nun platzte es aus ihr heraus: „Mutti, wir haben doch schon so oft darüber gesprochen.
Das ist ein Werbe-Gag. Du bist eine von Tausenden, die wie du diese Post erhalten haben.  Der Brief erfüllt nur einen einzigen Zweck: Du sollst wieder eine Bluse bestellen, verstehst du das?“
„Ja, aber hier steht, ich habe gewonnen.“
„Mutti, jetzt zerreiß den Brief, und wirf‘ ihn in die Tonne!“
„Meinst du wirklich?“ „Ja!“
Klara konnte nicht mehr. „Du erreichst nichts, wenn du auf diese Art mit deiner Mutter sprichst.  Anna hat doch jetzt nur ein schlechtes Gefühl, weiß aber nicht so richtig warum und wird dir beim nächsten Mal gar nichts mehr erzählen.“ Peter versuchte Klara zu erklären, dass sie so nicht weiterkam.  „Du hast gut reden. Du redest ja nicht jeden Abend mit ihr.“
Klara war bedient.

 

Anna ist dement (4)

Heute ist Christi Himmelfahrt. Manche sagen auch Vatertag oder Herrentag.
Der Tag, an dem man mit dem Bollerwagen durch die Straßen ziehen kann und schmutzige Lieder grölen muss, um ernst genommen zu werden.
Peter hat keine Lust darauf. Er freut sich auf seinen Schreibtisch. Er kann heute in Ruhe die Sachen ordnen, vielleicht ein wenig schreiben, aber eben ohne Druck und ohne, dass er angerufen wird und selbst jemanden anrufen muss.
Laura ruft an. Sie gratuliert zum Vatertag. „Danke“, brummt Peter. Er ist noch nicht ganz da und sitzt am Frühstückstisch.
„Na, ich bin gespannt, ob deine Mutter heute anruft.“
„Das hat dich doch bisher eher gestört, wenn dich deine Schwiegermutter angerufen hat und zum Herrentag gratulierte“, sagte Klara.
„Na so ist es ja nun auch nicht. Ich habe mich schon gefreut.“
Aber das Telefon bleibt stumm. Anna hat den Tag schlichtweg vergessen.
Sie hat auch vergessen, ihrem Sohn Lukas zu gratulieren.
Lukas wohnt in Stralsund, ganz in ihrer Nähe. Er hat ein Haus mit einem Hof.  Anna geht dort täglich vorbei. Und an solchen Tagen hat sie Lukas meist eine Packung mit alkoholfreiem Bier mitgebracht.
Klara ruft bei Lukas an: „Hat Mutti dich angerufen und gratuliert?“
„Nein, hat sie nicht.“
Peter ist geschockt. Wieder mal ist es ein sicheres Zeichen dafür, dass Anna mehr und mehr vergisst. Klara nimmt den Hörer noch einmal in die Hand und fragt Anna direkt: „Mutti, du weißt schon, dass heute Vatertag ist, oder?“
„Ja, ja weiß ich“, beteuert sie. „Also grüß‘ Peter schön.“
„Das hat sie doch sonst immer selbst gemacht und mir gratuliert.“
Jetzt war Peter doch ein wenig beleidigt, obwohl er wusste, dass es einen Grund dafür gab.
Einen Grund, für den Anna keine Schuld traf.

Anna ist dement (3)

Laura ist zu Besuch, Teil 2

Sonntagabend. Klara hatte noch einmal bei Anna angerufen. Sie wollte nicht, dass ihre Mutter nun vielleicht durcheinander war, weil Laura am Telefon nicht richtig aufgeklärt hatte, dass sie unverhofft aus Berlin zu Besuch gekommen war. Es war für keinen leicht, mit der Demenz von Anna umzugehen. Nicht für Klara, für Peter nicht und auch nicht für Laura. „Du musst mit Oma gehirngerecht kommunizieren.“ „Papa, was ist das für ein Quatsch“, protestiert Laura. „Ja, wahrscheinlich hast du Recht. Was ich damit sagen will: Oma kann nicht mehrere Informationen gleichzeitig verarbeiten. Das verwirrt sie.“ „Was meinst du?“, fragt Laura. „Nun, du gehst an unser Telefon.
Für Oma müsste jetzt Mama am Hörer sein. Stattdessen hört sie deine Stimme. Für sie wohnst du in Berlin und bist jetzt auch in Berlin. Wir wiederum sind für sie da, wo sie jetzt anruft. Also solltest du erst einmal sagen, dass du bei uns spontan zu Besuch bist.“ „Spontan zu Besuch?“, fragte Laura dazwischen. „Das versteht sie doch erst recht nicht.“ „Aber stell dir vor, du würdest die Informationen per Rohrpost versenden – ein Satz folgt auf den anderen, und sie gehen alle in die gleiche Richtung. Da kannst du ja auch nicht mit dem letzten Satz anfangen, sondern du schiebst den ersten Satz zuerst durch.“
„Na gut Papa, das ist mir zu blöd.“ Peter schwieg. Laura lag richtig. Er war eben auch nicht trainiert auf die Kommunikation mit demenzkranken Menschen.

© Dr. Uwe Müller

Anna ist dement (2) – Laura ist zu Besuch, Teil 1

Abends rief Anna an. Laura ging ran und sagte: „Hallo Omi!“ Am anderen Ende kam keine Antwort. Sie zögerte. „Wieso ist Laura dort? Die wohnt doch in Berlin?“ Anna brauchte um zu verstehen, dass Laura zu Besuch war.
Ihr Koordinatensystem war durcheinandergebracht. „Wo ist denn dein Freund? Ist der nicht mit?“ Jetzt hatte Anna offensichtlich wieder den Durchblick.
Sonntagmorgen. Peter ist in Richtung Schorfheide gefahren. Er liebt die Gegend. Kurz vor Zerpenschleuse biegt er nach links ab. Er bleibt mit dem Auto oben stehen, steigt aus und holt die Stöcke für Nordic Walking aus dem Kofferraum. Peter blickt aufs Wasser und er bekommt sofort gute Laune. Die Sonne scheint, es ist ruhig, der Kiefernwald duftet. Neben ihm liegt ein Plastiksack, den offensichtlich Leute dorthin verfrachtet haben. Peter ärgert sich. Früher hätte er sich nicht darüber aufgeregt, heute aber schon. Er versteht nicht, dass manche Menschen so faul sind und den Müll ordentlich entsorgen. Peter legt die Schlaufen von den Stöcken an und läuft los. Man müsste eher sagen, er latscht los. Er braucht immer ein bisschen, bis er auf Betriebstemperatur ist. Ihm entgegen kommt ein Fahrradfahrer in kurzen Hosen und kurzem Hemd. Der starrt ihn an. „Guten Tag!“ Peter grüßt jeden, wenn er jemanden trifft. Aber er stellt fest, dass immer weniger so freundlich angesprochen werden wollen. Also macht er es auch schon nicht mehr durchgehend bei jedem. Aber heute ist Sonntag. Da grüßt er beim Laufen jeden. Auf dem Fluss ist ein Motorengeräusch zu hören. Ein Boot kommt ihm entgegen. Die Maschinen stampfen. Peter liebt diese Geräusche. Er kennt sie aus seiner Kindheit vom Schweriner See. Dort hat er gern zugeschaut, wenn die großen Boote am Steg festmachten. Am liebsten mochte er in einen Schuppen gehen, in dem ein Boot lag und ein wenig schaukelte und er konnte vom Rand aus auf das Boot steigen. Das hatte was, auch wenn ihm die Boote nicht gehörten. Das Boot auf der Finow ist an ihm vorbeigefahren. Hinten lümmelten sich ein Mann und eine Frau und ließen die Arme über die Bordwand hängen.
„Haben die es gut“, dachte Peter. Doch dann kam ihm in den Sinn, was alles zu tun ist, wenn das Boot angelegt hat. Es gibt immer etwas zu wischen, der Bootsmotor muss gewartet werden. Peter erinnert sich an den Schweriner See zurück und wie ihn sein Vater gepiesackt hatte, damit das Boot und der Motor zu Wasser gelassen werden konnten. Und dabei handelte es sich nur um den „Delphin“, ein Boot, das von einer PVC-Haut überzogen wurde. Peter seufzt und ist froh, dass er nun nur vom Ufer aus die vorbeifahrenden Boote beobachten konnte. Für ihn war das Luxus, dass er am Tag einmal laufen konnte. Am Alltag lief er meist schon morgens, halb sechs, wenn er Klara zum Bahnhof gefahren hatte. Peter kehrte um. Auf dem Rückweg konnte er besser auf das Wasser schauen und freute sich an der Ruhe, die ihn umgab.
Am Auto zurück angekommen lag nun der schönste Moment vor ihm: Die Hecktür öffnen, sich in den Laderaum schwingen, Wasser trinken, die Beine baumeln lassen und ein wenig herumhängen.
Peter fährt ab. Das Autotelefon klingelt. Laura ist dran. „Wo steckst du?“
„Warum?“
„Ich bin auf dem Weg zu euch.“ Peter freute sich. Seine Tochter kam nur noch selten zu ihm aus Berlin zu ihnen. Er rief Klara an: „Ich fahr‘ gleich durch zum Bahnhof und hole Laura ab.“
„Ist gut!“, erwiderte Laura. Es kam Leben in die Bude. Die Regionalbahn lief in den Bahnhof ein, kurz nachdem Peter angekommen war. Er fuhr mit Laura zurück. Laura stieg am Haus aus dem Auto und Peter kurbelte das Lenkrad herum, damit er in den Carport einparken konnte. Die Sonne blendete ihn und er konnte nicht erkennen, ob zu beiden außenstehenden Pfosten genügend Platz wäre. Peter sah es nicht genau und fuhr trotzdem rückwärts in den Carport. Es knirschte. Der Mercedes hatte am linken Pfosten angedockt. Peter war sauer. Der Schmutzfänger war ein Stück abgerissen. Peter ging nie zum Arzt, nur wenn es gar nicht mehr ging.
Doch für Bobby tat er alles. Bobby, das war kein Mensch und es war kein Hund. Es war sein Auto, das er nun schon das 14. Jahr fuhr. „Ich muss mit Bobby morgen in die Werkstatt. Und ich habe keinen Hunger mehr, ihr müsst ohne mich essen“. Für Peter war der Tag gelaufen.