Anna ist dement (10)

Nur noch 3000 Euro auf dem Sparkassenbuch

„Wollen wir die Umstellung beantragen?“ Die Postangestellte reißt Klara aus ihren Gedanken.
„Ja, wir machen das“, sagt Klara.
Während die Mitarbeiterin den Antrag vorbereitet, denkt Klara an den Anfang des Jahres zurück.
Klara war bei Anna zu Besuch in Stralsund. Sie saßen beide abends vor dem Fernsehapparat. Anna war unruhig.
Sie schoss förmlich aus dem Sessel heraus und fiel fast in die Anbauwand, so viel Schwung hatte sie genommen.
„Mutti, bleib doch mal sitzen. Ich kriege gar nichts vom Film mit.“
„Ja, weißt du Klara, ich will dir nur was zeigen.“
Sie kramte in einer kleinen Schublade, in der sie alles Mögliche verstaut hatte.
Jetzt holte sie ein kleines Fotoalbum heraus, setzte sich wieder auf ihren Platz und fing an, darin zu blättern.
„Klara, schau mal, hier bist du noch ganz klein.“
„Ja, Mutti“, quälte Klara mühsam hervor. Klara kannte alle Bilder.
Sie hatte sie schon sooft ansehen müssen, dass sie sogar wusste, in welcher Reihenfolge die Bilder eingeklebt waren.
„Ich lege jetzt mal das Fotoalbum zurück und wir schauen uns das Ganze morgen noch einmal in Ruhe an.“
Anna antwortete nicht. Ihre Mundwinkel waren heruntergezogen.
Sie konnte Klara nicht verstehen.
Am nächsten Morgen ging Klara an die Schublade.
„Suchst du das Fotoalbum?“
„Nein, Mutti, ich suche dein Sparkassenbuch.“
„Warum?“
„Weil ich schauen will, ob alles in Ordnung ist.“
„Natürlich ist alles in Ordnung.“
Klara antwortete nicht. Sie zog das Sparbuch heraus und blätterte auf die letzte Seite.
„Hier stehen ja nur 3000 Euro, Mutti. Hast du etwas abgehoben?“
„Nein, ich habe nichts abgehoben!“

„Aber Mutti, hier waren über 50.000 Euro drauf. Das weiß ich genau.“ Klara schaute ihre Mutter an.
„Ja, ich weiß auch nicht“, antwortete Anna und blickte Klara fragend und zugleich ratlos an. „So, jetzt können Sie hier den Antrag unterschreiben. Die Umstellung der Post läuft dann für ein halbes Jahr“, die Schalterangestellte rief Klara in die Gegenwart zurück.
Klara war wieder aus dem Postamt raus. Sie musste an den Ärger denken, der mit dem Sparbuch verbunden war.

 

 

Anna im Hafen

© Kristina Müller

Anna saß auf einer Bank im Hafen und schaute Gedanken verloren auf die Schiffe, die träge auf dem Wasser schaukelten. Touristen in kurzen Hosen, Röcken und T-Shirts liefen an ihr vorbei und machten hier und dort ein Foto, während andere sich an einem der letzten Kutter ein Fischbrötchen holten. Hier am Wasser war es bei der Hitze noch am ehesten auszuhalten, da immer etwas Wind ging. Doch Anna beachtete die vielen Menschen gar nicht. Sie schwelgte in Erinnerungen an ihre Kindheit, als es hier noch viele Kutter und kleine Fischerboote gab, die früh morgens auf die Ostsee schipperten und mit mehr und manchmal weniger Beute zurückkehrten. Ihr Stiefvater Wolf und ihr Onkel Gottfried waren Fischer. Auf dem Hof ihres Onkels und ihrer Großmutter, nur Öming genannt, war Anna aufgewachsen und spielte oft in dem alten Schuppen, wo Gottfried die Netze für die Ausfahrten aufbewahrte. Sie erinnerte sich zu genau an den Geruch und ein zufriedenes Lächeln umspielte ihre Lippen. Ihre Mutter Heide und Öming saßen im Hof an eben solchen warmen Sommertagen wie heute und nahmen die Fische aus, welche nicht in den direkten Verkauf gingen. Allein für den Zweck gab es einen Tisch, der nach all den Jahren auch nach gründlicher Reinigung immer wieder Spuren von Blut und Schuppen aufwies. Andere Kinder hätte solch ein Anblick vielleicht verstört, aber Anna war so aufgewachsen und daher behielt sie solche Details in guter Erinnerung. Sie hatte trotz Kriegszeiten und dem Weggang ihres Vaters eine wirklich schöne Kindheit ohne viele Sorgen verbracht, an die sie zu gern zurück dachte. Sie seufzte leicht und ließ den Blick wandern, ehe er an einem Eisverkäufer hängen blieb. Sie nickte innerlich und erhob sich von ihrem Ausguck. Langsam ging sie zu dem Stand und ließ sich ein Leckeis, wie sie es nannte, geben. So konnte sie der Hitze wenigstens etwas entgegen wirken, ehe der kalte Ostwind in ein paar Monaten wieder Schnee und Eis in den Hafen wehte.

Copyright Kristina Müller
Anna ist Dement
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Anna ist dement (9)

Die Betreffzeile

„Dann wollen wir das jetzt auch umbestellen – zu meinem Bruder – die  Einwilligung meiner Mutter liegt vor.“
Klara hatte sich die Vollmacht schriftlich geben lassen.
„Mutti, wir wollen dir helfen, zu verstehen, was du für Post bekommst und dann gemeinsam entscheiden, was wir damit tun.“
„Warum?“ Anna will nicht verstehen.
„Ich lese dir doch die Post immer vor, abends, wenn ich anrufe.“
Klara konnte Anna nicht sagen, wie sehr sie genervt war davon, wenn ihre Mutter begann, die Briefe vorzulesen.
„Ihr Ansprechpartner: Frau Sammredt. Jetzt die Adresse…“
„Mutti!“, unterbrach Klara Anna beim Vorlesen.
„Du musst mir jetzt nicht alles vorlesen. Lies doch einfach die Betreffzeile vor.“
„Betreffzeile?“
„Ja. Dort steht doch irgendwo ‚Betreff‘, und den Text danach, den kannst du mir ja noch einmal vorlesen.“
„Ich finde das nicht!“
„Aber Mutti“, Klara ist verzweifelt, „schau doch einfach die Zeilen von oben nach unten durch!“
Jetzt ist Anna völlig durcheinander.
„Ich versteh‘ gar nicht, warum die mir diesen Scheiß schicken.“
Briefe mit behördlichem Inhalt oder von der Bank, ja das war wirklich ein Scheiß. Anna empfand das so.
Die andere Post, die mit den bunten Briefumschlägen, die war viel angenehmer. Die schrieben so nett – „Liebe Frau Sturm, wir freuen uns…“
Ja, da freute sich Anna auch.
„Lass doch deine Mutter alles vorlesen. Und danach sortierst du für dich, was wichtig und unwichtig ist.“ Jetzt mischte sich Peter ein.
„Du hast mir mit deinen Ratschlägen gerade noch gefehlt. Willst du jeden Abend mit deiner Schwiegermutter telefonieren?“
Das wollte Peter nicht. Er schwieg jetzt besser.
„Du musst zu deiner Mutter fahren und dir eine Vollmacht geben lassen“, sagte er noch.
„Das brauche ich nicht. Die habe ich mir vor geraumer Zeit schon vorsichtshalber geben lassen.“

Anna ist dement (8)

Die Anzeichen mehren sich

Anna zeigt immer mehr Anzeichen von Demenz. Es fällt schwer, das zu akzeptieren.
Doch die Signale dafür häufen sich. Anna kann nicht mehr unterscheiden, was von der Post wichtig ist und was gleich in den Papierkorb kann.  Werbebriefe, die nimmt sie für bare Münze, denkt, sie müsse diese unbedingt beantworten. Dort stand ja: „Liebe Frau Sturm, wir freuen uns auf Sie.  Schicken Sie die die Rückantwort noch heute ab. Ein wunderschönes Gratis-Geschenk wartet darauf, von Ihnen in Empfang genommen zu werden, liebe Frau Sturm!“
„Da muss man doch antworten“, meint Anna. Und sie wird böse, wenn man ihr nicht zustimmt.
Klara geht in das Hauptpostamt in der Friedrichstrasse und schildert ihre Situation. „Meine Mutter gibt ununterbrochen Geld aus, kauft eine Bluse nach der anderen.  Was soll ich nur tun?“
„Ich weiß genau, wovon Sie sprechen.“ Die Schalterangestellte zeigt viel Verständnis.
„Mein Vater hat die Post versteckt. Er hat keine Briefe, keine Mahnungen mehr geöffnet.  Nur durch Zufall kamen wir dahinter. Und das nur deshalb, weil uns der Stromanbieter informiert hat, dass sie den Strom bei ihm abstellen wollen.“
„Und was haben Sie daraufhin getan?“
„Wir haben uns von meinem Vater eine Vollmacht geben lassen, dass wir die Post zu uns umleiten können und ihm danach die Briefe aushändigen.“
„Was hat er gesagt?“
„Ihr wollt mich alle betrügen und ruinieren. Wenn das eure Mutter noch erlebt hätte! Schämt euch!“ Klara schaute ungläubig. „Das ist ja furchtbar.“
„War es auch. Schließlich aber hat er eingewilligt.“

Anna ist dement (7)

Im Wartezimmer von Dr. Silberfisch

Klara fährt nächste Woche nach Stralsund. Sie will es ihrer Mutter nicht sagen.  Sondern: Sie will – gemeinsam mit ihrem Bruder Lukas – zu Dr. Silberfisch.
Sie wollen ihn um Rat fragen, was sie tun können wegen ihrer Mutter Anna. Dr. Silberfisch steht bei Anna hoch im Kurs.
Wie es umgekehrt ist, das wissen sie nicht. Aber für Anna ist es ein Höhepunkt, wenn sie zu ihm in die Praxis gehen kann.
Sie kennt sich dort aus. Früher war dort mal eine Drogerie drin. Anna hat dort als Verkäuferin gearbeitet.
Und Anna kommt heute noch ins Schwärmen, wenn Sie daran zurückdenkt.  Sie fängt gleich im Wartezimmer an zu erzählen, was dort früher war und wie die einzelnen Räume aufgeteilt waren.
„Und da oben, da haben wir immer Mittag gemacht, Schwester.“
„Ach ja“, sagt Schwester Erika und verdreht die Augen verstohlen zu ihrer Kollegin.
Anna weiß nicht, dass sich die Schwestern heute Praxishelferinnen nennen. Und das stört sie auch nicht im geringsten.
„Manchmal, da haben wir dort auch Kaffee getrunken und Kuchen gegessen“, fährt Anna unbeirrt fort. „Ach, das war schön.
Und die Kunden mochten uns“, meinte sie.
„Frau Sturm, der Doktor wartet jetzt auf Sie. Bitte gehen Sie doch durch.“
„Ja, das mach‘ ich doch glatt.“ Anna ist im Arztzimmer verschwunden. „Sooo…“, sagt Schwester Erika – also die Praxishelferin Erika.
„Das hätten wir jetzt wieder.“
„Na ja, wer weiß, wie wir mal werden“, meint ihre Kollegin.
„Meinst du?“
„Na ja“, seufzt Erika, „ich will‘ s nicht hoffen.“

Anna ist dement (6) – Berta hat aufgelegt

Anna ruft an: „Es war schön gestern bei der Diamantenen Hochzeit.“
Anna hatte vergessen, dass Klara zur Arbeit gefahren war und dachte, sie träfe sie am Telefon an. Jetzt musste sie mit ihrem Schwiegersohn vorlieb nehmen.
„Hattet ihr denn auch Musik?“, fragte Peter.
„Ja, Berta hat aufgelegt.“ „Oh, Donnerwetter!“, staunte Peter und musste schmunzeln.
Aufgelegt – war das nicht ein Begriff, der längst vergangen war? Oder ist er gerade hip, wenn man an die heutigen Veranstaltungen denkt, wo der DJ auflegt?
Jedenfalls: Anna sprach und dachte modern.
Trotzdem: Wahrscheinlich war das  ein ganz normaler Recorder, auf dem die Musik spielte und zwischendurch die CD’ s gewechselt wurden.
Und das tat eben Berta.
„Waren denn Gäste da, die wir kennen?“, fragte Peter weiter. Anna überlegte kurz und sagte: „Nein, keine.“
Da war er wieder der Gedächtnisverlust. Peter und Klara kannten bestimmt über die Hälfte derjenigen, die dort Gäste waren.
„Wie heißt noch gleich die Tochter von Berta, ich komme einfach nicht drauf“, fragte Peter jetzt.
„Na, Cornelia, das musst du doch wissen?“, sagte Anna vorwurfsvoll.
Ja, Anna hatte Recht. Peter musste und konnte es wissen.
Anna konnte es im ersten Anlauf nicht wissen, dass es jemand war, den Peter und Klara kannten, und sie musste es vielleicht auch nicht mehr.

Anna ist dement (5)

Sie haben gewonnen, Frau Sturm!

„Ich hab‘ da vielleicht wieder eine Aufregung“, sagt Anna. Sie hat Klara angerufen, eben wie immer täglich, gegen Abend.
„Was denn für eine Aufregung?“, fragt Klara. „Na, ich habe schon wieder 8000 Euro gewonnen.“
„Mutti, du hast nicht gewonnen. Das ist ein Werbebrief. Und wenn du weiter unten liest, dann siehst du, dass du die Chance hast, zu gewinnen.  Eventuell. Aber das ist eher unwahrscheinlich.“
„Ich lese dir jetzt mal vor, was hier steht.“
Anna fängt an, den Werbebrief vorzulesen: „Liebe Frau Sturm, freuen Sie sich! Sie haben gewonnen…
Schicken Sie die Antwort noch heute zurück, und: Vergessen Sie nicht, den beiliegenden Bestellschein auszufüllen… Sobald wir Ihre Rückantwort erhalten haben, sind Sie mit dabei – bei der großen Verlosung für den Hauptgewinn in Höhe von 8000 Euro…Also schicken Sie den Brief noch heute ab, liebe Frau Sturm.“
Klara hat bis zum Schluss gewartet. Sie war dem Rat von Peter gefolgt und hatte ihre Mutter nicht unterbrochen.
Doch es fiel ihr schwer, ruhig zu bleiben, zuzuhören, nicht hineinzureden.
Doch nun platzte es aus ihr heraus: „Mutti, wir haben doch schon so oft darüber gesprochen.
Das ist ein Werbe-Gag. Du bist eine von Tausenden, die wie du diese Post erhalten haben.  Der Brief erfüllt nur einen einzigen Zweck: Du sollst wieder eine Bluse bestellen, verstehst du das?“
„Ja, aber hier steht, ich habe gewonnen.“
„Mutti, jetzt zerreiß den Brief, und wirf‘ ihn in die Tonne!“
„Meinst du wirklich?“ „Ja!“
Klara konnte nicht mehr. „Du erreichst nichts, wenn du auf diese Art mit deiner Mutter sprichst.  Anna hat doch jetzt nur ein schlechtes Gefühl, weiß aber nicht so richtig warum und wird dir beim nächsten Mal gar nichts mehr erzählen.“ Peter versuchte Klara zu erklären, dass sie so nicht weiterkam.  „Du hast gut reden. Du redest ja nicht jeden Abend mit ihr.“
Klara war bedient.

 

Anna ist dement (4)

Heute ist Christi Himmelfahrt. Manche sagen auch Vatertag oder Herrentag.
Der Tag, an dem man mit dem Bollerwagen durch die Straßen ziehen kann und schmutzige Lieder grölen muss, um ernst genommen zu werden.
Peter hat keine Lust darauf. Er freut sich auf seinen Schreibtisch. Er kann heute in Ruhe die Sachen ordnen, vielleicht ein wenig schreiben, aber eben ohne Druck und ohne, dass er angerufen wird und selbst jemanden anrufen muss.
Laura ruft an. Sie gratuliert zum Vatertag. „Danke“, brummt Peter. Er ist noch nicht ganz da und sitzt am Frühstückstisch.
„Na, ich bin gespannt, ob deine Mutter heute anruft.“
„Das hat dich doch bisher eher gestört, wenn dich deine Schwiegermutter angerufen hat und zum Herrentag gratulierte“, sagte Klara.
„Na so ist es ja nun auch nicht. Ich habe mich schon gefreut.“
Aber das Telefon bleibt stumm. Anna hat den Tag schlichtweg vergessen.
Sie hat auch vergessen, ihrem Sohn Lukas zu gratulieren.
Lukas wohnt in Stralsund, ganz in ihrer Nähe. Er hat ein Haus mit einem Hof.  Anna geht dort täglich vorbei. Und an solchen Tagen hat sie Lukas meist eine Packung mit alkoholfreiem Bier mitgebracht.
Klara ruft bei Lukas an: „Hat Mutti dich angerufen und gratuliert?“
„Nein, hat sie nicht.“
Peter ist geschockt. Wieder mal ist es ein sicheres Zeichen dafür, dass Anna mehr und mehr vergisst. Klara nimmt den Hörer noch einmal in die Hand und fragt Anna direkt: „Mutti, du weißt schon, dass heute Vatertag ist, oder?“
„Ja, ja weiß ich“, beteuert sie. „Also grüß‘ Peter schön.“
„Das hat sie doch sonst immer selbst gemacht und mir gratuliert.“
Jetzt war Peter doch ein wenig beleidigt, obwohl er wusste, dass es einen Grund dafür gab.
Einen Grund, für den Anna keine Schuld traf.

Anna ist dement (3)

Laura ist zu Besuch, Teil 2

Sonntagabend. Klara hatte noch einmal bei Anna angerufen. Sie wollte nicht, dass ihre Mutter nun vielleicht durcheinander war, weil Laura am Telefon nicht richtig aufgeklärt hatte, dass sie unverhofft aus Berlin zu Besuch gekommen war. Es war für keinen leicht, mit der Demenz von Anna umzugehen. Nicht für Klara, für Peter nicht und auch nicht für Laura. „Du musst mit Oma gehirngerecht kommunizieren.“ „Papa, was ist das für ein Quatsch“, protestiert Laura. „Ja, wahrscheinlich hast du Recht. Was ich damit sagen will: Oma kann nicht mehrere Informationen gleichzeitig verarbeiten. Das verwirrt sie.“ „Was meinst du?“, fragt Laura. „Nun, du gehst an unser Telefon.
Für Oma müsste jetzt Mama am Hörer sein. Stattdessen hört sie deine Stimme. Für sie wohnst du in Berlin und bist jetzt auch in Berlin. Wir wiederum sind für sie da, wo sie jetzt anruft. Also solltest du erst einmal sagen, dass du bei uns spontan zu Besuch bist.“ „Spontan zu Besuch?“, fragte Laura dazwischen. „Das versteht sie doch erst recht nicht.“ „Aber stell dir vor, du würdest die Informationen per Rohrpost versenden – ein Satz folgt auf den anderen, und sie gehen alle in die gleiche Richtung. Da kannst du ja auch nicht mit dem letzten Satz anfangen, sondern du schiebst den ersten Satz zuerst durch.“
„Na gut Papa, das ist mir zu blöd.“ Peter schwieg. Laura lag richtig. Er war eben auch nicht trainiert auf die Kommunikation mit demenzkranken Menschen.

© Dr. Uwe Müller

Anna ist dement (2) – Laura ist zu Besuch, Teil 1

Abends rief Anna an. Laura ging ran und sagte: „Hallo Omi!“ Am anderen Ende kam keine Antwort. Sie zögerte. „Wieso ist Laura dort? Die wohnt doch in Berlin?“ Anna brauchte um zu verstehen, dass Laura zu Besuch war.
Ihr Koordinatensystem war durcheinandergebracht. „Wo ist denn dein Freund? Ist der nicht mit?“ Jetzt hatte Anna offensichtlich wieder den Durchblick.
Sonntagmorgen. Peter ist in Richtung Schorfheide gefahren. Er liebt die Gegend. Kurz vor Zerpenschleuse biegt er nach links ab. Er bleibt mit dem Auto oben stehen, steigt aus und holt die Stöcke für Nordic Walking aus dem Kofferraum. Peter blickt aufs Wasser und er bekommt sofort gute Laune. Die Sonne scheint, es ist ruhig, der Kiefernwald duftet. Neben ihm liegt ein Plastiksack, den offensichtlich Leute dorthin verfrachtet haben. Peter ärgert sich. Früher hätte er sich nicht darüber aufgeregt, heute aber schon. Er versteht nicht, dass manche Menschen so faul sind und den Müll ordentlich entsorgen. Peter legt die Schlaufen von den Stöcken an und läuft los. Man müsste eher sagen, er latscht los. Er braucht immer ein bisschen, bis er auf Betriebstemperatur ist. Ihm entgegen kommt ein Fahrradfahrer in kurzen Hosen und kurzem Hemd. Der starrt ihn an. „Guten Tag!“ Peter grüßt jeden, wenn er jemanden trifft. Aber er stellt fest, dass immer weniger so freundlich angesprochen werden wollen. Also macht er es auch schon nicht mehr durchgehend bei jedem. Aber heute ist Sonntag. Da grüßt er beim Laufen jeden. Auf dem Fluss ist ein Motorengeräusch zu hören. Ein Boot kommt ihm entgegen. Die Maschinen stampfen. Peter liebt diese Geräusche. Er kennt sie aus seiner Kindheit vom Schweriner See. Dort hat er gern zugeschaut, wenn die großen Boote am Steg festmachten. Am liebsten mochte er in einen Schuppen gehen, in dem ein Boot lag und ein wenig schaukelte und er konnte vom Rand aus auf das Boot steigen. Das hatte was, auch wenn ihm die Boote nicht gehörten. Das Boot auf der Finow ist an ihm vorbeigefahren. Hinten lümmelten sich ein Mann und eine Frau und ließen die Arme über die Bordwand hängen.
„Haben die es gut“, dachte Peter. Doch dann kam ihm in den Sinn, was alles zu tun ist, wenn das Boot angelegt hat. Es gibt immer etwas zu wischen, der Bootsmotor muss gewartet werden. Peter erinnert sich an den Schweriner See zurück und wie ihn sein Vater gepiesackt hatte, damit das Boot und der Motor zu Wasser gelassen werden konnten. Und dabei handelte es sich nur um den „Delphin“, ein Boot, das von einer PVC-Haut überzogen wurde. Peter seufzt und ist froh, dass er nun nur vom Ufer aus die vorbeifahrenden Boote beobachten konnte. Für ihn war das Luxus, dass er am Tag einmal laufen konnte. Am Alltag lief er meist schon morgens, halb sechs, wenn er Klara zum Bahnhof gefahren hatte. Peter kehrte um. Auf dem Rückweg konnte er besser auf das Wasser schauen und freute sich an der Ruhe, die ihn umgab.
Am Auto zurück angekommen lag nun der schönste Moment vor ihm: Die Hecktür öffnen, sich in den Laderaum schwingen, Wasser trinken, die Beine baumeln lassen und ein wenig herumhängen.
Peter fährt ab. Das Autotelefon klingelt. Laura ist dran. „Wo steckst du?“
„Warum?“
„Ich bin auf dem Weg zu euch.“ Peter freute sich. Seine Tochter kam nur noch selten zu ihm aus Berlin zu ihnen. Er rief Klara an: „Ich fahr‘ gleich durch zum Bahnhof und hole Laura ab.“
„Ist gut!“, erwiderte Laura. Es kam Leben in die Bude. Die Regionalbahn lief in den Bahnhof ein, kurz nachdem Peter angekommen war. Er fuhr mit Laura zurück. Laura stieg am Haus aus dem Auto und Peter kurbelte das Lenkrad herum, damit er in den Carport einparken konnte. Die Sonne blendete ihn und er konnte nicht erkennen, ob zu beiden außenstehenden Pfosten genügend Platz wäre. Peter sah es nicht genau und fuhr trotzdem rückwärts in den Carport. Es knirschte. Der Mercedes hatte am linken Pfosten angedockt. Peter war sauer. Der Schmutzfänger war ein Stück abgerissen. Peter ging nie zum Arzt, nur wenn es gar nicht mehr ging.
Doch für Bobby tat er alles. Bobby, das war kein Mensch und es war kein Hund. Es war sein Auto, das er nun schon das 14. Jahr fuhr. „Ich muss mit Bobby morgen in die Werkstatt. Und ich habe keinen Hunger mehr, ihr müsst ohne mich essen“. Für Peter war der Tag gelaufen.

Anna ist dement

Sonntag. Klara sitzt an ihrem Schreibtisch und rechnet. Sie tut das, was sie gar nicht mag – die Buchhaltung auf Vordermann bringen.
Und wenn sie fertig ist, dann nimmt die Unzufriedenheit bei ihr zu – die Zahlen stimmen zwar, aber sie sind im Minus, wie immer. „Kommt da nächste Woche noch was rein?“, ruft sie laut.
Nebenan sitzt Peter und murmelt etwas Unverständliches. Er lebt vom Schreiben. Besser: Er denkt noch, dass er es eines Tages kann. Dabei geht er nächstes Jahr in Rente.
„Ein Artikel ist noch offen“, antwortet Peter. „Was, mehr nicht?“ Klara ist enttäuscht. „Morgen klemm‘ ich mich ans Telefon.“ Klara schweigt und Peter sagt auch lieber nichts.
Sie könnten sich so freuen, denn sie werden bald Oma und Opa. Laura, ihre Tochter, bekommt im Herbst ihr erstes Kind. Wahrscheinlich wird es ein Mädchen. Peter hat sich immer eine Enkelin gewünscht. Dann könnte er mit ihr das nachholen, was er bei Laura nicht konnte: sich Zeit nehmen, Geschichten erzählen, einfach Quatsch machen. Doch da ist noch eine andere Sache, die alles überlagert. Anna, die Mutter von Klara, ist dement.
„Ich gehe morgen zur Diamantenen Hochzeit“, sagt Anna zu Klara am Telefon. „Mutti, schau doch einfach auf den Kalender – Charly und Berta haben doch erst nächste Woche ihren Hochzeitstag.“
Anna schweigt am Telefon. Sie wohnt in Stralsund und ihre Tochter in der Nähe von Berlin. Abends, jeden Abend, ruft Anna an. Halb sieben, dann klingelt das Telefon. Peter sagt dann: „Das betreute Wohnen ist dran.“ Klara erwidert darauf nichts. Doch es ist ein Stich, der ihr ins Herz geht. Peter weiß das und hat sich vorgenommen, es nicht mehr zu sagen. Aber die Verführung ist zu groß, zu sticheln und sich so zu wehren gegen die Anrufe, die nun schon über Jahre geführt werden und nichts Substanzielles an Gesprächsinhalten mit sich bringen. Peter weiß, dass es selbst dumm ist, so zu denken. Doch seine Gefühle übermannen ihn in dem Moment. Nun ist es anders. Schwiegermutter vergisst sehr viel. Sie versteht die Spitzen von Peter nicht mehr. Gerade waren sie in Stralsund. Sie sind im Hafen an der Mole entlang gegangen in Richtung der Fahrgastschiffe. „Ich liebe Stralsund, meine Heimat.“ „Na, dann sind wir ja froh, dass wenigstens einer seine Heimat liebt“, erwidert Peter bissig. Als würde Peter Stralsund nicht lieben. Klara wirft ihm einen wütenden Blick zu. Peter stimmt ein Lied aus alten Zeiten an: „Unsere Heimat, das sind nicht nur die….“ Klara schäumt. Plötzlich stimmt Anna in das Lied mit ein. Peter ist geschockt. Was Spott sein sollte, das nimmt Anna als Liebeserklärung an ihre Stadt.
„Ich darf das nicht mehr tun, ich muss mich anders verhalten. Anna ist dement“, denkt Peter und bekommt ein schlechtes Gewissen, dass er Klara nicht mehr unterstützt.

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Anna ist Dement
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Mit Demenz umgehen

Was mich im Vortrag von Prof. Godemann[1] bewegte: Er sprach davon, wie schwer es sei, die Veränderungen zu akzeptieren, die in der Mutter, dem Vater oder aber dem Ehepartner vorgehen, die ja nun mal mit der Krankheit Demenz einhergehen. Eines ist klar: Man kann diesen Prozess nicht zurückdrehen, und: Er wird tödlich enden. Das ist brutal. Doch es ist die Wahrheit. Manchmal hilft es am Anfang zu verdrängen, einfach nicht mit dem Angehörigen darüber zu sprechen. Mir erzählte eine Angehörige, ihre Mutter hätte immer gern Tomaten auf ihrem Balkon gehabt. „Und, hast du schon deine Tomaten gepflanzt“, fragt die Tochter. „Welche Tomaten“, fragte ihre Mutter zurück.  Und weiter: „Ich habe noch nie Tomaten angepflanzt! Wie kommst du darauf?“ Solange sich die Tochter zurückerinnert – ihre Mutter schwärmte immer von den Tomatenpflanzen; sie waren ihr ein und alles. Die Tochter ist entsetzt, sie ärgert sich. Doch sind das die richtigen Reaktionen? Sie sind auf jeden Fall verständlich. Ich denke, zu akzeptieren, dass sich die Persönlichkeit eines nahestehenden Menschen verändert, das ist wohl das, was am schwersten fällt. Die Situation annehmen, den Menschen in seiner veränderten Persönlichkeitsstruktur weiter zu respektieren, das ist die einzige Alternative aus der Sicht, zu helfen, weiter für den Menschen da zu sein.

[1] In der vergangenen Woche fand das 14. Pankower Gerontopsychiatrische Symposium statt. Das Motto: „(Selbst-) Fit im Pflegen bleiben – Entlastung, Unterstützung und Zusammenhalt.“ Veranstalter war das Alexianer St. Joseph-Krankenhaus, Berlin- Weißensee unter der Leitung von Prof. Dr. med. Frank Godemann, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und verhaltenstherapeutische Medizin.

 

 

Warum ein Interview mehr sagt, als es viele Fakten könnten

Was macht die Sogwirkung aus, wenn Menschen Geschichten über sich erzählen?

Zunächst: Der Leser nimmt Fakten zur Kenntnis. Geschichten aber überzeugen ihn.  Interviews fallen einfach auf im Dickicht der Informationsflut, sie wecken Emotionen.
Der Leser erinnert sich besser an das Erzählte,  er spinnt sozusagen den Faden mit.  Die Personen,  die im Interview darüber berichten, wie sie zum Beispiel zur Pflege kamen,  was sie für Motive umtreibt und warum sie sich heute noch engagieren, das interessiert die Angehörigen. Sie wollen, dass der Pflegedienst nicht nur auf der Homepage schreibt: „Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt.“
Vielmehr: Sie wollen, dass sich genau der Mensch ihrer Pflegebedürftigen annimmt, dem sie vertrauen können und der sie mit seiner Biografie, seinem Wissen und Handeln überzeugt.
Interviews bleiben auf dem Portal, können immer wieder aufgerufen werden.  Und sie erhöhen damit gleichzeitig die Sichtbarkeit des jeweiligen Pflegedienstes bei Google.
Die Pressemitteilung fasst noch einmal knapp zusammen, warum es interessant ist, den Pflegedienst kennenzulernen, das Interview zu lesen.  Die Suchmaschine von Google verknüpft die Informationen miteinander und der Leser wird auf der Suche nach einem geeigneten Pflegedienst zielgerichteter zu ihm geführt.
Artikel in der Tageszeitung sind „Eintagsfliegen“ – das Interview aber auf dem Portal „uwemuellererzaehlt.de“ bleibt und die Pressemitteilung ebenfalls – zum Beispiel auf  „news4press.com“. 750.000 Leser greifen im Schnitt monatlich auf dieses online-Portal zu.
Außerdem: Pflegedienste werden in ihrem Ort gefunden. Es spielt also keine Rolle, ob dieser in einem Dorf in Bayern sein Zuhause hat oder in Berlin-Mitte.  Interview und Pressemitteilung zusammen geben eine erste Auskunft darüber, wie der gesuchte Pflegedienst „tickt“, ob er interessant für denjenigen ist, der  Unterstützung für seinen Angehörigen sucht.
Übrigens: In der Pressemitteilung kann über den eingefügten Link die jeweilige Homepage direkt aufgerufen werden.
© Dr. Uwe Müller

Uwe Müller

Demenz im Spannungsfeld von Herausforderungen und Frustration

Eindrücke von einer Veranstatlung

In der vergangenen Woche fand das 14. Pankower Gerontopsychiatrische Symposium statt.
Das Motto: „(Selbst-) Fit im Pflegen bleiben – Entlastung, Unterstützung und Zusammenhalt.“
Veranstalter war das Alexianer St. Joseph-Krankenhaus, Berlin- Weißensee unter der Leitung von Prof. Dr. med. Frank Godemann, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und verhaltenstherapeutische Medizin.
Im einführenden Vortrag sprach Prof. Godemann über Demenz als dem Spannungsfeld zwischen Herausforderung und Frustration.
Er ging darauf ein, dass mit der Pubertät die Entwicklungen und Veränderungen im Leben eines Menschen faktisch abgeschlossen sind.
Und so kennen wir uns über Jahre als stabile und verlässliche Partner. In den letzten Jahren des Lebens kommen andere Veränderungen auf uns zu – die Wahrscheinlichkeit, dass wir an Demenz erkranken ist groß. Oft geht damit der Versuch einher, den Prozess der beginnenden Erkrankung zu bagatellisieren. Betroffene sollen oftmals so geschützt werden.
Der Erfolg, so Prof. Godemann, misst sich nicht an den Veränderungen, sondern daran, möglichst professionell zu sein.
Die Veränderungen sind am Anfang oft schwer zu ertragen, gehen oft mit Wut und Ärger einher.
Der Partner, die Angehörigen übernehmen nach und nach die Aufgaben des anderen. Und mitunter kann Verdrängung für den Betroffenen selbst hier eine Möglichkeit sein, langsam den Veränderungsprozess an sich selbst anzunehmen.
Mehr zu inhaltlichen Aspekten der Veranstaltung: Samstag, 20. Mai 2017
© Dr. Uwe Müller

Uwe Müller

 

 

Interview mit Dirk Gaszikowski

Dirk Gaszikowski hat die Pflegedienstleitung im Unternehmen ITS – Home inne.

Herr Gaszikowski, wie war Ihr beruflicher Werdegang, bevor Sie im Unternehmen ITS-Home angefangen haben?
Ich bin 1970 in Berlin-Buch geboren worden.
Dort bin ich auch in die Schule gegangen – in die 26. Oberschule.

Wann haben Sie die beendet?
1987.

Was haben Sie danach gemacht?
Zunächst habe ich einen klassischen Handwerkerberuf erlernt – den des Heizungsmonteurs. Aber eigentlich wollte ich schon immer etwas machen, was mit Pflege zu tun hatte.

Woher rührt dieser Wunsch?
Nun, meine Mutter war 35 Jahre lang Krankenschwester im Krankenhaus in Buch. Die medizinische Einrichtung bestand damals ja schon aus mehreren Häusern. Auf jeden Fall habe ich auf dem Klinikgelände gewohnt.  Meine Kindheit habe ich zum Teil unter anderem im Schwesternzimmer verbracht, oder ich habe neben dem Pförtner gesessen und gespielt. Daher kam meine enge Verbindung zu allem, was mit der Pflege zu tun hatte. Aber damals war es noch so, dass der Beruf des Pflegers ohnehin nur in stationären Einrichtungen vorkam und zudem vorwiegend von Frauen ausgeübt wurde.

Und wie ging es weiter?
Ich habe immer wieder probiert, die Seiten zu wechseln, in den medizinischen Bereich zu gelangen. Dann gab es die Möglichkeit, im internen Krankentransport der Klinik anzufangen.

Das heißt, Sie waren auf dem Krankenhausgelände tätig und haben zwischen den einzelnen Häusern die Patienten transportiert?
Ja, so kann man das sagen. Später, im Jahr 2000, habe ich dann noch eine Ausbildung zum Rettungssanitäter gemacht.

Warum?
Das war nötig, um auf dem freien Markt ebenfalls im Krankentransport arbeiten zu können.

Wie lange haben Sie in diesem Bereich gearbeitet?
Von 2000 bis 2004.

Und danach?
2004 habe ich eine Ausbildung zum Altenpfleger begonnen und diese 2007 abgeschlossen. Das war insofern eine gute Zeit, als nach dem Jahr 2003 die Ausbildung bundeseinheitlich geregelt wurde.
Bereits bei der Ausbildung merkte ich aber, dass ich stärker in den stationären Bereich wollte.

Haben Sie das erreicht?
Zunächst war ich in kleineren ambulanten Hauskrankenpflegen tätig. Ich habe mich in die Themen der Wundbehandlung eingearbeitet und bekam auch Einsicht in die onkologische Ausrichtung der Pflege.  Ich hatte eigene Touren und gewann viel Erfahrungen durch die praktische Arbeit. Ich bin in der Zeit sehr viel gefahren – Hunderte von Kilometern.  Das war natürlich auch sehr anstrengend. Also habe ich überlegt, wie ich wieder stärker in den stationären Bereich der Pflege gelange.

Und, ist Ihnen das gelungen?
Ja. Ich lernte eine große Gesellschaft kennen, in der es um außerklinische Intensiv- und Beatmungspflege ging.
Davon fühlte ich mich angesprochen. Dabei ging es am Anfang gar nicht mal um die Beatmungspflege.

Sondern?
Ich betreute eine junge Frau. Das war natürlich für mich sehr anstrengend, hat aber auch viel Spaß gemacht.
Ich habe sogar selbst gekocht, wenn es die Zeit zuließ. In dieser Zeit habe ich mich sehr intensiv mit der Beatmungspflege beschäftigt.
Ich habe die Anleitungen für die Geräte studiert, mich um die technischen Details gekümmert, wollte alles sehr genau wissen, was zu einer guten Versorgung dazugehört.

Warum sind Sie nicht bei diesem Unternehmen geblieben?
Zum einen fielen sehr viele Überstunden an. Und zum anderen war die Bezahlung nicht so gut, gemessen an dem, was in der Zeit zu leisten war.

Wo sind Sie also hingegangen?
Ich habe mich in Strausberg in einem Beatmungscenter beworben. Das wurde gerade aufgebaut.

Wie lange waren Sie dort?
Zwei Jahre. Ich habe dort sehr viel lernen können. Schließlich wurde mir auch die Fachbereichsleitung übertragen.
Doch die Arbeit hat mich faktisch „ausgelaugt“; ich war verbrannt.

Warum?
Wir fuhren ein Drei-Schichtsystem. Das war hart – physisch und psychisch. Nur mal zur Illustrierung: Nach zwei Jahren war ich der einzige, der noch da war von jenen Mitarbeitern, mit denen ich dort angefangen hatte.

Wie ging es weiter?
Ich habe schließlich noch einmal die Arbeitsstelle gewechselt, war dann in einem Unternehmen, in dem es einen 12-Stunden-Dienst gab. Dadurch hatte ich natürlich auch mehr freie Zeit, gefühlt 15 bis 16 Tage im Monat. Ich konnte mir dort weiteres Know-how aneignen.

Wie haben Sie eigentlich Herrn Böhlendorf kennengelernt?
Ich war neben meiner Tätigkeit im Unternehmen zusätzlich als Pfleger tätig. Herr Böhlendorf war in der Zeit mein Patient. Er war mit mir sehr zufrieden, und das hieß etwas bei seinem Anspruch an Pflege- und Betreuungsqualität. Wir verstanden uns außerdem menschlich sehr gut und so machte er mir schließlich ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte.

Nämlich?
Ich sollte für ihn ganz arbeiten – also nicht nur für ihn, sondern als Angestellter in seinem Unternehmen ITS-Home.
Das Gehalt entsprach zusammengenommen dem, was ich im vorhergehenden Unternehmen und für meine nebenberufliche Tätigkeit erhalten hatte.

Wann haben Sie bei ITS-Home angefangen?
Am 16. Juni 2013. Und drei Jahre später, auf den Tag genau wieder am 16. Juni 2016, übernahm ich die Pflegedienstleitung bei ITS-Home.

Wie haben Sie die drei Jahre erlebt – von 2013 bis dahin, dass Sie Pflegedienstleitung wurden?
Es war eine sehr lehrreiche Zeit. Ich konnte alle Grenzen ausloten, mich ausprobieren und ich erfuhr, welche Anforderungen an die Mitarbeiter gestellt wurden, wenn es um die Maximierung der Versorgungs- und Betreuungsleistungen ging.
In der Zeit habe ich auch die Weiterbildung zur leitenden Führungskraft im Gesundheits- und Sozialwesen (PDL) absolviert.

Wie halten Sie es mit der Teamleitung, wie führen Sie?
Für mich ist es wichtig, dass die Teams und einzelnen Mitarbeiter vor Ort eigenverantwortlich agieren,
eigene Freiräume nutzen können in der individuellen Betreuung der Patienten. Natürlich gibt es eine Reihe von strukturellen und organisatorischen Vorgaben – Teambesprechungen, Auswertungen, Arbeitsplanungen, Maßnahmen im Qualitätsmanagement.
Ohne sie kann eine Firma gerade in solch einem sensiblen Bereich, wie dem der außerklinischen Intensiv- und Beatmungspflege ja gar nicht ihre Aufgaben erfüllen.
Ich möchte nur die Eigeninitiative der Mitarbeiter fördern, sie mehr unterstützen und letztlich auch dadurch motivieren.

Sehen das Ihre Mitarbeiter ebenso?
Schauen Sie sich doch nur einmal an, wie lange unsere Mitarbeiter bei uns sind. 90% derer, die bei Gründung der Firma hier arbeiteten, sind noch da, faktisch also der Grundstamm.
Und wenn Sie dann die Bewegungen auf dem Pflegemarkt sehen, die Fluktuationsraten bei den Mitarbeitern, dann spricht das für sich.

Absolut.
Herr Gaszikowski, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Zur Homepage: http://www.its-home.net

Kontakt:
Dirk Gaszikowski
ITS-Home
Hauptstraße 48
15366 Neuenhagen
Telefon: 03342-6992994
Fax: 03342-699299-9
dirk.gaszikowski@ITS-Home.net

© Dr. Uwe Müller

Samariter, bamherzige Krankenpfleger – gibt es sie tatsächlich und vor allem: bewirken sie etwas?

Ich kann mir keinen spannenderen Beruf vorstellen, als Menschen zu treffen, mit ihnen zu reden oder zu telefonieren
und von ihnen zu erfahren, was sie antreibt oder was sie gerade bremst im Leben. Am Donnerstag in dieser Woche war ich bei einer Frau, die sich selbst als Samariter bezeichnet.  Sie hilft Menschen, macht das kostenlos und nur, wenn sie um Hilfe gebeten wird.
Du denkst jetzt vielleicht: „Alles klar,  das kennen wir,  diese selbsternannten Heiler sind doch nur Scharlatane.“ Ich gebe es zu: Ich habe das ebenfalls oft genug gedacht. Aber ich musste mich hier eines Besseren belehren lassen. Sabine Rohloff arbeitet mit Ärzten zusammen, die ihr vertrauen und auch mit Pflegediensten.
Sie hat nachweislich einem Mann geholfen, der unter Gicht litt oder einem Patienten, der Neurodermitis hatte. Ich finde das Thema spannend und werde nächste Woche ein Interview auf dem Blog veröffentlichen.  Vorab schon einmal ein kleiner Auszug:

„Frau Rohloff, wie würden Sie sich selbst nennen, wenn wir darüber reden, was Sie für Menschen tun?
Ich bin ein Samariter. Das trifft es wohl im Kern, wenn ich darüber spreche, wie ich heile, wie ich Menschen von ihren Leiden befreie.

Wie muss ich mir das vorstellen, wenn Sie über das Heilen sprechen?
Ich kann keine Wunder vollbringen. Das sage ich auch ganz klar.

Sondern?
Ich heile umfassend, bin offen für das, was mir die Menschen sagen und darauf richte ich dann meine Energie aus.
Es geht also um das Wohlbefinden des Menschen, der sich an mich wendet, um seine Gesundheit.

Können Sie mal ein Beispiel nennen?
Nun, ich hatte bereits Patienten hier, die von Ärzten zu mir geschickt wurden, die an Hautkrankheiten litten, unter anderem an Neurodermitis. Ich habe es geschafft, sie davon zu befreien.
Aber ich verspreche vorher nie, dass ich es schaffe…

Wie sind Sie überhaupt dazu gekommen, Menschen in dieser Form zu helfen?
Das geht bis in meine Kindheit zurück.
Mich hat schon immer die Kräuterhexe fasziniert.
Und so habe ich bereits als Kind viele Kräuter gesammelt.
Und wenn ich bei jemandem die Hand aufgelegt habe, dann tat das demjenigen gut…“

© Dr. Uwe Müller

 

 

 

Interview mit Dirk Böhlendorf

Dirk Böhlendorf ist der Geschäftsführer und Inhaber des Fachpflegedienstes ITS Home. 

Herr Böhlendorf, können Sie ein paar Abschnitte Ihrer beruflichen Entwicklung schildern, bevor Sie Ihren eigenen Pflegedienst gegründet haben?
Ich habe 1988 mein Abitur in Birkenwerder gemacht. Danach habe ich Betriebswirtschaft studiert.

Wie lange?
Von 1988 bis 1992. Das war übrigens ein Fernstudium an der Fachschule für Betriebswirtschaft Rodewig, in der Außenstelle Berlin.

Wo haben Sie in dieser Zeit gearbeitet?
In einer kommunalen Wohnungsverwaltung im EDV-Bereich.
Später war ich dann für 6 Jahre Softwareentwwickler in einer Unternehmensberatung.

Warum haben Sie dort aufgehört?
Die Projekte wurden immer größer und ich musste viel unterwegs sein. Das wollte ich nicht mehr.

Herr Böhlendorf, Sie sitzen vor mir in einem Rollstuhl, sind in Ihrer Bewegung mit den Händen eingeschränkt. Darf ich Sie fragen, wie es dazu gekommen ist?
Ich leide seit meiner Kindheit an einer Muskelerkrankung und war deshalb schon früh an den Rollstuhl gefesselt. Das war übrigens die entscheidende Inspiration dafür, einen eigenen Pflegedienst zu gründen.

Können Sie das näher erläutern?
Nun, ich war gezwungen, mir über meine eigene Vorsorge in den kommenden Jahren Gedanken zu machen.
Außerdem: Es kamen Leute auf mich zu, die fragten, ob ich nicht auch für sie die Vorsorge organisieren könnte.
Ich dachte darüber nach und kam zu dem Schluss, dass der Aufwand, also die Quantität, in so einem Fall natürlich zunehmen,
jedoch die Ansprüche an die Qualität gleichbleiben würden.
Und deswegen hatten mich die Menschen ja eigentlich auch angesprochen – nämlich auf höchstem Niveau versorgt zu werden.

Herr Böhlendorf, kann man das als Initialgedanken dafür verstehen, dass Sie Ihren eigenen Pflegedienst gründeten?
Ja, definitiv. Die Besonderheit gegenüber anderen Pflegediensten bestand darin, dass ich selbst versorgt und betreut werden musste.
Ich hatte sozusagen die Innenansicht davon, wie Pflege und Betreuung ankommt.

Wann haben Sie den Pflegedienst ITS-Home gegründet?
Das war vor 5 Jahren, 2012.

Wenn Sie zurückdenken, was ist Ihnen besonders schwer gefallen, als Sie ITS-Home gründeten?
Eigentlich alles.
Wie gesagt, ich hatte ja die andere Perspektive.
Ich wollte ein Maximum an Lebensqualität.
Die Angebote dazu haben nicht meinen Vorstellungen entsprochen.
Es war nicht das Standardgeschäftsmodell, was mir vorschwebte.

Sondern?
Wir wollten möglichst viele Leistungen für unsere Kunden erbringen. Das sind aber eben auch hohe Kosten, die dadurch entstehen. Diesen Mehraufwand bezahlen natürlich die Leistungsträger nicht. Und: Die Anforderungen an die Mitarbeiter sind deutlich höher.

Welche meinen Sie?
Die Anforderungen an die Integrität, die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und natürlich die fachlichen Anforderungen, die sind sehr hoch.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?
Ich will das noch deutlicher sagen: Wir stellen fachlich hohe Anforderungen. Zugleich muss der Mitarbeiter aber auch Verantwortung übernehmen wollen.
Im Krankenhaus haben Sie bei schwierigen Situationen immer jemanden, den Sie fragen können.
Bei uns hingegen treten Situationen ein, in denen schnell gehandelt werden muss und der Mitarbeiter ist zudem auf sich allein gestellt.
Dann brauchen wir Menschen mit Sachverstand, Herz und einem ausgeprägten Willen zum Handeln – immer zum Wohle des Patienten.
Oder: Nehmen Sie die Tatsache, dass der Patient mal in den Urlaub fahren will, vielleicht für 2-3 Tage.
Dafür ist ein enormer Aufwand nötig – logistisch, personell. Die Mitarbeiter, die den Patienten ansonsten im Alltag versorgen – die müssen ja auch mit. Das ist für sie nicht nur ein physischer Aufwand, psychisch ist das ebenfalls nicht einfach.
In der Familie des Mitarbeiters ist vielleicht ein kleines Kind. Sie können in dieser Zeit zum Beispiel abends nicht nach Hause,
sich um ihre eigene Familie kümmern, sich mit dem Kind beschäftigen. Grundsätzlich muss man für alles gerüstet sein.
Das schüttelt man nicht „aus dem Ärmel“.

Ist das denn nötig, eine solche Reise zu unternehmen?
Sehen Sie, das ist es, was wir meinen, wenn wir von maximaler Lebensqualität sprechen. Da gehört das eben mit dazu.
Ein weiteres Beispiel dafür, wie wir uns um hohe Lebensqualität für unsere Patienten bemühen:
Im Ludwigspark betreuen wir in einer Wohngemeinschaft sechs Bewohner.
Wir kaufen dort persönlich ein, kochen täglich frisch.
Wir wollten nicht auf das Essen auf Rädern zurückgreifen – wir wollten es geschmacklich noch individueller, frischer, einfach hochwertiger. Das bedeutete aber zusätzlich mehr Betreuungskräfte zu beschäftigen.

Was haben Sie in dem Fall konkret unternommen?
Wir haben zusätzlich eine Wirtschaftskraft eingestellt – für 6 Stunden am Tag.  Das sind aber Kosten, die wir oft nicht gegenfinanziert bekommen, zumindest nicht zu 100 Prozent.
Also bezahlen wir das sozusagen aus der „eigenen Tasche“.

Wie würden Sie die Zusammenarbeit im Team beschreiben?
Wir ergänzen uns gut. In der Wohngemeinschaft finden wir zum Beispiel unterschiedliche Mentalitäten und Charaktere unter den Bewohnern vor.  Und für jeden dieser Bewohner haben wir den richtigen Ansprechpartner von unserer Seite aus. Wir nehmen uns viel Zeit, um über die Bedürfnisse, Fragen, auftretenden Problem der Bewohner zu sprechen, tauschen uns untereinander intensiv darüber aus.

Was passiert eigentlich mit den Bewohnern, deren Gesundheitszustand sich verbessert hat?
Grundsätzlich ist das ein Ausdruck dafür, dass wir im Team aller an der Betreuung und Versorgung Beteiligten eine gute Arbeit für den Patienten geleistet haben. Es gibt dennoch dabei eine Kehrseite.

Was meinen Sie damit?
In dem Moment, indem sich der Gesundheitszustand des Patienten verbessert hat, enden bestimmte Leistungen.
Sie werden dann nicht mehr von der Pflegekasse bezahlt.
Das sind die Grenzen für unsere Philosophie, nämlich für die Maximierung der Lebensqualität zu sorgen.
In der Wohngemeinschaft haben wir ein ungeheuer hohes Maß an Versorgung und Betreuung. Im Schnitt kümmert sich ein Mitarbeiter um drei Patienten. In der häuslichen Betreuung ist das Verhältnis sogar 1:1.
Verbessert sich nun der Zustand, dann geht die 24-Stunden Versorgung auf die dann vom Standard infrage kommenden Leistungen der Pflegeversicherung über.
Hier arbeiten wir an einer Modellvariante, die so etwas auffängt und entsprechend weiterführt. Das steckt jedoch noch in den Anfängen der Konzeption und wir müssen ja auch die entsprechenden Leistungsträger dafür gewinnen und überzeugen.

Wo sehen Sie außerdem Entwicklungspotenzial für die Zukunft?
Wir wollen die Wege zu unseren Patienten optimieren. Das heißt, wir konzentrieren uns auf Berlin, da wo unsere Kunden sind – in der Mehrzahl in Berlin – Buch.
Des Weiteren: Ich glaube, wir können künftig mehr im Bereich der Assistenzpflege tun – also für noch mehr Entlastung bei den Angehörigen sorgen. Das bedeutet, mehr Pflegefachkräfte und Pflegehelfer einzusetzen, stets abgestimmt auf die individuellen Bedürfnisse der Kunden.

Herr Böhlendorf, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Zur Homepage: http://www.its-home.net

© Dr. Uwe Müller

Kontakt:
ITS Home
Dirk Böhlendorf
Geschäftsführer & Inhaber
ITS-Home
Hauptstraße 48
15366 Neuenhagen
Telefon: 03342-699299-0
Fax: 03342-699299-9
Dirk.Boehlendorf@ITS-Home.net

Interview mit Viola Lehmann

Viola Lehmann ist die Inhaberin der Seniorenbetreuung in Potsdam.

Frau Lehmann, wie verlief Ihr beruflicher Werdegang vor der Gründung der Seniorenwohngemeinschaft?
Ich war chemisch- technische Assistentin im Ernährungsinstitut in Potsdam – Rehbrücke. Nach der Wende musste ich mich – wie viele in Ostdeutschland- umorientieren. Ich bin in ein Seniorenheim nach Lietzensee als Pflegehelferin gegangen. Das war 1991. Dort habe ich bis 1999 gearbeitet.  In dieser Zeit habe ich auch eine Altenpflegeausbildung absolviert – in Hermanns – Werder in der Hofbauerstiftung. Das gehört zu Potsdam.
Als ich examinierte Altenpflegerin war, fiel mir auf, dass die Ausbildung wenig mit dem zu tun hatte, was in der Praxis ablief.

Wie meinen Sie das?
Damals war es noch so, dass es vor allem darum ging, die Leute zu waschen, zu pflegen, ihnen Essen zu geben. Von individueller Betreuung konnte da keine Rede sein. In der Zeit lief im Verlaufe einer Weiterbildung ein Film. Es ging um eine Seniorenwohngemeinschaft. Ich vergesse das nicht: Da saßen zwei ältere Damen am Tisch. Sie waren beide dement. Die Dame bot der anderen an, ihr Kaffee einzugießen. Sie vergaß aber,  den Deckel der Kaffeekanne aufzuschrauben. Und so konnte sie auch keinen Kaffee eingießen. Also stellte sie die Kanne auf den Tisch zurück.
Normalerweise hätte jetzt die Betreuerin eingegriffen und den Deckel der Kaffeekanne aufgeschraubt. Hier war es anders.
Die ältere Dame überlegte und plötzlich griff sie erneut zur Kanne und schraubte den Deckel auf. Sie hatte also die Zeit gehabt, zu überlegen. Eine einfache Geschichte. Aber wirkungsvoll aus Sicht der Aktivierung und der Möglichkeit, den Bewohnern die Zeit zu lassen, die sie brauchen. Das hat mich sehr beeindruckt.

War das die Initialzündung dafür, als selbstständige Unternehmerin in die Pflege zu gehen?
Ich denke schon. Im Heim war es ja unmöglich, so etwas umzusetzen. Ich habe danach ziemlich schnell mein eigenes Konzept geschrieben, wie ich eine Seniorenwohngemeinschaft gründen kann.
Den meisten Banken war mein Konzept aber nicht interessant genug.  Hätte ich eine Million gewollt, ich glaube, ich hätte sie eher bekommen als die Finanzierungsbewilligung für ein kleines Projekt der Seniorenwohngemeinschaft. Ich war sogar in der Zeit zu einer Fernsehsendung eingeladen, in der der Politiker Elmar Pieroth mitdiskutierte. Es ging um Unternehmertum. Die Berliner Volksbank war ebenfalls in der Sendung mit anwesend. Der Vertreter der Bank sprach davon, wie sie selbstständige Unternehmer bei ihren Vorhaben unterstützen.  Die gleiche Bank also, die mich abgelehnt hatte, sprach hier von großzügiger Unterstützung. Das habe ich dem Vertreter auch nach der Sendung direkt gesagt.

Und hat es geholfen?
Ja. Ich bekam die Gelegenheit, mein Konzept noch einmal einzureichen und erhielt eine Zusage.

Wie ging es weiter?
Dann habe ich sofort losgelegt. Ich habe eine entsprechende Wohnung gesucht, in der vier Bewohner untergebracht werden konnten. Das war im November 2001. Es ging ja um eine24 – Stunden – Betreuung.  Ich habe mit einer Mitarbeiterin angefangen. Und zwar montags bis freitags hat meine Mitarbeiterin von 08.00 – 16.00 gearbeitet und die restliche Zeit ich. Später kam die nächste Wohngemeinschaft. Zurzeit haben wir zwei Demenzgruppen mit insgesamt 14 Bewohnern und 14 Mitarbeiter.

Was ist Ihnen am Anfang leicht gefallen und wo hatten Sie Schwierigkeiten?
Es war anfangs schwer, Kunden zu finden. In meinem Haus wohnte eine Dame, die alleine nicht mehr klar kam.  Ihre Betreuerin hatte sich entschieden, mich mit der Versorgung und Pflege zu beauftragen. Das positive Feedback aus dieser Betreuung hat sich herumgesprochen. Leicht gefallen ist mir die Pflege, die Freude daran, mit alten Menschen umzugehen. Und die Tatsache, dass ich keinen Zeitdruck mehr hatte, wirkte sich positiv auf die Qualität der Arbeit aus.

Was macht Ihrer Meinung nach ein starkes Team aus?
Die Mitarbeiter müssen sich nicht lieben und sie sollen  untereinander auch nicht heiraten. Sie müssen aber miteinander klarkommen und die Probleme möglichst gemeinsam und nicht gegeneinander klären.  Das ist ein wichtiger Punkt, der ein starkes Team ausmacht.

Wo sehen Sie Gründe für den mitunter schlechten Ruf von Pflegediensten in der Öffentlichkeit?
Es  wird meines Erachtens noch zu wenig Positives berichtet und eher das Negative hervorgehoben – medial.

Was hat sich für Sie seit der Gründung Ihrer Seniorenwohngemeinschaft geändert?
Ich war vor 15 Jahren noch blauäugiger. Im Moment drückt die bürokratischen Auflagen, die sehr aufwändige Dokumentation.

Was macht für Sie individuelle Betreuung aus?
Sich um die Menschen kümmern heißt, sich individuell für sie zu interessieren, für sie persönlich zu sorgen.
Es darf keine Uhr dahinter sein, wenn wir unsere Bewohner betreuen. Zu mir kommen heute Interessenten, denen wir empfohlen wurden.  Das passiert nur bei einer sehr persönlichen Betreuung und Pflege – da sind Bewohner und die Angehörigen sehr zufrieden.

Was sagen Sie zur Generalistik in der Pflegeausbildung?
Ich glaube, das ist der falsche Weg. Wir sollten die Ausbildung getrennt lassen.

Warum?
Weil wir sonst gar keine Mitarbeiter mehr für die Altenpflege finden.

Was ist für Sie persönlich Glück?
Wenn es meinen Mitarbeitern gut geht.

Frau Lehmann, vielen Dank für das Gespräch.

Kontakt:
Seniorenbetreuung Lehmann, Viola Lehmann
Inhaberin: Viola Lehmann
Berliner Straße 32
14467 Potsdam
Telefon: 0331 – 2702019
Mobil:    0175 – 1530138
Telefax: 0331 – 2005883
Internet: www.seniorenbetreuung-lehmann.de
E-Mail: info@seniorenbetreuung-lehmann.de