ABENTEUER FITNESS-STUDIO

ALLTÄGLICHES-2021.07.29

Es musste noch zu früh sein, um auf die Uhr zu sehen.
Ich wälzte mich im Bett auf die andere Seite und versuchte weiter zu schlafen.

Ich blieb wach. Schließlich rappelte ich mich doch hoch im Bett und versuchte, die Lichttaste vom Wecker zu erwischen. Das klappte auch, nur fiel die ganze Uhr dabei um, krachte mit einem scheppernden Geräusch auf die Glasplatte.

„Sei bitte leise, wenn du so früh aufstehst“, hatte Klara mir noch gestern Abend gesagt.
„Das ist doch selbstverständlich“, erwiderte ich.

Jetzt war es zu spät dafür. Ich schaute auf die Uhr. Es war kurz nach drei.

Sollte ich mich noch einmal hinlegen und dann verschlafen?
Ich wollte unbedingt gegen vier Uhr losfahren.

Also schwang ich die Beine aus dem Bett, stieß gegen die Bettrolle, die in der Ecke stand und umfiel.
Klara hob den Kopf.

„Kannst du nur einmal nicht wie ein Bagger durch das Zimmer rollen?“
Ich antwortete nicht, sondern ging nach draußen und machte das Licht im Flur an.

„Mach das Licht aus“, rief Klara sofort.
Ich gehorchte und drückte auf den Schalter. Ich stand barfuß vor der Badtür und streifte nur leicht mit dem großen rechten nackten Zehen die Kante vom Türrahmen.

‚Jetzt bis du wenigstens munter‘, redete ich mir ein, während der Schmerz brennende Signale an mein Gehirn abgab: ‚Du Trottel solltest besser aufpassen oder im Bett liegenbleiben.‘

Ich beschloss, all das zu ignorieren und zog mich an, gleich in Sportkleidung.

Anschließend tastete ich mich im Dunkeln die Treppe runter und leuchtete mit dem iPad die einzelnen Stufen ab.

Dann Tee kochen, Banane ins Auto legen, 1,5 Liter Wasserflasche auffüllen, losfahren.

Ich musste durch den Wald, weil die Landstraße wegen Bauarbeiten gesperrt war, schon lange, eine gefühlte Ewigkeit.

Ich holperte über die Unebenheiten der Straße, jagte für eine Weile einen Hasen, der nicht aus meinem Lichtkegel herauskam.

Was sollte ich tun, ihn ignorieren, das brachte ich nicht fertig. Also entweder ich bog in Richtung Baum ab oder er tat es. Ich war dafür, dass er es auf sich nahm.

Ich fuhr ganz langsam, schaltete das Licht aus und dann wieder an.
Der Hase hoppelte ganz weit hinten auf der Waldlichtung davon.

Endlich Landstraße. Ich bretterte an Buch vorbei, rauf auf die Autobahn, runter an der Prenzlauer Promenade. Die Ampeln waren alle auf grün geschaltet.

Im Radio trällerte jemand das Lied „Einmal von Rügen nach Paris.“ Was hätten sie wohl mit dem Sänger vor dreißig Jahren gemacht? Das war ja der direkte Aufruf zur Republikflucht.

Aber heute Morgen, drei Jahrzehnte später, Paris?
Nee, lieber Rügen und dort an den Strand legen. Ist sicherer wegen Corona.

04.27 Uhr, ich fahre in die Tiefgarage. Es ist gespenstisch. Als ich aussteige höre ich das dumpfe Geräusch von einem Gewicht, das zu Boden knallt.

Also war ich nicht der erste.
04.59 Uhr, ich stehe auf dem Laufband und drehe langsam die Geschwindigkeit hoch.

Als ich bei 5,5 bin, fahre ich die Steigung auf 15 hoch. Mehr geht nicht.
Ich komme ins Straucheln, habe Angst, dass mir das Band davonläuft und ich mit dem Gesicht auf dem Boden aufknalle.
Mit letzter Kraft fahre ich die Steigung zurück, keuche und röchele dabei.

Dreißig Minuten sind geschafft, ich lege mich danach auf die Bauchbank, verschränke die Hände auf meinem Oberkörper und freue mich, dass ich noch lebe.

Ich raffe mich auf und hebe und senke die Beine.
07.15 Uhr – Ich hole mir ein Proteingetränk für drei Euro. Wenn das Klara wüsste. Weiß sie aber nicht.

Ich will unbedingt wieder das Abnehmen forcieren.
Gestern kam ein Mann auf mich zu und sagte mir, dass ich gut wäre an der Bizeps Maschine wäre. Ich schaute misstrauisch zu ihm hoch.

„Was schleimte der rum?“
„Du musst dir eine Folie um den Bauch legen, dann verbrennst du dein Fett.“

„Du, danke, aber ich habe zu lange daran gearbeitet, damit ich so aussehe, wie ich es jetzt tue.“
Er schaute mich an und forschte in meinem Gesicht, ob es ein Spaß gewesen wäre.

War es auch, aber ich mochte nicht lachen, denn ich hatte noch zu viele Geräte vor mir.
Aber heute war ich für mich und brauchte keine noch so gutgemeinten Ratschläge annehmen.
Ich setzte mich noch für eine Weile auf die Bank draußen, blinzelte in die Sonne und sah einer Taube zu, die vor mir saß.

„Das Leben ist schön“, sagte ich mir und begab mich auf den Rückweg.

Ich rief Klara an. Sie war heute im Homeoffice.
„Soll ich Frühstück machen?“, fragte sie mich.
„Das wäre toll und freute mich auf den Kaffee.“

„Du, ich bin voller Energie“, sagte ich zu ihr, als ich zur Tür hereinkam.
„Das habe ich gemerkt, und zwar schon vor deinem Sport“, antwortete Klara trocken.

Ich wartete noch, ob vielleicht ein kleines Lob kam, dafür, dass ich so früh aufgestanden war, mich in die City gestürzt hatte, nur um zwei Stunden Sport zu treiben.

Es kam nichts.
„Wie weit bist du eigentlich mit deinem Interview? Ist das fertig?“, fragte sie mich.

„Ja, ist fertig.“
Sie dachte wahrscheinlich fertig zum Abgeben. Ich aber meinte: Rohentwurf fertig.

„Dann kannst du ja heute noch neue Kunden anrufen“, sagte sie.
„Kann ich, aber ich muss noch ein bisschen am Text feilen“, sagte ich.

Das Hamsterrad des Alltags nahm wieder seinen Lauf.
Ich war immer noch gutgelaunt und wollte es auch bleiben, bei dem Energieschub von heute Morgen? Das musste einfach drin sein.

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GESPRÄCHE MIT EINER PRIMA BALLERINA-AUSGEWÄHLTE TEXTE

MENSCHEN IM ALLTAG-2021.07.28

Am 05. August 2021 veröffentliche ich auf dem Blog das neueste Interview, das ich mit Iana Salenko kürzlich geführt habe.
Vorab – hier zwei ausgewählte Texte aus den letzten beiden Jahren.

 

IANA SALENKO IM TELEFONINTERVIEW IM DEZEMBER DES VERGANGENEN JAHRES
Freitag, 11.12. 2020
Iana Salenko ist die Prima Ballerina am Staatsballett in Berlin.
Sie antwortete auf meine Fragen, die ich ihr am Telefon gestellt habe. Obwohl es ihr selbst noch nicht wieder hundertprozentig gutging - sie hatte sich mit Covid-19 infiziert, schaffte sie es, gute Laune zu verbreiten.
Ich stellte immer wieder aufs Neue fest, dass Iana durch und durch ein Profi ist, vor allem aber ein wunderbarer Mensch.

Zum Interview:
Iana, wie geht es Euch in dieser Zeit, in der alles und alle unter Covid-19 zu leiden hat?
Uns geht es heute schon wieder viel besser. Vor vierzehn Tagen habe ich erfahren, dass ich mich mit dem Virus infiziert habe.

Hast Du Dich testen lassen?
Ja, und wenig später bekam ich die Nachricht, dass der Test positiv war.

Was hast Du in dem Moment gedacht, als Du von dem Ergebnis erfahren hast?
Naja, du erschrickst dich schon, bekommst Angst, weil du ja nicht weißt, wie der Verlauf deiner Krankheit sein wird.

Welche Symptome sind bei Dir aufgetreten?
Ich war vor zwei Wochen, noch bei den Proben und fühlte mich danach nicht so gut.
Ich hatte Muskelkater, der ganze Körper schmerzte und am nächsten Tag spürte ich, dass mir mal kalt und dann wieder heiß wurde.

Was hast Du dagegen unternommen?
Zunächst war mir noch nicht bewusst, dass ich überhaupt krank bin.
Ich dachte, es sei eine leichte Erkältung.

Ich bin ja sogar noch in die Sauna gegangen, um den Schnupfen und den Husten wieder loszuwerden.

Und, hat die Sauna geholfen?
Nein, natürlich nicht. Die Symptome wurde sogar noch stärker.
In der Nacht darauf hatte ich eine erhöhte Temperatur – 37,5 Grad zwar nur, aber es fühlte sich an, als hätte ich 39 Grad Fieber.

Gab es dafür einen besonderen Grund?
Ich glaube, dass das mit meinen starken Schmerzen im Rücken zu tun hat, die ich stets bekomme, wenn ich Fieber habe.

Wie ging es weiter?
Ich bin Zuhause geblieben, habe viel geschlafen, mich ausgeruht. Ich wollte keine Tabletten nehmen und gedacht, ich bekäme es so in den Griff.

Aber dann wurde der Husten stärker, ich hatte teilweise keinen Geschmack mehr, fühlte mich einfach schlapp.
In der Staatsoper wurden wir zweimal in der Woche getestet. Ich habe mich also auch nach einer Probe entsprechend vorsorglich testen lassen. Als ich das Ergebnis mitgeteilt bekam, da bin ich sofort in die Quarantäne gegangen.

Hat Marian diese Symptome auch gehabt?
Ja, er hatte tagelang Kopf- und Rückenschmerzen, seine Augen brannten und er war auch ständig müde.

Des Weiteren hatte er einen starken Husten und auch ein Brennen in der Nase.

Wie geht es Euch heute, 14 Tage, nachdem Du positiv getestet wurdest?
Es geht uns beiden schon sehr viel besser. Wir fühlen uns noch nicht wieder zu 100 Prozent fit, aber es geht merklich aufwärts.

Iana, ich weiß, dass Du mental ein sehr starker Mensch bist und Dich immer wieder selbst motivieren kannst. Gelingt Dir das in dieser Zeit ebenfalls?
Ja, schon.
Es gibt sogar etwas Positives, dass ich gar nicht missen möchte.

Nämlich, dass ich William ganz anders aufwachsen sehe.
Bei Marley war ich gleich nach der Geburt schon wieder sehr schnell in Auftritte eingebunden. Heute kann ich Zuhause bleiben und mich intensiver mit den Kindern beschäftigen.

Wie kommt Ihr beide miteinander klar. Gibt es Phasen, wo Ihr Euch wünschen würdet, dass Ihr nicht beide die ganze Zeit im Haus zusammen seid?
Uns geht es wie allen Menschen in dieser Situation.
Also gibt es auch mal Zeiten, wo wir uns lieber mal für eine Zeit aus dem Weg gehen oder eben eine Meinungsverschiedenheit austragen.

Aber überwiegend stärkt uns der Zusammenhalt in der Familie, weil wir viel miteinander reden und einfach Spaß haben.

Marian ist es ja gar nicht gewohnt, dass ich so viel Zuhause bin. Für ihn ist das eher ungewohnt. Er denkt manchmal, ich sei genervt von ihm, weil er nun so oft um mich herum ist.

Und ist das so?
Nein, überhaupt nicht. Ich genieße das richtig, auch mit den Kindern zusammen zu sein.
Ich sitze manchmal nur auf der Couch und beobachte William, wie er auf dem Fußboden herumkrabbelt. Das sind einfach schöne Momente.

Wie hältst Du Dich fit in dieser Zeit, und unter diesen ungewöhnlichen Bedingungen?
Ich trainiere sehr viel an der Sprossenwand im Arbeitszimmer, oder ich mache Bodenübungen. Yoga – und Pilatis Übungen kommen hinzu.
Manchmal laufe ich mit William die Treppe hoch. Er mag das so sehr. Wir können ihn in seinem Alter nicht allein hochlaufen lassen und müssen schauen, dass ihm beim Klettern auf der Treppe nichts passiert.
Also machen wir das beste daraus und treiben gleich ein bisschen Sport. Das muss ja alles auch ein wenig Spaß machen.

Wie ist die Hausarbeit zwischen Euch aufgeteilt?
Marian kocht sehr gern. Er liebt das. Ich wasche meistens ab.
Ich stehe meistens sehr früh auf.

Dafür bereitet Marian wiederum die Flasche Milch für die Nacht für William vor. Morgens, da bekommt der Kleine Haferflocken und Marian kann weiterschlafen. Er rührt sich auch nicht.

Wie kommt Dein Mann insgesamt mit der Situation klar?
Marian versucht vor allem die positiven Seiten im jetzigen Alltag zu sehen.
Er beschäftigt sich viel mit den Kindern, genießt unser Zusammensein.

Iana, vielen Dank für das Interview.

 

WILLIAM KÜNDIGT SICH AN
Iana, kurz vor der Geburt ihres zweiten Sohnes, William

Montag, 13. Mai 2019.

Iana ging es gut, und das, obwohl sich scheinbar die Zeit ihrer Schwangerschaft dem Ende zuneigte.

Ihr Bauch war immer weitergewachsen und jetzt fühlte er sich sehr hart an. Doch sie fand das nicht schlimm.

„Ich gehe heute zum Training“, rief sie Marian zu, der gerade die Treppe herunterkam und auf die Küche zusteuerte.

„Hm“, brummte der. Zu mehr war er zu der Tageszeit noch nicht fähig. Der Tag hatte ja gerade angefangen und Marians ‚Batterien waren noch nicht hochgefahren‘.

„Ich will mich bewegen, nicht nur hier herumsitzen“, sagte Iana zu ihm, während Marian in der Küche hantierte.

„Aber wird das nicht zu viel für dich? Es kann jeden Augenblick losgehen, mit den Wehen“, antwortete Marian und schaute auf Ianas Bauch.

„Ach, das geht schon“, entgegnete sie. Dabei stellte sie sich gerade in den letzten Tagen immer wieder die Frage, wann es nun endlich so weit war, und es losging mit der Geburt.

Iana, Marian, Marley, sie alle konnten es kaum noch erwarten, dass der kleine William auf die Welt kam.

Nach dem Training fühlte sich Iana immer noch gut.
Später, es war bereits nachmittags, da verspürte sie Lust, die Terrasse zu fegen.

Irgendwas ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Sie wollte putzen, alles im Haus saubermachen.

„Ich kann dir helfen“, sagte sie zu Marian, während der das Unkraut zupfte. Sie sprang auf und griff sich den Besen.

Anschließend begleitete sie noch gemeinsam mit Marian ihren Sohn Marley zum Klavierunterricht.

Nach dem Klavierunterricht gingen sie alle zusammen in ein Fastfood-Restaurant.

„Ich möchte Cola trinken“, rief Marley gleich, als sie sich alle hingesetzt hatten.

„Du weißt schon, dass das nicht nur dick macht und du außerdem die ganze Nacht nicht schlafen kannst“, mahnte Marian seinen Sohn.

Marley war gerade mal zehn Jahre alt und für sein Alter ein sehr aufgewecktes Kerlchen, und nicht auf den Mund gefallen.

„Macht nichts, dann kann ich nachts weiter meine Geschichten per Video erzählen“, entgegnete er schlagfertig.

„Denk an Herrn Müller und seinen dicken Bauch. Willst du auch mal so aussehen?“, scherzte Marian.

„Papa, dann müsste ich ja ganze Lastzüge voller Cola leer trinken und zu Weihnachten könnte dann nicht wie gewohnt ein festlich geschmückter Coca-Cola – Zug zu den Kindern fahren, so wie jedes Jahr.“

„Ich will auch eine Cola probieren“, sagte Iana plötzlich.
„Hoffentlich bekommt sie dir in deinem Zustand“, meinte nun Marian.

„Ja, das geht schon“, antwortete Iana und tunkte eine Pommes frites in die scharfe Sauce.

Es war schön, im Restaurant zu sitzen, zu lachen und die Gemeinsamkeit zu dritt zu genießen.

Bald würden sie zu viert sein, und im Stillen saß der kleine William bereits mit am Tisch.

Iana fühlte sich gut nach dem Essen. Und doch sollte diese Leichtfertigkeit beim Essen ihre Geburtswehen beschleunigen.

„Mama, wollen wir Lego spielen?“, fragte Marley seine Mutter, als sie wieder Zuhause angekommen waren.

Iana war einverstanden und Marley holte die Steine raus.
Marian mähte indessen im Garten den Rasen.

Plötzlich bemerkte Iana, dass bei ihr Wasser austrat.
Sollte das der Beginn der Geburtswehen sein?

Eine Woche lang hatte Iana alles versucht, aber die Wehen setzten nicht ein, es passierte nichts.

Und die Cola und die scharfe Sauce, waren sie jetzt der Auslöser für all das?

„Marley, ich glaub‘, es geht los“, rief Iana.
„Nein, nein, bitte nicht, noch nicht heute!“

Marley schaute seine Mutter an. Sein Gesicht drückte Panik aus.
Er hatte Angst um seine Mutter. Aber er dachte auch daran, dass am nächsten Tag die Fahrradprüfung für ihn anstand, und die wollte er unbedingt ablegen.

Außerdem: Sein Bruder sollte nicht an einem 13. geboren werden. Das würde doch Unglück nach sich ziehen. Marley war verzweifelt und ratlos.

Iana spürte das aus ihrem herauslaufenden Fruchtwasser.
„Ich geh‘ in die Badewanne und danach ein wenig Make-up auftragen“, sagte sie. Sie schien ruhig und ausgeglichen, während um sie herum alles hektisch wurde.

William kam noch am gleichen Tag zur Welt.

FITNESS IST MEHR ALS NUR MUSKELN TRAINIEREN – ES KNÜPFT EIN MENTALES BAND ZWISCHEN MENSCHEN IM ALLTAG

ALLTÄGLICHES-2021.07.28

ALLTÄGLICHES-2021.07.28

Kalle, der Allrounder vom JR-Fitness-Studio im Prenzlauer Berg,  motiviert dich – neben seiner Arbeit, fast unbemerkt, aber mit einem merklich positiven Ergebnis für dich – mental und für deine Bereitschaft, erneut zum Training zu kommen, nun schon fast täglich.

Ich bin noch nicht lange wieder im Fitness-Studio – erst, nachdem ich zweimal geimpft worden bin.

Jetzt ist es wohl schon die dritte Woche, in der ich morgens wieder regelmäßig zu John Reed in den Prenzlauer Berg fahre.

Es fühlt sich noch schwer und behäbig für mich an. Allein, wenn ich die Treppen von der Tiefgarage rauf bis zum Eingang des Studios gehe, keuche ich, als hätte ich schon einen Halb-Marathon absolviert.

Kalle hat mich da beruhigt: „Du, die Treppenstufen sind wahrscheinlich höher als normal gebaut.“
Ich war sofort bereit, ihm das zu glauben.

Aber das ist es, was mich schließlich schnell motiviert.

Während ich mich ausgeschlafen, na gut – so einigermaßen, kurz vor sechs Uhr morgens durch die Tür schleppe, eher missgelaunt bin, begrüßt Kalle mich hinter dem Tresen mit einem fröhlichen ‚Guten Morgen Uwe.‘

Dabei müsste er derjenige sein, der kaputt ist, denn hinter ihm liegen ja viele Arbeitsstunden, die er in der Nacht im Studio absolviert hat.

Aber in dem Moment, in dem ich ihn treffe, da lege ich meinen eigenen inneren Schalter um und sage mir: ‚Komm‘, du Lusche, sei fit und motiviert, du hast keinen Grund dich hier nur durchzuschleppen.“

Es sind nie die großen Dinge, die mich begeistern, sondern eher die kleinen, die alltäglichen Gesten, die mir schließlich gute Laune bereiten.

Kalle hat dafür ein Händchen. Er sagt zwar, er sei nur der Allrounder, der sich kümmert, aber ich denke, er ist mehr.

Nämlich jemand, der Menschen zusammenführen kann, jedem der zur Tür reinkommt das Gefühl gibt: ‚Hey, besonders du bist hier herzlich willkommen.‘

Wir sprechen nie lange miteinander, dann wuselt Kalle schon wieder irgendwo hin -und her, achtet darauf, dass die Hygieneregeln eingehalten werden, kontrolliert den Impfstatus bei den Leuten, die durch die Eingangstür kommen.

Kurzum, es ist mehr ein positives Feeling, was Kalle verbreitet und dabei noch seine Arbeit macht.

Im Stillen denke ich oft: „Du möchtest hier jetzt nicht wischen, oder mit dem Lappen die Ecken im Studio säubern.“

Da bin ich dann doch froh, dass ich lediglich an den Geräten trainieren muss oder besser darf.

Ich schätze Kalle, weil er unaufdringlich ist, sich kümmert, stets ein gutes Wort übrighat, und ganz nebenbei, fast unbemerkt, alles im Griff hat.

Also, ich sitze jetzt am Schreibtisch, müsste eigentlich das Interview mit der Prima Ballerina protokollieren, aber das hier aufzuschreiben, das macht eben mehr Spaß.

Ich bin froh, dass ich wieder ins JR-Studio fahren kann. Und das mit dem Gewicht und den laschen Muskeln, das kriege ich auch wieder in den Griff, die Hoffnung jedenfalls bleibt.
Bis demnächst mal, Kalle.

MIT KRÜMEL GLÜCKLICH UND ABWECHSLUNGSREICH – EIN ATEMLOSES WOCHENDE

ALLTÄGLICHES-2021.07.26

Der blöde Code an der Kita-Eingangstür

Wir haben uns darauf gefreut, Krümel aus der Kita abzuholen.
Und Krümel war auch schon ganz aufgeregt.

„Oma und Opa, ich bleib‘ zwei Tage bei euch“, hat sie fröhlich durchs Telefon geschmettert.

Die erste Hürde war die Eingangstür zur Kita. Ich hatte mir den Code gemerkt, aber nicht, in welcher Reihenfolge was eingegeben werden musste.

Schließlich waren wir drin, nach vielen gutgemeinten Ratschlägen von Eltern, die ungeduldig hinter uns warteten, dass wir die Tür endlich aufbekamen.

„Wir wollen Krümel abholen“, sagte ich zu einer Erzieherin, die im Hof die lärmenden Kinder beaufsichtigte. Es war dort eine schöne Atmosphäre.

Vor mir auf dem Tisch standen Schalen mit frischem Obst. Ich wollte schon hineinlangen, aber der strafende Blick von Klara hielt mich davon ab.

„Plötzlich erkannte uns Krümel. Sie stürmte auf uns los und rief: ‚Oma, Opa.‘

„Ich kenn‘ Sie nicht“, sagte die Erzieherin.

„Ich kenn‘ Sie auch nicht, aber unsere Enkelin kennt uns und das ist wohl das Wichtigste“, sagte ich trotzig und bekam prompt von Klara einen kräftigen Stoß in den Rücken.

Ich fingerte noch den Führerschein aus dem Etui des Handys und zeigte ihn der Erzieherin. Die hatte schon das Foto erkannt, das auf der Vorderseite war und auf dem ich mit Krümel zu sehen war.

„Ihre Enkelin hat einen Jungen gekratzt“, sagte jetzt noch die Erzieherin.

Ach, auf einmal war es unsere Enkelin, als sie die Nachricht loswerden konnte.
„Ist gut, brummte ich“, bereit, Krümels Handlung zu verteidigen. Ich wusste, es war pädagogisch falsch, so zu reagieren, aber ich war nun mal innerlich auf ‚180′ und da zog ich einen mentalen Verteidigungskreis um meine Liebsten.

Ich war aber in dem Moment nicht der Liebste von Klara. Die hatte die Nase voll von meinen wortreichen Eskapaden und war mit Krümel bereits auf dem Weg nach draußen. Krümel hüpfte an ihrer Hand fröhlich von dannen. Ich trottete hinterher, nachdem ich ‚Wiedersehen‘ gebrummt hatte.

Aber das nächste Mal würde ich vor der Eingangstür warten und das Feld gleich Klara überlassen.

„Wir hatten einen ‚onteur‘, jaha“

Ich hatte mich beruhigt und wir fuhren fröhlich mit Krümel zu uns nach Hause.

„Warum wohnt ihr im Dorf?“, fragte Krümel.
„Das ist die Hunderttausend Euro – Frage, die ich dir auch nicht beantworten kann“, sagte ich zu ihr, ohne den Blick von der Straße im Auto zu lassen.

Endlich, wir waren Zuhause, im Dorf.
Klara kümmerte sich um Krümel, ich machte die Schirme auf.
Wir legten uns für einen Augenblick auf die Liegen und schauten zu, was Krümel machte.

Die spielte und lief mit nackten Füssen auf der Terrasse umher.
„Krümel, zieh‘ dir bitte die Schuhe an“, sagte Klara.

„Hm, ich will nicht“, kam es trotzig von Krümel.
„Bitte, sei so lieb“, versuchte Klara sich bei ihr einzuschmeicheln.

Aber ohne ihr ein Eis in Aussicht zu stellen, oder zu sagen, dass sie die ‚Hunde‘ im Fernsehen anmachen konnte, bewegte sich da nichts.

Nein, Krümel lief nach drinnen, machte die Terrassentür hinter sich zu und drückte den Hebel nach unten.

Ich schnellte von der Liege hoch.
„Drück die Klinke wieder zur Seite“, sagte ich von draußen zu Krümel.

Krümel versuchte es, ohne Erfolg.
Ich bekam sofort Panik, lief in den Schuppen, um den Ersatzschlüssel zu suchen.
Der war da aber nicht mehr.
Klara hatte ihn wieder rausgenommen, aus Sicherheitsgründen.
Plötzlich hörte ich die große Haustür klappen.

War die etwa noch auf?
Bevor ich das überprüfen konnte, stand Krümel vor mir und lachte mich an.

Die Haustür hatte sie hinter sich zu fallen lassen.
Jetzt waren wir endgültig ausgesperrt.

Der Nachbar bot sich an, die Tür mit einem Stemmeisen hochzuheben oder das Schloss einfach aufzubohren.

Wir lehnten dankend ab.
Endlich, ich bekam einen Monteur, der in ca. zwei Stunden bei uns sein wollte.

„Finden Sie denn zu uns, obwohl die Straße gesperrt ist?“, fragte ich ihn.

„Naja, ich weiß nicht“, erwiderte er zögerlich nach einer Pause.
„Gut, dann hole ich Sie ab. Kennen Sie den Waldweg, kurz nach dem Kreisverkehr, da wo es in Richtung Liepnitzsee geht“, fragte ich ihn.

„Klar“ sagte er knapp.
„Gut, da steh‘ ich und warte auf Sie“, antwortete ich.

Es klappte alles prima. Wir trafen uns, der Monteur fuhr hinter mir und ich schaukelte mit dem kleinen Jeep vor ihm über die Sandwege und durch die Schlammlöcher hindurch.
Dann ging dann alles sehr schnell.
Nicht einmal fünf Minuten hatte es gedauert, bis er die Tür geöffnet hatte.

„Sie könnten Ihr Geld auch leichter verdienen“, sagte ich zu ihm.
Der Monteur schmunzelte, schrieb die Rechnung aus und verabschiedete sich ins Wochenende.

Wir waren froh, dass alles so reibungslos gegangen war. Obwohl: Ein ziemliches teures Wochenende war es schon.

„Wir hatten einen ‚onteur‘, jaha“, sagte Krümel zur Nachbarin. Die freute sich mit Krümel. Wir konnten auch schon wieder lachen.
Immerhin hatte Krümel in der Zeit, als wir auf den Monteur gewartet hatten, eine bühnenreife Vorstellung im Garten geliefert.

„Ich bleib‘ bei euch“, sang sie aus Leibeskräften und tanzte dazu.
„Opa, das ist der Löwe“, rief sie zu mir.

Sie meinte wohl das Lied aus dem Film ‚Der König der Löwen‘.
Das erste Mal wurde das Rasenstück im Garten zur großen Bühne.

Wir schauten gebannt zu, hatten ein bisschen Angst, dass sich die Nachbarn wegen der Gesanges Lautstärke von Krümel beschwerten.

Wir jedoch, wir fanden es toll und merkten gar nicht, wie die Zeit verging.

Am nächsten Tag brachten wir Krümel zurück, zu ihrer Mama.
Die wartete mit dem Fahrrad für sie bereits unten vor dem Hauseingang.

Krümel stieg auf das Fahrrad, winkte uns noch einmal zu und fuhr schnurstracks in ihr nächstes Abenteuer.

Wir waren ein bisschen traurig, weil es im Garten nun so still war.
Aber wir schliefen beide ein, erschöpft und traumlos.

Bald geht es wieder los, an die Ostsee.

Dann heißt es morgens: „Opa, ‚pomm‘, wir spielen mit den Autos.‘
Ich freu‘ mich drauf.

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HILDE UND HERBERT ALBATROS WOHNEN GEGENÜBER

ANNA-2021.07.23
Was bisher war:
Klara schlug das Herz bis zum Hals, als sie vor der Tür des Zimmers im ‚Betreuten Wohnen‘ stand, in dem Anna ihr Leben in Zukunft verbringen sollte.
Lukas half Klara beim Ausmessen des Zimmers. Pfleger Olaf und Klara fanden einen ersten inneren Draht zueinander, er als künftiger Betreuer von Anna, sie als die nächste Angehörige, die sich um alles kümmerte.
Peter stand im Zimmer rum und redete, aber keiner hörte ihm richtig zu. Peter verstand das, denn er war froh, dass er sich nicht zu bücken brauchte, um ebenfalls mit abzumessen.

Olaf ging am Zimmer seiner Pflegedienstleiterin, Schwester Ulrike, vorbei.

„Und was sagen die Angehörigen?“, rief ihm Ulrike hinterher, als er schon an ihrer Tür vorbei war.

„Ich glaube, die finden das Zimmer ganz in Ordnung und auch das Drumherum.“

„Na, das klingt ja nicht gerade euphorisch. Was meinst du denn mit dem ‚Drumherum‘?“

Olaf war einen Schritt zurückgegangen und schaute in das Zimmer von Ulrike.

„Ich hatte den Eindruck, dass sie es gut fanden, wie der Sanitärbereich angeordnet war, was alles an dem Zimmer noch dranhängt; das große Wohnzimmer mit dem Fernseher, die Küche, wo alle zusammen kochen können.

Und ich glaube, der Tochter von Anna Sturm hat am besten der Balkon gefallen. Sie meinte nur, dass ihre Mutter immer von dem Blick vom Balkon ihrer Wohnung auf den Strelasund geschwärmt hatte und den sie nun auch wieder bekommt, nur eben von unserer Seite aus.“

„Ja, das stimmt“, sagte Ulrike.
„Noch was?“, fragte Olaf, bevor er weiterging.
„Nein, hilf bitte Saskia beim Wechseln der Wäsche in der 5. Etage“, sagte Ulrike noch.

„Geht klar“, meinte Olaf und verschwand endgültig.
Saskia war gerade im Nebenzimmer von Anna Sturm damit beschäftigt, die Laken und die Bettbezüge wieder auf das Bett zu bringen.

„Ich soll dir helfen!“, brummte es da hinter ihrem Rücken.
„Sollst du oder willst du?“, fragte Saskia, während sie sich zu Olaf umdrehte. Sie sich, dass er in ihrer Nähe war.

„Naja, kannste‘ dir die Antwort aussuchen“, antwortete Olaf.
„Oh, das ist aber wenig charmant“, sagte Saskia mit einem kleinen Augenzwinkern.

Klara ging in diesem Augenblick am offenen Zimmer der Nachbarin vorbei und sah, wie Saskia und Olaf miteinander umgingen.

„Auf Wiedersehen und vielen Dank noch mal“, rief Klara beiden zu.
Eigentlich meinte sie Olaf, der ihr ihm Zimmer geholfen hatte.
Der nickte nur, während Saskia „ein gern geschehen“ zu Klara sagte.

„Die beiden haben was miteinander“, sagte Klara nun zu Peter, der hinter ihr lief.

„Was du schon wieder im Vorbeigehen alles mitbekommst“, gab Peter an Klara zurück, während er dabei zu Lukas schaute. Der zog nur die Augenbrauen hoch.

„Wollen wir uns noch von Schwester Ulrike verabschieden?“, fragte Peter.
Klara zögerte und bat Lukas und Peter schon mal zum Fahrstuhl zu gehen und dort zu warten, während sie kurz bei der Pflegedienstleiterin vorbeischauen wollte.

Lukas und Peter machten sich gleich auf den Weg und waren froh, dass sie nicht noch einmal ein Stockwerk tiefer zu Schwester Ulrike mussten.

Sie gingen aus der Tür heraus, um vor dem Fahrstuhl auf Klara zu warten.

Peter lief auf dem Treppenflur auf und ab und las sich die Zettel durch, die an einer Tafel hingen.

Plötzlich traute er seinen Augen nicht, als er seinen Blick weiter umherschweifen liess.

Am Türschild gegenüber des ‚Betreuten Wohnens Sörensen‘ blinkte ihm ein blank geputztes Messingschild entgegen auf dem die Namen ‚Hilde und Herbert Albatros‘ entgegenprankten.

„Das gibt’s doch nicht.“
„Was?“, fragte Lukas.
„Guck mal hier“, sagte Peter, während seine Stimme hell und grell klang.

„Nein!“
„Doch, das sind sie.“
„Meinst du wirklich?“, fragte Lukas ungläubig.

„Was glaubst du denn, wie viel Zufälle es auf einmal gibt?“
„Das hier der Name deiner Tante und deines Onkels dransteht? Dass die beiden gesagt haben, dass sie in eine Wohnung des ‚Betreuten Wohnens Sörensen ziehen‘ und dass sie später einmal von denen betreut werden wollen?“

Peter schaute Lukas an und schob nach: „Sie sind es!“
Die Tür ging auf und Hilde Albatros schaute heraus.
„Was macht ihr denn hier?“, fragte Tante Hilde und schaute die beiden an, als hätten sie gerade versucht einen Korb mit Äpfeln vom Hausflur zu klauen.

„Ach, wir stehen hier nur rum, wir finden es klasse, einfach hier zu sein, die Hände in den Hosentaschen zu vergraben und darauf zu warten, dass deine Wohnungstür aufgeht.“

„Und?“, fragte Hilde verdattert.
„Ja, sie ist aufgegangen, guten Tag, Tante Hilde. Wir freuen uns, dass wir uns mal nach so vielen Jahren wiedersehen, hier an der Ostsee, am Strelasund, mit Blick auf den Fahrstuhl.
Bevor Hilde antworten konnte, kam Klara aus der gegenüberliegenden Tür.

„Nein, du bist ja auch hier!“, sagte Hilde und schaffte es immer noch nicht, einen klaren Blick zu bekommen.
„Ja, die Klara, die wollte eigentlich mit auf den amerikanischen Trip mit in den Weltraum, aber sie hat kein Ticket mehr bekommen und da haben wir sie hierher mitgenommen“, sagte Peter in seinem ihm eigenen Humor.

„Ach das ist aber schön, dass wir dich hier treffen“, sagte Klara und stieß Peter als Warnung in den Rücken, nicht noch so einen Spruch von sich zu geben.

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ZUM TOD VON FRAU DR. MARLIES WILLAMOWSKI

MENSCHEN IM ALLTAG-2021.07.22
Ich habe gerade vom Tod meiner langjährigen Ärztin, Frau Dr. Willamowski, erfahren.

Ich bin schockiert und sehr traurig. Sie war eine ausgezeichnete Ärztin. Und sie war ein sehr sensibler und fürsorglicher Mensch, immer mit dem Blick auf das Wohl ihrer Patientinnen und Patienten befasst.

Zweieinhalb Jahrzehnte hat sie mich betreut. Sie hatte den Finger stets in der Wunde, wenn sie mich auf eine gesündere Lebensweise hinwies und dafür habe ich sie innerlich manchmal verflucht, weil ich ja wusste, wie recht sie damit bei mir hatte.

Aber sie war auch eine ausgesprochen gute Gesprächspartnerin, konnte hervorragend zuhören.

Manchmal habe ich es sogar geschafft, sie zum Schmunzeln zu bringen. Ich werde Sie sehr vermissen, und ich werde Sie nicht vergessen, liebe Frau Doktor. Mögen Sie in Frieden ruhen.
Dr. Uwe Müller

GLÜCKSGEFÜHLE VON NULL AUF HUNDERT

ALLTÄGLICHES-2021.07.22

Es war schon weit nach Mitternacht und ich wälzte mich im Bett hin und her.

Aber ich hatte noch genügend Zeit, mich umzudrehen und weiterzuschlafen, dachte ich.

Ich hob meinen Kopf, nur um mich zu vergewissern, dass ich noch mindestens eine Stunde schlafen konnte.

Ich hatte falsch gedacht. Die Uhr zeigte 03.35 an – nur noch 10 Minuten, bis der Wecker klingelte. Ich war deshalb schockiert, verärgert, deprimiert.

Was sollte der Tag bringen?
Sich jetzt müde hochquälen, fertigmachen und Klara nach Berlin bringen, danach umdrehen, zurück in den Prenzlauer Berg fahren und knapp zwei Stunden Fitness machen?

Ich wollte nicht, und deshalb dachte ich auch, ich könnte es nicht.

„Ich glaub‘, ich bleib‘ heute hier. Ich muss so viel erarbeiten, ich schaff‘ das nicht.“

Klara antwortete nicht.
Ich stand seufzend auf, und nach einer Viertelstunde fand ich mich in der Küche wieder, um das Frühstück zu machen.

Vorher schaute ich noch auf das Handy, ob über WhatsApp neue Nachrichten gekommen waren.

Von Krümel war etwas drauf, eine Sprachnachricht.

Ich klickte auf den Link und Krümels fröhliche Kinderstimme war zu hören. Sie begann ihren Satz damit, dass sie sagte: „Du bist mein liebster Opa.“

Jetzt war ich hellwach. Ich spielte alles ab, was Krümel mir erzählte, davon, dass wir wieder mit ‚Spyki‘ wollten.

Und zum Schluss hörte ich, wie sie mir einen lauten Kuss gab.
Ich spürte, wie mich Glückshormone durchströmten, die Energiequellen ansprangen und ich mit einem Schlag nicht nur munter, sondern auch hoch motiviert war, in das Fitness-Studio zu fahren.

Was willst du mehr von deinem Tag, als dass dich einer deiner liebsten Menschen so am Morgen begrüßt. Ich war einfach glücklich. Und Klara war es später auch.

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Copyright Kristina Müller
Mein Freund der Alltag
Copyright Kristina Müller

DEMENZ – WENN DIE EMPATHIE SCHWINDET

RÜCKBLICK – ANNA-2018.11.28
Anna hatte keine Freude mehr am Schenken.

„Wie ist das Wetter bei euch da oben?“, fragte Peter Anna.
Es war das übliche Telefongespräch am Vormittag, es war diesig und es schien keine Sonne, Wind war aber auch nicht.

Das war gestern so, vorgestern ebenfalls.
Anna hätte also sagen können: „Das Wetter ändert sich seit Tagen nicht, es ist gleichgeblieben.“

Doch diese gedanklichen Fäden konnte Anna nicht mehr ziehen.

„Der Himmel ist grau, die Sonne scheint nicht, aber es ist auch kein Wind“, sagte Anna stattdessen.

„Prima“, antwortete Peter. Er war irgendwie froh, dass er über dieses stets wiederkehrende Thema den Gesprächsfaden mit Anna knüpfen konnte.

„Heute Nachmittag fahren wir zur Post. Klara hat einen Stollen eingepackt und den schicken wir dir“, redete Peter weiter.

„Ach, wie kann ich dir nur danken?“, fragte Anna.
„Naja, ich habe damit nichts zu tun. Nur, dass ich den vorhergehenden mit aufgegessen habe, nachdem Klara ihn gebacken hatte.“

Anna verstand diese Art von Humor nicht mehr.
„Ja, das ist so schön, ich freue mich. Wie kann ich euch nur eine Freude machen?“

„Ach, mir würde eine ganze Menge einfallen“, antwortete Peter und bereute zugleich, dass er es überhaupt gesagt hatte.

„Ja, was denn?“, fragte Anna nach einer Weile.
Flasche Sekt, warme Socken, Kasten Mon Cherie, Puppe für Krümel, das könnte er antworten. Es schoss ihm geradezu ein, während Anna die Frage noch gar nicht zu Ende formuliert hatte.

Sagte er davon was? Natürlich nicht. War es schlimm, dass Anna nicht mehr auf das kam, was sie früher in solchen Momenten tat? Überhaupt nicht.

„Schade nur, dass Anna sich um die Glücksgefühle brachte, die sie früher überkamen, wenn sie anderen eine Freude machte“, dachte Peter in diesem Moment.

Doch dafür konnte sie nicht. Die Demenz ließ das nicht mehr zu, nahm ihr Stück für Stück diese Empathie.

Das war das eigentlich Schlimme – vor allem für Anna. Umso mehr mussten sich Klara, Laura und Peter bemühen.
Und das taten sie ja auch.

„Wenn dir der Stollen schmeckt, dann ruf doch KIara an. Sag ihr, dass er gut gelungen ist.“

„Das mach ich ja sowieso“, sagte Anna, so als hätte Peter auf etwas hingewiesen, was doch selbstverständlich war. Nun wurde er noch von Anna der Begriffsstutzigkeit überführt.

Trotzdem: Für den Moment hatte er Anna ein paar unbeschwerte Momente bereitet, so schien es jedenfalls.

Und wenn das Paket mit dem Stollen ankam, dann würde sich das wohl wiederholen. Immerhin. Der Kreis der Möglichkeiten, eine Freude zu bereiten, wurde kleiner.

Sie intensiver zu nutzen, das war wohl jetzt die Aufgabe.
Peter griff wieder zum Hörer, um Klara zu informieren: alles im grünen Bereich.

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VORANKÜNDIGUNG – INTERVIEW MIT DER PRIMA BALLERINA VOM STAATSBALLETT BERLIN

MENSCHEN IM ALLTAG-2021.07.20
Iana Salenko hat mit mir darüber gesprochen, wie es ihr geht – in der Covid-19 Zeit, welche Pläne sie hat und worauf sie sich freut.
Das Interview wird am 05. August 2021 veröffentlicht.

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VON WECHSELNDEN BÜCHERN UND MOTIVATIONEN

ALLTÄGLICHES-2021.07.19-12-52

Als junger Student habe ich das Kapital studiert, aus Überzeugung.

Später, nach der Wende, habe ich solche Bücher gelesen, wie ‚Weck den Sieger in dir‘.

Habe ich dadurch mehr gesiegt?
Ich glaube nicht. Aber die Siege fühlten sich großartiger an und die Niederlagen schmerzhafter.

Heute lese ich die Bibel.
Wozu?
Weil ich die Sprache, die Sätze liebe. Und, um das Leben besser zu verstehen, es anzunehmen, wie es ist.

Bibel

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MONTAGS AM SEE LAUFEN – BESSER KANN DIE WOCHE NICHT BEGINNEN

ALLTÄGLICHES-2021.07.19

ALLTÄGLICHES-2021.07.19
Klara hat heute Homeoffice und so bin ich erst kurz vor halb sechs Uhr aufgestanden und nicht ins Fitness-Studio gefahren, schon wieder nicht.

Dafür habe ich mich aber aufgerafft und bin eine Stunde am Liepnitzsee gelaufen.

Aber es war mindestens eine halbe Stunde zu spät. Radfahrer überholten mich im Wald, auf dem Weg runter zum See. Sie wollten alle baden, dachte ich jedenfalls bei mir. Einige waren aber auch schon da.

Unten am Wasser angekommen, lief ich einer Frau fast in die Arme. Sie war nackt. Splitterfasernackt.

Sie schaute mich mit neugierigen Augen an und schien sich dabei zu amüsieren. Sie hatte wohl meinen schreckgeweiteten Blick gesehen.

Sie schien sich so wohlzufühlen, dass sie ihr übergroßes Badehandtuch nicht etwa schnell um ihren Körper schlang. Nein, sie faltete es sekundenschnell zusammen, nahm die Arme hoch und legte es um ihre Haare.

Jetzt fühlte ich mich noch unwohler. Ich war in Jogging-Kleidung, mit Nordic-Walking-Stöcken.

„Guten Morgen!“, rief sie mir mit fröhlicher Stimme entgegen.
Ich schaute kurz auf, denn vorher hatte ich den Blick gesenkt, ihn im Sand vergraben, so als gäbe es dort seltene Schätze zu entdecken.

„Guten Morgen“, grüßte ich leise zurück.
Ich schaute sie kurz an und sie lachte jetzt übers ganze Gesicht. Ich kam mir vor wie ein Trottel.

Sie sah gut aus, war um die fünfzig Jahre, hatte eine tadellose Figur und strahlte vor allem Energie aus.

Gut, soviel hatte ich in den wenigen Augenblicken registrieren können. Darauf war ich ja trainiert als jemand, der über Menschen im Alltag schrieb.

Es passte alles – ‚Mensch‘, ‚Alltag‘, nur die Situation war ungewöhnlich.

Auf dem Rückweg ertappte ich mich dabei, dass ich hoffte, noch einmal an ihr vorbeizulaufen.

Denkste.

ENTEN

 

Dafür schwammen Enten am Ufer. Die habe ich fotografiert.
„Wie war’s?“, fragte Klara mich, die gerade dabei war, das Frühstück zu bereiten.

„Schön, da unten waren Enten. Ich habe sie fotografiert, sieh‘ mal.“
Ich zeigte ihr die Bilder.

„Und sonst?“
„Och, es war schon ganz schön voll.“

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RÜCKBLICK VOR DREI JAHREN: KOTELETT – DAS IST JA WOHL DAS LETZTE (1+2)

ANNA-2021.07.19

Peter schlug Anna vor, sich zum zweiten Frühstück ein Kotelett zuzubereiten und erntete von ihr nur Unverständnis:

„Wie geht es dir?“, fragte Peter, nachdem sich Anna am Telefon gemeldet hatte.

Stille. Nach einer Weile: „Och, weißt du, es geht so.“

„Na, du bist wohl heute nicht so gut drauf?“, fragte Peter.
„Nö!“, sagte Anna.
„Was ist denn?“
„Ich bin so allein.“

„Ja, allein. Warum gehst du denn nicht mal raus, vor die Tür. Danach ist alles anders.“
„Keine Lust.“

Peter stutzte. Der Ton gefiel ihm nicht. Er ließ sich nichts anmerken.

„Hast du denn schon dein zweites Frühstück gehabt.“
„Mach‘ ich gleich.“
„Was gibt’s denn?“
„Was soll’s schon geben? Immer dasselbe.“

„Was ist dasselbe?“
„Na, ein halbes Brötchen. Isst du denn etwas Anderes?“
„Ich esse gar nichts. Ich muss arbeiten und habe nur mal eine kleine Pause eingeschoben, um mich zu erkundigen, wie es dir geht.“

Peter merkte, wie seine Schilddrüse anschlug. Ein sicheres Zeichen dafür, dass er langsam sauer wurde.

„Aber, dass du mich danach fragst, was ich esse. Das versteh‘ ich nicht. Es gibt doch immer das gleiche.“

„Naja, du könntest doch ein gebratenes Kotelett zum 2. Frühstück essen. So wie im Hotel.“

Das sollte ein kleiner Scherz von Peter sein. Aber Anna kam immer weniger mit Humor klar, seitdem ihre Demenz langsam fortschritt. Überhaupt war sie viel übellauniger geworden.

„Das ist ja wohl das letzte, dass du so etwas fragst. Kotelett. Unmöglich ist das!“ Anna schnauzte Peter regelgerecht an.

„Bei allem Respekt Anna. Dein Ton gefällt mir nicht. Wir rufen dich an, weil wir uns um dich sorgen.“
Peter musste sich beherrschen. Er musste diese Situation einfach bewältigen.

Was sollte Peter jetzt antworten? Und vor allem: Wie sollte er reagieren? Barsch? Brutal, laut?

Oder eher ruhig, besonnen, vielleicht sogar sanftmütig? Jetzt konnte er Anna ja endlich mal sagen, wie es ihm auf die Nerven ging, wenn sie sich für nichts interessierte – als für die Blumen auf ihrem Balkon.

Sonst war Klara meist dabei, wenn Peter sich anschickte, den rhetorisch Schwächeren in die Zange zu nehmen.

Sie hatte deshalb ein Herz für die, die nicht so redegewandt wie Peter reagieren konnten. Sie half darum nicht Peter, sondern denen, die mit Peter einen Disput begannen, die ihn oft überhaupt erst provozierten.

Sie kannte Peter. Sie wusste, dass der sich zwar schon seine Antwort zurechtgelegt hatte, dass seine rhetorischen Truppen längst zum Angriff bereit waren.

Doch sie wusste eben auch, dass er sich zunächst zurückhielt, zum Schein zurückzog. Er senkte in solchen Momenten seine Stimme, ’stopfte sich Kreide in den Mund‘, damit der Feind eingeschläfert wurde.

Er lullte quasi sein Gegenüber ein, damit der noch leichtfertiger wurde und nicht darüber nachdachte, was er noch so alles sagte, was noch an leichtfertigen Gedanken über dessen Lippen kamen.

Der Zeitpunkt für den Gegenangriff war aber nun gekommen.
Peter hielt den Hörer in der Hand, am anderen Ende faselte Anna etwas von ‚so einsam‘ und er versank in einen Traum, in eine unwirklich anmutende Geschichte.

Einer Geschichte, die sich vor Jahrhunderten hätte so abspielen können.
Geben wir Peter in dieser unwirklichen Geschichte den Zusatz ‚Peter, der Entschlossene‘. Dieser war hoch oben auf seinem Pferd vor der Schlachtordnung.

Hinter ihm seine Getreuen, auf die er sich verlassen konnte. Seine Generäle, seine Soldaten. Und dann war da noch seine Frau, die mit ritt in die Schlacht. Sie saß auf einem Pferd, abseits von Peter.

Nennen wir sie einfach ‚Sieglinde‘.
Und plötzlich passierte das Unfassbare. Sieglinde löste sich mit ihrem Pferd aus der Schlachtordnung und ritt in Richtung des Gegenübers, des Feindes. Deren Anführer soll der ‚Eiserne Gustav‘ heißen.

Sieglinde ritt also auf den Eisernen Gustav zu und winkte ihm fröhlich entgegen, mit einem Tuch, das sie auch noch selbst bestickt hatte. Der gegnerische Feldherr argwöhnte: „Was wollte Sieglinde, die Angetraute von Peter, dem Entschlossenen?“

Doch den Eisernen Gustav überkam die Neugier. Er übergab das Kommando seiner Truppen an seinen Marschall und ritt Sieglinde entgegen.

„Was willst du? Wir werden euch zermalmen, mit unseren mächtigen Reiterscharen!“, brüllte er schon von weitem.

„Gewiss doch, lieber Eiserne Gustav.“
„Aber ihr müsst euch nicht auf dem Schlachtfeld fetzen, du und mein Peter.“

„Warum nicht?“ Eiserner Gustav war verwirrt.
„Weißt du, mein Mann, der meint das nicht so. Im Gegenteil. Der mag dich sogar. Ein bisschen jedenfalls.“
Sieglinde fährt fortzureden, während ihr der Eiserne Gustav zuhört.

„Peter weiß, dass du der Klügere und der Stärkere bist. Kehrt einfach nach Hause zurück, zu euren Weibern und Kindern und besauft euch nach Herzenslust.“

Eiserner Gustav schaute verdutzt. Dann drehte er sich um und rief seinen Generälen entgegen: „Wir greifen nicht an. Wir drehen um.

Wir haben schon gesiegt. Sieglinde hat gesagt, Peter, der Entschlossene hat sich in die Hosen gepullert und ist indisponiert.“

Die Truppen vom Eisernen Gustav und seine Pferde wieherten vor Lachen und stoben auseinander, trotteten nach Hause.
Peter, der Entschlossene schäumte vor Wut, als Sieglinde zurückkam.

„Was erlaubst du dir, Weib?“
„Ärgere dich doch nicht Peter. Ich habe Gustav gesagt, dass du ihn zermalmen wirst, und dass nichts übrigbleibt von ihm und seinem Volk.

Da hat er es mit der Angst gekriegt und ist lieber geflohen. Wir haben jetzt kein Blut vergossen, unsere Kräfte geschont und können weiter unsere Ziele verfolgen.“

„Welche Ziele?“, fragte Peter, der jetzt Schwankende.
„Na, die Ernte einbringen, Geld verdienen.“
„Und dann?“

„Dann gut leben, Gustav in seinem Glauben belassen, er sei in Wahrheit der Stärkere und mit gutem Sold mehr Soldaten anlocken, damit wir für den Fall der Fälle gut gerüstet sind.“

„Wir sollten überlegen, ob Sieglinde nicht mehr zu sagen bekommt, in unserem Kriegsrat“, flüsterte Peter seinem treuesten General zu.“

„Noch mehr, mein König“, erwiderte der, „sie beherrscht doch faktisch schon immer unser Reich.“
Peter wachte auf aus seinem Traum.

„Bist du noch da?“, fragte ihn Anna.
„Ja, ja. Ich bin noch da. Weißt du, Anna, du hast Recht. Was für ein Quatsch mit dem Kotelett! Aber sag‘ mal, wie ist eigentlich das Wetter bei euch?“

„Und, wie war es heute mit Anna am Telefon?“, fragte abends Klara.
„Du wunderbar, ich hatte alles im Griff. Du weißt ja, sie erzählt manchmal schon wirres Zeug. Und ihr Charakter verändert sich auch durch die Demenz.“

„Gott sei Dank, dass du da nicht mit der Faust draufhaust und unnötiges Porzellan zerschlägst“, erwiderte Klara

„Das traust du mir zu?“, fragte Peter.

Klara seufzte nur und Peter ging in sein Zimmer, zufrieden mit dem, wie das Telefonat mit Anna gelaufen war.

„Morgen, da werde ich Anna sagen, dass es zum zweiten Frühstück auf See immer Steaks gab, mit Bratkartoffeln. Ja, das war gut“, dachte Peter.

Er konnte nicht aus seiner Haut. Jedenfalls nicht ganz. Aber er konnte ja noch eine Nacht drüber schlafen. Morgen, da würde das Spiel von vorn beginnen.

„Du, wir können Anna gar nichts mehr vorwerfen. Wir sind die Klügeren“, sagte Peter beim Zähneputzen zu Klara.
Klara schwieg. Sie traute ihm intellektuell so einiges zu. Nur seiner Rauflust, der traute sie nicht.

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DAS ZIMMER VON ANNA IM BETREUTEN WOHNEN

ANNA-2021.07.16

Klara besichtigte gemeinsam mit Lukas Annas künftiges Zimmer im Heim.
Peter war dazu auch noch extra angereist.
Es war sehr klein. Klara begann schon in Gedanken die Möbel zu stellen.
Pfleger Olaf und Klara lernten sich besser kennen und Olaf freute sich allmählich auf die neue Heimbewohnerin. Die Bürokratie in Vorbereitung auf die Heimunterkunft fraß die Energie von allen auf.

Klara spürte ihr Herz bis in den Hals hineinschlagen. Sie standen vor der Tür, hinter der sich Annas Zimmer befand, das Zimmer, in dem sie ihre restliche Lebenszeit verbringen sollte.

„So, da wären wir“, sagte Schwester Ulrike, als sie die Türklinke herunterdrückte und sich zu Klara, Peter und Lukas umdrehte.

Ein wenig entfernt von der Tür hatte sich Olaf hingestellt, der Pfleger, der Anna in den nächsten Monaten, wahrscheinlich Jahren betreuen würde.

Lukas spürte einen dicken Klos im Hals und seufzte hörbar auf.
„Ich kann sie gut verstehen, sehr gut sogar“, flüsterte Olaf hinter ihm.

Er war ein wenig weiter zur Tür herangekommen und stand jetzt direkt hinter Lukas.

Der drehte sich zu ihm um und nickte dankbar.
„Schau ‘n Sie mal, was das für eine phantastische Aussicht ist, direkt auf den Strelasund“, sagte Schwester Ulrike und blickte Zustimmung erheischend in die schweigende Runde.

„Bitte verstehen Sie uns nicht falsch, aber wir sind in der jetzigen Situation weniger auf die Aussicht aus, als vielmehr auf den Ausblick, darauf, wie Anna auf all das hier reagieren wird. Sie wird kaum auf den Strelasund schauen wollen, als vielmehr darauf, wo ihre ganzen Möbel geblieben sind“, sagte Peter.
Peter traf Klara‘s missbilligender Blick.

„Ja, das ist alles sehr schön, aber wir sollten jetzt sehen, was wir an Möbeln aus Muttis Wohnung mitnehmen können“, sagte nun Klara und zog einen Block hervor und kramte in ihrer Tasche nach einem Stift.

„Gerade hatte ich den doch noch in der Hand!“
Plötzlich stand Olaf neben ihr und reichte ihr seinen Kugelschreiber, den er stets mit sich trug.

„Oh, das ist aber nett“, freute sich Klara.
„Wissen Sie was, ich werde Ihnen mal das Feld überlassen. Messen Sie in Ruhe alles aus und wenn Sie noch Fragen haben, dann kommen Sie doch noch gern bei mir vorbei“, sagte Schwester Ulrike und ging aus dem Zimmer.

Lukas hatte sich hingekniet und einen Zollstock aus dem linken Hosenbein seiner Handwerkerkleidung gezogen. Olaf ging an das andere Ende des Zimmers und half Lukas, den Raum so genau wie möglich auszuräumen.

„Hier passen drei Teile aus Muttis Anbauwand hin und da kann der Fernseher stehen.“
Klara war in ihrem Element.
„Wollen wir den großen oder den kleinen runden Tisch hier hinstellen?“

„Den kleinen Tisch“, antwortete Peter.
„Das sieht gemütlicher aus.“
„Ach und ich hatte jetzt gedacht, dass du es wegen des Tragens gesagt hast.“

„Was du wieder von mir denkst“, antwortete Peter gekränkt. Er fühlte sich aber auch ertappt.

Olaf stand mitten im Raum mit Klara, Peter und Lukas, hörte zu, sprach mit, begann sich wohlfühlen im Kreise der Angehörigen seiner zukünftigen Heimbewohnerin Anna.

„Frau Gerber, was trinkt Ihre Mutter morgens zum Frühstück, Tee oder Kaffee?“
„Kaffee“, sagte Klara bestimmt, so als wäre etwas Anderes nicht von diesem Planeten.

„Ja, dann weiß ich ja schon mal Bescheid“, sagte Olaf.
„Ich glaube, meine Mutter wird sie mögen“, antwortete Klara stattdessen.

„Danke, dass freut mich, dass Sie das sagen“, antwortete Olaf und wurde ein wenig rot.
„Was haben wir denn sonst noch an Papieren zu erledigen?“, fragte Peter.

„Das Pflegebett unten im Sanitätshaus bestellen, den Mietvertrag lesen und unterschreiben, den Pflege -und Betreuungsantrag an die Kasse schicken“, kam es von Klara wie aus der Pistole geschossen.

„Na, dann ist das Wochenende ja gerettet und wir sterben nicht vor Langeweile.“
Klara antwortete nicht darauf. Sie konnte in diesen für sie angespannten Situationen wenig mit Peters Humor anfangen.

„Dafür haben wir ja dich“, mischte sich Lukas ein und lachte Peter zu.
„Das kriegen wir schon“, sagte Peter nun knapp.

„Im Team arbeiten ist jetzt alles“, setzte er hinzu, aber keiner antwortete darauf, auch wenn Peter es gut meinte, mit seinen aufmunternden Sprüchen.

„Lukas, hier sind die Abmaße und die Aufstellung der Möbel für dieses Zimmer, die brauchst du doch, wenn du mit der Umzugsfirma sprichst, was alles aus Muttis Wohnung rausgetragen werden muss.“
Lukas nickte und ließ den Zettel in einer seiner vielen Taschen seines Handwerkeranzuges verschwinden.

„So, dann wären wir wohl hier fertig“, sagte Klara.

„Vielen Dank für Ihre Hilfe. Ich freue mich, dass wir uns heute schon einmal kurz kennenlernen durften.“

„Gerne“, sagte Olaf und war froh, dass das Eis gebrochen war.

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STENOGRAMM FITNESSSTUDIO – SEIT LANGEM MAL WIEDER

ALLTÄGLICHES-2021.07.15

Mit dem morgendlichen Training im Fitness-Studio kannst du deinen Alltag nicht wirklich verändern, die Sicht darauf aber schon.

Es ist wieder anstrengend geworden, im JR-Studio im Prenzlauer Berg.
Ich habe ja erst in der vergangenen Woche erneut mit dem Training begonnen, nach dem Lockdown.
Klar, ich merke, dass ich lange nichts gemacht habe.

Alle guten Vorsätze, nämlich täglich im Homeoffice Übungen durchzuführen, die habe ich im Kalender immer wieder auf den nächsten Tag verschoben.

Vorausschauend planen, so nannte ich das.
Aber jetzt kann ich mich nicht mehr rausreden. Meine Frau arbeitet heute im Homeoffice.

Ich bin also allein aufgestanden, eine Viertelstunde vor vier Uhr morgens, wie sonst auch.

Halb fünf Uhr war ich auf der Piste und eine halbe Stunde später im Prenzlauer Berg.

05.20 Uhr war die erste Übung dran – Beine auf der Bauchbank heben und senken.

Das hört sich leicht an, ist es wahrscheinlich auch, nur nicht für mich. Ich habe gekeucht und zum Schluss darum gekämpft, dass die Beine einigermaßen gerade wieder nach unten kamen.

Dann ging es alles Schlag auf Schlag – Rücken strecken, Bizepsmaschine, Trizepsmaschine, Bauchmaschine.

Zehn Minuten nach sieben Uhr war ich heute Morgen fertig.
Anderthalb Stunden Training, stellt euch das mal vor. Aber erzählen kann ich darüber nicht groß, denn ich ernte stets misstrauische Blicke.

„Na Dicker, wieder mal davon geträumt, dass du dort warst?“, oder so ähnlich.

Aber ich war da und ich habe fünfzehn Trainingsstationen absolviert.
Die Arme tun weh, im Rücken spüre ich Muskelkater.
Kurzum, wozu das Ganze?

Ich könnte jetzt von ‚gesünder leben‘ schwadronieren, vom Abnehmen und meinen zerbrochenen Träumen erzählen.
Heute nicht.

Ich weiß nur eines: Ich bin unmutig hineingegangen, aber voller Power, vor allem mental, wieder herausgekommen.

Als ich nach insgesamt zwei Stunden draußen auf den Treppenstufen stand und meine Maske in der Tasche verstaut habe, da fühlte ich mich wie ein Held.

Doch als ich hochblickte, da war dieses Gefühl erst einmal vorbei.
Auf der auf dem gegenüberliegenden Fußweg, da machte ein relativ jung aussehender Mann auf dem Gehweg Liegestütze, mit hoher Taktzahl.

Ich traute meinen Augen nicht. Als die Ampel auf grün schaltete, da schnappte er sich den vor ihm stehenden Kinderwagen und joggte auch noch über die Straße.

Irgendwie nötigte mir das alles Respekt ab. Ob ich wohl auf dem Weg mit Krümel zur Kita noch zwischendurch auf die Hände fallen würde, um ein paar Liegestütze zu machen?

Eher unwahrscheinlich; wahrscheinlicher wäre, ich würde bei meinem Gewicht nach der ersten Übung zusammenbrechen und Krümel würde wohl fragen: ‚Opa, alles ‚dut‘?‘

Also Hut ab, Fremder, du hast mit Sicherheit mehr Stress und schaffst es trotzdem noch, dich zwischendurch zu bewegen, dich fit zu halten.

Ich stieg in mein Auto und fuhr trotzdem stolz nach Hause.
Klara hatte Frühstück gemacht. Ich hatte einen Bärenhunger.

„Wieso kriege ich nur zwei Brötchen?“, habe ich sie gefragt.
„Du willst abnehmen, also tu‘ etwas dafür“, kam die trockene Antwort.

Ich habe nichts darauf geantwortet.

„Und wie war ich heute Morgen?“, fragte ich stattdessen.
Ich wollte so etwas hören, wie: „Ach toll, dass du dich so früh aufraffen konntest, dass du was für deinen Körper tust, einfach deine Ziele verfolgst.“

„Du warst ziemlich laut heute Morgen. Und wieso hat es so lange gedauert, bis du endlich losgefahren bist?“

Ich habe nicht geantwortet, aber ich habe den Käsesalat einfach mit dem Löffel aufgegessen, wenn ich schon kein weiteres Brötchen bekam.

Klara war da ja schon wieder nach oben gegangen.
Sie sagte, sie müsse arbeiten, sie können nicht die ganze Zeit bei mir sitzen.

Ich habe auf dem iPad die App für „Die Zeit“ geöffnet.
‚Die Macht des Bauchgefühls‘, stand da. Naja, darüber könnte ich ja eine Menge berichten.

Aber ich ging dann wenig später doch an meinen Schreibtisch.
„Rufst du heute Kunden an?“, hörte ich aus dem Nebenzimmer Klara fragen.

‚Jetzt werde ich da auch noch kontrolliert‘, dachte ich.
„Ich mach mal die Tür zu, damit du in Ruhe arbeiten kannst“, habe ich geantwortet.

Trainieren im Studio macht Spaß, weil du im Team bist, und dich doch keiner fragt, wie viel du eigentlich schaffen willst.

Naja, Klara meint es nur gut, mit der Haushaltskasse und damit irgendwie auch mit mir.

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VERA TOMASCHEWSKI-VERSICHERUNGSFACHFRAU (BWV) IN BAD FREIENWALDE

FIRMENPORTRÄT-2021.07.14

Vera Tomaschewski bringt über zweieinhalb Jahrzehnte Erfahrung im Versicherungsbereich mit.

Sie berät ihre Kunden von einer soliden fachlichen Basis als Versicherungsfachfrau (BVW) aus.

Den Ausschlag aber dafür, warum man sich für eine Beratung bei ihr entscheiden sollte, ist ihr authentisches Denken und Handeln.

INTRO ZUM INTERVIEW MIT VERA TOMASCHEWSKI: 

Vera Tomaschewski ist Versicherungsfachfrau (BWV). Der Sitz ihrer Hauptvertretung – AXA-Versicherung AG - ist Bad Freienwalde, dort, wo sie auch mit ihrer Familie Zuhause ist.
Ich habe sie am 22.06.2021 interviewt.

Es hat ausgesprochen Spaß gemacht, mit Vera Tomaschewski zu reden, und nicht nur das, sondern auch ihr zuzuhören, was sie zu sagen hat.
Sie hat viel zu erzählen – von ihrem Beruf, den sie liebt, von ihrem Werdegang, der nicht ohne Rückschläge und Konflikte verlief.

Vera Tomaschewski machte auf mich am Telefon einen sympathischen und in sich ruhenden Eindruck.
Doch sie hat durchaus Humor, kann selber gut zuhören, darauf achten, was den anderen bewegt.

Du spürst, dass du dich öffnen kannst, ihr einfach sagen solltest, was dich im Leben umtreibt.

Und wenn du eine Frage zu Versicherungen hast, dann ist sie in der Beratung die erste Wahl.
Weil sie so viel Fachkompetenz mitbringt? Sicher.
Entscheidend aber ist, dass sie authentisch ist, nicht drumherum redet, die Dinge einfach lässt, so dass du folgen kannst.

Meine Lebenserfahrung hat mich mal wieder in einem zentralen Punkt bestätigt:
Vertraue dem, dem es ernst ist mit dem ethischen Handeln, der es zu seinem wichtigsten betriebswirtschaftlichen Kriterium erhebt.

27 Jahre übt Vera Tomaschewski nun schon ihren Beruf aus.
Sie kam vom Lehrerstudium, wurde über Umwege Erzieherin und fand schließlich ihre Bestimmung, nämlich Versicherungskauffrau zu sein.

Natürlich, vor über zwei Jahrzehnten hätte sie es wohl nicht für möglich gehalten, dass sie mal sagen würde, dass gerade dieser Beruf ihre eigentliche Berufung ist.

Sie hat es geschafft, weil sie mit Leidenschaft, mit viel Herz, und einem Rucksack an Fachwissen diesen steilen Berg hinaufgeklettert ist.

Zum Interview mit Vera Tomaschewski: https://uwemuellererzaehlt.de/2021/07/14/menschen-im-alltag-2021-07-14/
Kontakt:
Vera Tomaschewski
Versicherungsfachfrau (BWV)
Hauptvertretung der AXA Versicherung AG
Frankfurter Str. 40
16259 Bad Freienwalde
Telefon: 03344-31233
Mobil: 0171-87 038 05
E-Mail: vera.tomaschewski@axa.de
Web-Site:  www.axa.de/Vera_Tomaschewski

Öffnungszeiten
Montag:
09:00 - 12:00 Uhr
Dienstag:
14:00 - 17:00 Uhr
Mittwoch:
09:00 - 12:00 Uhr
Donnerstag:
14:00 - 17:00 Uhr
sowie nach Vereinbarung

VERA TOMASCHEWSKI – EIN MENSCH, DEM MAN IM ALLTAG GERN BEGEGNET

MENSCHEN IM ALLTAG – 2021.07.14

INTERVIEW MIT VERA TOMASCHEWSKI

INTRO:
Vera Tomaschewski ist Versicherungsfachfrau (BWV). Der Sitz ihrer Hauptvertretung – AXA-Versicherung AG – ist Bad Freienwalde, dort, wo sie auch mit ihrer Familie Zuhause ist.
Ich habe sie am 22.06.2021 interviewt.

Es hat ausgesprochen Spaß gemacht, mit Vera Tomaschewski zu reden, und nicht nur das, sondern auch ihr zuzuhören, was sie zu sagen hat.
Sie hat viel zu erzählen – von ihrem Beruf, den sie liebt, von ihrem Werdegang, der nicht ohne Rückschläge und Konflikte verlief.

Vera Tomaschewski machte auf mich am Telefon einen sympathischen und in sich ruhenden Eindruck.
Doch sie hat durchaus Humor, kann selber gut zuhören, darauf achten, was den anderen bewegt.

Du spürst, dass du dich öffnen kannst, ihr einfach sagen solltest, was dich im Leben umtreibt.

Und wenn du eine Frage zu Versicherungen hast, dann ist sie in der Beratung die erste Wahl.
Weil sie so viel Fachkompetenz mitbringt? Sicher.
Entscheidend aber ist, dass sie authentisch ist, nicht drumherum redet, die Dinge einfach lässt, so dass du folgen kannst.

Meine Lebenserfahrung hat mich mal wieder in einem zentralen Punkt bestätigt:
Vertraue dem, dem es ernst ist mit dem ethischen Handeln, der es zu seinem wichtigsten betriebswirtschaftlichen Kriterium erhebt.

27 Jahre übt Vera Tomaschewski nun schon ihren Beruf aus.
Sie kam vom Lehrerstudium, wurde über Umwege Erzieherin und fand schließlich ihre Bestimmung, nämlich Versicherungskauffrau zu sein.

Natürlich, vor über zwei Jahrzehnten hätte sie es wohl nicht für möglich gehalten, dass sie mal sagen würde, dass gerade dieser Beruf ihre eigentliche Berufung ist.

Sie hat es geschafft, weil sie mit Leidenschaft, mit viel Herz, und einem Rucksack an Fachwissen diesen steilen Berg hinaufgeklettert ist.

Das ist das Interview mit Vera Tomaschewski:

Frau Tomaschewski, was glauben Sie, was bringen Ihre Kunden mit Ihrer Person in Verbindung?
Ich behandle meine Kunden so wie auch ich behandelt werden möchte. Das ist übrigens mein Credo, dem ich von Anfang an treu geblieben bin.
Deshalb bin ich davon überzeugt, ja ich weiß es, dass sie sich von mir gut betreut fühlen.

Warum ist es Ihnen so wichtig, dass Ihre Kunden von Anbeginn zu Ihnen Vertrauen fassen?
Nun, zum einen ist mir dieses ethische Anliegen einfach menschlich wichtig.
Zum anderen gibt es noch einen weiteren Aspekt: Nach der Wende kamen in die damals neuen Bundesländer sehr viele Versicherungsvertreter, überwiegend aus dem Westen, denen es nicht um eine nachhaltige Beratung ging.

Sie waren darauf aus, schnelle Abschlüsse zu generieren. Da haben sich viele Ostdeutsche über den Tisch gezogen gefühlt, wie man das so umgangssprachlich formuliert.

Diesem Trend wollte ich etwas entgegensetzen. Also habe ich stets versucht, versicherungstechnisch die optimalen Bedingungen für meine Kunden herauszuholen.

Hinzukam, dass ich stets darauf geachtet habe, dass wir eine gute Gesprächsatmosphäre haben. Der Kunde sollte sich wohlfühlen, sich nicht gedrückt fühlen, sondern wissen, dass ich ihn verstehe und daran anknüpfend die auf ihn maßgeschneiderten Konditionen und vertraglichen Bedingungen heraushole.

Was war der Grund, warum Sie in die Versicherungsbranche gegangen sind?
Ein Motiv war, das ich thematisch bereits angerissen habe. Wir bekamen nach der Wende von Beratern Versicherungsverträge rhetorisch ‚aufs Auge gedrückt‘, die wir gar nicht wollten und die wir auch nicht brauchten.

Zunächst habe ich noch gedacht: ‚Oh, das hört sich ja toll an.‘ Aber später, im Nachgang, da merkten wir, wie schwierig es war, wieder aus den Verträgen herauszukommen.

Irgendwann hatte ich einfach keine Lust mehr, so unwissend dazustehen, sondern ich machte mich kundig, wollte selbst wissen, was ich da abgeschlossen hatte.

Es kam noch ein weiteres Motiv hinzu. Mein Mann arbeitete in dieser Zeit bei der Wasserschutzpolizei.
Er wurde nach der Wende verbeamtet.

In seiner Behörde wurden Mitarbeiter gesucht, die nebenberuflich als Versicherungsverkäufer arbeiten wollten.

Mein Mann konnte so einer Tätigkeit nichts abgewinnen. Er war in dieser Zeit beruflich selbst viel unterwegs, nahm vor allem an zahlreichen eigenen Weiterbildungsmaßnahmen teil.

Ich hingegen interessierte mich für diese Tätigkeit, obwohl ich ja einen eigenen Beruf hatte und in meiner Tätigkeit voll ausgelastet war.

Dennoch, ich fragte nach, ob sich auch Frauen dafür bewerben konnten. Denn eigentlich war der Versicherungsmarkt nach der Wende mehr oder weniger eine Männerdomäne.

Also fragte ich denjenigen, der die sogenannten ‚Nebenberufler‘ betreute, ob ich mich ebenfalls bewerben konnte.

Die Idee für mich bestand zudem darin, die Weiterbildung zu nutzen, damit man selbst nicht so dumm dastand, wenn jemand kam, der einem etwas über Versicherungen erzählen wollte.

Und so begann meine Karriere in der Versicherungswirtschaft, neben meinem eigentlichen Beruf.

Wie ging es weiter?
Aus dem Rand von Berlin kam regelmäßig ein Mitarbeiter der Versicherung, der mit uns eine Produktschulung durchführte, in der Regel monatlich.

Das hat uns Teilnehmern allen sehr gut gefallen.
Es war ein kleiner Kreis, die Räume waren in einer Gaststätte und so saßen wir nach der Schulung zusammen und haben unsere Erfahrungen, unser Wissen ausgetauscht.

Nachdem die Schulungen zu Ende waren, wurde ich registriert und konnte so nebenberuflich meiner Tätigkeit nachgehen.

Haben Sie denn viele Verträge geschrieben?
Nein, das war anfangs sehr überschaubar. Meine Abschlüsse machte ich vor allem im Kollegenkreis, das waren für mich schon Erfolge, doch darüber hinaus ging es zunächst nicht, zumindest nicht in der Zeit von 1991 bis 1994.

1994 trat der damalige Chef der Versicherungsgesellschaft an mich heran und fragte, ob ich nicht hauptberuflich weitermachen wollte.

Die Fluktuation von Mitarbeitern war damals sehr groß. Ich entschied mich, ganz für die Versicherung zu arbeiten und gab meine frühere Tätigkeit auf.

Können Sie mal Ihren beruflichen Werdegang in den wichtigsten Abschnitten schildern?
Ich wurde 1968 eingeschult und habe die Allgemeinbildende Polytechnische Oberschule besucht.

Anschließend bin ich in die Erweiterte Oberschule gewechselt, dem heutigen Gymnasium.

Mein Abitur habe ich 1980 gemacht. Ich wollte immer Lehrer werden, schon von der ersten Klasse an.

Ich hatte nie einen anderen Berufswunsch, und ich habe alles darangesetzt, diesen Beruf auch zu erlernen.

Ich ging 1980 folgerichtig an die Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald und habe dort in den Fächern Geografie und Mathematik studiert.

Geografie war mein Hauptfach, Mathematik das Nebenfach. Insgesamt hat mir das Studium einen riesigen Spaß gemacht.
Und trotzdem musste ich im dritten Studienjahr aufhören.

Wie kam es dazu?
Ich will es mal so ausdrücken: Wir hatten einen Professor, der etwas kompliziert war.

Der hat mir mein Studium regelgerecht verleidet. Im Ergebnis schaffte ich eine Prüfung in Mathematik nach dem zweiten Jahr nicht, obwohl ich mich sehr intensiv vorbereitet hatte.

Dieser Professor musste zwar ein Jahr nach mir ebenfalls die Universität verlassen, doch das half mir dann auch nicht mehr weiter.

Obwohl ich also bereits nachfolgende Prüfungen bestanden hatte, musste ich nach dem 5. Semester gehen. Das war bitter für mich, denn ein Lebenstraum von mir zerplatzte in dem Moment.

Gab es denn keine anderen Möglichkeiten als die Kombination von Geografie und Mathematik?
Geografie wollte ich unbedingt studieren. Es gab noch Geografie und Sport.
Aber im Sport hätten die Leistungen nicht ausgereicht. Es blieb nur die Alternative von Geografie und Mathematik.

Und das Kuriose an der Geschichte war, dass wir ja bereits vor Klassen gestanden und unterrichtet haben. Aber die Prüfungen in Mathe haben mir das Genick gebrochen.

Was haben Sie dann gemacht?
Ich musste andere Wege gehen, daran führte nichts vorbei. Hinzukam, dass ich in der Zwischenzeit schwanger geworden war. Ich hatte deshalb auch schon ein Zimmer für ‚Mutter und Kind‘.

Haben Sie Ihren Mann in Greifswald kennengelernt?
Nein, ich bin ja am Wochenende meistens nach Hause gefahren. Wir hatten eine sehr gute Zugverbindung von Bad Freienwalde nach Greifswald.
Mein Papa hat mich oft nach Eberswalde gefahren. Von da aus ging es direkt bis nach Greifswald durch.

Wann wurde Ihr Sohn geboren?
Im März 1983.

Also war es ja auch irgendwie schön, dass Sie ab 1983 wieder Zuhause waren, oder?

Ja, natürlich, aber ich musste überlegen, wie es weiterging.
Mein damaliger Direktor von der Erweiterten Oberschule wollte mir helfen. Er war inzwischen im Bereich Bildung in der Kreisverwaltung tätig.

Und so kamen wir auf die Idee, dass ich als Lehrerin in der Unterstufe in Frankfurt/Oder beginne, weil ich unbedingt etwas mit Kindern machen wollte.

Hat das geklappt?
Nein. Da waren genügend Bewerber, die zu Ende studiert hatten und so kam ich als Studienabbrecherin für eine Anstellung als Unterstufenlehrerin nicht infrage.

Also war wieder das große Fragezeichen, wie es weiterging.
Der ehemalige Direktor vermittelte mich dann in eine Kita in Bad Freienwalde.

Ich habe dort als Hilfskraft angefangen, denn das, was ich vorher studiert hatte, wurde nicht anerkannt.

Im ersten Jahr habe ich neben meiner Tätigkeit eine Ausbildung zur Erziehungshelferin gemacht.

Daran schloss sich eine Ausbildung zur Kindergärtnerin an, anderthalb Jahre im Fernstudium.

Insgesamt war ich dort elf Jahre, von 1983 bis 1994, eine wirklich schöne Zeit, auf die ich gern zurückblicke.

Das heißt, in diese Zeit fiel auch der Beginn Ihrer nebenberuflichen Tätigkeit in der Versicherung?
Ja, von 1991 bis 1994 habe ich noch hauptberuflich in der Kita als Erzieherin gearbeitet und nebenher mit der Tätigkeit in der Versicherung begonnen.

Was hat sie bewogen, den Beruf der Kita-Erzieherin an den Nagel zu hängen?
Ganz offen gesagt, ich hatte Angst, dass ich nach 30 Jahren in ein mentales Loch falle, irgendwie eine Macke bekommen würde.

Dass Sie mich nicht falsch verstehen: Ich habe meinen Beruf geliebt. Aber die Tätigkeit der Kita-Erzieherin hinterlässt Spuren.

Es sind ja nicht nur die Kinder, die gut betreut werden sollen. Nein, es sind ebenso die Eltern, deren Vorstellungen man gleichermaßen entsprechen will.

Liegt das nicht in der Natur der Sache, dass sich Eltern sorgen?
Schon, doch wenn es überhandnimmt und in Einzelfällen der Bezug zur Realität verlorengeht, dann schaden die Eltern nicht nur den eigenen Kindern, sondern sie beeinträchtigen auch das Erziehungspotenzial, das es in so einer Einrichtung gibt.

Das zerrt dann schon mal an den eigenen Nerven.
Ich habe in jener Zeit viel autogenes Training betrieben, zusammen mit anderen Kollegen.

Und trotzdem, manchmal spürte ich, dass ich abends nicht mehr die Kraft hatte, meinen eigenen Kindern die nötige Aufmerksamkeit zu schenken, die die anderen Kinder am Tag von mir bekommen haben.
Natürlich war ich die liebe Mama, aber mitunter habe ich auch geschimpft, weil ich ausgelaugt war, davon, dass ich tagsüber die Kinder anderer Eltern zu betreuen hatte.

Es war ein Traumberuf, aber ich begann darüber nachzudenken, wie es in den kommenden Jahren werden würde, ob ich es schaffen könnte – mental und physisch.

Aus vielen Mosaiksteinen ist das Bild bei mir entstanden und daraus wieder die Erkenntnis, dass ich nicht über Jahrzehnte als Erzieherin arbeiten wollte.

Sie sprechen von Ihren Kindern, gibt es noch mehr als Ihren Sohn?
Ja, 1985 wurde meine Tochter geboren.

In welche Versicherung sind Sie 1991 gegangen?
Das war die Deutsche Beamtenversicherung DBV. Die DBV ist dann in der AXA aufgegangen.

In den neunziger Jahren ging die DBV zunächst in der Winterthur auf, sodass wir ‚DBV-Winterthur‘ hießen. Danach hat die AXA die Winterthur übernommen.

Faktisch übernahm das eine weltweit agierende Unternehmen das andere.
Ich selbst bin aber all die Jahre im gleichen Unternehmen geblieben.

Waren Sie Anbeginn an in der Selbstständigkeit?
Nein, ich war anfangs angestellt und bin erst anderthalb Jahre später in die Selbstständigkeit gewechselt.

Ich habe jedoch schon immer in der Ausschließlichkeit für das Unternehmen AXA gearbeitet. Das heißt, ich arbeite auf selbstständiger Basis, aber nur für eine Versicherungsgesellschaft und deren dort integrierte Partner.

Was haben Sie für eine Ausbildung in der Versicherung durchlaufen?
Unsere Ausbildung lief über das Bildungswerk der deutschen Versicherungswirtschaft.

Wir sind dazu alle zwei Wochen in die Pfalz gefahren, in das wunderschöne Bad Dürkheim.
Am 09. Mai 1996 wurde mir dann die Abschlussurkunde überreicht und von da an durfte ich mich Versicherungsfachfrau nennen.

Wie war das bei Ihnen, haben Sie sogenannte Bestandskunden bekommen, damit der Start für Sie ein wenig leichter war?
Das war damals nicht üblich, leider.

Ich hatte einige wenige Kunden in meinem Bestand, die noch aus Verträgen in dem alten Kollektiv entstanden waren. Das waren vor allem Kollegen von meinem Mann – aus der Wasserschutzpolizei.

Aber wie sind Sie denn an Kunden gekommen, Sie mussten ja von irgendetwas leben?
Ja, natürlich. Ich kann nur sagen, dass ich nie ‚Klinken geputzt‘ habe. Das habe ich gehasst.

Was haben Sie stattdessen getan?
Ich habe versucht, persönliche Kontakte zu knüpfen, durch Bekannte das Feld zu erweitern.

Des Weiteren habe ich Flyer verteilt, persönlich und in Zeitungen. Ich erinnere mich noch gut, wie ich die Flyer in einem Nachbarort verteilt habe, bei gefühlten 60 Grad Celsius.

Kurzum, ich habe selber die Trommel gerührt. Die Leute sollten wissen, dass ich da bin für sie, wenn es um Versicherungsfragen ging.
Prinzipiell habe ich niemals aus der eigenen Verwandtschaft jemanden angesprochen.

Denn irgendwann hat sich das erledigt.
Erst viel später, nach zehn Jahren kamen auch mal Kontakte aus dem eigenen Verwandtenkreis zustande, auf Initiative meiner Verwandten.

Nach und nach kamen auch Empfehlungen aus dem allmählich anwachsenden Kundenstamm.

Können Sie von den Erträgen, die Sie erwirtschaften, leben?
Ja, inzwischen kann ich das.
Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang eine Sache: Für mich galt stets, dass der Beruf und die damit eng verknüpfte Berufung zusammengehören.

Das war in meiner Zeit als Erzieherin in der Kita so und jetzt genauso.
Im September werden es bereits 27 Jahre, wo ich den Beruf des Versicherungsberaters ausübe.

Sind Sie ein selbstbewusster Mensch?
Es ist schlecht, sich selbst einzuschätzen, aber ich denke schon, dass ich selbstbewusst bin.
Das Selbstbewusstsein wächst ja mit den Lebensjahren.

Was bedeutet es für Sie, individuelle Kundenbeziehungen zu entwickeln?
Individuelle, maßgeschneiderte Konzepte zu entwickeln, den Kunden so zu beraten, dass er wirklich das bekommt, was er braucht und auf der anderen Seite auch wegzulassen, was er nicht braucht, das verstehe ich unter individuellen, persönlichen Kundenbeziehungen.

Das hat sich bei mir über die Jahre entwickelt.
Klar, ich wollte nicht Versicherungsverträge verkaufen, die eigentlich keiner braucht, so wie es oft nach der Wende geschehen ist.

Das heißt deshalb, sich für den Menschen interessieren, seine Bedürfnisse kennen und von da aus die Lösung für ihn zuzuschneiden.

Das hieß auch, so manchen Kampf im Kundensinne mit der Zentrale zu führen, sich zu engagieren, damit es am Ende für alle passt.

Und wenn dann ein Kunde zu einem Feiertag einen Gruß schickt, zum Beispiel über WhatsApp, ja dann weiß ich, dass ich nicht alles falsch gemacht habe.

Über die Jahre haben sich so Freundschaften entwickelt, die bis heute halten.

Wie gehen Sie mit negativen Meinungen von Kunden um?
Ich gehe den Dingen stets auf den Grund. Ist was dran an einer Kritik, dann setze ich mich dafür ein, dass die Probleme gelöst werden, zur Zufriedenheit der Kunden.

Bei pauschalen geringschätzenden Bemerkungen nehme ich das alles mit Humor, versuche drüberzustehen. Wichtig ist für mich: Der Ruf der Versicherung steht und fällt mit demjenigen, der sie vertritt. Ich bin jemand, der sich kümmert, der so lange arbeitet, bis der Kunde zufrieden ist.

Das gibt mir die nötige Selbstsicherheit und das ist es auch, was die Kunden zum Schluss mit ihrer Wertschätzung mir gegenüber danken.

Wie sind Sie in der Anfangszeit finanziell klargekommen?
Anfangs war es wirklich nicht leicht, vor allem, weil nebenher noch meine Ausbildung lief.

Dadurch hinkte ich hinterher, was die Zielvorgaben für mich anbetraf. Ich war im Minus. Die Versicherungsgesellschaft bot mir in dieser Situation an, von der Festanstellung in die Selbstständigkeit zu wechseln, ohne dass ich Garantiebezüge erhielt.

Was haben Sie in der Zeit bekommen?
Nur den Gegenwert für das, was ich an Verträgen produziert habe.
Das diszipliniert ja, also strengst du dich mehr an.

Ich war zum Beispiel viel mehr im Außendienst, als das heute der Fall ist.

Auf der anderen Seite: Wo Schatten ist, da gibt es irgendwann auch wieder Licht.
Ich hatte zwar schwere Zeiten, doch dadurch, dass ich keine Garantiebezüge hatte, war ich nicht abhängig und nicht unter Druck.

Wie viel Spaß macht Ihnen Ihre Arbeit?
Sehr viel Spaß.
Bad Freienwalde ist eine Kleinstadt, und ich wollte nicht unbedingt die Straße wechseln, wenn mir ein Kunde entgegenkam. Da wollte ich mich schon von jenen Vertretern unterscheiden, die nach der Wende vor allem auf schnelle Abschlüsse aus waren.

Das ganze Drumherum, das macht mir wirklich einen riesigen Spaß.
Es ist ein Beruf, in dem man anderen Menschen zuhören muss.
Viele Kunden kommen und berichten von ihren Alltagssorgen.
Du bist dann schon fast ein Psychologe, gibst diesen oder jenen Ratschlag.

Und du erzählst selbst von dir, davon, was dich bewegt. So wächst man zusammen, fasst Vertrauen zueinander, weiß, dass man sich aufeinander verlassen kann.

Sind Sie ein glücklicher Mensch?
Ich bin zufrieden. Es gibt immer Sachen, wo man sagt, dass es noch anders laufen könnte.
Aber insgesamt: Ich bin gesund, wir wohnen auf dem Grundstück meiner Mutti.

Mein Papa ist leider schon verstorben.
Ich mach‘ es mir schön, soweit ich es mir schön machen kann.
Dazu zählt beispielsweise die Gartengestaltung, das ist für mich ein wirklich toller Ausgleich zu meiner Arbeit.

Warum verwenden Sie eher die Vokabel ‚zufrieden‘ als das Wort ‚glücklich‘?
Glücklich sein, dazu gehört für mich noch eine Nuance mehr.
Es gibt ja stets Dinge, die nicht so gut laufen.

Was meinen Sie?
Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Da musste zum Beispiel eine Kurzzeitpflege organisiert werden, ein Heimplatz für meine Tante – das alles sind Dinge, die einen erschöpfen, die Kraft rauben.
Insgesamt jedoch bin ich ein sehr positiver Mensch.

Woran haben Sie besonders Freude?
Ach, da gibt es so einiges. Ich bin gern am Meer, inhaliere die Seeluft, schaue zu, wie die Wellen am Strand aufschlagen und sich wieder zurückziehen – das bringt mich auf andere Gedanken, lässt mich Energie tanken.

Oder eben die Gartenarbeit, bei der ich alles um mich herum vergessen kann und mich einfach an den Blumen freue, daran, wie ich den Garten gestaltet habe.

Würden Sie alles wieder so machen, wenn Sie erneut vor der Wahl stünden?

Ja, ich denke schon. Die Arbeit mit den Kunden gibt mir viel an Positivem zurück. Hinzukommt, dass ich so Manches hätte ich gar nicht bewerkstelligen können, wenn ich in einer Festanstellung gewesen wäre.

Ich denke da nur daran, wie ich meine Tochter als Kind zur Orchesterprobe gefahren habe.

Klar, ist man festangestellt, so bekommt man ein dreizehntes Gehalt, hat andere Sicherheiten.

Aber ich bin insgesamt sehr zufrieden mit meinem Leben. Der Beruf ist zu einer wirklichen Berufung für mich geworden, und das macht mich auch ein klein wenig stolz.

Frau Tomaschewski, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Zum Firmenporträt: https://uwemuellererzaehlt.de/2021/07/14/firmenportraet-2021-07-14/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IN STRALSUND KAUF ICH MIR VOR DEM UMSTEIGEN EIN BRÖTCHEN

ALLTÄGLICHES-2021.07.13

Von Zugausfällen, die keiner eingeplant hatte

Klara hatte drei Tage hinter sich, die sie lieber vergessen würde. Sie war am vergangenen Donnerstag früh aufgestanden, ich hatte sie zum Zug nach Bernau gebracht und gegen elf Uhr war sie bereits an ihrem Bestimmungsort in Sassnitz angelangt.

Sie hetzte zur Besichtigung eines Zimmers in einer Betreuungseinrichtung, in dem ihre Mutter in Kürze untergebracht werden sollte.

Am nächsten Tag unterschrieb sie die entsprechenden Pflege- und Betreuungsverträge für das Heim.

„Was machst du denn hier?“, fragte ihre Mutter sie, als sie danach bei ihr klingelte.

Es war bereits am späten Vormittag, als ihre Mutter ihr die Tür im Schlafanzug öffnete.

„Ich wollte mal schauen, wie es dir geht“, sagte Klara zu ihr, ohne groß weitere Erklärungen abzugeben.

„Mutti, wir müssen dich fertigmachen, denn du bekommst die zweite Impfung gegen Corona“.

„Zweite Impfung? Warum?“
„Das erklären wir dir unterwegs, denn du wirst gleich abgeholt.“
„Von wem?“
„Von deinem Sohn, Mutti.“
„Von meinem Sohn?“
Ihre Mutter schaute sie staunend an.

„Was hat der damit zu tun?“
„Mutti, das ist der Einzige, der uns zum Arzt fahren kann, oder wolltest du eine Stunde zu Fuß unterwegs sein?“

Klara war erschöpft, müde und mochte nichts mehr erklären.
Endlich. Es klingelte an der Tür und Klaras Bruder wartete danach unten am Auto auf seine Mutter.

Als beide losgefahren waren, ging für Klara die Arbeit in der Wohnung ihrer Mutter los.
Bettwäsche im Schlafzimmer wechseln, die dreckige in die Waschmaschine tun, saubere aufziehen,
in den Wäschebeutel schauen, Unterwäsche, Blusen und Hosen heraussuchen und ebenfalls waschen, den Staubsauger herausholen und saugen, danach wischen, Kaffee aufsetzen und den Tisch für ihre Mutter decken.

„Ach, was machst du in meiner Wohnung?“, begrüßte ihre Mutter sie, und das mit einem Gesicht, als hätte sich Klara unangemeldet bei ihr aufgehalten.

Samstagabend. Klara stieg in den Zug nach Stralsund.
Sie hatte alles durchgeplant und war nun froh, dass alles so abgelaufen war, wie sie es vorhatte.
Sie war zwar unendlich müde und hatte kaum noch Kraft.
Klara ließ sich erschöpft in den Sitz im Zug fallen und schaute einfach aus dem Fenster.

Sie war gern auf Rügen, liebte die Straßen, den Blick auf das Wasser in Lietzow. Es stellte sich schnell wieder ein Gefühl von Heimat ein. Es roch nach Seeluft, man spürte den frischen Wind.

„Hier kannst du alles vergessen“, hatte sie am Telefon zu mir gesagt.
Ich verstand das sofort, weil es mir genauso ging, wenn ich dort oben war.
Hier in Brandenburg, da war es auch schön, ich liebte die Schorfheide, den Liepnitzsee.
Aber das Meer war doch noch etwas ganz Anderes.

„Was nützt dir das alles, wenn du gar keine Zeit für das Schöne hast“, habe ich entgegnet.

Klara bekam Hunger. Sie hatte es in Sassnitz nicht mehr geschafft, etwas vor der Abfahrt zu essen.

‚Ich kauf‘ mir ein Brötchen in Stralsund‘, dachte sie.

Plötzlich ertönte ein Signal und eine Stimme sagte: „Der Zug von Stralsund nach Berlin, Abfahrt 19.13 Uhr von Stralsund fällt aus.“
‚Der Zug fährt nicht, einfach so?‘
Klara glaubte, nicht richtig zu hören.

„Wieso fällt der Zug aus?“, fragte Klara den Schaffner, der an ihr vorbeilief.

Der Schaffner drehte sich um und zuckte mit den Schultern.
„Das kann ich Ihnen auch nicht sagen.“

Klara wusste nicht, was sie machen sollte.
Über Gesundbrunnen fahren? Aber das wäre ein ziemlicher Umweg.

„Sie können den Zug nach Baruth nehmen, der ist 21.44 in Oranienburg“, sagte der Schaffner noch zu Klara und schaute sie ein wenig schuldbewusst an.

Doch der konnte ja am wenigsten dafür.
Dass der Zug sich mal verspätet, das hatte Klara schon des Öfteren mal erlebt, aber gleich ganz ausfallen?

Sie konnte es vergessen, sich in Stralsund vor dem Umsteigen noch ein Brötchen zu kaufen.

Die neue Zugverbindung über Neubrandenburg ließ das nicht zu. Der Zug fuhr bereits 19.02 Uhr ab.

Klara hetzte nach ihrer Ankunft zum anderen Bahnsteig, von dem aus der Zug nach Berlin abfuhr.

Als sie im Zug saß, rief sie mich an und sagte, dass sich der Plan geändert hätte und ich sie von Oranienburg abholen sollte.

„Ich kenne den Bahnhof von Oranienburg nicht“, sagte ich zu ihr.
Ich hatte am Samstagabend keine Lust, noch groß den Weg dorthin zu erkunden.

Im Fernsehen lief die Sendung mit Gottschalk – ‚50 Jahre Hitparade, Zugabe‘.

Ich mochte die coolen Sprüche von Gottschalk immer noch und hätte die Sendung gern gesehen. Außerdem liebte ich Schlager. Schweren Herzens erhob ich mich aus dem Sessel, um mich auf den Weg zu machen.

Klara hatte sich damit abgefunden, dass ihr Plan nicht aufging und sie einen anderen Zug nehmen musste.

Sie wollte einfach ihre Ruhe haben. Aber daraus wurde nichts. Ein junges Pärchen hatte sich neben sie gesetzt.

Die junge Frau gegenüber, der junge Mann neben Klara.
Die Frau packte große Schachteln aus. In der einen waren Bouletten, in der anderen Kartoffelsalat.

Es roch gut. Erst jetzt merkte Klara, dass sie noch gar nichts gegessen hatte.

Sie spürte wieder den Hunger in sich hochsteigen. Aber das mit Snack in Stralsund, das hatte nicht ja nun nicht geklappt.

‚Gut, dass ich die Maske vor dem Gesicht habe, sonst würde sich mir der Magen vor Hunger umdrehen‘, dachte Klara und schaute aus dem Fenster, um sich abzulenken.

Endlich, die Frau packte die beiden Plastikbehälter wieder ein.
Doch im nächsten Moment holte sie auch schon eine neue heraus. Darin war Nachtisch – Tiramisu.

„Das schmeckt cremig und lecker“, sagte der Mann neben Klara und leckte zur Bestätigung gründlich den Löffel ab.

Klara schaute auf ihre Uhr, noch eine halbe Stunde bis Oranienburg.
Ich saß im Auto. Die Fahrt nach Oranienburg war entspannt. Landschaftlich reizvoller als in die andere Richtung, nach Bernau.

Vor dem Bahnhof tummelten sich eine Reihe von Betrunkenen, die sich angeregt unterhielten.

Ich wich ihnen aus und ging hinter dem Auto der Bundespolizei, das vor dem Hauptportal parkte, in Richtung Eingang.

Der Zug kam pünktlich.
Klara stieg glücklich aus dem Auto und ich fuhr gemächlich zurück.
Hinter mir drängelte ein schwarzer Audi, der dann mit hoher Geschwindigkeit vorbeifuhr.

Wir sahen ihn wieder, als er vor der nächsten Baustelle warten musste, fliegen konnte er offensichtlich auch nicht.

„Du kannst planen, wie du willst, wenn die Bahn nicht mitspielt, dann nützt das alles nichts.

Und da sollen die Leute mehr auf die Bahn umsteigen? Ja, auf welche denn, wenn die, die im Fahrplan steht, einfach per Durchsage ausfällt?

Der nächste Tag war Sonntag, Gott sei Dank. Jetzt ließen wir alles ausfallen.

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ANNA – RÜCKBLICK IN VERGANGENE WOCHE UND AUSBLICK AUF DIESE WOCHE

ANNA-2021.07.12

SIE KÖNNEN DIE VERMIETERBESCHEINIGUNG NICHT KRIEGEN

Klara und Peter benötigten die Bescheinigung von Annas Vermieter. Sie sollten sie an die Wohnungsverwaltung schicken, die für die Anmietung des Zimmers im ‚Betreuten Wohnen Sörensen‘ zuständig waren. Der Verwaltungsmitarbeiter Brummer von Annas Wohnungsgesellschaft aber gab sich störrisch.

„Ja, wir können Ihnen die Vermieterbescheinigung von Anna Sturm nicht schicken!“

„Wer sind Sie denn?“, fragte Peter, obwohl ihm klar war, woher der Anruf kam.

„Brummer“, ertönte die Stimme am anderen Ende.
Er betonte das ‚r‘ und dehnte gleichzeitig dabei noch das ‚e‘, sodass Peter den Namen ‚Brrummeer‘ verstand.

„Ach Herr Brummer“, ja schön, dass Sie sich melden!“
„Wie gesagt, Sie kriegen die Vermieterbescheinigung nicht!“

Herr Brummer ließ sich auf keinen Small-Talk ein.
Peter merkte, wie bei ihm der Blutdruck stieg und seine Schilddrüse anfing, heftig in seinem Hals zu klopfen.

Es war, als würde in einer Feuerwache schriller Alarm ausgelöst und die Feuerwehrmänner würden eine Stange herunterrutschen, um sich sofort ins Auto zu schwingen.

„Warum können wir die Bescheinigung nicht kriegen?“
Peter bemühte sich, mit ruhiger Stimme zu fragen.

„Weil wir nichts hinter dem Rücken Ihrer Schwiegermutter machen!“

„Wollen Sie uns unterstellen, dass wir etwas hinter dem Rücken von Anna Sturm machen, ohne dass wir nicht ihre Vollmacht und ihr Einverständnis hätten?“

„Das weiß ich nicht.“
„Wenn Sie es nicht wissen, warum sagen Sie es dann?“
„Das habe ich nicht gesagt!“

„Das haben Sie sehr wohl gesagt!“ Peter war in den Angriffsmodus übergegangen. Seine Stimme wurde lauter, klang schärfer.

„Jetzt hören Sie mir mal gut zu“, pumpte Peter sich weiter auf, „wenn Sie glauben, Sie könnten in dieser schnoddrigen und arroganten Art mit mir reden, dann haben Sie sich jetzt den absolut Falschen ausgesucht.“

Peters Stimme dröhnte, dass Klara ganz bleich im Gesicht geworden war.

„Sie haben es gesagt und meine Frau hat es auch gehört.“
Klara war von ihrem Stuhl aufgesprungen und kam zu Peter herübergelaufen. Sie bewegte angstvoll ihre Arme nach unten, um Peter zu beschwichtigen.

Doch das brachte ihn erst recht in Rage. Er hasste es, wenn Klara sich einmischte. Das Signal war stets das gleiche: ‚Mein Mann ist ein Raufbold und Polterkopf, aber er meint es nicht so‘.

Aber das war genau das Streichholz, das man nur noch an das Spritfass halten musste, damit alles in die Luft flog.
„Jetzt passen Sie mal gut auf, lieber Brummer“, Peter lies in seiner Wut die Anrede ‚Herr‘ weg.

„Sie sollten ganz schnell die Vermieterbescheinigung schicken, dann vergesse ich ihre ungehobelte, unfreundliche und dem Kunden wenig zugeneigte Art, und ich vergesse auch, was Sie gesagt haben, ohne dass Sie es gründlich durchdacht haben. Ich warte genau dreißig Minuten, bis die E-Mail bei mir angekommen ist. Auf Wiederhören“.

Peter drückte mit seinem Zeigefinger mit solcher Energie auf den roten Button des Handys, dass ihm der Finger hinterher wehtat.

„Musste das sein?“, fragte Klara nun mit vorwurfsvoller Stimme.

„Du lässt mich hier die Drecksarbeit machen und willst auch noch, dass ich den anderen aufs herzlichste begrüße, wenn der mit einem Beil auf mich zustürmt“, schnaubte Peter.

„Du bist doch der Klügere!“, sagte Klara.

„Ich will nicht der Klügere sein, ich will dem in den Arsch treten, wenn der mir so kommt.“

„Du mit deinem kulturellen Hintergrund!“, klagte ihn Klara vorwurfsvoll an.

Peter wollte nicht in solchen Momenten derjenige sein, der auf die allergrößten Grobheiten seines Gegenübers am Telefon mit feiner und rhetorisch ausgefeilter Stimme antwortete. Nein, er wollte ebenfalls zum Schwert greifen und auf den anderen zustürmen, Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Er wusste, dass es falsch war, aber das verdrängte er in diesem Moment.

„Ich muss arbeiten“, unterbrach Peter Klara und zog die Tür zum Arbeitszimmer hinter sich.

Ein paar Augenblicke später trudelte aus Stralsund die Mail mit der Vermieterbescheinigung im Anhang ein.

‚Geht doch‘, brummte Peter.

„Sehr geehrte Frau Gerber“, stand in der Anschrift. Peter wurde gar nicht erwähnt.
Doch er sollte trotzdem eine Lesebestätigung geben.

„Da können die lange warten!“, dachte Peter.
„Ist schon was gekommen?“, fragte Klara. Sie hatte die Tür zu seinem Zimmer leise aufgemacht.

„Kann ich dir nicht sagen, ich muss jetzt erst einmal meine Arbeit zu Ende bringen.

Klara seufzte und wusste, dass sie jetzt nicht mit Peter reden konnte.

Als sie wieder draußen war, druckte Peter die Vermieterbescheinigung aus dem Anhang der Mail aus, legte sie in seinen Ablagekorb und stülpte ein paar Rechnungen darüber.

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ULRIKE UND BERITT TREFFEN SICH AM EISCAFÉ – SEIT LANGEM MAL WIEDER
ANNA-2021.07.07

Ulrike und Beritt sind Freundinnen. Sie kennen sich noch von der Schwesternschule in Stralsund her. 
Ulrike arbeitet als Pflegedienstleiterin im ‚Betreuten Wohnen Sörensen‘, Beritt ist Krankenschwester im Stralsunder Sund-Krankenhaus.
Beritt ist mit Olaf verheiratet, der als Pfleger im ‚Betreuten Wohnen‘ arbeitet.
Ulrike ist Olafs Vorgesetzte.
Ulrike schlägt Beritt vor, mal wieder gemeinsam ein Eis essen zu gehen. 
Sie will herauskriegen, warum Olaf auf Arbeit so antriebslos ist.

„Wie läufts mit Olaf?“

„Ist er noch so fürsorglich wie früher?“
Beritt ließ sich Zeit mit ihrer Antwort.

„Ich weiß nicht, aber irgendwas ist anders. Olaf ist schweigsamer geworden, redet mit mir nicht mehr so viel.

Zum Beispiel die Sache mit Frieda Möller, die hat er mir gegenüber verschwiegen.“

Ulrike überlegte, ob sie Beritt etwas zu Saskia sagen sollte, aber sie entschied sich anders.

„Weißt du, die Arbeit in der Pflegeeinrichtung, die schlaucht alle, insbesondere jetzt in der Corona-Zeit.

Jeder arbeitet bis zum Anschlag, erholt sich nicht mehr so richtig während des Urlaubs, im Gegenteil, er nimmt die Probleme mit in seine Freizeit.“

„Das stimmt, das geht mir genauso. Wir kommen im Sund-Krankenhaus ebenfalls nicht vor Arbeit aus den Augen gucken.

Und wahrscheinlich zerrt das an den Nerven, macht uns reizbarer, wenn wir zusammen sind“, sagte Beritt mehr zu sich als zu Ulrike.
Ulrike schaute Beritt an.

Sie sah nicht gut aus im Gesicht, wirkte angespannt, trotz des Urlaubs, der erst ein paar Tage her war.

Sie beschloss nichts zu sagen, schon gar nicht darüber, dass sie das Gefühl hatte, dass sich Saskia und Olaf immer näherkamen, über das normale Arbeitsverhältnis hinaus.

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DIE EINFAHRT VOM HEIM IST DOCH GANZ LEICHT ZU FINDEN

ANNA-2021.07.09

Klara ist nach Stralsund gefahren, um sich vor Ort ein Bild von der Pflegeeinrichtung ‚Betreutes Wohnen Sörensen‘ zu machen.
Lukas begleitet sie zum Heim. Er kann sich nur schwer mit dem Gedanken abfinden, dass Anna nicht mehr in ihrer Wohnung bleiben kann.
Klara und Lukas finden nur schwer den Eingang zum Gebäude ‚Betreuten Wohnen Sörensen‘.

„Hier sollte doch eine Schranke sein und wo steht jetzt der Name der Einrichtung?“, fluchte Lukas und kurvte nun schon das zweite Mal um die Häuserblocks, die in der angegebenen Straße standen.
„Betreutes Wohnen Sörensen, Olaf Knaspe, was kann ich für Sie tun?“, ertönte eine dunkle Stimme, nachdem Klara die Telefonnummer gewählt hatte, die auf ihrem Zettel stand.

„Ja, Herr Knaspe, Klara Gerber hier, wir haben heute einen Besichtigungstermin für das Zimmer, in das meine Mutter einziehen soll“, sagte Klara.

„Wie ist denn der Name Ihrer Mutter?“, fragte Olaf, ohne sich groß zu bemühen. Er hätte es wissen müssen, dass es Anna Sturm war.

„Wieso fragen Sie denn? Wir beide haben doch den Termin miteinander für heute ausgemacht!“

„Ach so ja.“

„Ja, bis gleich“, antwortete Olaf wieder.

„Moment, wir finden den Eingang zum Gebäude nicht“, sagte Klara. Ihre Stimme überschlug sich nun schon fast, denn in ihr stieg allmählich der Ärger über so viel Gleichgültigkeit hoch.

„Das ist doch ganz einfach zu finden“, antwortete Pfleger Olaf.
„Wissen Sie, wenn Sie dort jeden Tag mehrfach ein- und ausgehen, dann ist es einfach. Ja. Aber wir kommen heute das erste Mal zu Ihnen.“

„Warten Sie, ich drücke mal einen Knopf, dann geht ein Tor auf und Sie können dort durchfahren.“
Olaf drückte auf den Summer.

„Da!“, rief Lukas, „siehst du die Flügeltüren, die sich gerade öffnen?“
„Fahr bloß schnell durch, bevor sie wieder zugehen“, sagte Klara, die sich noch immer über die halb schnoddrige Art des Pflegers ärgerte.
Lukas parkte das Auto auf dem dafür vorgesehenen Platz, stieg aus und streckte sich.

„Hallo, was macht ihr denn hier“, rief aus dem Fenster Berta Hoffmann.

„Das ist doch jetzt nicht wahr“, sagte Lukas.
Charly und Berta Hoffmann waren Freunde von Anna und Wilhelm Sturm.

Sie hatten sich am Strelasund eine Wohnung gesucht, in der sie auch bleiben konnten, wenn sie mal Pflege und Betreuung in Anspruch nehmen wollten.

„Ach, wir schauen hier nur mal, ob das was für Mutti ist“, antwortete Klara, immer noch verdattert, dass ausgerechnet in dem Moment Berta aus dem Fenster sah.

Wahrscheinlich tat sie das sehr oft am Tag.
„Kommt doch mal hoch zu uns“, rief jetzt Charly, der hinter seiner Frau stand.

„Wir haben leider ganz wenig Zeit“, sagte nun Lukas.
„Komm‘ lass uns verschwinden, sonst kommen wir hier nicht wieder weg“, flüsterte er Klara zu.

Die nickte stumm. Sie winkten beide nach oben und ging schnurstracks auf eine andere Eingangstür zu.

Im Flur erwartete sie Schwester Ulrike. Olaf hatte ihr Bescheid gesagt. Er selbst stand hinter Ulrike und schien ein schlechtes Gewissen zu haben.

„Herzlich willkommen, Familie Gerber“, sagte Ulrike.

„Ich bin Klara Gerber, geborene Sturm, und das hier ist mein Bruder, Lukas Sturm. Mein Mann konnte heute nicht mitkommen“, sagte Klara ein wenig verlegen.

„Aha, sehr angenehm. Wollen wir gleich zum Zimmer gehen?“
Ulrike sah die beiden erwartungsvoll an.

„Ja, gern“, sagte Klara.

Mehr lesen: https://uwemuellererzaehlt.de/2021/07/09/anna-2021-07-09/

AUSBLICK 
ANNA – 2021.07.16
Klara besichtigt gemeinsam mit Lukas Annas künftiges Zimmer im Heim.
Es ist sehr klein. Klara beginnt schon in Gedanken die Möbel zu stellen.
Pfleger Olaf und Klara lernen sich besser kennen und Olaf beginnt sich auf die neue Heimbewohnerin einzustellen.
Die Bürokratie in Vorbereitung auf die Heimunterkunft frisst die Energie von allen auf.

Mehr lesen: https://uwemuellererzaehlt.de/anna-ist-dement/

 

EIN BLICK IN DIE BIBEL MACHT DEINEN ALLTAG NICHT ÄRMER

Bibel

BIBEL-2021.07.11

‚Vom Guten und vom Besseren im Leben des Menschen‘
„Einem Freund und einem Gefährten begegnet man gern, aber lieber hat man die Frau, mit der man lebt.“
SIR 40, 23

Was kann ich mitnehmen?
Was soll ich dazu noch sagen? Die Bibel kennt mich.

Mehr lesen:

https://uwemuellererzaehlt.de/mein-freund-der-alltag/alltaegliches-2021/

ALICE MUNRO – SCHREIBEN AM KÜCHENTISCH ÜBER MENSCHEN IM ALLTAG

Zum 90. Geburtstag von Alice Munro

Ich habe seit einigen Jahren ein Ritual entwickelt, mit dem ich den Tag beginne, nachdem ich vom Fitness-Studio zurück bin.

Ich nehme das Buch von Alice Munro „Ferne Verabredungen“ zur Hand.

Dann klebe ich ein weißes Blatt Papier auf einen Pappdeckel, den ich aus einem Ordner auf A4 -Größe zurechtgeschnitten habe.

Ich schlage das Buch auf, suche mir eine Textstelle und schreibe ein paar Sätze daraus ab. Anschließend formuliere ich sie um.

Es ist eine Methode, meine handwerklichen Fertigkeiten im Schreiben zu trainieren.

Und erst dann, wenn ich einen Satz umformulieren will, merke ich wirklich, wie meisterhaft er von Alice Munro formuliert und von Heide Zerning, der Übersetzerin, ins Deutsche gebracht wurde.

Ich verzichte in diesen Momenten ganz bewusst darauf, die Tastatur zur Hand zu nehmen, in den Computer zu starren.

Diese ‚blanke‘, vielleicht auch antiquierte Arbeitsweise, zählt zu dem Besten, was ich so am Tag anstelle.

Bereits im Klappentext steht über Alice Munro, was für mich mit zu einem Leitsatz für diesen Blog geworden ist: „Alice Munro erzählt zugewandt und genau vom Allerschwersten, von dem, was zwischen Menschen passiert, was in ihnen vorgeht.“ (1)

Und diese ‚Meisterin des Alltäglichen‘ ist gerade 90 Jahre alt geworden. Ich habe das in der Berliner Zeitung in der Feuilletonseite entdeckt. (2)

Was mich an dieser Schriftstellerin fasziniert ist, wie unaufgeregt sie über Menschen im Alltag, über das Alltägliche schreibt.

Dass sie inzwischen eine kanadische Literaturnobelpreisträgerin ist, das nötigt mir natürlich Respekt ab.

Was in mir jedoch eine wirkliche Begeisterung hervorruft ist die Tatsache, dass sie mit scheinbarer Leichtigkeit über eher langweilige Dinge des Alltags schreibt.

„Sie (Alice Munro) zeigt, dass ein Schreiben über Windeln, den Besuch in einem Pflegeheim oder Einkäufe von Zahnpasta und Handcremen von bestechender Prägnanz und Aussagekraft sein kann. Besonders ihre späteren Texte bringen die Schilderungen des Unspektakulären, man könnte auch sagen, den genauen Blick auf Menschen als Menschen zur Perfektion.“ (3)

Alice Munro war dabei immer Mutter von vier Töchtern, Hausfrau.

„Sie kochte und putzte, sagte sie in einem Interview mit der Literaturzeitschrift Paris Review, seitdem sie ein Teenager war und ihre Mutter an Parkinson erkrankte: ‚die Uni war also die einzige Zeit in meinem Leben, in der ich keine Hausarbeit verrichten musste.“ (4)

Als ich das gestern beim Frühstück las, da dachte ich bei mir:
‚Worüber jammerst du eigentlich? Du musst so viel tun – Firmenporträts schreiben, freitags zuhause Staubsaugen, ins Fitness-Studio fahren, du kommst eigentlich zu gar nichts, schon gar nicht dazu, kurze Alltagsgeschichten für den Blog zu schreiben.‘

Da kann ich nur verstummen, angesichts des großartigen Schaffens dieser Schriftstellerin, und dass in vielen Jahren am Küchentisch, weil sie kein Arbeitszimmer hatte.

Manchmal, wenn ich meine Enkelin besuche und mit ihr in Berlin auf einen Spielplatz gehe, dann sehe ich Mütter, die auf dem Boden sitzen und reden, Kartoffelsalat ausgepackt haben und jeden, der von außen dazukommt aus einer Mischung von Ablehnung und Neugier betrachten.

Ich nenne sie seit vielen Jahren die ‚Monicas‘.

‚Die Monicas sind wieder da‘, sage ich dann zu Krümel, die sich aber nicht dafür interessiert, sondern für die Rutsche, auf der die Kinder der ‚Monicas‘ heruntersausen.

Inspiriert zu dieser durchaus liebevoll gemeinten Bezeichnung wurde ich durch die Geschichte ‚Jakarta‘:

„Kath und Sonje haben einen eigenen Platz am Strand, hinter großen Baumstämmen.

Den haben sie sich ausgesucht, weil er ihnen Schutz bietet, nicht nur vor dem gelegentlich stark auffrischenden Wind – sie haben Kaths Baby dabei -, sondern auch vor den Blicken einer Gruppe von Frauen, die jeden Tag den Strand bevölkern. Sie nennen diese Frauen die Monicas.

Die Monicas haben zwei oder drei oder vier Kinder pro Nase.
Angeführt werden sie von der richtigen Monica, die über den Strand gelaufen kam und sich vorstellte, sobald sie Kath und Sonje und das Baby entdeckt hatte.

Sie lud sie ein, sich dem Rudel anzuschließen.
Sie folgten ihr und schleppten die Babytasche mit.
Was blieb ihnen anderes übrig?

Aber seitdem verschanzen sie sich hinter den Baumstämmen.

Das Feldlager der Monicas besteht aus Sonnenschirmen, Badelaken, Windeltaschen, Picknickkörben, aufblasbaren Flößen und Walfischen, Spielsachen, Sonnenschutzmitteln, Kleidungsstücken, Sonnenhüten, Thermoflaschen mit Kaffee, Plastikbechern und -tellern und Kühlboxen, die hausgemachte Eislutscher aus Fruchtsaft enthalten.“ (5)

Ich habe in meinem Leben viel studiert, Diplomarbeiten geschrieben, Diplomarbeiten bewertet, Studenten unterrichtet. Das war eine schöne Zeit.

Der beste Teil kommt tatsächlich zum Schluss, nämlich von einer ‚Meisterin des Alltäglichen‘ zu lernen, die kleinen Dinge im Leben zu sehen, sie nicht geringzuschätzen, Menschen nicht in ihren großen Gesten zu bewundern, sondern darin, wie sie den Alltag meistern, wie sie sich zueinander verhalten.

Das Schwierige besteht darin, nicht nur das Banale zu beschreiben, sondern die Beschreibung auch noch banal aussehen zu lassen. Darin bewundere ich die große Schriftstellerin Alice Munro.

(1)
Manuela Reichart, Nachwort für Alice Munro, Ferne Verabredungen, Die schönsten Erzählungen;
aus dem Englischen von Heidi Zerning;
© 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main
(2)
Berliner Zeitung, Nr. 156, Freitag, 09.Juli 2021, S. 13; Feuilleton
„Meisterin des Alltäglichen“
(3)
Sabine Rohlf, ebenda
(4)
Ebenda
(5)
Alice Munro „Ferne Verabredungen“, Jarkarta, Fischer Verlag GmbH, 2016, S.9

DIE EINFAHRT VOM HEIM IST DOCH GANZ LEICHT ZU FINDEN

ANNA-2021.07.09

Was bisher war:
Peter hatte sich mit dem Verwaltungsmitarbeiter von Annas Vermietergesellschaft angelegt, weil der unnachgiebig und störrisch war und nicht die Bescheinigung zur Vorlage bei der neuen Einrichtung vorzeigen wollte.
Anna wohnte fast sechzig Jahre in ihrer Wohnung und die Vermieterbescheinigung diente dazu, der neuen Gesellschaft den Nachweis darüber zu erbringen, dass Anna stets ihre Miete bezahlt hatte.
Schwester Ulrike hatte sich mit Beritt in einem Eiscafé getroffen, aber nichts über Olaf und dessen Sympathie für Schwester Saskia im Pflegeheim gesagt.

Einführung:
Klara ist nach Stralsund gefahren und wollte sich vor Ort anschauen, wie das Zimmer im ‚Betreuten Wohnen Sörensen‘ am Strelasund aussah, in das Anna im Herbst einziehen sollte.

„Ich glaube, ich muss da selber hinfahren, um zu wissen, was auf Mutti zukommt“, sagte Klara zu Peter.

„Willst du mitkommen?“, fragte sie ihn noch.

„Ich würde gern mit dir zusammen nach Stralsund fahren, aber ich habe gar keine Zeit, weil so viele Interviews anstehen.

Ich könnte sie natürlich auch verschieben, aber du weißt, wie schwer das wieder neu zu terminieren ist.“

„Ich weiß, ich mach‘ das mit Lukas zusammen.“

„Was sagt Lukas eigentlich zur Situation?“

„Du weißt doch, dass es ihm sehr schwerfällt, sich mit dieser Situation anzufreunden.“

„Ja, ich weiß, und ich verstehe ihn sehr gut. Immerhin ist es seine Mutter, die ihn zwar ab und an nervt, wenn sie alles vergisst oder schlechte Laune hat.

Aber für ihn ist alles mit dieser Wohnung verbunden, aus der nun Anna raus soll, um in ein Heim zu ziehen.“

„Mir geht es genauso“, sagte Klara.
„Wir haben die ganze Kindheit dort verbracht. Anna hat dort ihre glücklichsten Jahre gehabt, und nun ist alles vorbei.“

„Wir müssen uns der Realität stellen. Wir helfen Anna nicht damit, dass wir sie vielleicht davor bewahren wollen, dass sie in ein Heim muss.

Wenn sie noch ein paar schöne und möglichst sorgenfreie Jahre verleben will, dann braucht sie Hilfe, und zwar rund um die Uhr.“
Klara seufzte nur.

Am nächsten Tag war Klara früh in den Zug nach Stralsund gestiegen. Sie hatte viel vor.

Lukas stand schon auf dem Bahnhof, als der Zug aus Berlin einfuhr.
„Na, wollen wir gleich zur Besichtigung fahren?“, fragte Lukas Klara ohne Umschweife.

„Ja, lass uns da sofort hinfahren. Weißt du, wie du da hinkommst?“
Lukas sah Klara an, so als hätte sie ihn gefragt, ob er aufrecht laufen könnte.

„Klaaara“, sagte er stattdessen und zog das ‚a‘ absichtlich lang.

„Schon gut, ich wollte nur sicher sein.“

Lukas und Klara fuhren sofort los und beide schwiegen, obwohl sie sich ein paar Wochen nicht gesehen hatten.

Auf beiden lastete das alles wie ein zentnerschweres Gewicht, das sie nicht mehr von der Brust bekamen.

„Hier sollte doch eine Schranke sein und wo steht jetzt der Name der Einrichtung?“, fluchte Lukas und kurvte nun schon das zweite Mal um die Häuserblocks, die in der angegebenen Straße standen.

„Betreutes Wohnen Sörensen, Olaf Knaspe, was kann ich für Sie tun?“, ertönte eine dunkle Stimme, nachdem Klara die Telefonnummer gewählt hatte, die auf ihrem Zettel stand.

„Ja, Herr Knaspe, Klara Gerber hier, wir haben heute einen Besichtigungstermin für das Zimmer, in das meine Mutter einziehen soll“, sagte Klara.

„Wie ist denn der Name Ihrer Mutter?“, fragte Olaf, ohne sich groß zu bemühen. Er hätte es wissen müssen, dass es Anna Sturm war.

„Wieso fragen Sie denn? Wir beide haben doch den Termin miteinander für heute ausgemacht!“

„Ach so ja.“

„Ja, bis gleich“, antwortete Olaf wieder.

„Moment, wir finden den Eingang zum Gebäude nicht“, sagte Klara. Ihre Stimme überschlug sich nun schon fast, denn in ihr stieg allmählich der Ärger über so viel Gleichgültigkeit hoch.

„Das ist doch ganz einfach zu finden“, antwortete Pfleger Olaf.

„Wissen Sie, wenn Sie dort jeden Tag mehrfach ein- und ausgehen, dann ist es einfach. Ja. Aber wir kommen heute das erste Mal zu Ihnen.“

„Warten Sie, ich drücke mal einen Knopf, dann geht ein Tor auf und Sie können dort durchfahren.“
Olaf drückte auf den Summer.

„Da!“, rief Lukas, „siehst du die Flügeltüren, die sich gerade öffnen?“

„Fahr bloß schnell durch, bevor sie wieder zugehen“, sagte Klara, die sich noch immer über die halb schnoddrige Art des Pflegers ärgerte.

Lukas parkte das Auto auf dem dafür vorgesehenen Platz, stieg aus und streckte sich.

„Hallo, was macht ihr denn hier“, rief aus dem Fenster Berta Hoffmann.

„Das ist doch jetzt nicht wahr“, sagte Lukas.
Charly und Berta Hoffmann waren Freunde von Anna und Wilhelm Sturm.

Sie hatten sich am Strelasund eine Wohnung gesucht, in der sie auch bleiben konnten, wenn sie mal Pflege und Betreuung in Anspruch nehmen wollten.

„Ach, wir schauen hier nur mal, ob das was für Mutti ist“, antwortete Klara, immer noch verdattert, dass ausgerechnet in dem Moment Berta aus dem Fenster sah.

Wahrscheinlich tat sie das sehr oft am Tag.
„Kommt doch mal hoch zu uns“, rief jetzt Charly, der hinter seiner Frau stand.

„Wir haben leider ganz wenig Zeit“, sagte nun Lukas.

„Komm‘ lass uns verschwinden, sonst kommen wir hier nicht wieder weg“, flüsterte er Klara zu.

Die nickte stumm. Sie winkten beide nach oben und ging schnurstracks auf eine andere Eingangstür zu.

Im Flur erwartete sie Schwester Ulrike. Olaf hatte ihr Bescheid gesagt. Er selbst stand hinter Ulrike und schien ein schlechtes Gewissen zu haben.

„Herzlich willkommen, Familie Gerber“, sagte Ulrike.

„Ich bin Klara Gerber, geborene Sturm, und das hier ist mein Bruder, Lukas Sturm. Mein Mann konnte heute nicht mitkommen“, sagte Klara ein wenig verlegen.

„Aha, sehr angenehm. Wollen wir gleich zum Zimmer gehen?“
Ulrike sah die beiden erwartungsvoll an.

„Ja, gern“, sagte Klara.

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ULRIKE UND BERITT TREFFEN SICH AM EISCAFÉ – SEIT LANGEM MAL WIEDER

ANNA-2021.07.07

Was bisher war:
Schwester Ulrike hatte mit ihrer Freundin Beritt telefoniert, aber nichts darüber gesagt, dass sich Olaf auf der Arbeit antriebslos verhielt.
Beide wollen sich in einem Café am Markt treffen.
Klara und Peter verzweifeln, weil sie unendlich viele Anträge für Anna stellen müssen, damit die Aufnahme im Heim rechtzeitig vonstattengehen konnte.
Peter legte sich mit einem Verwaltungsmitarbeiter an und bekam zum Schluss die Vermieterbescheinigung.

Einführung:
Ulrike und Beritt trafen sich am Eiscafé, um ein paar Momente gemeinsam zu genießen, wie früher.

Schwester Ulrike hatte sich ein paar Stunden freigenommen und war früher vom Heim losgefahren, um rechtzeitig zum Treff mit Beritt zu kommen.

Beritt saß bereits in dem Eiscafé am Markt, indem sie schon vor vielen Jahren mit Ulrike gewesen war.

Sie hatte vor dem Café einen Tisch gefunden. Sie liebte diesen Platz mit dem Blick auf die große Kirche gegenüber.

Touristen schlenderten an ihr vorbei, die Sonne schien und Beritt fühlte sich in ihre Jugendzeit zurückversetzt, in der vorbeilaufende junge Matrosen mit ihr geflirtet hatten.

So hatte sie auch Olaf kennengelernt, der damals seinen Bundeswehrdienst als Zivildienstleistender absolvierte und in dem Pflegedienst aushalf, in dem auch Beritt und Ulrike ihre Arbeit nach der Ausbildung begonnen hatten.

Beritt nippte an ihrem Glas Wasser, das sie sich zur Überbrückung bestellt hatte.

Obwohl sie trank, behielt sie die Umgebung im Blick und erkannte sofort, dass hinter der Kirche Ulrike mit straffem Schritt auf sie zusteuerte.

Beritt winkte und erhob sich von ihrem Platz. Sie küssten sich, als Ulrike vor ihr stand und sie freuten sich beide ehrlich, dass sie Zeit füreinander gefunden hatten.

„Ich hab‘ uns schon zwei Eisbecher mit Schlagsahne und Eierlikör bestellt. Du weißt schon, fast wie früher“, sagte Beritt.

„Ach Gott, ich muss doch ein bisschen auf meine Figur achten, sonst kriege ich ja gar keinen mehr ab“, scherzte Ulrike.

Sie war noch immer ledig und auch wieder ungebunden. Aber sie fühlte sich so wohl und konnte sich voll auf ihre Arbeit konzentrieren.

„Erinnerst du dich noch daran, wie wir manchmal bis Mitternacht gesessen haben, anschließend zurück zur Schwesternschule gelaufen sind und dann noch nackt im Sund baden waren und die Matrosen mit uns ins Wasser wollten?“

„Na klar erinnere ich mich daran“, sagte Beritt.

„Es war eine schöne Zeit, die kommt nie wieder“, stimmte Ulrike zu.

„Wie läufts mit Olaf?“

„Ist er noch so fürsorglich wie früher?“
Beritt ließ sich Zeit mit ihrer Antwort.

„Ich weiß nicht, aber irgendwas ist anders. Olaf ist schweigsamer geworden, redet mit mir nicht mehr so viel.

Zum Beispiel die Sache mit Frieda Möller, die hat er mir gegenüber verschwiegen.“

Ulrike überlegte, ob sie Beritt etwas zu Saskia sagen sollte, aber sie entschied sich anders.

„Weißt du, die Arbeit in der Pflegeeinrichtung, die schlaucht alle, insbesondere jetzt in der Corona-Zeit.

Jeder arbeitet bis zum Anschlag, erholt sich nicht mehr so richtig während des Urlaubs, im Gegenteil, er nimmt die Probleme mit in seine Freizeit.“

„Das stimmt, das geht mir genauso. Wir kommen im Sund-Krankenhaus ebenfalls nicht vor Arbeit aus den Augen gucken.

Und wahrscheinlich zerrt das an den Nerven, macht uns reizbarer, wenn wir zusammen sind“, sagte Beritt mehr zu sich als zu Ulrike.

Ulrike schaute Beritt an. Sie sah nicht gut aus im Gesicht, wirkte angespannt, trotz des Urlaubs, der erst ein paar Tage her war.

Sie beschloss nichts zu sagen, schon gar nicht darüber, dass sie das Gefühl hatte, dass sich Saskia und Olaf immer näherkamen, über das normale Arbeitsverhältnis hinaus.

„Wie geht es der Kleinen?“, fragte sie stattdessen.

„Ach, die ist köstlich. Sie ist unser Sonnenschein“, sagte Beritt und blühte gleich wieder auf.

„Wollen wir einen kleinen Sekt trinken?“, fragte Ulrike.

„Oh ja, lass uns anstoßen auf die alten Zeiten“, nickte Beritt freudig.

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SIE KÖNNEN DIE VERMIETERBESCHEINIGUNG NICHT KRIEGEN

ANNA-2021.07.05

Was bisher war?
Peter und Klara mussten schnell handeln. Ein Zimmer im ‚Betreuten Wohnen Sörensen‘ am Strelasund war freigeworden.
Olaf Knaspe war Pfleger im ‚Betreuten Wohnen‘ und traurig, dass Frieda Möller gestorben war.
Es fiel ihm deshalb schwer, das Zimmer von ihr auszuräumen.
Saskia, eine Kollegin von Olaf, bot ihm ihre Unterstützung an.
Sie mochte Olaf, obwohl der verheiratet war.
Schwester Ulrike fragte Olaf, ob zwischen ihnen etwas lief.
Es war ihr unangenehm so etwas als die unmittelbare Vorgesetzte von Olaf zu fragen, zumal sie mit Beritt, Olafs Ehefrau, befreundet war.

Einführung:
Schwester Ulrike telefonierte mit Beritt, ihrer Freundin, die auch Olafs Ehefrau war.
Klara wollte eine Bescheinigung von Annas Vermieter haben, zur Vorlage für die Anmietung des Zimmers im Heim ‚Betreutes Wohnen Sörensen‘ am Strelasund.
Peter legte sich mit dem Verwaltungsmitarbeiter von Annas Vermietergesellschaft an.
Herr Brummer gab sich unnachgiebig und störrisch. Er hatte aber nicht mit Peters Energie gerechnet.

Schwester Ulrike saß noch eine Zeit lang in ihrem Zimmer am Schreibtisch, nachdem Olaf gegangen war.

Sie dachte darüber nach, warum Olaf sich so antrieblos verhielt, obwohl er gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt war.

Sie erinnerte sich an die Zeit in der Schwesternschule, in der sie mit Beritt Freundschaft geschlossen hatte, der späteren Ehefrau von Olaf.

Beritt und Ulrike waren gleichaltrig. Beritt war fünf Jahre älter als ihr heutiger Mann Olaf, wobei man ihr das nicht ansah.

Ulrike griff zum Hörer und wählte die Nummer ihrer Freundin.

„Knaspe“, ertönte eine Stimme im Hörer.
„Hallo Beritt, hier ist Ulrike.“

„Ulrike, das ist ja schön, dass du dich mal meldest. Ist irgendetwas mit Olaf?“
„Nein, nein, ich wollte nur mal deine Stimme hören“, wich Ulrike aus.

„Ach, und ich dachte schon, es wäre was passiert?“
„Wie kommst du darauf?“, fragte Ulrike und verschwieg, dass sie ja gerade wegen Olaf anrief.

„Ach, manchmal habe ich schon gedacht, dass er eine Freundin hat“, sagte sie.

„Er wirkt so abwesend.“
„Ich glaube Olaf bedrückt, dass eine seiner Heimbewohnerinnen verstorben ist“, antwortete Ulrike.

„Doch nicht etwa Frieda Möller?“
„Ja, leider. Frieda Möller ist tot und Olaf scheint das mehr mitzunehmen, als er sich selbst eingestehen will.“

Beritt schwieg, bevor sie antwortete: „Komisch, dass er mir das nicht erzählt hat, aber er kriegt ja ohnehin kaum noch den Mund auf.“

„Du, lass uns doch mal wieder einen Kaffee trinken gehen, im Cafè am Alten Markt, du weißt schon.“

„Ja gern, ich melde mich, ich muss jetzt zur Schicht“, gab Beritt zurück.

„Bis bald“, antwortete Ulrike und legte den Hörer auf.

Sie erhob sich vom Schreibtisch, ging auf den Flur und sah, wie Olaf und Saskia gemeinsam die Sachen von Frieda Möller aus dem Zimmer räumten.

Sie seufzte und lief in Richtung des Raumes, indem sich die Bewohner allmählich zum Mittagessen einfanden.

Klara saß seit sechs Uhr am Morgen im Zimmer nebenan von Peter und hatte gerade begonnen, sich für das Homeoffice anzumelden.

Sie hatte sich eingespielt mit der Technik, konnte alles gut bearbeiten und sparte sich so die Fahrt in die Berliner Innenstadt.

Ihre Gedanken schweiften manchmal ab, weil sie die ganze Situation zu erschlagen schien.

Bis Anfang September musste alles erledigt sein – Anna im Heim, das Zimmer vorher einrichten, Annas Wohnung ausräumen, die Pflegeverträge neu abschließen, alle Unterlagen für die Anmietung des Zimmers im ‚Betreuten Wohnen Sörensen‘ bereitstellen.

Sie wollte zu Wochenbeginn noch unbedingt in Stralsund anrufen, bei Annas Vermieter und ihn um eine Vermieterbescheinigung bitten.

Anna wohnte nun fast sechzig Jahre in dem Haus und hatte ihre Miete stets pünktlich bezahlt. Das interessierte aber niemanden.

„Wir brauchen von Ihnen diesen Zettel, damit wir ihn zu den Vermietungsunterlagen legen können, hatte ihr die Verwaltungsmitarbeiterin des Wohnungsbauunternehmens von Stralsund gesagt, die für die Vermietung der Zimmer im ‚Betreuten Wohnen Sörensen‘ zuständig waren.

Es war inzwischen gegen zehn Uhr am Vormittag.
„Wolltest du nicht Annas Vermieter anrufen?“, fragte Peter.

Er saß im Nebenzimmer, schrieb an einem Interview, das er mit einem Kunden am Telefon geführt hatte.

Er überlegte, ob er nicht erst eine Pause einlegen sollte. Er könnte ins Wohnzimmer gehen und sich ein bisschen durch das Fernsehprogramm zappen.

„Jetzt ist mir klar“, warum hier kein Geld reinkommt“, hatte Klara ihm erst wieder in der vergangenen Woche gesagt. Seitdem sie im Homeoffice arbeitete, stand Peter unter engmaschiger Beobachtung.

„Kein Geld stimmt nicht. Kleingeld stimmt“, antwortete Peter darauf.
„Hast du die Nummer von dem Mieter?“, unterbrach Klara ihn in seinen Gedanken.

„Hast du denn die Nummer schon wieder nicht notiert?“, fragte Peter zurück. Er verstand nicht, warum Klara ihn jedes Mal aufs Neue nach der Telefonnummer fragte.

Er hatte sie längst in seinem weitverzweigten System abgespeichert.
Er war stolz auf sein digitales Ablagesystem, nur dass es sich zwischendurch als zu kompliziert entpuppte und sich in ein Bermudadreieck verwandelte, indem auch Peter nichts mehr wiederfand.

„Willst du mir nun helfen?“, rief Klara aus dem Nebenzimmer.

Widerwillig zog er ein großes weißes Blatt aus dem Papierstapel hervor und schrieb in großen Zahlen die Telefonnummer der Wohnungsfirma darauf.

Lautlos erhob er sich und ging in das andere Zimmer.

„Hier“, sagte er knapp.
„Danke schön“, formulierte Klara mit spitzer Zunge.

Peter reagierte darauf nicht, sondern ging die Treppe hinunter ins Wohnzimmer, um sich eine Pause zu gönnen.

Als er die Treppe wieder Richtung Arbeitszimmer hochstieg, rief Klara ihm zu, dass sie mit einem Mitarbeiter von Annas Vermietergesellschaft gesprochen hatte und Peters Handynummer für Nachrichten hinterlassen hätte.

„In Ordnung“, brummte Peter und ließ sich missmutig auf seinen Schreibtischsessel fallen.

Er zog die Tastatur zu sich heran und tippte an der Stelle weiter, an der er eine halbe Stunde zuvor aufgehört hatte.

Das Handy kam dazwischen. Es klingelte und Peter sah eine Stralsunder Nummer.

„Gerber“, sagte er und wartete ab.
„Ja, wir können Ihnen die Vermieterbescheinigung von Anna Sturm nicht schicken!“

„Wer sind Sie denn?“, fragte Peter, obwohl ihm klar war, woher der Anruf kam.

„Brummer“, ertönte die Stimme am anderen Ende.
Er betonte das ‚r‘ und dehnte gleichzeitig dabei noch das ‚e‘, sodass Peter den Namen ‚Brrummeer‘ verstand.

„Ach Herr Brummer“, ja schön, dass Sie sich melden!“
„Wie gesagt, Sie kriegen die Vermieterbescheinigung nicht!“

Herr Brummer ließ sich auf keinen Small-Talk ein.

Peter merkte, wie bei ihm der Blutdruck stieg und seine Schilddrüse anfing, heftig in seinem Hals zu klopfen.

Es war, als würde in einer Feuerwache schriller Alarm ausgelöst und die Feuerwehrmänner würden eine Stange herunterrutschen, um sich sofort ins Auto zu schwingen.

„Warum können wir die Bescheinigung nicht kriegen?“
Peter bemühte sich, mit ruhiger Stimme zu fragen.

„Weil wir nichts hinter dem Rücken Ihrer Schwiegermutter machen!“

„Wollen Sie uns unterstellen, dass wir etwas hinter dem Rücken von Anna Sturm machen, ohne dass wir nicht ihre Vollmacht und ihr Einverständnis hätten?“

„Das weiß ich nicht.“

„Wenn Sie es nicht wissen, warum sagen Sie es dann?“
„Das habe ich nicht gesagt!“

„Das haben Sie sehr wohl gesagt!“ Peter war in den Angriffsmodus übergegangen. Seine Stimme wurde lauter, klang schärfer.

„Jetzt hören Sie mir mal gut zu“, pumpte Peter sich weiter auf, „wenn Sie glauben, Sie könnten in dieser schnoddrigen und arroganten Art mit mir reden, dann haben Sie sich jetzt den absolut Falschen ausgesucht.“

Peters Stimme dröhnte, dass Klara ganz bleich im Gesicht geworden war.

„Sie haben es gesagt und meine Frau hat es auch gehört.“
Klara war von ihrem Stuhl aufgesprungen und kam zu Peter herübergelaufen. Sie bewegte angstvoll ihre Arme nach unten, um Peter zu beschwichtigen.

Doch das brachte ihn erst recht in Rage. Er hasste es, wenn Klara sich einmischte. Das Signal war stets das gleiche: ‚Mein Mann ist ein Raufbold und Polterkopf, aber er meint es nicht so‘.

Aber das war genau das Streichholz, das man nur noch an das Spritfass halten musste, damit alles in die Luft flog.

„Jetzt passen Sie mal gut auf, lieber Brummer“, Peter lies in seiner Wut die Anrede ‚Herr‘ weg.

„Sie sollten ganz schnell die Vermieterbescheinigung schicken, dann vergesse ich ihre ungehobelte, unfreundliche und dem Kunden wenig zugeneigte Art, und ich vergesse auch, was Sie gesagt haben, ohne dass Sie es gründlich durchdacht haben. Ich warte genau dreißig Minuten, bis die E-Mail bei mir angekommen ist. Auf Wiederhören“.

Peter drückte mit seinem Zeigefinger mit solcher Energie auf den roten Button des Handys, dass ihm der Finger hinterher wehtat.

„Musste das sein?“, fragte Klara nun mit vorwurfsvoller Stimme.
„Du lässt mich hier die Drecksarbeit machen und willst auch noch, dass ich den anderen aufs herzlichste begrüße, wenn der mit einem Beil auf mich zustürmt“, schnaubte Peter.

„Du bist doch der Klügere!“, sagte Klara.

„Ich will nicht der Klügere sein, ich will dem in den Arsch treten, wenn der mir so kommt.“

„Du mit deinem kulturellen Hintergrund!“, klagte ihn Klara vorwurfsvoll an.

Peter wollte nicht in solchen Momenten derjenige sein, der auf die allergrößten Grobheiten seines Gegenübers am Telefon mit feiner und rhetorisch ausgefeilter Stimme antwortete.

Nein, er wollte ebenfalls zum Schwert greifen und auf den anderen zustürmen, Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Er wusste, dass es falsch war, aber das verdrängte er in diesem Moment.

„Ich muss arbeiten“, unterbrach Peter Klara und zog die Tür zum Arbeitszimmer hinter sich.

Ein paar Augenblicke später trudelte aus Stralsund die Mail mit der Vermieterbescheinigung im Anhang ein.

‚Geht doch‘, brummte Peter.

„Sehr geehrte Frau Gerber“, stand in der Anschrift. Peter wurde gar nicht erwähnt.

Doch er sollte trotzdem eine Lesebestätigung geben.

„Da können die lange warten!“, dachte Peter.

„Ist schon was gekommen?“, fragte Klara. Sie hatte die Tür zu seinem Zimmer leise aufgemacht.

„Kann ich dir nicht sagen, ich muss jetzt erst einmal meine Arbeit zu Ende bringen.

Klara seufzte und wusste, dass sie jetzt nicht mit Peter reden konnte.

Als sie wieder draußen war, druckte Peter die Vermieterbescheinigung aus dem Anhang der Mail aus, legte sie in seinen Ablagekorb und stülpte ein paar Rechnungen darüber.

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EIN BLICK IN DIE BIBEL MACHT DEINEN ALLTAG NICHT ÄRMER

BIBEL-2021.07.04

„Die Menschen trauern zwar um ihren Leib, aber bei den Gottlosen wird auch der Name vertilgt, denn er taugt nichts.
Sieh zu, dass du deinen Namen behältst; der bleibt dir gewisser als tausend große Schätze Gold.
Ein Leben, es sei so gut, wie es wolle, währt nur eine kurze Zeit, aber ein guter Name bleibt ewig.“
Sir 41, 14-16

Bibel

Was kann ich mitnehmen?
Das Leben einfach leben, aber so, dass du vor dir und vor denen bestehst, die dir wichtig sind und wichtig bleiben, auch nach deinem Tod.

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JEEPY ERZÄHLT ÜBER KRÜMEL

JEEPY-2021.07.02

‚Jeepy‘, der kleine rote Jeep erzählt seiner kleinen Freundin Krümel über seine Erlebnisse mit seinem Fahrer, der gleichzeitig der Opa von Krümel ist.

Was bisher war:
Jeepy und sein Fahrer haben Krümels Oma zum zweiten Impftermin ins Impfzentrum nach Eberswalde gefahren.
Auf dem Rückweg haben sie alle im Dorf Zerpenschleuse gehalten und ein Eis gegessen.
Bis auf Jeepy. Der stand in der Sonne und hat geschwitzt.

Hallo Krümel,
hier ist Jeepy, dein bester Freund.

Jetzt hat dein Opa, also mein Fahrer, auch die zweite Spritze erhalten. Du weißt schon – gegen Corona.

Du kannst ja dieses Wort schon selber aussprechen.
Der Fahrer war so was von aufgeregt. Dabei ging es doch nur um einen kleinen Pieks in den Arm.

Aber dein Opa hat daraus wieder ein umständliches Drama gemacht.

„Ich werde mal über die Dörfer nach Eberswalde fahren“, hat er zu deiner Oma gesagt.

Die hat nur die Augen verdreht.

„Muss das denn sein?“
„Ja, du weißt doch, dass beim letzten Mal Stau auf der Autobahn war. Ich will nicht riskieren, dass ich zu spät komm‘.“

Krümel, dann hat er mich schon mittags losgescheucht, obwohl er erst kurz vor vier Uhr nachmittags dran war.

Aber der Fahrer hatte Glück. Es war leer im Impfzentrum und er durfte gleich reingehen.

Vorn am Eingang, da musste er seinen Ausweis zeigen, damit alle wussten, dass es sein Impfausweis war.

Den Personalausweis hat der Fahrer in die ehemalige Hülle vom kleineren iPhone gesteckt.

Da bist du vorn drauf zu sehen, Krümel.

Die Frau, ein Feldwebel der Bundeswehr. musste lächeln.
Da hat dein Fahrer natürlich gleich sein größeres Handy gezeigt, vielmehr die Hülle, wo ihr beide drauf zu sehen seid.

Der Fahrer und du, ihr beide sitzt oben auf seinen Schultern. Das war auf Kap Arkona.

Erinnerst du dich daran? Wahrscheinlich nicht. Aber dafür erzähle ich dir das ja jetzt, damit du es später mal nachlesen kannst.
Die Ärztin war freundlich zu deinem Fahrer.

„Die war richtig nett und gesprächig“, hat er mir hinterher erzählt.
Und während sie sich unterhielten, da hatte sie ihn auch schon das zweite Mal gespritzt.

Hinterher musste er noch eine Viertelstunde warten.
Er hat nach oben geschaut, an die Decke.

Das ist ja eine Sporthalle, Krümel, die jetzt nur zeitweise als Impfzentrum dient.

„Mal sehen, ob der Fußball dort oben noch festklemmt“, hat er zu sich selbst gesagt.

Und du glaubst es nicht, Krümel, der Ball war dort oben immer noch eingequetscht.

Wahrscheinlich wird der dort wohl noch eine Weile so bleiben.
Jedenfalls hat sich der Fahrer über das ‚Wiedersehen‘ mit diesem Ball gefreut.

„Na, gar nicht zur Fußball-Europameisterschaft mitgefahren?“, hat er gefragt, während er nach oben schaute.

Hinter deinem Opa saß eine ältere Frau, die mit dem Kopf schüttelte und sagte: „Ja, so fing es bei meinem Mann auch an.“

Aber dein Opa war schon wieder mit den Gedanken ganz woanders.
Er las sich durch, wie man in seinem Handy verfolgen konnte, dass er bereits zweimal geimpft worden war.

Na, es dauert nicht mehr lange, dann kannst du das alles deinem Opa erklären und mir auch Krümel, denn ich bin ja dann ebenfalls schon älter geworden.

Aber jetzt mach’s erst einmal gut, lieber Krümel. Ich weiß, du warst am Wochenende auf einem Erdbeerhof und bist in genauso einem Jeep gefahren, wie ich einer bin. Der war nur kleiner, für Kinder eben, und elektrisch fuhr er ebenfalls schon. Naja, das kommt bei mir noch alles.

So, jetzt mache ich erst einmal eine Pause. Aber sei nicht traurig, denn bald fahren wir ja in den Urlaub an die Ostsee. Und da erleben wir alles gemeinsam, ja.

Also, ich freu‘ mich drauf.
Dein Jeepy

 

SCHWESTER ULRIKE MACHT SICH GEDANKEN ÜBER PFLEGER OLAF

ANNA-2021.07.01

Was bisher war
Saskia Pesic freute sich, dass ihr Kollege aus dem Urlaub zurückgekehrt war.
Sie war ein wenig verliebt in ihn, obwohl er verheiratet war und eine kleine Tochter hatte.
Saskia war mit ihren Eltern vor 25 Jahren nach Deutschland gekommen, aus Kroatien. Sie hatte eine Ausbildung zur examinierten Krankenschwester absolviert und sich später zur Altenpflegerin fortgebildet. Sie bot Olaf an, ihm beim Ausräumen des Zimmers von Frieda Möller zu helfen, die verstorben war. Schwester Ulrike bat Olaf zu einem Gespräch.

Olaf hatte zwar bereitwillig zugestimmt, als Schwester Ulrike ihn fragte, ob er mal kurz Zeit für ein Gespräch hätte, aber begeistert war er nicht.

Die anderen Arbeiten blieben ja liegen.
Gott sei Dank hatte Saskia ihre Unterstützung angeboten.

„Olaf, du wirkst so ein bisschen neben dir. Hast du dich nicht gut erholen können, in deinem Urlaub?“

„Doch, doch, das passt schon.“

Was hätte er auch sagen sollen, dass er sich viel mit seiner Frau gestritten hatte, weil Olaf sich nicht mehr im Haushalt engagierte und mithalf, dass seine Frau besser die abwechselnden Schichten bewältigen konnte?

Dass sich diese Diskussionen mit in den Urlaub hineinbewegten und dass sie nirgendwo hingefahren waren, weil Corona das verhindert hatte.

Oder sollte er sagen, er wäre am liebsten wieder früher zur Arbeit gefahren?

„Olaf, bis du noch hier?“, fragte ihn Schwester Ulrike.

„Ja, klar!“ Olaf schaute sie nun konzentriert an.

„Wir sind alle traurig, dass Frieda Möller nicht mehr da ist, ich meine, dass sie kürzlich verstorben ist.

Ich verstehe dich auch, dass du damit ein besonderes Problem in deiner Trauerbewältigung hast, denn du warst stets ihr erster Ansprechpartner hier.“

Ulrike schaute ihn ernst an.

„Aber, was nicht geht, das ist, dass du die Arbeiten deshalb verzögerst. Olaf, wir sind ein Unternehmen, dass mit der Pflege und Betreuung sein Geld verdient.

Wir können es uns nicht leisten, dass wir das Zimmer für ein paar Monate leer stehen lassen. Dafür gibt es auch zu viele Bewerber darauf.“

„Klar verstehe“, sagte Olaf und man sah ihm an, dass er es gar nicht verstand.

Weniger vom Verstehen, sondern eher vom Gefühl her.

„Gut, dann hätten wir das geklärt.“
Olaf war schon aufgestanden, als Schwester Ulrike eine Frage hinterherschob.

„Sag‘ mal Olaf, läuft da was zwischen dir und Saskia?“
Schwester Ulrike war es peinlich, so direkt zu fragen.

Sie wusste auch nicht, ob ihr das überhaupt zustand. Aber sie wollte klare Verhältnisse in ihrem Haus.

Sie hatte nichts gegen die Liebe und schon gar nicht gegen Freundschaften.

Doch sie wusste, von Olafs Frau, dass es nicht so gut lief mit den beiden.

Beritt, Olafs Frau, und Ulrike kannten sich von der Schwesternschule her, die sie in Stralsund gemeinsam besucht hatten.

„Wie kommst du darauf?“, fragte Olaf verdutzt.

„Naja, ich sehe ja, wie du Saskia anschaust und wie Saskia dir wiederum den Kopf verdreht. Sie ist ja auch ein hübsches Ding.“

„Nein, um Gottes Willen, ich bin doch verheiratet“, antwortete er hastig.

„Ich weiß!“, sagte Ulrike, stand auf und brachte Olaf zur Tür.
Olaf ging schweigend und mit hochrotem Kopf auf den Flur hinaus.

Ausgerechnet in dem Augenblick rannte er Saskia fast in die Arme.

„So, schau mal, wie ich das Zimmer von Frieda Möller ausgeräumt habe“, sagte Saskia fröhlich.

„Ich hab‘ keine Zeit!“

„Keine Zeit? Das ist eigentlich dein Job.“

Olaf hörte nicht, er ging schnurstracks nach draußen und musste erst einmal für sich allein sein.

In der nächsten Folge: 
Olaf geht Saskia aus dem Weg, er versucht es jedenfalls.
Schwester Ulrike erinnert sich an ihre Zeit in der Schwesternschule zurück und überlegt, ob sie ihrer Freundin Beritt, Olafs Frau, etwas von Saskia erzählt.

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