Archiv der Kategorie: INTERVIEW

Gespräche mit Menschen in der Pflege

Interview mit Dirk Gaszikowski

Dirk Gaszikowski hat die Pflegedienstleitung im Unternehmen ITS – Home inne.

Herr Gaszikowski, wie war Ihr beruflicher Werdegang, bevor Sie im Unternehmen ITS-Home angefangen haben?
Ich bin 1970 in Berlin-Buch geboren worden.
Dort bin ich auch in die Schule gegangen – in die 26. Oberschule.

Wann haben Sie die beendet?
1987.

Was haben Sie danach gemacht?
Zunächst habe ich einen klassischen Handwerkerberuf erlernt – den des Heizungsmonteurs. Aber eigentlich wollte ich schon immer etwas machen, was mit Pflege zu tun hatte.

Woher rührt dieser Wunsch?
Nun, meine Mutter war 35 Jahre lang Krankenschwester im Krankenhaus in Buch. Die medizinische Einrichtung bestand damals ja schon aus mehreren Häusern. Auf jeden Fall habe ich auf dem Klinikgelände gewohnt.  Meine Kindheit habe ich zum Teil unter anderem im Schwesternzimmer verbracht, oder ich habe neben dem Pförtner gesessen und gespielt. Daher kam meine enge Verbindung zu allem, was mit der Pflege zu tun hatte. Aber damals war es noch so, dass der Beruf des Pflegers ohnehin nur in stationären Einrichtungen vorkam und zudem vorwiegend von Frauen ausgeübt wurde.

Und wie ging es weiter?
Ich habe immer wieder probiert, die Seiten zu wechseln, in den medizinischen Bereich zu gelangen. Dann gab es die Möglichkeit, im internen Krankentransport der Klinik anzufangen.

Das heißt, Sie waren auf dem Krankenhausgelände tätig und haben zwischen den einzelnen Häusern die Patienten transportiert?
Ja, so kann man das sagen. Später, im Jahr 2000, habe ich dann noch eine Ausbildung zum Rettungssanitäter gemacht.

Warum?
Das war nötig, um auf dem freien Markt ebenfalls im Krankentransport arbeiten zu können.

Wie lange haben Sie in diesem Bereich gearbeitet?
Von 2000 bis 2004.

Und danach?
2004 habe ich eine Ausbildung zum Altenpfleger begonnen und diese 2007 abgeschlossen. Das war insofern eine gute Zeit, als nach dem Jahr 2003 die Ausbildung bundeseinheitlich geregelt wurde.
Bereits bei der Ausbildung merkte ich aber, dass ich stärker in den stationären Bereich wollte.

Haben Sie das erreicht?
Zunächst war ich in kleineren ambulanten Hauskrankenpflegen tätig. Ich habe mich in die Themen der Wundbehandlung eingearbeitet und bekam auch Einsicht in die onkologische Ausrichtung der Pflege.  Ich hatte eigene Touren und gewann viel Erfahrungen durch die praktische Arbeit. Ich bin in der Zeit sehr viel gefahren – Hunderte von Kilometern.  Das war natürlich auch sehr anstrengend. Also habe ich überlegt, wie ich wieder stärker in den stationären Bereich der Pflege gelange.

Und, ist Ihnen das gelungen?
Ja. Ich lernte eine große Gesellschaft kennen, in der es um außerklinische Intensiv- und Beatmungspflege ging.
Davon fühlte ich mich angesprochen. Dabei ging es am Anfang gar nicht mal um die Beatmungspflege.

Sondern?
Ich betreute eine junge Frau. Das war natürlich für mich sehr anstrengend, hat aber auch viel Spaß gemacht.
Ich habe sogar selbst gekocht, wenn es die Zeit zuließ. In dieser Zeit habe ich mich sehr intensiv mit der Beatmungspflege beschäftigt.
Ich habe die Anleitungen für die Geräte studiert, mich um die technischen Details gekümmert, wollte alles sehr genau wissen, was zu einer guten Versorgung dazugehört.

Warum sind Sie nicht bei diesem Unternehmen geblieben?
Zum einen fielen sehr viele Überstunden an. Und zum anderen war die Bezahlung nicht so gut, gemessen an dem, was in der Zeit zu leisten war.

Wo sind Sie also hingegangen?
Ich habe mich in Strausberg in einem Beatmungscenter beworben. Das wurde gerade aufgebaut.

Wie lange waren Sie dort?
Zwei Jahre. Ich habe dort sehr viel lernen können. Schließlich wurde mir auch die Fachbereichsleitung übertragen.
Doch die Arbeit hat mich faktisch „ausgelaugt“; ich war verbrannt.

Warum?
Wir fuhren ein Drei-Schichtsystem. Das war hart – physisch und psychisch. Nur mal zur Illustrierung: Nach zwei Jahren war ich der einzige, der noch da war von jenen Mitarbeitern, mit denen ich dort angefangen hatte.

Wie ging es weiter?
Ich habe schließlich noch einmal die Arbeitsstelle gewechselt, war dann in einem Unternehmen, in dem es einen 12-Stunden-Dienst gab. Dadurch hatte ich natürlich auch mehr freie Zeit, gefühlt 15 bis 16 Tage im Monat. Ich konnte mir dort weiteres Know-how aneignen.

Wie haben Sie eigentlich Herrn Böhlendorf kennengelernt?
Ich war neben meiner Tätigkeit im Unternehmen zusätzlich als Pfleger tätig. Herr Böhlendorf war in der Zeit mein Patient. Er war mit mir sehr zufrieden, und das hieß etwas bei seinem Anspruch an Pflege- und Betreuungsqualität. Wir verstanden uns außerdem menschlich sehr gut und so machte er mir schließlich ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte.

Nämlich?
Ich sollte für ihn ganz arbeiten – also nicht nur für ihn, sondern als Angestellter in seinem Unternehmen ITS-Home.
Das Gehalt entsprach zusammengenommen dem, was ich im vorhergehenden Unternehmen und für meine nebenberufliche Tätigkeit erhalten hatte.

Wann haben Sie bei ITS-Home angefangen?
Am 16. Juni 2013. Und drei Jahre später, auf den Tag genau wieder am 16. Juni 2016, übernahm ich die Pflegedienstleitung bei ITS-Home.

Wie haben Sie die drei Jahre erlebt – von 2013 bis dahin, dass Sie Pflegedienstleitung wurden?
Es war eine sehr lehrreiche Zeit. Ich konnte alle Grenzen ausloten, mich ausprobieren und ich erfuhr, welche Anforderungen an die Mitarbeiter gestellt wurden, wenn es um die Maximierung der Versorgungs- und Betreuungsleistungen ging.
In der Zeit habe ich auch die Weiterbildung zur leitenden Führungskraft im Gesundheits- und Sozialwesen (PDL) absolviert.

Wie halten Sie es mit der Teamleitung, wie führen Sie?
Für mich ist es wichtig, dass die Teams und einzelnen Mitarbeiter vor Ort eigenverantwortlich agieren,
eigene Freiräume nutzen können in der individuellen Betreuung der Patienten. Natürlich gibt es eine Reihe von strukturellen und organisatorischen Vorgaben – Teambesprechungen, Auswertungen, Arbeitsplanungen, Maßnahmen im Qualitätsmanagement.
Ohne sie kann eine Firma gerade in solch einem sensiblen Bereich, wie dem der außerklinischen Intensiv- und Beatmungspflege ja gar nicht ihre Aufgaben erfüllen.
Ich möchte nur die Eigeninitiative der Mitarbeiter fördern, sie mehr unterstützen und letztlich auch dadurch motivieren.

Sehen das Ihre Mitarbeiter ebenso?
Schauen Sie sich doch nur einmal an, wie lange unsere Mitarbeiter bei uns sind. 90% derer, die bei Gründung der Firma hier arbeiteten, sind noch da, faktisch also der Grundstamm.
Und wenn Sie dann die Bewegungen auf dem Pflegemarkt sehen, die Fluktuationsraten bei den Mitarbeitern, dann spricht das für sich.

Absolut.
Herr Gaszikowski, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Zur Homepage: http://www.its-home.net

Kontakt:
Dirk Gaszikowski
ITS-Home
Hauptstraße 48
15366 Neuenhagen
Telefon: 03342-6992994
Fax: 03342-699299-9
dirk.gaszikowski@ITS-Home.net

© Dr. Uwe Müller

Interview mit Dirk Böhlendorf

Dirk Böhlendorf ist der Geschäftsführer und Inhaber des Fachpflegedienstes ITS Home. 

Herr Böhlendorf, können Sie ein paar Abschnitte Ihrer beruflichen Entwicklung schildern, bevor Sie Ihren eigenen Pflegedienst gegründet haben?
Ich habe 1988 mein Abitur in Birkenwerder gemacht. Danach habe ich Betriebswirtschaft studiert.

Wie lange?
Von 1988 bis 1992. Das war übrigens ein Fernstudium an der Fachschule für Betriebswirtschaft Rodewig, in der Außenstelle Berlin.

Wo haben Sie in dieser Zeit gearbeitet?
In einer kommunalen Wohnungsverwaltung im EDV-Bereich.
Später war ich dann für 6 Jahre Softwareentwwickler in einer Unternehmensberatung.

Warum haben Sie dort aufgehört?
Die Projekte wurden immer größer und ich musste viel unterwegs sein. Das wollte ich nicht mehr.

Herr Böhlendorf, Sie sitzen vor mir in einem Rollstuhl, sind in Ihrer Bewegung mit den Händen eingeschränkt. Darf ich Sie fragen, wie es dazu gekommen ist?
Ich leide seit meiner Kindheit an einer Muskelerkrankung und war deshalb schon früh an den Rollstuhl gefesselt. Das war übrigens die entscheidende Inspiration dafür, einen eigenen Pflegedienst zu gründen.

Können Sie das näher erläutern?
Nun, ich war gezwungen, mir über meine eigene Vorsorge in den kommenden Jahren Gedanken zu machen.
Außerdem: Es kamen Leute auf mich zu, die fragten, ob ich nicht auch für sie die Vorsorge organisieren könnte.
Ich dachte darüber nach und kam zu dem Schluss, dass der Aufwand, also die Quantität, in so einem Fall natürlich zunehmen,
jedoch die Ansprüche an die Qualität gleichbleiben würden.
Und deswegen hatten mich die Menschen ja eigentlich auch angesprochen – nämlich auf höchstem Niveau versorgt zu werden.

Herr Böhlendorf, kann man das als Initialgedanken dafür verstehen, dass Sie Ihren eigenen Pflegedienst gründeten?
Ja, definitiv. Die Besonderheit gegenüber anderen Pflegediensten bestand darin, dass ich selbst versorgt und betreut werden musste.
Ich hatte sozusagen die Innenansicht davon, wie Pflege und Betreuung ankommt.

Wann haben Sie den Pflegedienst ITS-Home gegründet?
Das war vor 5 Jahren, 2012.

Wenn Sie zurückdenken, was ist Ihnen besonders schwer gefallen, als Sie ITS-Home gründeten?
Eigentlich alles.
Wie gesagt, ich hatte ja die andere Perspektive.
Ich wollte ein Maximum an Lebensqualität.
Die Angebote dazu haben nicht meinen Vorstellungen entsprochen.
Es war nicht das Standardgeschäftsmodell, was mir vorschwebte.

Sondern?
Wir wollten möglichst viele Leistungen für unsere Kunden erbringen. Das sind aber eben auch hohe Kosten, die dadurch entstehen. Diesen Mehraufwand bezahlen natürlich die Leistungsträger nicht. Und: Die Anforderungen an die Mitarbeiter sind deutlich höher.

Welche meinen Sie?
Die Anforderungen an die Integrität, die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und natürlich die fachlichen Anforderungen, die sind sehr hoch.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?
Ich will das noch deutlicher sagen: Wir stellen fachlich hohe Anforderungen. Zugleich muss der Mitarbeiter aber auch Verantwortung übernehmen wollen.
Im Krankenhaus haben Sie bei schwierigen Situationen immer jemanden, den Sie fragen können.
Bei uns hingegen treten Situationen ein, in denen schnell gehandelt werden muss und der Mitarbeiter ist zudem auf sich allein gestellt.
Dann brauchen wir Menschen mit Sachverstand, Herz und einem ausgeprägten Willen zum Handeln – immer zum Wohle des Patienten.
Oder: Nehmen Sie die Tatsache, dass der Patient mal in den Urlaub fahren will, vielleicht für 2-3 Tage.
Dafür ist ein enormer Aufwand nötig – logistisch, personell. Die Mitarbeiter, die den Patienten ansonsten im Alltag versorgen – die müssen ja auch mit. Das ist für sie nicht nur ein physischer Aufwand, psychisch ist das ebenfalls nicht einfach.
In der Familie des Mitarbeiters ist vielleicht ein kleines Kind. Sie können in dieser Zeit zum Beispiel abends nicht nach Hause,
sich um ihre eigene Familie kümmern, sich mit dem Kind beschäftigen. Grundsätzlich muss man für alles gerüstet sein.
Das schüttelt man nicht „aus dem Ärmel“.

Ist das denn nötig, eine solche Reise zu unternehmen?
Sehen Sie, das ist es, was wir meinen, wenn wir von maximaler Lebensqualität sprechen. Da gehört das eben mit dazu.
Ein weiteres Beispiel dafür, wie wir uns um hohe Lebensqualität für unsere Patienten bemühen:
Im Ludwigspark betreuen wir in einer Wohngemeinschaft sechs Bewohner.
Wir kaufen dort persönlich ein, kochen täglich frisch.
Wir wollten nicht auf das Essen auf Rädern zurückgreifen – wir wollten es geschmacklich noch individueller, frischer, einfach hochwertiger. Das bedeutete aber zusätzlich mehr Betreuungskräfte zu beschäftigen.

Was haben Sie in dem Fall konkret unternommen?
Wir haben zusätzlich eine Wirtschaftskraft eingestellt – für 6 Stunden am Tag.  Das sind aber Kosten, die wir oft nicht gegenfinanziert bekommen, zumindest nicht zu 100 Prozent.
Also bezahlen wir das sozusagen aus der „eigenen Tasche“.

Wie würden Sie die Zusammenarbeit im Team beschreiben?
Wir ergänzen uns gut. In der Wohngemeinschaft finden wir zum Beispiel unterschiedliche Mentalitäten und Charaktere unter den Bewohnern vor.  Und für jeden dieser Bewohner haben wir den richtigen Ansprechpartner von unserer Seite aus. Wir nehmen uns viel Zeit, um über die Bedürfnisse, Fragen, auftretenden Problem der Bewohner zu sprechen, tauschen uns untereinander intensiv darüber aus.

Was passiert eigentlich mit den Bewohnern, deren Gesundheitszustand sich verbessert hat?
Grundsätzlich ist das ein Ausdruck dafür, dass wir im Team aller an der Betreuung und Versorgung Beteiligten eine gute Arbeit für den Patienten geleistet haben. Es gibt dennoch dabei eine Kehrseite.

Was meinen Sie damit?
In dem Moment, indem sich der Gesundheitszustand des Patienten verbessert hat, enden bestimmte Leistungen.
Sie werden dann nicht mehr von der Pflegekasse bezahlt.
Das sind die Grenzen für unsere Philosophie, nämlich für die Maximierung der Lebensqualität zu sorgen.
In der Wohngemeinschaft haben wir ein ungeheuer hohes Maß an Versorgung und Betreuung. Im Schnitt kümmert sich ein Mitarbeiter um drei Patienten. In der häuslichen Betreuung ist das Verhältnis sogar 1:1.
Verbessert sich nun der Zustand, dann geht die 24-Stunden Versorgung auf die dann vom Standard infrage kommenden Leistungen der Pflegeversicherung über.
Hier arbeiten wir an einer Modellvariante, die so etwas auffängt und entsprechend weiterführt. Das steckt jedoch noch in den Anfängen der Konzeption und wir müssen ja auch die entsprechenden Leistungsträger dafür gewinnen und überzeugen.

Wo sehen Sie außerdem Entwicklungspotenzial für die Zukunft?
Wir wollen die Wege zu unseren Patienten optimieren. Das heißt, wir konzentrieren uns auf Berlin, da wo unsere Kunden sind – in der Mehrzahl in Berlin – Buch.
Des Weiteren: Ich glaube, wir können künftig mehr im Bereich der Assistenzpflege tun – also für noch mehr Entlastung bei den Angehörigen sorgen. Das bedeutet, mehr Pflegefachkräfte und Pflegehelfer einzusetzen, stets abgestimmt auf die individuellen Bedürfnisse der Kunden.

Herr Böhlendorf, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Zur Homepage: http://www.its-home.net

© Dr. Uwe Müller

Kontakt:
ITS Home
Dirk Böhlendorf
Geschäftsführer & Inhaber
ITS-Home
Hauptstraße 48
15366 Neuenhagen
Telefon: 03342-699299-0
Fax: 03342-699299-9
Dirk.Boehlendorf@ITS-Home.net

Interview mit Viola Lehmann

Viola Lehmann ist die Inhaberin der Seniorenbetreuung in Potsdam.

Frau Lehmann, wie verlief Ihr beruflicher Werdegang vor der Gründung der Seniorenwohngemeinschaft?
Ich war chemisch- technische Assistentin im Ernährungsinstitut in Potsdam – Rehbrücke. Nach der Wende musste ich mich – wie viele in Ostdeutschland- umorientieren. Ich bin in ein Seniorenheim nach Lietzensee als Pflegehelferin gegangen. Das war 1991. Dort habe ich bis 1999 gearbeitet.  In dieser Zeit habe ich auch eine Altenpflegeausbildung absolviert – in Hermanns – Werder in der Hofbauerstiftung. Das gehört zu Potsdam.
Als ich examinierte Altenpflegerin war, fiel mir auf, dass die Ausbildung wenig mit dem zu tun hatte, was in der Praxis ablief.

Wie meinen Sie das?
Damals war es noch so, dass es vor allem darum ging, die Leute zu waschen, zu pflegen, ihnen Essen zu geben. Von individueller Betreuung konnte da keine Rede sein. In der Zeit lief im Verlaufe einer Weiterbildung ein Film. Es ging um eine Seniorenwohngemeinschaft. Ich vergesse das nicht: Da saßen zwei ältere Damen am Tisch. Sie waren beide dement. Die Dame bot der anderen an, ihr Kaffee einzugießen. Sie vergaß aber,  den Deckel der Kaffeekanne aufzuschrauben. Und so konnte sie auch keinen Kaffee eingießen. Also stellte sie die Kanne auf den Tisch zurück.
Normalerweise hätte jetzt die Betreuerin eingegriffen und den Deckel der Kaffeekanne aufgeschraubt. Hier war es anders.
Die ältere Dame überlegte und plötzlich griff sie erneut zur Kanne und schraubte den Deckel auf. Sie hatte also die Zeit gehabt, zu überlegen. Eine einfache Geschichte. Aber wirkungsvoll aus Sicht der Aktivierung und der Möglichkeit, den Bewohnern die Zeit zu lassen, die sie brauchen. Das hat mich sehr beeindruckt.

War das die Initialzündung dafür, als selbstständige Unternehmerin in die Pflege zu gehen?
Ich denke schon. Im Heim war es ja unmöglich, so etwas umzusetzen. Ich habe danach ziemlich schnell mein eigenes Konzept geschrieben, wie ich eine Seniorenwohngemeinschaft gründen kann.
Den meisten Banken war mein Konzept aber nicht interessant genug.  Hätte ich eine Million gewollt, ich glaube, ich hätte sie eher bekommen als die Finanzierungsbewilligung für ein kleines Projekt der Seniorenwohngemeinschaft. Ich war sogar in der Zeit zu einer Fernsehsendung eingeladen, in der der Politiker Elmar Pieroth mitdiskutierte. Es ging um Unternehmertum. Die Berliner Volksbank war ebenfalls in der Sendung mit anwesend. Der Vertreter der Bank sprach davon, wie sie selbstständige Unternehmer bei ihren Vorhaben unterstützen.  Die gleiche Bank also, die mich abgelehnt hatte, sprach hier von großzügiger Unterstützung. Das habe ich dem Vertreter auch nach der Sendung direkt gesagt.

Und hat es geholfen?
Ja. Ich bekam die Gelegenheit, mein Konzept noch einmal einzureichen und erhielt eine Zusage.

Wie ging es weiter?
Dann habe ich sofort losgelegt. Ich habe eine entsprechende Wohnung gesucht, in der vier Bewohner untergebracht werden konnten. Das war im November 2001. Es ging ja um eine24 – Stunden – Betreuung.  Ich habe mit einer Mitarbeiterin angefangen. Und zwar montags bis freitags hat meine Mitarbeiterin von 08.00 – 16.00 gearbeitet und die restliche Zeit ich. Später kam die nächste Wohngemeinschaft. Zurzeit haben wir zwei Demenzgruppen mit insgesamt 14 Bewohnern und 14 Mitarbeiter.

Was ist Ihnen am Anfang leicht gefallen und wo hatten Sie Schwierigkeiten?
Es war anfangs schwer, Kunden zu finden. In meinem Haus wohnte eine Dame, die alleine nicht mehr klar kam.  Ihre Betreuerin hatte sich entschieden, mich mit der Versorgung und Pflege zu beauftragen. Das positive Feedback aus dieser Betreuung hat sich herumgesprochen. Leicht gefallen ist mir die Pflege, die Freude daran, mit alten Menschen umzugehen. Und die Tatsache, dass ich keinen Zeitdruck mehr hatte, wirkte sich positiv auf die Qualität der Arbeit aus.

Was macht Ihrer Meinung nach ein starkes Team aus?
Die Mitarbeiter müssen sich nicht lieben und sie sollen  untereinander auch nicht heiraten. Sie müssen aber miteinander klarkommen und die Probleme möglichst gemeinsam und nicht gegeneinander klären.  Das ist ein wichtiger Punkt, der ein starkes Team ausmacht.

Wo sehen Sie Gründe für den mitunter schlechten Ruf von Pflegediensten in der Öffentlichkeit?
Es  wird meines Erachtens noch zu wenig Positives berichtet und eher das Negative hervorgehoben – medial.

Was hat sich für Sie seit der Gründung Ihrer Seniorenwohngemeinschaft geändert?
Ich war vor 15 Jahren noch blauäugiger. Im Moment drückt die bürokratischen Auflagen, die sehr aufwändige Dokumentation.

Was macht für Sie individuelle Betreuung aus?
Sich um die Menschen kümmern heißt, sich individuell für sie zu interessieren, für sie persönlich zu sorgen.
Es darf keine Uhr dahinter sein, wenn wir unsere Bewohner betreuen. Zu mir kommen heute Interessenten, denen wir empfohlen wurden.  Das passiert nur bei einer sehr persönlichen Betreuung und Pflege – da sind Bewohner und die Angehörigen sehr zufrieden.

Was sagen Sie zur Generalistik in der Pflegeausbildung?
Ich glaube, das ist der falsche Weg. Wir sollten die Ausbildung getrennt lassen.

Warum?
Weil wir sonst gar keine Mitarbeiter mehr für die Altenpflege finden.

Was ist für Sie persönlich Glück?
Wenn es meinen Mitarbeitern gut geht.

Frau Lehmann, vielen Dank für das Gespräch.

Kontakt:
Seniorenbetreuung Lehmann, Viola Lehmann
Inhaberin: Viola Lehmann
Berliner Straße 32
14467 Potsdam
Telefon: 0331 – 2702019
Mobil:    0175 – 1530138
Telefax: 0331 – 2005883
Internet: www.seniorenbetreuung-lehmann.de
E-Mail: info@seniorenbetreuung-lehmann.de

Interview mit Ljubov Amirov

Ljubov Amirov ist die Pflegedienstleitung der Tagespflege „Birkenhof“ in Dannau.

Frau Amirov können Sie mal einige wichtige berufliche Stationen in Ihrem Leben nennen?
Ich bin am 05. Januar 1995 mit meiner Mutter und meiner Schwester nach Deutschland gekommen.

Wo kommen Sie her?
Aus Dushanbe, der Hauptstadt von Tadschikistan.

Wie ging es für Sie weiter?
1996 bis 1999 habe ich eine Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin absolviert – an einer Altenpflegeschule der Arbeiterwohlfahrt in Preetz in Schleswig-Holstein.
Danach war ich neun Jahre in den verschiedensten Einrichtungen tätig, zum Beispiel im Betreuungs-und Pflegeheim „Annenhof“ in Oldenburg, Holstein.

Was haben Sie dort hauptsächlich gemacht?
Ich war als leitende Nachtkraft eingesetzt.

Und, haben Sie sich noch weiterqualifiziert?
Ja, von 2007 bis 2009 habe ich ein Fernstudium absolviert, in Berlin-Kreuzberg.

Mit welchem Ziel?
Ich wollte den Abschluß zur Pflegedienstleitung erwerben.

War das nicht anstrengend?
Ja, schon.
Es ging auch nur, weil ich als Nachtkraft tätig war und mich so tagsüber qualifizieren konnte.

Frau Amirov, haben Sie Familie?
Natürlich. Mein Sohn Max hat gerade sein Abitur gemacht und sich bei der Polizei für eine Ausbildung beworben. Und Anvar, mein Mann, arbeitet als Physiotherapeut in einem Krankenhaus.

Wo waren Sie nach Ihrer Qualifizierung zur Pflegedienstleitung?
2009 bis 2010 war ich in einem ambulanten Pflegedienst als Qualitätsmanagerin angestellt.

Und wie sind Sie auf Frau Bürger getroffen?
Sie hat mich gefragt, ob ich offen sei für neue Herausforderungen.

Waren Sie?
Im Prinzip ja. Aber ich habe mir zunächst noch eine kleine Hintertür offen gelassen, wollte sehen, wie sich das Ganze entwickelt.

Haben Sie es je bereut?
Nein, nie. Frau Bürger hatte von Anbeginn so eine herzliche Art.
Es machte mir von Anfang viel Spaß, dort zu arbeiten.
Es ging sehr sozial zu, wir haben alles zusammen angepackt.

Das war doch anfangs nicht leicht, oder?
Nein. Gut war, dass wir auf Augenhöhe miteinander kommunizieren konnten.  Doch vor einigen Jahren war es noch nicht so leicht, wie heute.

Wie meinen Sie das?
Naja, die Vorgaben fehlten – zum Beispiel wie die Pflegedokumentation für eine Tagespflege auszusehen hatte.
Das mussten wir uns mühsam erarbeiten.
Ich habe sogar ein Buch bei einem Lehrer aus der Schule in Kreuzberg bestellt,  damit wir eine konzeptionelle Linie in die Arbeit bekamen. Trotzdem, wir waren unsicher, ob wir alles richtig machen.

Also eine sehr schwierige Zeit?
Ja schon, wir mussten Angehörige und künftige Tagesgäste gewinnen, mit Ärzten reden,  Pflegediensten und anderen an der Pflege und Betreuung beteiligten Menschen und Institutionen.
Es war gut, dass mich Frau Bürger zu vielen dieser Gespräche mitnahm. So wuchs ich ja auch nach und nach da mithinein.

Frau Amirov, können Sie mal so einen typischen Tagesablauf schildern?
Also, früh werden zwei Touren gefahren. 08.00 Uhr bis 09.30 Uhr gibt es ein ausführliches Frühstück. Anschließend wird aus der Zeitung vorgelesen, zum Beispiel das Horoskop oder die Bauernregeln – alles, was die Menschen aus dieser Region interessiert. Kurz vor 10.00 Uhr machen wir zum Beispiel gymnastische Übungen im Sitzen oder es wird gekegelt.
Immer je nachdem, wie sich die Gäste fühlen.
Es gibt Aktivitäten, die mit unseren Beschäftigungstherapeuten durchgeführt werden – unter anderen Quiz, Gedächtnistraining.

Kochen Sie mittags?
Ja, jeden Tag frisch. Wir stellen den Speiseplan wöchentlich auf, je nach den individuellen Wünschen der Gäste.

Wie geht es weiter?
Nach dem Mittagessen ist Ruhezeit angesagt.
Wir haben dafür einen extra Ruheraum, in dem elektrisch zu bedienende Sessel stehen. Die Senioren können hier bequem sitzen, liegen und ruhen. Wer das nicht möchte, der bleibt mit uns im Aufenthaltsbereich. Im Sommer können sich die Gäste, die nicht schlafen wollen ja auch auf unserer sehr großzügigen Terrasse die Mittagszeit verbringen. Gegen 14.00 Uhr ist die Mittagsruhe vorbei und es gibt Kaffee und Kuchen.

Auch selbstgebacken?
Ja. Wir backen jeden Tag frisch. 14.45 Uhr fährt die 1. Tour dann wieder nach Hause. Kurz vor 16.00 Uhr fahren die Gäste der 2. Tour zurück.

Das klingt gut. Sehen die Gäste es auch so?
Ja, auf jeden Fall. Manchmal sagen einige Gäste, sie wollen nach Hause und meinen zurück in die Tagespflege.
Ein schöneres Kompliment kann es ja für uns nicht geben.

Was ist das Besondere an Ihrem Team?
Wir arbeiten hier gern zusammen. Das klappt wie von allein.

Aber doch nur, weil Sie einen gut strukturierten Tagesablauf aufgebaut haben, oder?
Ja, schon. Aber war nützt die ganze Struktur, wenn es nicht Spaß macht. Und wir arbeiten gern zusammen, machen auch so manches in der Freizeit miteinander.

Also haben Sie Ihre Berufung gefunden?
Vorher, die neun Jahre im Nachtdienst, da war ich oft sehr fertig, habe mich gefühlt wie ein „Zoombie“. Jetzt gehe ich abends nach Hause, bin zufrieden,  ja glücklich mit dem, was ich am Tag getan habe. Wir bekommen einfach die Anerkennung – von Frau Bürger, den Gästen und den Angehörigen.

Was machen Sie, wenn es mal Probleme gibt?
Dann reden wir ganz offen miteinander. Ich mag es gar nicht,  wenn hinter dem Rücken geredet wird. Ansprechen, was verändert werden soll, was stört – das ist die beste Methode.

Frau Amirov zum Abschluss: Sind Sie ein glücklicher Mensch?
Ja, der bin ich. Ich habe eine tolle Familie,  einen wunderbaren Beruf, Chefs und Mitarbeiter, die ich nicht missen möchte.

Frau Amirov, vielen Dank für das Gespräch.

 

Interview mit Barbara Wenders

Barbara Wenders ist Mitinhaberin und Pflegedienstleiterin des ambulanten Pflegedienstes EPIS in Duisburg.

Frau Wenders, Sie gehen in das zwanzigste Jahr des Bestehens Ihres Pflegedienstes. Wann wurde der Pflegedienst genau gegründet?
Am 01.10.1996. Er wird also im Oktober 20 Jahre alt.
(Anm.: Das Interview wurde im März vergangenen Jahres geführt)

Was ist Ihnen am Anfang leicht gefallen und wo hatten Sie Schwierigkeiten, hineinzuwachsen?
Am schwierigsten war es, die betriebswirtschaftlichen Abläufe zu beherrschen – mit den Steuern und Abrechnungen klarzukommen.
Überhaupt war die ganze Verwaltungssache etwas, wo ich noch recht unerfahren war.
Ich habe mich da autodidaktisch hineinbegeben müssen.
Das alles bekam für mich später einen strukturierten Hintergrund, nämlich als ich eine Ausbildung zur Pflegedienstleitung für ambulante Dienste absolvierte.
Da waren diese fachlichen Inhalte im Lehrprogramm mitenthalten.
Erschwerend kam damals hinzu, dass wir mit dem ersten Steuerberater erhebliche Probleme hatten.
Er kannte die Materie nicht. Wir haben dann zu einer anderen Steuerberatung gewechselt. Danach lief es gut und wir bekamen den kaufmännischen Part in den Griff.

Wie verlief Ihr beruflicher Werdegang vor der Gründung des Pflegedienstes?
Ich habe mit 16 Jahren die Schule verlassen, nach dem Abschluss der zehnten Klasse. Danach war ich in einem katholischen Krankenhaus in Berlin –  Friedrichshagen.
Dort begann ich ein praktisches Jahr. Das musste sein, da ich sonst keine Ausbildung an einer staatlichen Schule für Krankenschwestern hätte absolvieren können.
Nach drei Jahren habe ich die Schule abgeschlossen.
Kurz danach wurde ich schwanger. Ich ging nach Neustrelitz und habe dort in dem städtischen Krankenhaus gearbeitet. 1982 wurde meine erste Tochter geboren. Wiederum später bin ich in ein städtisches Krankenhaus nach Berlin – Mitte gegangen.
Ich hatte inzwischen zwei Kinder und konnte nicht mehr im Schichtsystem als Krankenschwester arbeiten und bin in die Verwaltung eines Betriebsgesundheitswesens gewechselt.
Zur gleichen Zeit begann ich eine Fortbildung zum Ökonomen des Gesundheits- und Sozialwesens.

Wie ging es weiter?
Im Oktober 1989 bin ich aus der damaligen DDR in die Bundesrepublik geflohen – über die grüne Grenze.
Wir sind in Duisburg gelandet. Dort lebte eine Freundin von mir.
Zunächst begann ich  in einer Sozialstation zu arbeiten.  Dort war ich anderthalb Jahre. Die Arbeit hat mich einiges gelehrt.
Aber die Bedingungen waren schlecht.

Können Sie das erklären?
Ja. Wir haben faktisch im Akkord gearbeitet – 25 Patienten, die auf einer Tour zu versorgen waren. Deshalb gab es  auch eine hohe Fluktuation. Es war immer jemand krank gemeldet. Der Stress war einfach zu groß. Und  jeder hat nur gewartet, bis ein anderer Kollege wieder da war und, um sich anschließend selbst krank zu melden. Für mich waren das keine Zustände – weder für die Patienten noch für uns als Mitarbeiter. Schließlich habe ich gekündigt.

Und dann?
Ich ging zurück ins Krankenhaus und habe knapp zwei Jahre Nachtschichten gemacht. Das war sehr hart für mich. Ich kam schwer damit klar. Deshalb wechselte ich wieder in einen ambulanten Pflegedienst. Dort lernte ich übrigens meinen zweiten Mann kennen.

Was war das ausschlaggebende Motiv, selbst einen Pflegedienst zu eröffnen?
Na ja, mein Mann und ich haben uns überlegt: Das können wir auch selbst organisieren. Also haben wir den Schritt im Oktober 1996 gewagt. Wir begannen damit Patienten zu betreuen, die künstlich ernährt werden mussten. Das waren zum Beispiel Menschen mit einer HIV- Infektion, oder Krebspatienten.
Mit der Entwicklung unseres Pflegedienstes kamen andere Bereiche hinzu. Wir haben nach und nach alle wichtigen Leistungsbereiche in der Pflege angeboten,  waren sozusagen mit der Zeit ganzheitlich im Portfolio aufgestellt.
Was hat sich geändert gegenüber 1996, wenn Sie heute die Pflege und Betreuung ansehen?
Wenn ich noch an die Sozialstation denke, wo ich vor über zwanzig Jahren begonnen habe – und jetzt unsere Art zu pflegen und zu betreuen sehe, dann weiß ich – da liegen einfach Welten dazwischen.
Wir haben einen Familienbetrieb aufgebaut. Das macht schon stolz. Unsere beiden Töchter arbeiten hier.
Und wir haben eine sehr geringe Mitarbeiterfluktuation bei uns. Ich denke, das liegt daran, dass sich in den vergangenen Jahren ein sehr gutes Team zusammengefunden hat. Mitarbeiter, die wie wir engagiert sind. Wir haben zum Beispiel eine Pflegedienstleiterin, Frau Thyssen – Fett: Sie ist echt eine Perle.
Wir haben schon manchmal scherzhaft gesagt: Wenn sie aufhört, dann machen wir unsere Einrichtung zu.Oder: Es gibt eine Mitarbeiterin, die bereits 19 Jahre mit uns zusammenarbeitet.
Andere sind ebenfalls bereits über 10 Jahre oder eben sehr lange bei uns. Das bekommen Sie doch nur hin, wenn das Klima stimmt, die Leute sich einfach wohlfühlen.
Die Firma ist heute der älteren Tochter überschrieben – Maria Spellier. Sie  hat inzwischen zusätzlich eine Ausbildung zur Qualitätsmanagerin gemacht. Die jüngere Tochter Stefanie ist Altenpflegerin und macht gegenwärtig eine Ausbildung zur Praxisanleiterin.

Wie war die Zusammenarbeit mit Ihrem Mann?
Die Zusammenarbeit war sehr gut. Er war der Praktiker. Ihn hat nie die Verwaltung interessiert, sondern nur die Pflege und Betreuung.
Ich musste mich also darum allein kümmern. Und es war nicht leicht am Anfang alles unter einen Hut zu bekommen – die Pflege, die Verwaltung, die Mitarbeiterführung und die Erziehung der Kinder.
Aber mein Mann war ein Fachexperte, ging einfach in seinem Beruf auf und hat mir auf seine Weise viel Kraft gespendet und den Rücken gestärkt. Heute ist er in Rente.

Was ist  aus Ihrer Sicht der Grund, dass es in anderen Einrichtungen und Pflegediensten nicht so klappt, der Ruf mitunter eher schlecht ist?
Wissen Sie, es gibt immer schwarze Schafe. Oft kann der einzelne Mitarbeiter dafür ja gar nichts. Wenn zum Beispiel zu einem Kunden stets andere Mitarbeiter kommen.  Oder: Die Zeiten sind stets unterschiedlich, zu denen die Pflegebedürftigen besucht werden.
Dann bekommen die Pflegebedürftigen natürlich einen schlechten Eindruck von dem Pflegedienst, der dafür zuständig ist.

Was sagen Sie dazu, die Ausbildung jetzt generalistisch zu organisieren?
Es gibt Aspekte, die dafür sprechen und Argumente dagegen.

Welche?
Dafür spricht sicherlich, die Ausbildung in Gesundheit und Pflege weiter zu vereinheitlichen, sie stärker in der Gesellschaft aufzuwerten, junge Leute für den Beruf zu gewinnen.

Und dagegen?
Weiter diskutieren sollte man: Was ist zum Beispiel, wenn ein kleiner ambulanter Pflegedienst einem Auszubildenden die Pflege und Betreuung im Alltag nahe bringen will, der jedoch zum Praktikum ins Krankenhaus geht?
Wie ausgewogen wird das zum Beispiel organisiert? Müssen wir eventuell eine junge Fachkraft später nachqualifizieren,
weil die praktischen Fähigkeiten und Fertigkeiten für die Pflege nicht ausreichen? Das ist ja auch eine wirtschaftliche Frage.
Ich denke, hier brauchen wir noch mehr Klarheit.

Was macht für Sie individuelle Pflege und Betreuung aus?
Wichtig ist für uns die Bezugspflege – jeder Kunde soll wissen, wer für ihn zuständig ist. Das schafft Vertrauen.
Individuell pflegen und betreuen heißt für uns, die wirklichen Wünsche und Bedürfnisse der Menschen zu respektieren,
also das, was er an Hilfebedarf benötigt. Es sind ja nun auch zusätzliche Beratungsbesuche bei Veränderungen der Pflegesituation möglich.  Das war früher nicht so.
Es gibt mit der Einführung der neuen Begutachtungsrichtlinien ab nächstes Jahr ganz andere Möglichkeiten, die Situation der einzelnen Pflege-  und Hilfsbedürftigen spezifisch zu erfassen.
Allein die Eingangsfragen, die hier gestellt werden führen zielgenauer dorthin, wo die wirklichen Probleme der einzelnen Menschen liegen – zum Beispiel:  Was ist das Hauptproblem der Pflegesituation? Was würden Sie sofort ändern, wenn Sie es könnten? Welche Informationen könnten helfen?
Das sind nur einige wenige Beispiele. Wir werden das alles sehr genau in den nächsten Wochen und Monaten mitverfolgen
und in unserem Bereich umsetzen – für die weitere Verbesserung der Pflegequalität für unsere Kunden.

Frau Wenders, ich danke Ihnen für das Gespräch.

© Dr. Uwe Müller

Interview mit Rita Bürger

Rita Bürger ist die Inhaberin derTagespflege „Birkenhof“ in  Dannau

Frau  Bürger, wie verlief Ihr beruflicher Werdegang vor der Gründung des Pflegedienstes?
Nach Realschule und Ausbildung war ich als Steuergehilfin tätig.
Von 1975 bis 1990 habe ich dann als Versicherungsangestellte bei der Provinzial gearbeitet.  Anschließend war ich selbstständige Versicherungskauffrau bei der Iduna, Bezirksdirektion Kiel. Das lag mir mehr.  Ich konnte hier mit Menschen kommunizieren und hatte daran viel Spaß. Der Wechsel kam 1993. Da habe ich ein Vorpraktikum in der Pflege absolviert.  In den Jahren von 1993 bis 1995 durchlief ich die Ausbildung zur staatlich anerkannten Altenpflegerin  an der Fachschule für Altenpflege des DRK in Kiel.
1995 bis 1996 habe ich ein Jahr lang Berufspraktikum gemacht – in Plön. 1996 fand an der Fachschule das Kolloquium statt für die 2. Teilprüfung Danach durfte ich selbstständig arbeiten.
1996 bis 2000 war ich in Malente in der Seniorenresidenz „Godenblick“ angestellt. Von 2000 bis 2007 habe ich im Seniorenwohnhaus „Gadendorf“ gearbeitet.
Das war eine schöne Zeit. Es ging sehr familiär zu. Wir hatten anfangs sechs Bewohner.  Später wuchs die Zahl auf 9 Bewohner.
Ich habe dort aufgehört, weil die Chemie nicht mehr stimmte – zwischen der Einrichtungsleitung, die zugleich Besitzerin war, und mir.

Wie ging es dann weiter?
Von Juli 2007 bis Ende Januar 2008 war ich in einem Seniorenzentrum in Lütjenburg.
Schließlich bin ich noch von Februar 2008 bis zum 23.04.2008 in der Pflegeeinrichtung  „Hof Barth“ in Schlesen gewesen.
Zu dieser Einrichtung gehörte auch eine Tagespflege.
Die zu Betreuenden waren fast alle feste Bewohner in dem Haus.
Ich war mit der Einrichtungsleitung, die zudem auch die Inhaber waren, nicht einverstanden – vor allem mit dem Führungsstil und der konzeptionellen Ausrichtung.

Was war die Initialzündung dafür als selbstständige Unternehmerin in der Pflege zu arbeiten?
Die Idee rührte aus den Zeiten als ich in den Heimen arbeitete.
Wir hatten dort ja kaum Zeit, mit den Bewohnern zu reden, persönlich ein Wort zu wechseln. Dann kam mir ein Zufall zu Hilfe. In Dannau stand eine Landgaststätte leer. Die Besitzer wohnten in Berlin. Die Gaststätte und eine Pension, das war die vorherige Einrichtung. Also erst einmal nicht ideal für uns. Trotzdem: Mein Mann und ich hatten gleich die Idee, dort eine Tagespflege zu installieren.  Doch zunächst mussten die Heimaufsicht und die Ersatzkassen überzeugt werden.  Bei der Besichtigung fanden wir den Charme der 70, 80 er Jahre vor.  Die Gasträume waren noch komplett möbliert, einschließlich eines Tresens.
Die Toiletten waren dunkel gefliest und es gab vieles mehr, was erneuert werden musste.  Von den Abmaßen passte es aber für 12 Tagesgäste. Die Auffahrt musste angeglichen werden, damit man mit dem Rollstuhl dort hinauffahren konnte.

Haben Sie gemietet?
Ja. Doch die Kosten des Umbaus mussten wir allein tragen.
Und es musste ja auch sofort das gesetzlich vorgeschriebene Mindestpersonal zur Verfügung stehen.
Der Anfang war schwer. Wir haben das nur geschafft, weil mein Mann in der Zeit seine Ruhestandsbezüge bekam
und er damit unseren Lebensunterhalt  finanzierten konnte.  Er war Berufssoldat und gerade in den Ruhestand gegangen.

Wie war das für Sie, vor Ärzten zu sprechen?
Ich war sehr aufgeregt am Anfang. Man konnte eine Stecknadel fallen hören.  Dann habe ich darüber gesprochen, was in der Tagespflege passiert und warum es so wichtig ist.
Außerdem: Schnuppertage, die wir durchgeführt haben und heute noch durchführen,  waren letztlich erfolgreich. Natürlich haben wir auch Pflegedienste angesprochen.  Es ist eine Vielzahl von Aktivitäten und Fleiß, Beständigkeit, die zum Ziel führen.

Und was ist Ihnen leicht gefallen?
Ich bin sehr kontaktfreudig. Aus meinen früheren Tätigkeiten war ich da natürlich trainiert.
Mir liegt die Freude am Kommunizieren in den Genen.
Ich habe viele Fachvorträge gehalten. Es lag mir, zu Themen der Demenz zu sprechen.  Und andersherum habe ich zum Beispiel die Barmer Ersatzkasse zu uns ins Haus zum öffentlichen Vortrag über die Pflegereform eingeladen, der gut angenommen wurde.
Die Summe hat den Erfolg gebracht. Heute sind 16 Gäste bei uns.
Sie werden von 12 Mitarbeitern betreut. Darunter sind zwei Beschäftigungsassistentinnen nach Paragraph 87b.
Und zwei Ehrenamtliche arbeiten mit – Singen, Basteln mit den Senioren und vieles mehr.  Sie besuchen uns an 2 Tagen in der Woche.

Was macht Ihrer Meinung nach ein starkes Team aus?
Ehrlichkeit und Mitspracherecht. Das ist wichtig.
Selbst viel miteinander unternehmen.
Wir sind zu Weihnachten nach Österreich auf den Weihnachtsmarkt gefahren oder wir gehen zusammen zum Bowlen.
Wichtig ist, dass man auch in komplizierteren Situationen zurechtkommt. Wenn Frauen zusammen sind, dann gibt es manchmal den sogenannten „Zickenkrieg“.  Ein gemischtes Team ist da gut.

Wie kommen denn männliche Mitarbeiter bei den Gästen an?
Sehr gut. Die Mischung macht es wirklich.
Wir haben zum Beispiel Rentner und Frührentner,
die sehr gern bei uns arbeiten.

Was ist Ihnen am Anfang am leichtesten gefallen und wo hatten Sie Schwierigkeiten, hineinzuwachsen?
Die größte Schwierigkeit bestand darin, Tagesgäste zu bekommen.
Sie müssen sich vorstellen, der Birkenhof befindet sich hier in einem Dorf.  Da ist man konservativ. Und man hat es am Anfang schwer, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Ich habe viel Werbung gemacht. Anfangs war das mitunter auch unnütze Werbung.
Aber es gab eben auch viele nützliche Aktivitäten.

Welche?
Wir haben Tanznachmittage für Senioren veranstaltet.
Oder: Ich habe Vorträge im Seniorenverband und in allen möglichen Vereinen gehalten. Ich habe Ärzte besucht, Flyer verteilt. Ich stellte mich auch im Kindergarten von Dannau vor.
Die Kinder besuchen uns inzwischen regelmäßig.
Da waren auch aufregende Sachen dabei.
Zum Beispiel ein Vortrag vor dem Arzt-Kreis im Bismarck-Turm in Lütjenburg.

Wo sehen Sie die Gründe für den mitunter schlechten Ruf von Pflegediensten in der Öffentlichkeit?
Ich glaube, viele werden in den Beruf gedrängt, weil sie vielleicht nichts anderes auf dem Arbeitsmarkt finden.
Mitunter kommen Langzeitarbeitslose zu den Pflegediensten,
die vom Job-Center vermittelt wurden und die keine Lust haben, überhaupt zu arbeiten.

Ist das bei allen so?
Das trifft nicht auf alle zu, bestimmt nicht.  Ganz sicher ist das nicht die Mehrheit. Aber Sie wissen, es reicht ein schlechter Eindruck, der den Ruf des Pflegedienstes ankratzt.

Was hat sich geändert gegenüber der Zeit, wo Sie angefangen haben?
Für mich ist die Tagespflege zum zweiten Zuhause geworden.
Ich bin stolz auf die Mitarbeiter, auf Ljubov Amirov, unsere Pflegedienstleiterin, ich bin stolz auf meinen Mann.
Ohne sie hätte ich das alles nicht geschafft.

Also ein positiver Wandel?
Ja, zum großen Teil schon. Heute sind wieder andere Herausforderungen. Die Ausbildung wird besser. Die Dokumentation ist aber auch umfangreicher geworden.

Was macht für Sie individuelle Pflege aus?
Auf die Person eingehen. Die Gäste beobachten – medizinisch, psychologisch. Ich weiß  zum Beispiel, wen ich in den Arm nehmen muss oder wer keine Nähe will.

Was sagen Sie zur Generalistik in der Pflegeausbildung?
Mein Sohn ist Krankenpfleger. Er ist gut darin.
Aber damit ist er ja nicht gleichzeitig gut in der Altenpflege.
Hier gehört vielmehr psychologisches Einfühlungsvermögen, die Kenntnis dessen, was einen alten Menschen bewegt dazu, welche typischen Krankheitsbilder auftreten.
Ich denke, da ist noch nicht alles in der Konzeption ausgefeilt.
Von Vorteil ist, wenn alle das gleiche Gehalt bekommen.
Da sind wir dann tatsächlich ein Stück weiter.

Was ist für Sie persönlich Glück?
Ich bin zufrieden, wenn ich gesund bin.
Das Geld kommt an zweiter Stelle.

Frau Bürger, vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch mit Frau Bürger fand im März 2016 statt.

 

Eva Hillebrecht im Interview

Eva Hillebrecht, Inhaberin des Pflegedienstes

Danz Consult in Kassel

Das Interview wurde am 24.02.2016 geführt

Frau Hillebrecht, Sie haben über zweieinhalb Jahrzehnte im medizinischen Dienst gearbeitet, bevor Sie in die Pflege gewechselt sind.
Welche Erfahrungen aus diesem Bereich haben Ihnen später in der Pflege besonders genutzt?
Ich habe im Laufe der Jahre auf verschiedenen Stationen gearbeitet – Allgemeinchirurgie, Unfallchirurgie, HNO, Augen, Urologie und Orthopädie. Meine Erfahrung war, dass der Patient nicht wirklich im Mittelpunkt des Interesses stand. Das klingt hart, war aber so.

Können Sie das mal näher erläutern?
Ja. Ich erinnere mich an einen Fall, da ging es um einen Patienten, der Krebs hatte. Er wollte sehr gern nach Hause, um die letzte Zeit im Kreise seiner Lieben zu verbringen. Da es sich um ein urologisches Leiden handelte, musste täglich gespült werden. Angeblich ging das nur im Krankenhaus auf der Station. Doch ich erkundigte mich und fand heraus, dass es einen 5- Liter Beutel für diese Zwecke gab. Die Spülung für den Patienten hätte also auch von Zuhause aus bewerkstelligt werden können. Als ich dies dem Chefarzt vortrug, fuhr dieser mir über den Mund: „Sie verstehen als Schwester davon nichts!“ Hier sprachen „Götter in Weiß“ und ich hatte keine Chance, dagegen anzugehen. Es ging ja gar nicht um mich: Auf der Strecke blieb der sehnlichste Wunsch des Patienten, nämlich die ihm verbleibende Zeit im häuslichen Umfeld zu verleben.
Und ein weiteres Beispiel:“ Ein betagter Patient, um die 90 Jahre, sollte operiert werden. Das bedeutete aber eine relativ intensive Nachbehandlung, die eine Selbstbeobachtung durch den Patienten einschloss.
Bei einem Menschen in diesem Alter war das insgesamt aus meiner Sicht ein sehr riskantes Unterfangen.  Also ging ich zum Chefarzt und machte ihn auf mögliche Komplikationen aufmerksam. Das alles brachte nichts. Denn: In der Operation sollte eine neue OP- Technik zum Einsatz kommen. Eine Methode, die sich in der Praxis bewähren sollte. Das ist soweit in Ordnung. Nur: Ich hätte mir gewünscht, dass die individuelle Situation des Patienten mehr ins Kalkül gezogen worden wäre.

Sie haben in einer Übergangszeit sowohl im Krankenhaus gearbeitet und ebenfalls in einem ambulanten Pflegedienst, ist das richtig?
Ja, 1989 gab es eine Zeit, wo wir ein Haus zu finanzieren hatten. Da brauchte ich das Geld. Also machte ich eine Frühschicht im Krankenhaus und eine Spätschicht in einem ambulanten Pflegedienst.

War das überhaupt zu schaffen für Sie?
Ja, das war es. Aber es war auch sehr anstrengend.

Sie hatten doch in dieser Zeit einen direkten Vergleich, oder?
Auf jeden Fall. Das hat auch meinen Entschluss gefördert, ganz in die Pflege zu gehen. Ich konnte mich im unmittelbaren Vergleich davon überzeugen: Im Pflegedienst stand der Patient, der zu Pflegende viel stärker im Fokus des täglichen Handelns.

Wie beurteilen Sie die Tatsache, dass die Ausbildung zum Altenpfleger und Krankenpfleger generalistisch erfolgen soll?
Ich finde das gut. Ich glaube, die Spezialisierung wird ohnehin in den späteren Jahren eine immer währende Herausforderung sein.
Da wird wohl keiner in seinem Berufsleben drum herum kommen. Doch zunächst sollten die gleichen Grundlagen gelehrt werden.

Gibt es irgendwas, was mehr beachtet werden sollte in der Ausbildung?
Ich denke, die ethische Bildung sollte einen noch viel größeren Stellenwert einnehmen. Zu sehen, was ein Pflegebedürftiger für Wünsche und Bedürfnisse hat, das kann man nur, wenn man nicht wegschaut oder weghört. Im Gegenteil: Sich in den anderen Menschen hineinversetzen, emphatisch sein – ich glaube, das muss in die Ausbildung miteinfließen.

Wie entspannen Sie?
Ich habe meinen Hund. Das ist ein Golden Retriever. Eine Hündin und ihr Name ist Nila.  Nila lenkt mich ab auf meinen Spaziergängen und macht mir auch so sehr viel Freude. Des Weiteren: Ich fahre gern in Wellness – Urlaube und entspanne mich. Ich möchte in einen längeren Urlaub fahren, eine Fernreise machen. Ich glaube, das ist auch mal wieder wichtig. Übrigens: Ich komme aus dem Roten Kreuz, war dort Krankenschwester. Meine damalige Oberin hat etwas gesagt, womit sie meine Frage nach einer Lohnerhöhung zu unterdrücken versuchte: „Der Lohn meiner Arbeit ist, dass ich arbeiten darf!“ Inzwischen sehe ich diesen Satz als etwas sehr Positives an:  Mein größtes Glück ist es tatsächlich,  für andere Menschen zu arbeiten und ihnen zu helfen. Das steht für mich im Vordergrund. Ich glaube, dass ich damit sicher einer aussterbenden Spezies angehöre.

Danz-Consult – da ist das Wort Beratung enthalten.  Worauf kommt es Ihnen in der Beratung an?
Die Patienten und die Angehörigen möchten viel Hintergrundwissen. Also, wie das alles zu finanzieren ist, was Sie im Detail für Leistungen bekommen.  Das liegt mir sehr am Herzen, nämlich das Optimale für den Einzelnen zu konzipieren.

Und läuft das stets problemlos?
Natürlich nicht. Gerade wenn es um die Finanzen geht.
Manchmal höre ich den versteckten Vorwurf: „Sie planen mit unserem Erbe.“

Und was sagen Sie dazu?
Naja, die Leistungsinhalte sind ja im Sozialgesetzbuch genau beschrieben. Und wenn jemand privat darüber hinaus noch Betreuung möchte, ja dann sind das eben Privatleistungen. Und die müssen auch bezahlt werden. Ich muss ja meine Mitarbeiter ebenfalls dafür entlohnen. Doch sind das  Ausnahmen.
Da hilft das offene und ehrliche Gespräch. Und danach kann man ein Paket schnüren, mit dem dann alle leben können.
Außerdem: Inzwischen gibt es ja mit dem Pflegestärkungsgesetz I seit Januar 2015 die Möglichkeit,  weitere  Betreuungs- und Entlastungsleistungen anzubieten, die über die Pflegekasse abgerechnet werden können.

Alles redet über individuelle Pflege. Woran machen Sie das fest?
Das ist das Schwerste, hier die richtigen Antworten zu finden. Im neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff ist ja einiges dazugesagt.
Für mich ragt ein Grundsatz heraus: Die Kunden haben ein Recht darauf, so zu sein wie sie sind.
Das ist ein gutes Schlußwort. Frau Hillebrecht, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Interview mit Susanne Rosenberger

Susanne Rosenberger ist die Inhaberin des Pflegedienstes S. Rosenberger und der Tagespflege am Nordbad in Castrop-Rauxel.

Frau Rosenberger, bereuen Sie den Tag, an dem Sie den Entschluss gefasst haben, in die Pflege zu gehen?
Also ich bereue das auf keinen Fall. Natürlich gibt es immer Momente, die nicht so schön sind. Aber die gibt es überall.
Ich kann mit Bestimmtheit sagen: Die Pflege, das ist mein Leben.
Das Zusammenspiel mit allen im Team macht das Besondere aus. Es ist nicht ein einzelner Baustein.
Es ist das Puzzle, was jeden Tag aufs Neue zusammengesetzt werden muss – im Team,
im Gespräch mit den Angehörigen und den Pflegebedürftigen.
Das Besondere an diesem Beruf ist: Wir gehen mit Menschen um, die unserer Hilfe bedürfen.
Und wenn ein dankbarer Blick kommt oder ein Lächeln des Pflegebedürftigen, ja dann ist das schon wahres Glück.
Wir schieben nicht nur die Papiere von links nach rechts. Das muss natürlich auch. Aber alles was wir tun,
das ist für die Menschen, die wir pflegen und betreuen. Ich bereue nichts und möchte auch nichts anderes machen.

Wo sind Sie aufgewachsen?
In Castrop Rauxel.

Welchen Bildungsweg haben Sie genommen?
Ich habe Abitur gemacht. Danach habe ich eine Ausbildung zur Krankenschwester durchlaufen. Ich war dann anschließend im Augusta Krankenhaus in Bochum tätig – auf einer Intensivstation in der Chirurgie.

Wie lange waren Sie dort?
6 Jahre.

Wie sind Sie zur Pflege gekommen?
Durch meine Oma. Sie war Altenpflegerin in einem Altenheim und führte dort nebenbei eine Schneiderstube.
Später wurde meine Oma schwerkrank. Mein Vater und ich haben sie bis zum Schluss begleitet.
Danach kam meinem Vater und mir der Gedanke, einen Pflegedienst zu gründen. Mein Vater hat dafür noch einmal umgeschult und eine Ausbildung zum Altenpfleger absolviert. 2000 war es dann soweit und wir haben den heutigen Pflegedienst eröffnet.

Was belastet Sie, wenn Sie heute an die Pflege denken?
Beflügelndes und Bedrückendes – beide Momente liegen oft dicht beieinander. Mir liegt die Palliativpflege sehr am Herzen. Das gibt es natürlich sehr traurige Momente.

Was bedrückt Sie da ganz besonders?
Während der Palliativpflege werden wir ein Teil der Familie. Und wenn Sie dann eine Mutter im Sterben begleiten, die erst 42 Jahre alt ist und Kinder hinterlässt, dann ist das sehr bitter – auch für uns als professionelle Begleiter. Aber es gibt auch viel Positives.

Was meinen Sie?
Nun, man sieht die eigenen Sorgen und Nöte in einem anderen Licht.
Sie erscheinen einem so unwichtig und klein angesichts dessen, was andere Menschen durchmachen. Und: Es ist ein ungeheurer Reichtum, Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten.
Manch einer spricht darüber, was er anders gemacht hätte.
Die überwiegende Mehrheit ist klar und ehrlich in der Betrachtung ihres zurückgelegten Lebensweges.
Der Tod lässt das Leben als das erscheinen, was es ist, nämlich ein Geschenk. Und das ist unwiederbringlich.

Vielen Dank für das Gespräch.

MEHR:

http://www.pflegedienst-rosenberger.de

 

Kontakt:
Pflegedienst S. Rosenberger
Tagespflege am Nordbad
Sünderlingstr. 53
44581 Castrop – Rauxel
Tel. 02305/5310030
Fax: 02305/5310031
E-Mail: info@pflegedienst-rosenberger.de

Interview mit Ute Grüner

Ute Grüner ist die Inhaberin des Pflegedienstes Grüner
 Das Interview wurde mit Ute Grüner im Mai vergangenen Jahres geführt. Im September 2016 ist aus dem Pflegedienst Grüner die Sozialstation Grüner GmbH geworden. Ute und Jens Grüner sind die Geschäftsführer.

Frau Grüner, wie verlief ihr beruflicher Werdegang vor der Gründung Ihres Pflegedienstes?
Von 1982 bis 1985 habe ich eine Fachschule zum Hygieneinspektor absolviert. Das entspricht in etwa dem heutigen Berufsbild des Gesundheitsüberwachers. Danach war ich als Hauswirtschafterin bei der Volkssolidarität beschäftigt. Anschließend ging es in ein Pflegeheim. Dort habe ich auch meine Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin absolviert. Daran schloss sich eine Qualifizierung zur Pflegedienstleitung an. 2001 bin ich dann in die Selbstständigkeit gewechselt.

Was war die Initialzündung dafür, als Unternehmerin in die Pflege zu gehen?
Das Motiv war: Ich wollte einen eigenen ambulanten Pflegedienst gründen.

Warum?
Weil ich im Pflegeheim gesehen habe, wie die Bewohner zum Teil an der Tür ihr Leben abgegeben haben. Trotz alledem haben wir als Mitarbeiter alles getan, damit sich die Bewohner wohlfühlen.
Ich hätte gar nicht zufrieden nach Hause gehen können, wenn ich nicht alles in meiner Kraft stehende unternommen hätte,
um die Heimbewohner gut zu pflegen und zu betreuen.

Also war das schon ein wichtiger Antrieb für Sie mit einem eigenen Pflegedienst noch mehr für die Pflege- und Hilfsbedürftigen zu tun?
Ja, uns ging es darum, pflegebedürftigen Menschen in unserer Umgebung möglichst lange zu ermöglichen, im eigenen häuslichen Umfeld zu verbleiben.  Sie sollen ihr eigenes Leben selbstbestimmt führen, solange jedenfalls, wie das geht. Das war für mich schon ein wichtiger Antrieb. Später haben wir dann noch die Tagespflege gegründet, weil es uns wichtig war, dass Menschen am Tag die Möglichkeit hatten, betreut zu werden.

Was sind das für Gäste, die zu Ihnen in die Tagespflege kommen?
Zum einen sind das Menschen, die einfach eine neue und interessante Sicht auf den Tag bekommen wollen – durch Begegnungen mit anderen Gästen und indem sie an den Aktivitäten teilhaben können. Das sind aber auch Gäste,
die unter Demenz leiden – abends sind ja in dem Fall die Angehörigen wieder da und können sich kümmern.
Sie alle zusammen fühlen sich bei uns am Tag sehr wohl
Haben Sie das alles allein geschafft? Anfangs ja. Später, genauer 2006, ist mein Mann, Jens,  mit in die Firma eingestiegen.

Als was?
Als Mitinhaber natürlich und verantwortlich für die Technik, die Verwaltung den Fuhrpark. Heute leitet er die ambulant betreute Wohngruppe.

Was ist Ihnen am Anfang leicht gefallen und wo hatten Sie Schwierigkeiten, hineinzuwachsen?
Die Akquise von Patienten ist mir leicht gefallen. Ich kannte viele im Dorf und man kannte mich.  Ich hatte auch von Anfang an ein gutes Verhältnis zu den Ärzten. In kürzester Zeit haben wir ca. 30 Patienten betreut. Schwer ist mir die gesamte Büroarbeit gefallen. Ich bin heute noch lieber beim Patienten, als die Dokumentation zu erstellen. Aber: Das ist ja wichtig. Und so habe ich mich in vieles einarbeiten müssen – das ganze Vertragswesen, die kaufmännischen Angelegenheiten, die Planung und Organisation der Pflege und Betreuung.

Haben Sie heute noch Kontakt mit Patienten?
Auf jeden Fall, wo denken Sie hin? Ich kenne alle Patienten persönlich, spreche mit ihnen, wenn es Wünsche oder Probleme gibt. Außerdem bei Dienstübergaben oder beim Erstaufnahmegespräch – da bin ich immer dabei.

Was macht Ihrer Meinung nach ein starkes Team aus?
Ein starkes Team? Im Notfall ist jeder für den anderen da – das macht meiner Meinung nach ein wirklich starkes Team aus. Und zwar ohne große Worte. Das wissen auch die Patienten und vertrauen uns nicht zuletzt deshalb.

Welche Rolle spielt für Sie die Kommunikation mit den Pflegebedürftigen?
Die Kommunikation spielt für uns eine extrem wichtige Rolle.
Man kann bei jeder Maßnahme, zum Beispiel bei der Körperpflege, Kommunikation und Aktivität miteinander verbinden.
Also: erklären, was man gerade macht, was wichtig ist bei einer mobilisierenden Tätigkeit. Und außerdem: Auf dem Dorf wird immer gesprochen. Wir sprechen viel über Ereignisse und Menschen, die für uns interessant und wichtig sind.  Das mögen die Pflegebedürftigen sehr gern. Sie nehmen ja dadurch weiter am Leben außerhalb der häuslichen Umgebung teil.
Ich denke: Mitunter ist ein Gespräch bei einer Tasse Kaffee wichtiger, als die Pflegemaßnahme selbst. Oder anders ausgedrückt: Ich habe mich nie von der Minutenpflege drücken lassen. Das geht immer auf die Qualität. Natürlich muss ich ebenfalls auf die Zeit schauen. Aber im Fokus sind für mich die Menschen, die wir pflegen und betreuen.  Und da muss man eben auch mal eine Minute hinten dranhängen. Meine Mitarbeiter wissen ebenfalls, dass ich so denke.
Ich will gern in diesem Zusammenhang an unseren Leitspruch erinnern.

Nämlich?
Helfen ist unsere Berufung!

Frau Grüner, zum Abschluss: Was ist für Sie persönlich Glück?
Glück ist für mich ein Zustand der inneren Zufriedenheit, zum Beispiel, wenn der Tag gut war. Zu meinem Glück gehört meine Familie: Mein Mann, ohne den ich das hier gar nicht schaffen würde;
meine Tochter Annett – sie ist 25 Jahre alt und studiert Journalismus.
Frau Grüner, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview erfolgte am 20/05/2016.