Archiv der Kategorie: MEIN FREUND, DER ALLTAG

Erzählungen, Essays

DIGITAL BRINGT MANCHMAL ERINNERUNGEN IN DIR HOCH

Manchmal denke ich zurück an meine Kindheit. Wie glücklich wir waren, in Schwerin. Da bin ich die ersten Jahre aufgewachsen, bevor wir nach Dresden zogen. Das war ein Kulturschock, in jeder Hinsicht.

Mir fehlte vor allem meine Oma. Oma Martha war das Herz und die Seele in unserer Kindheit. Sie heizte morgens den Ofen an, brachte Streuselschnecken vom Bäcker mit und ließ uns vor allem um den Tisch toben, bis irgendetwas umfiel. Das war schön, besonders weil mein Vater in Berlin an seiner Doktorarbeit schrieb. Das war uns völlig egal. Hauptsache, er störte uns nicht zuhause.

Als wir in Dresden waren und die ersten Nächte nicht richtig in den Schlaf kamen, weil wir – also meine Schwester, mein Bruder und ich – so traurig waren, dass Oma Martha nicht da war, da war es für uns eine schwere Zeit. Nicht das ‚Sächsische‘ machte uns zu schaffen. Nein. Na gut, das war schon grausam genug, wie die Kinder sprachen, welche Ausdrücke sie verwendeten.
‚Baahne, du Rindvieh‘, ja so herzlich wurden wir auf der Rodelbahn aufgenommen. Für uns Norddeutsche war das wohl schon immer eine Herausforderung. Aber das verkrafteten wir  irgendwie. Doch, dass Oma Martha nicht da war, ja das war schwer.

Daran musste ich gestern denken. Wir sprachen abends über Skype mit Krümel. Ich sang wieder eines meiner Lieder vor, nicht kindgerecht, sondern „Auf der Reeperbahn“. Meine Textekenntnisse sind ja schnell am Ende und so summe und brumme ich Krümel was vor. Sie lacht beim Zuhören, verliert ihren Schnuller, weil sie den Mund öffnet. Sie juchzt und schunkelt, und sie beugt sich nach vorn. Sie prüft wohl, ob sie in den Computer hineingehen kann und bei uns dann ankommt. Leider geht das nicht. Noch nicht. Wer weiß.

Aber jetzt stell dir mal vor, ich hätte schon mit Oma Martha von Dresden aus ’skypen‘ können. Genial. Wir reden über Digital und über seine Gefahren. Ja, stimmt schon. Aber Krümel in der Woche zu erleben, obwohl sie nicht bei uns ist, das ist einfach phantastisch. Du bist irgendwie glücklich.

Heute Morgen, als ich den Computer anmachte, das Bild von Krümel sah, wie sie mich anlacht, mit ihren gerade mal zwei Mausezähnchen, das macht dich munter. Oma Martha, wir erzählen viel über dich. Ich tue das. Und dann landen wir bei Klaras Oma und Opa, die ich auch sehr mochte. Meist erzählen wir am Samstagvormittag beim Frühstück darüber. Dann merkst du, dass du Glück nicht immer so aufblasen musst. Du kannst dich auch im Kleinen freuen.

Weihnachten ist auch schon wieder Geschichte

Die Fortsetzung darüber, wie ich Krümel von der Kita hole, sollte längst fertig sein. Nun ist Weihnachten schon wieder vorbei. Und der Stress, den ich beim ersten Abholen von Krümel aus der Kita hatte, der ist fast schon wieder vergessen. Ich habe die richtige Kita von Krümel gefunden. Zuerst habe ich Krümel die Sachen angezogen, die dem Nachbarkind gehörten. Gott sei Dank, ich bemerkte es rechtzeitig.

Was tun?
Die fremden Sachen wieder ausziehen und die richtigen danach an. Zwischendrin hat Krümel ein Stück Kuchen gegessen. Krümel krümelte dabei mächtig. Ich suchte einen Papierkorb, fand aber keinen. Also habe ich die Kuchenreste in meine Hosentasche gestopft und sie dort vergessen. Das fiel mir auf die Füße, im wörtlichen Sinne. Nämlich, als ich abends die Hose umgekehrt auf den Bügel hängte. Später musste ich noch den richtigen Kinderwagen finden. Habe ich auch. Aber erst einmal habe ich mir den falschen Wagen gegriffen und bin damit losgefahren. Zu meiner Ehrenrettung: Ich hatte den neuen Kinderwagen noch nicht so oft gesehen. Klara kam mir entgegen und danach sind wir noch einmal zur Kita zurück. Der Erzieherin am Eingang habe ich gesagt, dass wir nun den richtigen Kinderwagen gegen den falschen austauschen müssten. Ich glaube, die wissen jetzt, wer Krümels Opa ist.

Wie ging es weiter vor Weihnachten?
Wir waren in einer Ferienwohnung in Sassnitz. Herrlich, mit Blick auf den Hafen und die Ostsee. Krümel lief in der Wohnung fröhlich umher und ich habe ihr den Hafen gezeigt: „Hier, Krümel, du siehst auf etwas, was dich immer glücklich machen wird, nämlich der Blick auf das Wasser.“ Krümel hat ihre Wange kurz an meine gelehnt. Dann wollte sie wieder schnell runter vom Arm und um den Tisch sausen, bis sie die Fernbedienung vom Fernsehapparat entdeckte. Heiligabend sind wir zurückgefahren. Ich habe in Mukran noch kurz gehalten, bin an den Strand gelaufen, habe über das Wasser geschaut und dann ging es zurück nach Brandenburg. Die Autobahnen waren leer. Krümel schlief zuerst, dann Laura, dann Klara. Ich traute mich nicht einmal meine übliche „Pinkelpause“ zu machen.
Naja, musste eben ohne gehen.

Bescherung.
Viel zu viel Geschenke für Krümel. Am nächsten Tag fuhr sie auf dem kleinen Rad aus Holz, stieg ab, holte im Vorbeilaufen ein paar Videos aus dem Schrank, die nach unten fielen und drückte dann auf den Knopf der neuen Holzeisenbahn. Die tutete und schnaubte wie ein Zug, der im verschneiten Sibirien unterwegs war. Nebenher lief der Märchenfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Klara war in der Küche. Es duftete herrlich. Laura war bei ihr. Ich saß im Sessel und versuchte im Chaos den Überblick zu wahren. „Du kannst Mama ruhig helfen, Papa“, rief Laura. „Würd‘ ich gern. Aber ich muss Krümel im Blick behalten.“
Krümel sauste auf mich zu, wollte auf den Arm genommen werden und rutschte gleich wieder runter. Jetzt ist Weihnachten vorbei. Krümel und Laura sind wieder zuhause. Klara ist arbeiten. Ich habe meine Ruhe. Ich sitz‘ am Schreibtisch, kann was schaffen. Doch ich krieg‘ Entzugserscheinungen. Chaos ist besser.

Adelheid Aldinger – ein besonderer Mensch

Adelheid Aldinger schrieb mir vor einiger Zeit in einer persönlichen Botschaft: „Komm doch mal vorbei, wir haben am 15. Dezember unsere Weihnachtsfeier“. So erinnere ich mich jedenfalls.

In den vergangenen Jahren hatte ich immer wieder abgesagt. Ausgerechnet dieses Jahr ist an diesem Tag eine Galaveranstaltung in der Staatsoper. Gute Freunde haben mich eingeladen.
Ich konnte also wieder nicht nach Altlandsberg kommen.
Adelheid blieb trotzdem dran und lud mich gestern zum Weihnachtskaffee ein. Sie hatte den Tisch gedeckt. Es war Kaffee da, Lebkuchen und Topfkuchen.

„Wir haben uns bestimmt zwei Jahre nicht gesehen“, sage ich zu ihr.
„Vier Jahre sind das her“, korrigiert sie mich.
Ich kann es gar nicht glauben. Sollte das schon wieder so lange her sein?
Damals hatte ich einen kleinen Beitrag über den Verein geschrieben.

„Wie geht es dir?“, frage ich sie. Sie sieht gut aus, strahlt über das Gesicht und ist fröhlich.
„Ich habe eine Medaille bekommen.“

„Was für eine?“
Ich wusste schon ein wenig, weil sie es angedeutet hatte. Dann holt sie die Dokumente raus.
Auf dem Tisch liegt die Urkunde, unterzeichnet von der Präsidentin des Landtages Brandenburg, Britta Stark.
„Donnerwetter“, sage ich und staune.

Dann lese ich: „…für besondere Verdienste als Gründungsmitglied und für …herausragendes Engagement im Verein ‚Helfen hilft‘ e.V.“

Daneben liegt die Medaille des Landtages Brandenburg „…zur Anerkennung von Verdiensten für das Gemeinwesen am 20. April 2018…“
„Das ist eine hohe Auszeichnung. Die kriegst nicht mal eben so“, sage ich daraufhin zu ihr.

Sie schaut mich an: „Meint der das ehrlich?“, scheint sie sich zu fragen.
Und wie ehrlich ich es meine. Es gibt wenige, denen ich es von Herzen gönne, und die es auch kraft eigener Leistungen verdient haben.

Im Anschluss lese ich die Laudatio von der Landtagsabgeordneten Jutta Lieske. Sie ist wunderbar geschrieben, geht ans Herz. Ich lese sie laut, um meine Aufregung zu verbergen.

Es ist gut, dass es mal so eine positive Aufregung gibt.
Adelheid, die würde für sich persönlich so etwas nie erwarten.
Adelheid erzählt mir, während ich schon wieder ein zweites Stück Kuchen herunternehme, wie sie sich ärgert, weil es so langsam vorwärts geht, in einem Jobcenter.
Die meisten denken an dieser Stelle: „Klar, das regt doch jeden auf, wenn es ihn betrifft.“

Aber es betrifft nicht Adelheid Aldinger. Nein. Sie setzt sich mal gerade wieder für andere Menschen ein, dafür, dass es rechtzeitig klappt mit der Bewilligung von Geldern.

„Stell‘ dir mal vor, was wir schon alles unternommen haben.“
Ich kann mir das vorstellen. Adelheid hat die Auszeichnung schon wieder beiseitegelegt und denkt daran, was sie noch alles vor Weihnachten bewegen muss – für andere Menschen, die sie um Hilfe ansprechen.

„Was glaubst du, wie ich mich gefreut habe“, dass die bulgarische Familie sich hier so gut eingelebt hat und wir ein wenig mit Rat und Tat zur Seite stehen konnten?“

So richtig kannst du dir das nicht vorstellen. Wie viel Energie das kostet, wieviel Leidenschaft, ja sogar Kampfesmut – und alles für andere Menschen.
Ich bekomme immer mehr ein schlechtes Gewissen. Warum? Weil ich doch die meiste Zeit an mich denke. Wie ich mit dem Schreiben klar komme, was noch zu tun ist.

Ja aber, das macht ja Adelheid auch noch, das eigene Leben bewältigen. Nebenbei, denn die meiste Zeit sorgt sie sich ja um die anderen Menschen.
Adelheid hatte keine leichte Kindheit. Andere wären daran zerbrochen. Sie aber hat negative Erfahrungen in positiven Lebensmut umgemünzt.

Ich rutsche auf dem Stuhl hin – und her. Ich muss in die Kita nach Berlin. Meine Enkelin abholen. Aber ich kriege es nicht fertig aufzustehen und zu gehen, ohne zu fragen, was ich tun könnte.

„Wenn du mal eine Lesung machst mit deinen kleinen Geschichten, die du schreibst, ja das wäre schön.“
„Meinst du wirklich, dass das jemand interessiert?“, versuche ich mich schon wieder herauszudrehen.

„Ja, wir könnten das im März nächsten Jahres machen, zum Frauentag zum Beispiel.“
Ich sage zu. Selbst wenn es nicht so humorvoll wird, wie es sich vielleicht Adelheid Aldinger erhofft, ich tue auf jeden Fall was für die Gemeinschaft.
Ich habe schon viele Menschen kennengelernt. Menschen. Das bleibt ja nicht aus. Besonders dann nicht, wenn du für sie wirklich interessierst.
Adelheid Aldinger gehört zu denen, die ich wirklich schätze.

Deshalb möchte ich dir an dieser Stelle sagen, liebe Adelheid:
„Danke für die Einladung gestern, deine herzliche Gastfreundschaft, dein Vertrauen. Und: dafür, dass ich sagen darf, dass du zu meinem Freundeskreis zählst!“
„Helfen hilft“ – der Name eines Vereins. Ein kleiner Verein. Groß und großartig in dem, was er tut. Ich habe nicht oft einen Hut auf. Trotzdem ziehe ich ihn jetzt, symbolisch eben.

Wie ich Krümel das erste Mal vom Kindergarten abholte

Sonst war Krümel schon in der Wohnung, wenn ich sie betreut habe. Aber vorgestern, da sollte ich sie vom Kindergarten abholen.

„Weißt du, wie du da hinkommst, Papa?“, fragte mich Laura.

„Ja“, sag mir nur wie der Name der Kita ist.

„Pusteblume.“

Und weiter: „Du gehst direkt unten bei uns am Spielplatz vorbei.“

„Warum kann ich mit dem Auto nicht dort direkt hinfahren?“

„Kannst du auch. Aber laufen tut dir doch auch mal gut, oder? Außerdem kannst du dann Krümel ein bisschen den Kinderwagen auf dem Rückweg schieben lassen.“

„Ja, ist gut. Da ist was dran.“

„Jetzt, Papa, pass gut auf, damit du nichts vergisst!“

„Sind wir hier in der Schule? Und wer ist hier eigentlich der Schüler und wer die Lehrerin?“

„Papa, in der Reihenfolge. Du hast die Frage gerade selbst beantwortet.“

„Gut, dann sag‘ mal an. Aber warte mal. Ich mach‘ gleich mal mein iPhone auf. Da schreibe ich alles rein.“

„Hoffentlich findest du das auch wieder.“

„Denkst du, du kannst nur digital?“

„Ich bin da auch fit.“

Schweigen. Laura antwortet nicht.

„Und wieso hast du mich denn angerufen, als du wieder mal dein Passwort nicht gefunden hast?“, fragt sie.

„Das war etwas völlig anderes. Lass uns anfangen“, sage ich.

„Ach so, bevor ich es vergesse“, werfe ich noch ein: Wie war noch der Name der Kita?“

„Pusteblume! Papa.“

„Warum klingst du so genervt. Man wird doch noch mal fragen dürfen.“

„Ja, aber nicht fünfmal!“

„Warum eigentlich nicht?“

„Papa. Du sagst mir immer, ich soll mich konzentrieren, alles aufschreiben. Schreiben strukturiert das Denken.“

„Das soll ich gesagt haben?“

„‘Jahaa‘ Können wir jetzt anfangen?“

„Ich bin bereit.“

„Du gehst am Spielplatz vorbei, dann die Straße runter, überquerst sie, hältst dich links.“

„Ach, das weiß ich doch“, sage ich.

„Gut, Papa, dann jetzt zu den Sachen.“

„Ja, bitte.“

Laura spricht von einem roten Schal, einer Brotbüchse, einer Wickeltasche, von Schuhen, einem Rucksack, blau-rot.

„Nicht so schnell. Ich schreibe zwar mit 10 Fingern auf der Tastatur. Aber nicht auf dem Telefon. Da passt immer nur einer meiner Wurstfinger drauf. Meist reicht der Daumen auch noch bis zum Nachbarbuchstaben.“

Endlich hatte ich alles aufgeschrieben. Ich fühlte mich gut vorbereitet.

 

Nächster Tag. Der Tag der Wahrheit

Ich habe das Auto abgestellt und bin auf dem Weg zur Kita, am Spielplatz vorbei, die Straße runter.

Wie sollte ich mich dann halten? Links oder rechts?

Mir lief der Schweiß, weil ich schnell gegangen war. Es war aber kalt und es wehte ein ziemlich starker Wind.

Den Mantel hatte ich zu Hause vergessen. Ich war zu aufgeregt.

Ich schaute mich. Eine junge Frau kam mir entgegen.

Die muss das wissen. Die ist bestimmt auch Mutter, dachte ich.

„Bitte entschuldigen Sie, können Sie mir vielleicht sagen, wo es hier zum Kindergarten geht?“

„Welchen meinen Sie?“

„Gibt’s hier mehrere?“

„Ja, natürlich.“

„Mohnblume.“

„Mohnblume?“

„Die Kita gibt‘ s hier nicht.“

„Nein?“

„Nein!“

„Vielen Dank trotzdem.“

Warum hatte ich mir das nicht aufgeschrieben?

Ich schaute auf die Uhr. Panik kam in mir auf.

Fortsetzung folgt.

 

 

 

 

 

 

Ich freue mich – im Stillen eben

Der Tag beginnt wie immer. Vier Uhr aufstehen, Frühstück, Zeitung lesen.

„Marian wird Berliner Kammertänzer“, sagt Klara zu mir.

„Weiß ich. Wir sind doch am 15. Dezember dabei.“

„Ja, aber hier steht es in der Zeitung, von heute.“

„Wo?“

„Im Feuilleton.“

„Wie soll ich das lesen?“, wenn du mir schon am frühen Morgen die Zeitung wegnimmst?“

„Sonst fragst du nie danach“, sagt Klara und reicht mir den Teil wieder rüber. Sie hat Angst, dass sie die Seite mit dem ‚Sudoku-Rätsel‘ vergisst und sich in der S-Bahn langweilt.

„Jetzt fass doch nicht mit deinen fettigen Fingern auf die Zeitung. Was sollen denn die Leute in der Bahn denken, wenn ich den Teil aufschlage?“

„Woher soll ich das wissen“, sage ich und knittere mir die Seite ungerührt zurecht.

Da steht es: „Marian Walter wird Berliner Kammertänzer.“

(Berliner Zeitung, Nummer 284, Mittwoch, 5. Dezember 2018 – Seite 21)

Ich freue mich. Im Stillen eben.

Er hat es verdient, denke ich so bei mir. Und er wird kein großes Aufhebens drum machen.

Bescheiden ist er, so steht es im Artikel. Und das ist er wirklich.

Wohl einer der Gründe, warum unsere Freundschaft nun schon über zehn Jahre hält. Ich freue mich auf die Vorstellung in der Staatsoper.

Laura meldet sich. Sie will auch mit.

 

Üben, üben, und: wieder üben

Ich war gestern zum Gespräch mit der Prima Ballerina, Iana Salenko. Es war interessant und es war sehr lustig, wie immer.

Eigentlich ist das der wahre Wert dieses Projektes. Nämlich: Indem ich die Fragen stelle, Antworten bekomme, wird mir persönlich mal wieder vor Augen geführt, wieviel Energie ein Mensch in ein Vorhaben stecken muss, um an sein Ziel zu gelangen.

Iana gab mir zum Beispiel gestern eine Festschrift aus dem Jahr 2010 mit, die ihr zu Ehren verfasst wurde. Ihr wurde damals der Zukunftspreis verliehen, der damalige Essener Oberbürgermeister hat dazu ein sehr schönes Begleitwort geschrieben.

Das liest sich alles gut, die Bilder sind sehr schön.

Kurzum, in dem Heft sind die Preise festgehalten, die Auszeichnungen, die sie schon in sehr jungen Jahren erhalten hat, national und international.

Wenn du nun hörst, dass sie mit 12 schon den ersten Akademielehrgang absolviert hat, und sie als vierzehnjähriges Mädchen mit ihrem Bruder, aber doch faktisch allein nach Donezk in die dortige Ballettschule gegangen ist, dann ahnst du, wieviel Anstrengung es kostet, bist du ganz oben bist.

Iana hat vor der Schule zwei Stunden trainiert, geübt. Dann von 10.00 Uhr bis 16.00 Uhr Unterricht. Anschließend ging es weiter mit dem Üben, von 16.00 bis 19.00 Uhr, manchmal bis spät in die Nacht hinein.

Und den nächsten Tag alles wieder von vorn. Üben, wieder üben. Und: nochmal üben.

Das tiefste Geheimnis jeden Erfolgs. Angesichts ’schneller Medien‘ will heute so manch eine oder manch einer Erfolg, möglichst schnell eben. Das ist an sich in Ordnung. Du kannst aber an noch so vielen ‚Schrauben drehen‘,  an einer Binsenwahrheit kommt keiner vorbei: Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt.

Deshalb schreibe ich über den Alltag, zwischen den Erfolgen und Preisen.

Und der soll auch noch schön sein. Ist er auch, muss er sein, denn sonst hältst du das alles nicht durch.

 

KRÜMEL ZU BESUCH

Es ist etwas Besonderes, wenn uns Krümel besucht. Sie bringt unseren ganzen ‚Laden‘ in Schwung und durcheinander. Gestern noch, da saß sie auf meinem Schreibtisch und hat sich gemeinsam mit mir Lieder angehört. Heute ist der Schreibtisch wieder verwaist, nur Stifte und bekritzeltes Papier liegen auf dem Tisch und erinnern mich an gestern.

Der Alltag hat mich wieder und ich muss ihn mir erst wieder zum Freund machen. Da hilft die Aussicht, dass ich in ein paar Stunden das nächste Gespräch mit der Prima Ballerina habe. Ich habe am Wochenende ein Haufen Berichte über sie gelesen, über ihre Erfolge auf der Bühne. Da kannst du schon mal Respekt bekommen, auch wenn sie halb so alt ist wie du selbst.

Doch mich interessiert der Mensch weniger auf der Bühne, sondern eher dahinter, ungeschminkt. Und genau die Gespräche machen auch Spaß mit ihr.

Am Samstag, da hatten wir eine kleine Vorstellung von Krümel. Sie hatte das Kleid an, was Klara getragen hat, Laura und Anna davor. Es muss an die 80 Jahre alt sein und sieht noch gut aus. Krümel hat sich darin zur Musik bewegt und ein wenig mit dem Hintern gewackelt.

Warum sind das eigentlich die Dinge, die einen wirklich freuen?

Wahrscheinlich, weil du kein Geld dafür brauchst und du die Sorgen vergisst, oder sie wenigstens für ein paar Stunden zugedeckt werden.

Na gut. Auf geht‘ s Alltag, mein Freund – in die Woche. Ich freue mich drauf.

 

Schreibend in einen angenehmeren Zustand gelangen

Schreibend in einen angenehmeren Zustand gelangen

Heute ist so ein Tag, wo du dich fragst, warum du überhaupt aufgestanden bist. Es ist diesig, windig, kalt. Irgendwie fühlst du dich so, wie es das Wetter vorgibt. Jetzt ist es schwierig, schwieriger als sonst, gute Laune zu bekommen. Aber muss ich die überhaupt haben?

Nicht unbedingt. Es reicht ja, dass ich akzeptiere, dass es solche Tage gibt. Nur Narren haben immer gute Laune.

Was kann ich tun, wenn es nicht so klappt mit dem freudigen Umherhüpfen?

Ich denke mir dann was aus, mach mir faktisch was vor und denke so darüber nach, warum gute Laune besser ist als schlechte. Und das, während ich mich mies fühle. Bekloppt?

Ja, ein wenig. Aber du kommst gar nicht umhin, dir etwas vorzumachen. Wenn du nur die Realität so nimmst wie sie ist, dann kannst du schon manchmal verzweifeln. Also nehme ich mir vor, die guten Dinge aus der Realität herauszunehmen. Und wenn ich in dem Moment keine finde, dann schreibe ich mich dahin. Das kostet Mut. Denn mit jedem Satz, den du formulierst, kommen dir die Zweifel, ob das denn so eintreten wird. Und dann hinterfragst du auch, warum du das tust, warum du dich aufgerafft hast, mit Papier und Stift herumzufuchteln.

Gerade habe ich über einen Autor gelesen, dass dieser schreibend über das Schälen eines Apfels philosophiert. Kann man das machen? Kann man.

Man kann es auch bleiben lassen.

Egal, was du dir zum Thema nimmst: Indem du schreibst, hinterfragst du das, worüber du nachdenkst, was dir in den Kopf kommt. Du musst es begründen, dein Gehirn anstrengen.

Macht das Schreiben also Spaß? Vergiss es. Aber du wirst zufriedener, wenn du mal über eine Sache, die dich bewegt, schreibend nachgedacht hast.

Das meiste von dem, was ich auf Papier kritzle, das veröffentliche ich gar nicht erst. Es hilft mir trotzdem. Du bleibst kreativ, beobachtest im Alltag genauer, schaust Leuten zu, bei dem, was sie tun oder sagen.

Früher habe ich mehr gesagt. Heute bin ich lieber still. Da kann ich mich besser konzentrieren. Ich schreibe in solchen Situationen meist mit dem Kugelschreiber. Nicht auf dem Computer. Warum? Weiß ich auch nicht genau. Es ist irgendwie intensiver. Ich merke mir das Geschriebene mehr.

Und dass, obwohl ich ansonsten mit zehn Fingern über die Tastatur fliege.

Auf jeden Fall verleitet das aber zur Oberflächlichkeit.

Was will ich eigentlich mit alledem sagen? Weiß ich nicht, nicht mehr genau. Ich habe einfach angefangen zu schreiben. Ich wollte mich nur in eine Situation schreiben, in der es mir besser geht. Gelungen? Ja.

Vorlesen für Krümel

Vorlesen. Darüber wird viel gesprochen und geschrieben in letzter Zeit. Ich sah am vergangenen Samstag einen Bericht darüber im Fernsehen. Spontan habe ich mit Laura telefoniert.

„Ich übernehme das Vorlesen bei Krümel. Wenn sie soweit ist, dann werde ich ihr Geschichten vorlesen – Märchen, vielleicht eigene Erzählungen, Kinderbücher.“

Laura findet das gut.

Noch ist Krümel ja nicht soweit. Als ich das letzte Mal bei ihr war, da habe ich mit ihr probehalber in einem Buch geblättert, in dem verschiedene Dinge abgebildet waren – eine Tomate zum Beispiel, eine Gießkanne oder ein Sandkasten.

Krümel hat einen Augenblick mitgespielt. Dann hat sie mir kurzerhand das Buch weggenommen, es zugeklappt und stattdessen dem Schakal aus Stoff, den mit den hässlichen Ohren, zum Trinken genötigt, und zwar durch die Nasenlöcher.

Ich habe vor einigen Jahren schon einmal als Vorleser fungiert – in der örtlichen Bibliothek. Meist waren es Märchen, die von den Kindern gewünscht waren. Da ist mir noch einmal so richtig deutlich vor Augen geführt worden, wie grausam einzelne Inhalte sind: bei „Aschenputtel“ wird bei dem einen Mädchen hinten ein wenig vom Hacken weggenommen, damit der Schuh passt, ich glaube „Struwel-Peter“ verhungert, weil er zu lange Fingernägel hat.

Das Vorlesen ist noch mal eine Aufgabe, die mir viel Spaß machen wird.

Wir können nicht nur immer die Welt retten, indem wir über die großen Katastrophen reden. Das ist notwendig. Natürlich. Wir können aber auch was im Kleinen tun – Lesen ist enorm wichtig. Damit fängt alles an.

Internet, digitale Medien – da wird Krümel Laura überholen und mich sowieso. Aber das kann sie umso schneller, je besser sie lesen kann, je mehr sie weiß, je intensiver ihr Verstand geschult wird.

Ich sollte mal wieder in der Bibliothek nachfragen, ob die noch Vorleser suchen.

 

 

Alltag – Freund oder Feind?

Heute kehrt der Alltag zurück – Montag, der 19. November 2018.

Ich habe mir aus irgendeiner Literaturquelle gemerkt, dass am 19. November 1942 die Rote Armee vor Stalingrad zum Gegenangriff auf die Stellungen der 6. Armee unter Generalfeldmarschall Paulus überging. Vor 76 Jahren war das. Wie müssen die Leute dort gelitten haben? Auf beiden Seiten.

Ich bin froh, dass ich zehn Jahre später geboren bin.

Und dann denke ich daran, wie viele Menschen am Montag aufstehen und den Wochenbeginn verfluchen. Ich habe das auch getan und tue es manchmal heute noch. Aber kluge Leute haben mal gesagt, dass du das lieben sollst, was du nicht ändern kannst.

Und so bin ich auf den Namen gekommen, der auch über diesem Beitrag steht: „Mein Freund, der Alltag.“

Zuerst habe ich mir gesagt: „Du bist mein Feind, denn du gehst mir gewaltig auf die Nerven.“

Ich habe es noch drastischer formuliert. Aber ich hoffe, dass Krümel eines Tages meine Texte liest. Und sie soll dann nicht sagen: „Opa, das darf man doch nicht sagen oder gar schreiben!“

Also schreibe ich es nicht, ich sage es nicht, ich denke es aber.

Auf jeden Fall habe ich dann „Meinen Freund, den Alltag“ befördert und ihn zu meiner inneren kritischen Stimme gemacht.

In dieser Eigenschaft sagte mein Freund zum Beispiel zu mir: „Steh‘ doch mal auf, fahr‘ mit Klara so gegen 05.00 Uhr mit rein nach Berlin, stell‘ dich in Mitte im U-Bahnhof hin und sprich‘ einfach Leute an.“

„Und was soll ich sagen?“, habe ich ihn gefragt.

„Naja, wie toll du den beginnenden Tag findest, den Montag, morgens um 05.00 Uhr.“

„Dann begebe ich mich in Lebensgefahr, oder was glaubst du, was die Leute mit mir machen, noch dazu die Berliner?“

Solche Dialoge führe ich mit meinem Freund, dem Alltag, also mit mir. Ganz schön bekloppt.

Aber sie haben vielleicht einen Sinn. Du denkst mehr darüber nach, worüber du dich freuen kannst, anstatt die ganze Zeit herum zu stöhnen, wenn die Woche beginnt.

Dass du kreativ sein kannst, gebraucht wirst, offensichtlich gesund bist, jedenfalls einigermaßen.

Das ist irgendwie richtig leben. Und das kannst du dann am Dienstag und Mittwoch auch tun, bis die Woche eben zu Ende ist.

Ja, und dann musst du es aushalten, bis am Montag, dein bester Freund wieder auf der Matte steht. Schön, oder?