Archiv der Kategorie: FAMILIENGESCHICHTE

Über die Sorgen und das Glück einer ganz normalen Familie im Alltag,
darüber, wie sich alle um Anna kümmern, den Mut und den Humor dabei nicht verlieren, das Schöne im Leben nicht übersehen.

LÖWE DU MUSST FRESSEN, DU BIST DOCH HUNGRIG

Es schien ein tristes Wochenende zu werden, im Lockdown – bis Peter sich daran erinnerte, wie er mit Krümel auf dem Teppichboden im Wohnzimmer lag und sie gemeinsam auf die Jagd gingen, nach einem kleinen, imaginären Hasen.

Samstag. Der Schnee rieselte ohne Unterbrechung vom Himmel und bei Peter kam der Gedanke von heiler Welt auf.

Doch die Welt war nicht heil. Der Gedanke an den Lockdown und Corona blieb. Peter und Klara hätten sich gewünscht, dass Krümel sie besuchte, aber das Risiko war zu groß, dass sie sich gegenseitig ansteckten.

Also blieb ihnen nur übrig, zum Telefon zu greifen und ein paar Momente mit Krümel am Telefon zu erleben.

„Hallo Opi, kann ich bei dir den Film sehen ‚von dem mit ohne Zahn‘?“, fragte Krümel ihn.

„Naja, dieses Mal können wir uns nicht sehen, aber ich kann dir was vorsingen, willst du das?“

„Ja“, flüsterte Krümel mit ihrer zarten Stimme.
„Oh, Tannebaum, an deinem Ast hängt ne Pflaum…“

„Opa, nicht Pflaum, unterbrach Krümel ihn sofort. Peter wollte einmal kreativ sein und schon wurde er zurechtgewiesen.

Krümel wollte das Lied so hören, wie Peter es ihr immer vorsang.
Also begann er wieder von vorn und lies nun keine Zeile aus.

„Du kannst dir auch mal was Neues einfallen lassen“, meldete sich Laura nun.

„Ich hätte noch ‚Auf der Reeperbahn‘ im Angebot“, sagte Peter.
„Wehe“, mischte sich nun Klara ein.

Peter war raus, sein Entertainment für Krümel wurde nicht mehr gewünscht.

Dabei waren sie noch vor zwei Wochen auf dem Fußboden des Wohnzimmers umhergekrochen und hatten Löwe und Hase gespielt. Peter schmunzelte, während er sich daran erinnerte.

„Ich fress‘ jetzt den Hasen“, knurrte Peter möglichst echt, obwohl er in dem Moment überlegte, ob Hase und Löwe überhaupt in der Hitze von Afrika aufeinandertrafen.

„Nicht fressen“, rief Krümel.
„Nein, der Löwe ist zwar hungrig, aber er lässt den Hasen am Leben“, versuchte Peter Krümel zu beruhigen.

„Ich fang einen Hasen“, rief Krümel plötzlich und bewegte sich mit Armen und Beinen geschmeidig auf den Wohnzimmertisch zu.

Peter robbte hinterher, keuchend versuchte er mitzuhalten, obwohl sein Bauch ihn daran hinderte, es Krümel gleichzutun und wie eine Echse am Boden entlang zu schleichen.

Als er auf der Höhe von Krümel ankam, legte die ihren kleinen Finger auf den Mund.

„Leise Opa!“ Peter nickte, obwohl es ihm schwerfiel, den keuchenden Atem unter Kontrolle zu halten.

„Da, der kleine Hase“, flüsterte Krümel. Peter sah nichts.
Urplötzlich schoss ihre Hand in Richtung Stuhllehne und hielt sie triumphierend hoch.

„Hier Opa, hier ist der kleine Hase, den kannst du jetzt fressen.
Peter schaute auf Krümels Hand und sah förmlich den kleinen Hasen zappeln.

„Opa kann den nicht fressen, der soll weiterleben“, sagte Peter entschuldigend zu Krümel

Krümel schaute ihn verwundert an.
„Löwe, du musst fressen, du hast doch Hunger!“, flüsterte Krümel beschwörend auf Peter ein, so als könne der Hase in ihrer Hand noch einmal entkommen.

„Nein weißt du, ich bin der einzige Löwe, der nur Blätter frisst. Komm, wir laufen mal zu Oma in die Küche und schauen, wir dort was Grünes finden.“

Krümel war damit nicht einverstanden, dass ihr Löwe sich plötzlich ächzend erhob und auf vier Beinen der Küche zustrebte. Sie stand noch vor ihm, in der erhobenen Hand den zappelnden Hasen.

Sie beide sahen den Hasen ängstlich zappeln, vor ihrem inneren Auge zumindest. Krümel war bereit ihn für den hungernden Löwen zu opfern, aber nur, weil sie ihn nicht in Stoffform vor sich sah. Der Stoffhase lag oben in der Puppenkiste, wohlbehalten.

Und Peter wunderte sich selbst, wie schnell er zum Vegetarier mutiert war.

„Der Hunger vom Löwen ist nicht groß, wir lassen ihn am Leben“, meinte Peter zu Krümel, die immer noch ihre Hand mit dem imaginär zappelnden Hasen in die Luft hielt.

Krümel ließ den Hasen plötzlich fallen und schoss in die Küche.
„Opa hat mich geärgert, Oma.“

„Was hast du denn nun wieder angestellt?“, fragte Klara ihn vorwurfsvoll.

Ich bin mal schnell zum Vegetarier geworden, und das als Löwe.

Klara holte einen Fruchtzwerg aus dem Kühlschrank, was Krümel begierig und aufmerksam verfolgte.

„Der Löwe ist satt, der braucht nichts ab“, sagte Klara noch.

„Nein, Löwe, du kriegst nichts ab“, rief Krümel und ihre Augen leuchteten wieder.

DER KALENDER VON PETERS VATER

 Peter und Klara waren froh, dass Anna nun Essen auf Rädern bekam, sie nicht mehr selbst kochen musste und jeden Tag außerdem eine Schwester vorbeikam, die ihr das Frühstück bereitete.

 

Peter dachte gerade daran, wie gut es war, dass Klara, Lukas und er so zusammenhielten, sich eng absprachen und jeder wusste, was seine Aufgabe bei der Betreuung von Anna war.

Lukas hatte gerade ein neues Schloss in die Tür bei Anna in Stralsund eingebaut und der Schwester einen Schlüssel gegeben, damit diese nicht so lange warten mussten, bis Anna öffnete.

Klara hatte alle organisatorischen und finanziellen Fragen geklärt, die mit der intensiveren Betreuung zusammenhingen und Peter dokumentierte alles, fertigte die nötigen Schriftstücke, schrieb die E-Mails.

„Die Schwester ist aber auch nicht sattelfest in der Rechtschreibung“, sagte Peter zu Klara, die nebenan vor ihrem Laptop saß. Sie hatte Homeoffice-Tag.

Peter hätte nie gedacht, dass Klara mit der Technik klarkam und hintereinander weg ihre Dokumente abarbeitete.

„Darauf kommt es doch jetzt gar nicht an. Wenn alles läuft und Anna auch zufrieden ist, dann lass die doch ruhig falsch schreiben“, sagte Klara und schüttelte innerlich darüber den Kopf, womit sich Peter schon wieder befasste.

Der antwortete nicht, denn er war inzwischen mit seinen Gedanken ganz woanders.

Wie mochte es wohl seiner Mutter in Dresden im Pflegeheim gehen?

Sie war im 92. Lebensjahr und konnte nicht mehr aufstehen. Seine Schwester, Helga Geiger, kümmerte sich um sie. Jedenfalls sagte sie das.

Aber Peter war sich sicher, dass im Pflegeheim alles getan wurde, damit sich seine Mutter wohlfühlte.

Er hatte sie seit dem Tod seines Vaters vor zwei Jahren nicht mehr gesehen.

Damals war alles so schnell gegangen.

Wenige Tage, bevor Manfred Gerber starb, war er noch einmal bei ihm gewesen, zusammen mit Klara.

Sie hatten am Bett gesessen und ihn angeschaut. Seine Arme waren dünn geworden und übersät von den Einstichen der Spritzen und Kanülen aus dem Krankenhaus.

Klara und Peter brachten kein Wort heraus.

„Einer muss der Sprecher sein“, sagte sein Vater nach einer Weile, in der für ihn typischen Art.

Selbst im Angesicht seines eigenen Todes, blieb er sich treu.

Klara und Peter müssen heute lachen, wenn sie sich an diesen Moment zurückerinnern.

Auch wenn Peter kein sehr enges Verhältnis zu seinem Vater gehabt hatte, sie sich mehr gestritten hatten, als das normal war, so schnürte es ihm doch die Kehle zu, wenn er jetzt daran, dass er nicht mehr da war.

Peter schaute vor sich auf den Schreibtisch. Da stand ein Kalender zum Drehen. Es waren der Tag zu sehen, der Monat und die jeweilige Zahl des Tages.

Manfred Gerber hatte ihn mal aus Petersburg mitgebracht, damals hieß die Stadt ja noch Leningrad.

An den Kalender durfte keiner ran. Manfred Gerber drehte ihn höchstpersönlich jeden Tag um, solange er das noch konnte. Er steckte dabei die Zunge leicht raus und blies die Backen auf, so als müsste er zehn Kilo in die Luft stemmen.

Peter hatte ihn dafür gehasst, damals jedenfalls.

Nun drehte er selbst jeden Tag den Kalender um, jeden Morgen und dachte kurz an seinen Vater.

Es war seine Art, ihm ein wenig die Ehre zu erweisen, bevor Peter an seine Tagesaufgaben ging.

Peter überlegte, ob er zum Hörer greifen sollte, um Helga anzurufen und sich nach seiner Mutter zu erkundigen.

ESSEN AUF RÄDERN

Für Anna verlieren Tag und Nacht ihre Unterscheidbarkeit.
Sie kocht nur noch unregelmäßig.

„Guten Morgen, Mutti, wie geht es dir?“, fragte Klara am Telefon.

„Ich verstehe nicht, warum du fragst, denn ich will gerade ins Bett gehen.“

„Mutti, es ist jetzt halb zehn Uhr morgens, und du willst schon wieder ins Bett?“, fragt Klara mit leicht genervter Stimme.

„War denn die Schwester schon da und hat dich gespritzt?“, fragte sie weiter.

„Hier war keiner.“

„Hast du denn schon gefrühstückt?“

„Warum soll ich abends noch was essen?“, antwortete Anna ungerührt.

„Mutti, du musst jetzt wach bleiben, denn es ist jetzt nicht Abend, sondern der Tag beginnt erst.“

„Ach so, warum sagt mir das denn keiner?“

„Ich sag es dir ja jetzt!“, also lies doch ein bisschen Zeitung und löse ein Kreuzworträtsel, das machst du doch gern.“
Klara verabschiedete sich nach einigem hin- und her von Anna.

„Ich glaube, jetzt ist es soweit, dass wir etwas unternehmen müssen“, sagte Klara zu Peter, der an seinem Schreibtisch wieder mal eine neue Planungsvariante ausprobierte.

„Mutti denkt schon morgens, dass der Tag vorbei ist, sie kennt die Uhrzeiten nicht mehr und legt sich bereits wieder ins Bett, wenn die Schwester zum Spritzen da war.“

„Wie können wir das verhindern?“, fragte Peter, ohne von seinem Schreibtisch aufzusehen.

„Ich denke, es ist an der Zeit, dass Anna mehr Betreuung bekommt. Ich werde mal mit der Pflegedienstleitung in Sassnitz sprechen“, sagte Anna.

Und kaum hatte Peter darüber nachgedacht, da telefonierte Klara schon mit dem Pflegedienst.

„Ihre Mutter sollte mit Frühstück und Mittag durch uns versorgt werden“, sagte die Schwester.

„Meinen Sie denn, dass es schon so weit ist?“, fragte Klara mit leichten Zweifeln in der Stimme.

Sie wusste, dass es nicht aufzuhalten war und scheute sich dennoch, Anna ein weiteres Stück ihrer Eigenständigkeit im Alltag zu nehmen.

„Frau Sturm muss regelmäßig essen, damit wir auch regelmäßig die nötigen Medikamente verabreichen können“, erwiderte die Schwester.

Klara wusste, dass die Schwester recht hatte. Und sie war sich mit Lukas und Peter einig, dass etwas passieren musste.

Sie erinnerte sich daran, was ihre Hausärztin zu ihr gesagt hatte:

„Wenn Ihre Mutter sich nicht mehr selbst etwas zu Essen macht, dann rückt die Zeit heran, wo sie ins Pflegeheim muss.“
Klara seufzte und fragte Peter, ob er ihr dabei half, alles schriftlich vorzubereiten.

„Was bleibt mir übrig?“, brummte der und machte sich daran, den Pflegedienst offiziell anzuschreiben.

Wenige Tage später rief Klara Anna an.
„Mutti, wie schmeckt dir denn das Essen, das du mittags bekommst?“
„Ach, das ist wunderbar, dass die Schwester mir das Essen vorbeibringt.“

„Was hattest du denn heute Mittag?“, fragte Klara.
„Heute Mittag? Das habe ich vergessen. Aber es war schön, dass die Schwester da war.“

ANNA IST DEMENT – FOLGE 1

VOM BEGINN DES ERZÄHLENS ÜBER ANNAS DEMENZ UND ÜBER DIE FAMILIE, DIE UM ANNA HERUM WAR

2017 an einem Sonntag.

Klara sass an ihrem Schreibtisch und rechnete. Sie tat das, was sie gar nicht mochte – die Buchhaltung auf Vordermann bringen.

Und wenn sie damit fertig war, dann nahm die Unzufriedenheit bei ihr zu – die Zahlen stimmten zwar, aber sie waren im Minus, wie immer.

„Kommt da nächste Woche noch was rein?“, rief sie laut.
Nebenan saß Peter und murmelte etwas Unverständliches. Er lebte vom Schreiben.

Besser: Er dachte noch, dass er es eines Tages konnte. Dabei würde er nächstes Jahr in Rente gehen.

„Ein Artikel ist noch offen“, antwortet Peter.
„Was, mehr nicht?“ Klaras Stimme klang enttäuscht.
„Morgen klemm‘ ich mich ans Telefon.“

Klara schwieg und Peter sagte auch lieber nichts.
Sie konnten sich so freuen, denn sie würden bald Oma und Opa werden. Laura, ihre Tochter bekam im Herbst ihr erstes Kind, wahrscheinlich ein Mädchen.

Peter hatte sich immer eine Enkelin gewünscht. Dann könnte er mit ihr das nachholen, was er bei Laura nicht konnte, sich Zeit nehmen, Geschichten erzählen, einfach Quatsch machen.

Doch da war noch eine andere Sache, die alles überlagerte. Anna, die Mutter von Klara war dement.

VON DER SCHWIERIGKEIT, ANNAS KRANKHEIT IM ALLTAG ZU AKZEPTIEREN
„Ich gehe morgen zur Diamantenen Hochzeit“, sagte Anna zu Klara am Telefon.

„Mutti, schau doch einfach auf den Kalender – Charly und Berta haben doch erst nächste Woche ihren Hochzeitstag.“

Anna schwieg. Sie wohnte in Stralsund und ihre Tochter in der Nähe von Berlin. Abends, jeden Abend, rief Anna an.

Halb sieben, dann klingelte das Telefon. Peter sagte dann: „Das betreute Wohnen ist dran.“

Klara erwiderte darauf nichts. Doch es war ein Stich, der ihr ins Herz ging. Peter wusste das, und er hatte sich vorgenommen, es nicht mehr zu sagen.

Aber die Verführung war zu groß, zu sticheln und sich so zu wehren gegen die Anrufe, die nun schon über Jahre geführt wurden und nicht Substanzielles an Gesprächsinhalten mit sich brachten. Peter wusste, dass es selbst dumm war, so zu denken.

Doch seine Gefühle übermannten ihn in dem Moment. Nun war es anders. Schwiegermutter vergaß sehr viel. Sie verstand die Spitzen von Peter nicht mehr.

Gerade waren sie in Stralsund angekommen. Sie waren im Hafen an der Mole entlang gegangen in Richtung der Fahrgastschiffe. „Ich liebe Stralsund, meine Heimat“, sagte Anna ohne ersichtlichen Grund.

„Na, dann sind wir ja froh, dass wenigstens einer seine Heimat liebt“, erwiderte Peter bissig. Als würde die anderen nicht Stralsund lieben.
Klara warf ihm einen unmissverständlichen Blick zu. Peter stimmte trotzdem ein Lied an aus alten Zeiten an: „Unsere Heimat …“

Klara schäumte. Plötzlich stimmte Anna in das Lied mit ein.
Peter war geschockt. Was Spott sein sollte, das nahm Anna mit als Liebeserklärung an ihre Stadt.

„Ich darf das nicht mehr tun, ich muss mich anders verhalten. Anna ist dement“, dachte Peter und bekam ein schlechtes Gewissen, dass er Klara nicht mehr unterstützte.

Abends rief Anna an. Laura ging ran und sagte: „Hallo Omi!“ Am anderen Ende kam keine Antwort. Sie zögerte. „Wieso ist Laura dort? Die wohnt doch in Berlin?“

Anna brauchte einen Moment, um zu verstehen, dass Laura zu Besuch war.

Ihr Koordinatensystem war durcheinandergebracht. „Wo ist denn dein Freund? Ist der nicht mit?“ Jetzt hatte Anna offensichtlich wieder den Durchblick.

PETERS FLUCHT IN DIE SCHORFHEIDE
Sonntagmorgen. Peter war in Richtung Schorfheide gefahren. Er liebte die Gegend. Kurz vor dem Ort, von wo aus er starten wollte, bog er nach links ab.

Er blieb mit dem Auto oben stehen, stieg aus und holte die Stöcke für Nordic Walking aus dem Kofferraum. Peter blickte aufs Wasser und bekam sofort gute Laune.

Die Sonne schien, es war ruhig, der Kiefernwald duftete. Neben ihm lag ein Plastiksack, den offensichtlich Leute dorthin verfrachtet hatten. Peter ärgerte sich.

Früher hätte er sich nicht darüber aufgeregt, jetzt aber schon. Er verstand nicht, dass manche Menschen so faul waren und den Müll nicht ordentlich entsorgten.

Peter legte die Schlaufen von den Stöcken an und lief los. Man müsste eher sagen, er latschte los. Er brauchte immer ein bisschen, bis er auf Betriebstemperatur war. Ihm entgegen kam ein Fahrradfahrer in kurzen Hosen und kurzem Hemd. Der starrte ihn an.

„Guten Tag!“ Peter grüßte jeden, wenn er jemanden traf.
Auf dem Fluss war ein Motorengeräusch zu hören. Er sah flussaufwärts ein Boot, dass langsam näherkam. Die Maschinen stampften.

Peter liebte diese Geräusche. Er kannte sie aus seiner Kindheit vom Schweriner See. Dort hatte er gern zugeschaut, wenn die großen Boote am Steg festmachten.

Am liebsten mochte er in einen Schuppen gehen, in dem ein Boot lag und ein wenig schaukelte und er konnte vom Rand aus auf das Boot steigen.

Das hatte was, auch wenn ihm die Boote nicht gehörten. Das Boot war an ihm vorbeigefahren, während er am Ufer entlanglief und mit den Stöcken in das Gras stieß und kleine Löcher hinterließ.

Hinten auf dem Deck des Bootes, das unten auf dem Wasser an ihm vorbeituckerte, lümmelten sich auf dem Deck ein Mann und eine Frau und ließen die Arme über die Bordwand hängen.

„Haben die es gut“, dachte Peter. Doch dann kam ihm in den Sinn, was alles zu tun wäre, wenn das Boot am Steg festgemacht hatte. Es gab immer etwas zu wischen, der Bootsmotor musste gewartet werden.

Peter erinnerte sich an den Schweriner See zurück und wie ihn sein Vater gepiesackt hatte, damit das Boot und der Motor zu Wasser gelassen werden konnten.

Und dabei handelte es sich nur um den „Delphin“, ein Boot, das von einer PVC-Haut überzogen wurde. Peter seufzte und war froh, dass er lediglich vom Ufer aus die vorbeituckernden Boote beobachten durfte und nichts mit der Arbeit an Bord zu tun hatte.

Für ihn war das Luxus, dass er am Tag einmal laufen konnte. Am Alltag lief er meist schon morgens, halb sechs, wenn er Klara zum Bahnhof gefahren hatte. Peter kehrte um.

Auf dem Rückweg konnte er besser auf das Wasser schauen und freute sich an der Ruhe, die ihn umgab. Am Auto zurück angekommen lag nun der schönste Moment vor ihm: Die Hecktür öffnen, sich in den Laderaum schwingen, Wasser trinken, die Beine baumeln lassen und ein wenig herumhängen.

Schließlich fuhr Peter zurück. Das Autotelefon klingelte. Laura war dran. „Wo steckst du?“

„Warum?“ „Ich bin auf dem Weg zu euch.“ Peter freute sich. Seine Tochter kam nur noch selten aus Berlin zu ihnen.

LAURA WAR ZU BESUCH
Peter rief Klara an: „Ich fahr‘ gleich durch zum Bahnhof und hole Laura ab.“

„Ist gut!“, erwiderte Laura. Jetzt kam Leben in die Bude. Die Regionalbahn lief in den Bahnhof ein, kurz nachdem Peter angekommen war.

Er fuhr mit Laura zurück. Laura stieg am Haus aus dem Auto und Peter kurbelte das Lenkrad herum, damit er in den Carport einparken konnte.

Die Sonne blendete ihn und er konnte nicht erkennen, ob zu beiden außenstehenden Pfosten genügend Platz wäre. Peter sah es nicht genau und fuhr trotzdem rückwärts in den Carport.

Es knirschte. Der Mercedes hatte am linken Pfosten angedockt. Peter war sauer. Der Schmutzfänger war ein Stück abgerissen. Peter ging nie zum Arzt, nur wenn es gar nicht mehr ging. Doch für Bobby tat er alles.

Bobby, das war kein Mensch und es war kein Hund. Es war sein Auto, das er nun schon das 14. Jahr fuhr. „Ich muss mit Bobby morgen in die Werkstatt. Und ich habe keinen Hunger mehr, ihr müsst ohne mich essen“. Für Peter war der Tag gelaufen.

Klara hatte noch einmal bei Anna angerufen. Sie wollte nicht, dass ihre Mutter nun vielleicht durcheinander war, weil Laura am Telefon nicht richtig aufgeklärt hatte, dass sie unverhofft aus Berlin zu Besuch gekommen war.

Es war für keinen leicht, mit der Demenz von Anna umzugehen. Nicht für Klara, für Peter nicht und auch nicht für Laura.

„Du musst mit Oma gehirngerecht kommunizieren.“
„Papa, was ist das für ein Quatsch“, protestierte Laura.

„Ja, wahrscheinlich hast du Recht. Was ich damit sagen will: Oma kann nicht mehrere Informationen gleichzeitig verarbeiten. Das verwirrt sie.“

„Was meinst du?“, fragte Laura.
„Nun, du gehst an unser Telefon.

Für Oma müsste jetzt Mama am Hörer sein. Stattdessen hört sie deine Stimme. Für sie wohnst du in Berlin und bist jetzt auch in Berlin.

Wir wiederum sind für sie da, wo sie jetzt anruft. Also solltest du erst einmal sagen, dass du bei uns spontan zu Besuch bist.“

„Spontan zu Besuch?“, fragte Laura dazwischen. „Das versteht sie doch erst recht nicht.“

„Aber stell dir vor, du würdest die Informationen per Rohrpost versenden – ein Satz folgt auf den anderen, und sie gehen alle in die gleiche Richtung.

Da kannst du ja auch nicht mit dem letzten Satz anfangen, sondern du schiebst den ersten Satz zuerst durch.“

„Na gut Papa, das ist mir zu blöd.“
Peter schwieg. Er war eben auch nicht trainiert auf die Kommunikation mit demenzkranken Menschen.

„Oma kann nicht mehrere Informationen gleichzeitig verarbeiten. Das verwirrt sie…Aber stell dir vor, du würdest die Informationen per Rohrpost versenden – ein Satz folgt auf den anderen, und sie gehen alle in die gleiche Richtung. Da kannst du ja auch nicht mit dem letzten Satz anfangen, sondern du schiebst den ersten Satz zuerst durch.“

 

 

KRÜMELS KAUFLADEN

WAS BISHER WAR:
Klara und Peter waren wieder im Alltag angekommen.
Klara setzte sich am Montag, dem ersten Wochentag nach Neujahr, pünktlich um sechs Uhr an ihren Computer und begann mit der Arbeit.
Peter war nicht mit aufgestanden. Er schreckte hoch, als draußen der LKW vorfuhr und die Biotonnen entleert wurden.
Peter stand nun doch auf, torkelte ins Bad und beschloss, das neue Jahr erst mit der folgenden Woche zu beginnen.

Freitagmittag. Klara und Peter holten Krümel aus der Kita ab. Peter hatte vorher noch geübt, wie seine Enkelin hinten auf dem neuen Kindersitz angeschnallt werden musste. Er hatte dazu den großen Elefanten aus dem Kinderzimmer geholt und ihn auf dem Sitz festgeschnallt.

Er brauchte eine Weile, bis es ihm wirklich gelang. Vorher musste er sich noch bei Laura telefonischen Rat holen.
Es klappte schließlich. Als alle wieder im Dorf angekommen waren, spielte Peter noch mit Krümel auf dem Fußboden im Wohnzimmer.

Peter hatte die kleinen Autos alle in einer Reihe aufgestellt.
Davor befanden sich die Hunde, die der Serie ‚Paw-Patrol‘ nachempfunden waren.

„Das hier ist jetzt der Chef“, sagte Peter und zeigte auf den Hund, der eigentlich Marshall hieß.
Aber Peter hatte den Namen schon wieder vergessen.

„Wie heißt der eigentlich noch?“, fragte Peter und blickte Krümel an.
„‘Maarche‘“, sagte Krümel.
„Wie? Maarche‘“, versuchte Peter Krümel nachzuahmen.

„Opa, ‚Maaarcheee‘!“
„Marche?“, Peter verstand Krümel nicht.

„Nein“, rief sie, schmiss sich auf den Bauch und warf wütend zwei der anderen Hunde auf den Boden.
„Heißt er Maaarcheee?“, fragte Peter noch einmal. Er hatte die Stimme nach oben gezogen, das ‚a‘ so lange wie nur möglich gedehnt und bekam nun beim Sprechen keine Luft mehr.

„Ja“, sagte Krümel und war zufrieden.
Erst am nächsten Tag erfuhr Peter, dass der Hund ‚Marshall‘ hieß.

Aber bis dahin verging ja noch eine Weile und Peter musste sich mächtig anstrengen, um nicht wieder bei Krümel unangenehm mit der falschen Aussprache aufzufallen.

Also dehnte er die Buchstaben, sang fast und kam damit so einigermaßen durch die strenge Prüfung bei der Namensnennung von Hund ‚Marshall‘ durch.

Am Samstagmorgen ging die Spielparty weiter. Sie begann bereits gegen halb vier Uhr.

Krümel war putzmunter, lag zwischen Peter und Klara im Bett und flüsterte Klara ins Ohr:

„Opa schnarcht, lass uns runtergehen und Frühstück machen, ja?“
Fünf Uhr saßen alle am Frühstückstisch. Krümel plapperte munter drauflos, während Peter noch versuchte zu verstehen, warum er an einem Samstag fünf Uhr morgens in der Küche saß.

„Opa, komm‘, wir ‚pielen‘ einkaufen“, drängelte Krümel eine halbe Stunde später.
Peter begab sich mit Krümel wieder nach oben, in Klaras Zimmer, wo der ‚Kaufladen‘ aufgebaut war.

Damit hatte bereits Lauras Mama gespielt und Klara hatte ihn zu Weihnachten wieder neu hergerichtet, viele kleine schöne Verkaufsprodukte in die Regale gelegt und eine Kasse hinzugestellt.

Mit einem speziellen Gerät konnten die entsprechenden Produkte eingescannt werden und es piepte sogar, wenn Krümel es an die Waren hielt.

Krümel schnappte sich als erstes das Mikrophon und schrie etwas hinein, sodass Peter nun endgültig munter war. Krümel musste es beim Einkaufen so erlebt haben.

„Was möchten Sie kaufen?“, fragte Krümel.
„Ich möchte die Bananen hier.“
„Die können Sie nicht bekommen.“

„Warum nicht?“
„Die sind für meine Party“, sagte Krümel und tanzte wie zur Bestätigung ein wenig auf Ihrem Platz.

„Dann geben Sie mir die Weintrauben“, sagte Peter.
„Die sind trocken“, sagte Krümel.

„Und jetzt?“, fragte Peter.
„Jetzt ist der Laden zu“, sagte Krümel nun.
„Ich geh‘ schlafen“, sagte sie und zog mit ihren kleinen Händchen ein nicht vorhandenes Rollo herunter.

„Das ist ja wie zu DDR-Zeiten“, brummte nun Peter.
Das Spiel wiederholte sich noch ein paar Mal und beide hatten viel Spaß daran, auch wenn sich Peter wieder lieber ins Bett gelegt hätte.

FÜR PETER BEGANN DAS NEUE JAHR, WIE DAS ALTE JAHR AUFGEHÖRT HATTE – MIT NICHTSTUN

WAS BISHER WAR:
Neujahr war vorüber und Peter hatte sich darüber gefreut, dass er mit Klara einen ruhigen Silvesterabend verbringen konnte. 

Das alles hatte zwischendurch die Züge einer Trauerfeier
angenommen, aber aufkommende Depressionen wurden mit ‚Rotkäppchen-halbtrocken‘ niedergerungen.

Klara gratulierte am nächsten Tag Anna und die bedankte sich artig, obwohl Klara den Gedanken nicht loswurde, dass Anna gar nicht den Unterschied zwischen 2020 und 2021 ausmachen konnte.

Neujahrsmorgen. Peter und Klara saßen beim Frühstück. Peter referierte darüber, was er alles Großartiges in 2021 leisten wollte, während Klara dabei die Augenbrauen hochzog und tief seufzte.

Nach dem Frühstück schob auch Peter die Gedanken an schweißtreibende Leistungsstunden weit von sich, schmiss sich auf die Couch, fuhr die Beinauflage hoch.

Er fühlte sich wie in der Kommandozentrale, als er die Fernbedienungen in die Hand nahm und sich einen Film in Netflix aussuchte.

Noch konnte er frei entscheiden. Also durchsuchte er schnell die Thriller, in denen es um Drogen, Serienkiller und Kriegsfilme ging.
Peter liebte es vor allem, sich Filme anzuschauen, die vom Einsatz der Navy Seals handelten.

Er war dann mittendrin im Geschehen. Und während die Spezialkräfte im Film einen Berg hochschnauften überlegte Peter, ob er sich mal auf die andere Seite der Couch bewegen sollte.

„Das ist doch jetzt nicht dein Ernst“, ertönte Klaras Stimme hinter seinem Rücken.

„Mein voller Ernst. Bist du etwa schon in der Küche fertig?“
„Du bist so faul, dass du immer runder wirst“, sagte Klara jetzt.

„Geh laufen!“, sagte sie noch.
„Ja, mach ich, aber nicht mehr heute. Da müssen Vorbereitungen getroffen werden, mit den Stöcken und so.“

Peter schaute unentwegt in den Fernseher, wo die Spannung zum Greifen war.

„Dann schalte jetzt wenigstens den Fernseher um“, sagte Klara.
Peter tat so, als hätte er nichts gehört. Er konnte nicht verstehen, dass Klara so unsensibel war.

Schließlich griff er doch zur Fernbedienung auf schaltete auf „Bares für Rares“ um.

Der Moderator betörte gerade mit seiner tiefen Stimme eine Frau, die Mitte 70 Jahre alt war.
„Gundula, du siehst bezaubernd aus“, hörte Peter noch, während er sich schnell weiter durch die Programme klickte.

„Was willst du denn sehen?“, fragte er Klara, während er sich unbeirrt weiter durch das Programm surfte.

„Na, das eben war doch nicht schlecht“, begehrte jetzt Klara auf.
„Schlecht war das nicht, nur mir wird schlecht, wenn ich es weiter ansehen muss.“

„Dann mach bitte ‚Bettys Diagnose‘ an.
Peter atmete tief durch. Er klickte in der Mediathek die Serie an, legte die Fernbedienung auf den Tisch und erhob sich, um schweren Herzens an seinen Schreibtisch zu gehen.

„Wieso bleibst du nicht unten?“, fragte Klara ihn.
„Ich kann mir das nicht leisten, den ganzen Tag Serien zu schauen“, sagte Peter.

„Ach, und deine Kriegsfilme zählen nicht dazu?“
„Nein, das ist Geschichte, Politik, Weiterbildung, einfach den Blick schärfen für die Welt, wie sie wirklich ist“, sagte Peter nun kurz angebunden.

„Die Hauptsache, du erzählst später nicht diesen Quatsch, wenn Krümel bei uns ist“, sagte Klara.

„Nein, die werde ich für ‚Western‘ begeistern und dann schauen wir unentwegt ‚Winnetou‘, vom ersten bis zum letzten Teil und dann wieder von vorn.“

„Das werden wir ja sehen“, antwortete Klara.

„Wahrscheinlich werden wir die Filme nicht sehen, weil du dagegen bist“, brummte Peter leise, während er sich die Treppe zum Schreibtisch hochschleppte und sich seine Laune mit jeder Stufe, die er erklomm, verschlechterte.

WIESO IST MORGEN EIN NEUES JAHR?

Der letzte Tag im alten Jahr schien so zu enden, wie viele der vorhergehenden Tage – ruhig, still, ohne größere Aufregung.
Im Fernsehen liefen am Silvestertag die üblichen Unterhaltungsshows. Peter klickte gelangweilt zwischen den einzelnen Sendern hin- und her.

„Kannst du mal bei einem Sender bleiben?“, fragte Klara ihn.

„Natürlich“, sagte Peter und schaltete auf ein Programm, indem es um die alten Pharaonen ging.

Klara mochte diese wissenschaftlichen Sendungen, angefüllt mit den zahlreichen Kommentaren der Archäologen und anderen Experten.

„Ich geh mal für einen Moment hoch ins Arbeitszimmer und hole mir was zum Schreiben runter.“

„Untersteh dich“, fauchte Klara wütend.
„Am Silvesterabend!“
Peter gab sich geschlagen.

„Gut, dann schalte ich zurück zur Helene-Fischer-Show.“
„Was du nur an der findest“, sagte Klara nun.
„Es ist ihre Klugheit, die sie ausstrahlt“, antwortete Peter und konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen.

Er drehte die Lautstärke auf und summte wie zur Provokation das Lied mit: „Atemlos durch die Nacht…“

„Ich ruf mal meine Mutter an“, sagte Klara, während sie sich erhob.
Peter nickte und brummte weiter das Lied aus dem Fernsehen mit.

Er klickte weiter und landete beim Nachrichtensender, auf dem ununterbrochen ein Nachrichtenband, mit der Anzahl der Neuinfizierten und den aktuellen Todesfällen.

Peter legte die Fernbedienung beiseite und ging in die Küche, um eine Sektflasche zu öffnen, vielleicht kam ja so mehr die Stimmung von Silvester auf. Peter hörte, wie Klara mit Anna sprach.

„Morgen beginnt ein neues Jahr, Mutti.“
„Ein neues Jahr? Wieso das denn?“

Peter wandte sich der Sektflasche zu.

Manches würde hoffentlich besser werden, aber eben nicht alles, dachte er, während er am Sektkorken herumfummelte und Klara versuchte, Anna zu erklären, warum nach Mitternacht das neue Jahr 2021 anbrechen würde.

ANNA FREUT SICH, WENN AUCH NUR FÜR EINEN KLEINEN MOMENT

Es war am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages.
Heiligabend hatten Klara und Peter allein verbracht. Es war ruhig, aber beide genossen die Stille, die Ruhe, die der Tag mit sich brachte.
Dabei ging es die Jahre zuvor stets turbulent zu.

„Weißt du noch, wie schön es war, wenn deine Oma alle zu sich in die kleine Wohnung eingeladen hat?“

Klara erinnerte sich sehr lebhaft daran, wie sie mit Peter zu ihrer Oma, Heide Richter, in die kleine Stralsunder Wohnung kamen.

Es war beengt, wenn alle im Wohnzimmer Platz genommen hatten und der Tisch mit einer zusätzlichen Decke abgedeckt war. Darunter verbargen sich die Geschenke, mit denen Oma Heide jedem im Raum eine kleine Freude machen wollte.

Laura war noch klein und sauste im Zimmer hin- und her. Klaras Vater, Wilhelm Sturm, hockte mitunter schlecht gelaunt in der Ecke des Raumes.

Er hasste es, am Heiligabend durch die Gegend zu laufen. Er wollte zuhause sitzen, bei einem Glas Wermut und um sich herum seine Frau und seine Kinder.

Peter mochte es, bei Oma Heide zu sitzen, ihren Kuchen zu essen, einen Apfelstrudel, der nur ihr so einzigartig gelang.

„Ja, das war immer schön“, antwortete Klara jetzt.
Doch nun waren sie morgens im Wohnzimmer allein. Die Lichter am Baum leuchteten, die Geschenke am Boden davor waren ungeöffnet.

Krümel kam erst am 2. Weihnachtstag. Und so lag alles noch unberührt da. Im Fernsehen lief eine Reportage über die Lofoten. Die Idylle, die Atmosphäre, die der Schnee in dem Film in das Wohnzimmer trug, die hatte etwas Beruhigendes.

Nach dem Frühstück griff Peter zum Telefon.
„Ich ruf mal deine Mutter an und werde ihr ein frohes Weihnachtsfest wünschen.“

Klara nickte und Peter wählte die Telefonnummer von Anna.
„Sturm“, ertönte Annas Stimme, lustlos und verschlafen.

Wahrscheinlich hatte sich Anna schon wieder auf die Couch gelegt, nachdem die Schwester zum Spritzen dagewesen war.
„Ich wünsche dir ein frohes Weihnachtsfest.“

„Ja, danke, Peter“, sagte Anna. Ihre Stimme klang so, als hätte sie gar nicht verstanden, dass es überhaupt um das Weihnachtsfest ging.
Peter versuchte Anna ein wenig aufzumuntern.

„Wir hatten heute geräucherte Gänsebrust zum Frühstück, nichts Besonderes. Aber erinnerst du dich, wie Wilhelm zu DDR-Zeiten darum gekämpft hat, die Gänsebrust zum Fest heranzubekommen?“

„Ja“, seufzte Anna. Es war eine Weile still am Telefon. Anna schien sich zu erinnern.

„Ach, das war schön Peter. Wenn ihr alle am Tisch gesessen habt und wir haben uns zu dem Essen gefreut, das so gut schmeckte.“

Peter hatte es geschafft, Anna aus ihrem mentalen Loch zu holen und sie für einen Moment zum Lachen zu bringen.

„Es ist so traurig“, sagte Klara, als Peter den Telefonhörer wieder aufgelegt hatte.

„Schon, aber es ist sehr schön, dass deine Mutter einen kleinen Moment der Freude hatte, während wir die Erinnerungen an früher ausgetauscht haben. Wir können traurig sein, wir können uns aber auch freuen – über diesen Moment eben. Das ist auch Leben.“
Klara schwieg eine Weile.

„Du hast recht“, sagte sie dann und wählte die Telefonnummer von Laura und Krümel.

„Hallo Omi, ich ‚pomme‘ zu euch, morgen.“
Klara musste lachen. „Soll Opa dir was vorsingen?“

„Ja, ‚Tannebaum‘“, sagte Krümel.
Klara gab Peter den Hörer und der legte sofort los.

„Oh Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter…“
„‘Blääter‘“, wiederholte Krümel mit leiser Stimme.

Klara schmunzelte.

DER WEIHNACHTSBAUM IST DIESES JAHR KLEINER – PASST IN DIE ZEIT

ANNA IST DEMENT (91)

Peter litt unter der Corona-Zeit wie jeder in diesem Land.
Und wenn er mit etwas nicht so gut umgehen konnte, dann baute er sich eine Brücke, Erklärungs- und Motivationsmodelle, mit ich denen er sich durch den Alltag mogelte.

„Mensch, dieses Jahr feiern wir in kleinem Kreis. Die Besuchszeiten von Krümel und Laura sind stark eingegrenzt, da brauchen wir uns doch jetzt keinen Stress machen, oder?“, fragte er Klara.

Klara schwieg. Sie gab keine Antwort. Nein, die Antwort stand für sie fest, sie war auf jeden Fall für ‚oder‘.

‚Oder‘ hieß: also doch in die Discounter, rein in die Kaufhäuser, am letzten Tag, vor dem Lockdown.

Peter hatte noch am Montag den Weihnachtsbaum besorgt, weil er nicht wusste, ob diese Märkte auch schließen würden.

Als er beim Händler ankam, da sagte der zu ihm: „Ich kenn‘ Sie. Sie waren letztes Jahr schon hier.“

„Ja“, entgegnete Peter freudig.
„Ich brauche einen Weihnachtsbaum, diesmal nicht so groß.“

Der Verkäufer nickte und zog einen kleinen Baum aus dem Gewühl.
„Hier, der ist gut“, sagte er. Peter drehte ihn um und schaute auf die Rückseite. Da war er ein bisschen dünn, was die Zweige anbetraf. Aber vorn, ja da war er in Ordnung.

„Der ist es“, meinte Peter, so als hätte er seinen Baum aus dem vergangenen Jahr wiedererkannt.

„In Ordnung, macht 30 Euro.“
Peter bezahlte, verabschiedete sich, schleppte den Baum zum Auto und wuchtete ihn über die
geöffnete Kofferklappe und die umgeklappten Rücksitze ins Wageninnere.

Er fuhr schnurstracks nach Hause, hievte den Baum wieder aus dem Auto und schleppte ihn auf die Terrasse, stellte ihn ab und ging anschließend ins Haus hinein.

Peter setzte sich wortlos an seinen Schreibtisch.
„Und, wo ist der Baum?“, ertönte es aus dem Nebenzimmer.

„Hier, neben meinem Schreibtisch“, antwortete er.
„Willst du mich veräppeln?“ Klara war aufgesprungen und zu ihm hinübergekommen.

„Na, wo soll er wohl sein? Auf der Terrasse, wo sonst, wie immer.“
„Kann ich ihn vom Fenster aus betrachten?“, fragte Klara.

„Das kann ich dir nicht sagen!“, antwortete Peter schnoddrig.
„Von meinem Fenster auf jeden Fall nicht, denn ich muss weiterarbeiten und kann jetzt nicht aufstehen“, setzte Peter noch nach.

„Du bist so ein Macho!“, sagte Klara jetzt.
‚Macho, hatte sie Macho gesagt?‘, dachte Peter.
War er es nicht, der vom Schreibtisch aufgesprungen war, um zum Händler zu eilen? Hatte er sich nicht mit dem Baum bis nach Hause gequält?

„Das finde ich jetzt aber nicht schön, dass du das sagst.“
Klara antwortete nicht. Sie war die Treppe hinuntergegangen, um den Baum aus nächster Nähe zu begutachten.
Peter ging hinterher.

„Der ist aber klein. Hatten die keinen größeren?“
Peter schnaubte innerlich. Gerade hatte sie ihm in der vergangenen Woche noch morgens um fünf Uhr am Bahnhof gesagt, bevor sie aus dem Auto stieg, um ihren Zug erreichen:

„Du, wenn du einen Weihnachtsbaum kaufst, dann nicht so groß. So, diese Größe reicht“, meinte sie und reckte ihre rechte Hand in Richtung Brusthöhe.

„Ich will heute keinen Baum kaufen, das steht nicht auf meinem Plan“, meinte Peter.

„Ach, ich dachte ja nur“, sagte Klara nun leicht eingeschnappt.
Peter hasste es, wenn Klara ihn morgens mit irgendetwas überfiel, was sie abends nicht besprochen hatten und was deshalb auch nicht in seiner Planung berücksichtigt worden war.

Gerade die unliebsamen Dinge, die brauchten für ihn eine Gewöhnungsphase, in der er sich damit abfand, wieder etwas zu tun, wozu er nun überhaupt keine Lust verspürte.

Ja gut, wenn sein neues iPhone geliefert würde, ja, da könnte er schon mal eine Ausnahme machen. Aber Weihnachtsbaum kaufen? Auf keinen Fall.

Und nun hatte er den Weihnachtsbaum gekauft, auch noch in der Größe und Klara zeigte keine Regung der Dankbarkeit.

„Der ist genauso groß, wie du es mit deiner rechten Hand vor ein paar Tagen angezeigt hattest. Erinnerst du dich?“
Klara antwortete erst gar nicht.

„Und wieviel hat der gekostet?“, fragte sie stattdessen.
„30 Euro.“

„Was, das ist nicht dein Ernst!“

„Der Verkäufer hat auf mich nicht den Eindruck gemacht, dass er mit mir scherzen wollte“, sagte Peter.

Dabei war ihm auch aufgefallen, dass er ein Jahr zuvor einen viel größeren Baum für nur 20 Euro vom gleichen Verkäufer erstanden hatte.

Und er hatte sich noch mit ihm gestritten.
„Ich denke, jede Nordmanntanne kostet nur 10 Euro?“, fragte er den Verkäufer.

„Ja, aber nur bis zu einer bestimmten Größe. Und der hier, der ist definitiv größer.“

Das leuchtete Peter damals ein. Aber in diesem Jahr war der Baum ja wesentlich kleiner und kostete dafür gleich noch 10 Euro mehr.
Peter wollte sich nicht streiten.

Im vergangenen Jahr hatte der Verkäufer ihm auch noch geholfen, den Baum zum Auto zu bringen.

Diesmal machte der überhaupt keine Anstalten.
Und nun stichelte Klara: „Da hast du dich ja mal wieder grandios über den Tisch ziehen lassen.“

Peter war sauer. Er drehte sich auf der Stelle um und ging zurück an seinen Schreibtisch.

Als er eine Weile dort gesessen hatte und merkte, dass er sich nicht konzentrieren konnte, polterte er die Treppenstufen hinunter, ging ins Wohnzimmer und stellte den Fernseher an.

Es lief ‚Monk‘, sein Lieblingsfilm. Monk brauchte Ordnung, Verlässlichkeit, Struktur.

Der Film gefiel ihm. Peter legte die Beine auf die Couch und schlief ein, während Detektiv Monk ermittelte.
Weihnachten konnte kommen.

 

 

DER ALBTRAUM

Was bisher war:
Peter und Klara hatten Laura und Krümel zu sich eingeladen. Es war ein Wochenende mit Lachen, verstreuten Spielzeugen auf dem Fußboden, Plätzchen backen, Geschenken vom Nikolaus am Samstagmorgen. Es war wieder still geworden.

Der Morgen am Montag, an dem klar war, dass es zum harten Lockdown kommen würde, fühlte sich irgendwie nicht ganz so normal an, wie an den anderen Tagen zum Wochenbeginn.

Das Scheppern der Bio-Tonnen, die entleert wurden und das heulende Motorengeräusch des großen Sattelschleppers durchbrachen diese Stille.

Es war unheimlich und faszinierend zugleich. Der Morgen erwachte, die Sonne kam langsam durch, die Straße vor Peters Haus war weiß, wie mit Puderzucker übersät. Überall brannte die Weihnachtsbeleuchtung und es war, als würde man direkt neben dem Märchenwald wohnen.

Peter liebte die Stille morgens, wenn er sich sehr früh an seine Arbeit machte und schnell vorwärtskam.

Aber dieses Mal war alles etwas ungewöhnlich für ihn. Er dachte an die Pressekonferenz am Vortag der Ärzte aus Leipzig, die sagten, dass die Krankenhäuser kurz vor dem Kollaps stünden.

„Jeder kann sterben“, beschwor einer der Mediziner seine Zuhörer.
Peter fühlte keine Angst, aber es kam ein ungutes Gefühl in ihm hoch, eine imaginäre Kraft, die ihn zu paralysieren schien, wenn er nur an die kommenden Wochen und Monate dachte.

Dabei störte es ihn nicht, dass es Silvester keine Böllerkonzerte geben sollte, oder dass er nicht reisen durfte.

Ihm machte etwas anderes Angst. Er sah sich in einem Intensivbett, wie Ärzte und Pflegekräfte um ihn herumstanden und fluchten, dass er so schwer sei und sie Mühe hatten, ihn auf das Bett zu hieven.

Er solle liegenbleiben und nicht laufend mit den Ärzten diskutieren, Widerworte gegen das anmelden, was die Schwestern ihm sagten.
Peter schreckte hoch und war froh, dass es nur ein Tagtraum war.

Ein paar Tage später. Peter stand vom Schreibtischstuhl auf und hatte sich nach unten geschlichen. Im Nebenzimmer saß Klara und arbeitete an ihrem Laptop.

Peter wollte nicht, dass sie ihn fragte: „Gehst du schon wieder nach unten?“

Schließlich hatte er vor kurzem gelesen, dass sich ein ehemaliger amerikanischer Präsident in seinen Schreibpausen ebenfalls ins Wohnzimmer begab, um sich irgendwelche Comedy-Serien anzusehen.

Da konnte er das doch auch tun.
„Das ist richtig, nur, dass bei dir längst nicht so viel herauskommt, wenn du am Schreibtisch sitzt“, würde Klara sagen und Peter wäre beleidigt, obwohl er wusste, dass sie recht hatte.

Peter schob diese Gedanken beiseite und schaltete den Fernseher ein. Er war auf dem Nachrichtenkanal gelandet.

‚Europäische Arzneimittelagentur lässt Impfstoff zu…‘

‚Na endlich‘, brummte Peter, obwohl ihm schon klar war, dass es eigentlich rasend schnell gegangen war, im Vergleich zu normalen Zeiten, wo Medikamente geprüft und zugelassen wurden.
Peters Albtraum am Tag löste sich langsam auf und verschwand aus seinen trüben Gedanken.

Weihnachten konnte kommen.