Archiv der Kategorie: ANNA IST DEMENT

Kurzgeschichten

BESUCH IM PFLEGEHEIM IN DRESDEN

ANNA IST DEMENT (48)

Peter geht an der Tür seines Vaters vorbei. Dort steht jetzt ein anderer Name auf dem Türschild. Peter muss schlucken.

Peter und Klara hatten sich am Samstagmorgen aufgemacht, um mit dem Auto nach Dresden zu fahren – ins Pflegeheim, dort wo Peters Mutter, Getrud Gerber, seit nun schon über anderthalb Jahrzehnten lebte. Sie war im Sommer 90 Jahre alt geworden und litt stark an Demenz.

„Ob sie uns wohl wiedererkennt?“, fragte Peter.
„Ich hoffe“, antwortete Klara, „aber genau wissen wir es erst, wenn wir vor ihr stehen“, setzte Klara nach.

Peter hatte einen Tag vorher noch die Pflegedienstleiterin, Schwester Eva, angerufen und gefragt, wie es seiner Mutter ginge.
„Ihre Mutter ist ganz munter und erkennt auch die Schwestern, wenn sie zur Tür hereinkommen“, sagte Schwester Eva.

„Das freut mich, dann haben wir ja eine Chance, dass sich meine Mutter freut, wenn wir eintreffen“, meinte Peter.
„Ja, ganz bestimmt“, versicherte die Schwester Peter. Dresden kam näher. Es war die Stadt, in der Peter sein Abitur gemacht hatte und mit der ihn viele Erinnerungen verbanden. Und trotzdem, das Gefühl von wirklicher Heimat wollte nicht aufkommen. Zu lange hatte Peter wohl im Norden gewohnt, in Schwerin und später in Stralsund.

Peter stellte das Navigationsgerät aus, denn er wusste, wie er fahren musste.
Sie fuhren an der Frauenkirche in die Tiefgarage und begaben sich zu Fuß zum Pflegeheim.

„Welchen Stock müssen wir drücken?“, fragte Klara, als im Foyer des Heimes in den Fahrstuhl stiegen.

„Ich glaube der dritte ist richtig“, antwortete Peter und ärgerte sich, dass sie es sich nie merkten, wo Getrud Gerber lag.

„Wir sind einfach zu wenig hier“, sagte Peter und wollte mit diesem Satz sein schlechtes Gewissen beruhigen. Als sie aus dem Fahrstuhl ausstiegen, gingen sie den Gang entlang, der zum Zimmer von Peters Mutter führte.

Sie mussten vorbeilaufen an dem Zimmer, in dem Peters Vater – Manfred Gerber – viele Jahre gewohnt hatte. Seine Frau und er wohnten in den letzten Jahren nicht mehr zusammen. Sie besuchten sich, solange es noch ging, aber die fortschreitenden Krankheiten bei beiden brachten es mit sich, dass die Pflege und Betreuung wirkungsvoller war, wenn beide in verschiedenen Zimmern untergebracht waren.

An der Tür von Manfred Gerber stand jetzt ein anderer Name. Peter bekam weiche Knie. Ihm wurde klar, wie endgültig es war, dass er seinen Vater nie wieder sehen oder sprechen würde.

Am Ende des Ganges war ein Buch aufgeschlagen, in dem die Todesnachrichten untergebracht waren. Peter blätterte das Buch durch und erblickte das Foto seines Vaters.

Es war nicht die letzte Seite. Im Herbst waren weitere Todesanzeigen hinzugekommen.

„Hier kommst nur wieder auf der Bahre raus“, hatte sein Vater mal zu Peter gesagt.

Peter schluckte. Er musste sich zusammenreißen, denn sie waren an der Tür von Getrud angekommen.

ANNA IST DEMENT (47)

WIE FIGUREN BEI ‚ANNA IST DEMENT‘ RICHTIG EINFÜHREN UND BESCHREIBEN?

Wir lassen uns mehr von unseren Gefühlen leiten, als wir es selbst manchmal wahrhaben wollen.

Wir hören vor allem deshalb gern Schlager, weil die Melodien in einen Zustand des Glücks versetzen.
Ein anderer hört vielleicht klassische Musik und kann darüber seinen Gefühlen freien Lauf lassen.

In jedem Fall können wir ohne diese Gefühle nicht existieren, oder nur sehr eingeschränkt.
Aber wie bekomme ich es hin, diese Gefühle auf meinen Seiten, speziell bei ‚Anna ist dement‘ zu transportieren?

Klar, ich kann beschreiben, wie Anna aus ihrer Wohnung schaut, auf den Stralsunder Hafen und sich an den Schiffen erfreut, die dort an der Pier liegen.

Aber ich glaube, auf die Dauer wird das langweilig.
Ich muss dazu übergehen, die handelnden Personen näher zu charakterisieren.

Anna zum Beispiel, oder Peter. Zumal das ja Figuren sind, die im Mittelpunkt des Geschehens stehen. Ich muss sie noch näher beschreiben, damit der Leser sich ein Bild machen kann, in die Gefühlswelt meiner Figuren eintauchen kann.

Und ehrlich: Das habe ich bisher immer vernachlässigt, zumindest wenn es darum ging, in die Tiefe zu gehen.
Natürlich weiß ich, dass es ohne richtige Figuren keine fesselnde Geschichte geben kann.

Und trotzdem tue ich mich schwer damit, die eigenen Gedanken, Gefühle, quasi die eigene Seele dem Leser zu öffnen.
Auf der anderen Seite weiß ich, dass es der einzige Weg überhaupt ist, den Leser tatsächlich zu berühren.

Du fängst also an, dich näher mit deinen Figuren zu befassen, du begibst dich faktisch in sie hinein. Und siehe da, du bist schon bei dir selbst.

Das kannst du gar nicht vermeiden, weil du deine Sicht auf die Person wiedergeben musst und du dich also fragst, warum du sie so und nicht anders siehst.

Wenn ich es schaffen will, dass meine handelnden Personen vom Leser angenommen werden, muss ich schon auch ein klein wenig in die Seele des anderen einsteigen.

Das macht mir Spaß. Ich frage mich immer, warum mir jemand in dem Moment etwas fragt und warum er teilweise gar nicht auf das reagiert, was ich selbst gerade gesagt habe.

Wahrscheinlich, weil es ihn nicht interessiert hat. Aber herauszubekommen, was einem anderem Menschen Spaß macht, was ihn für Motive umtreiben, das ist schon etwas, was ich sehr gern tue.

Also bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich an die Charakterskizzen meiner einzelnen Figuren zu machen.

ANNA IST DEMENT (46)

FRIEDA IST EINE SCHRECKLICH LAUTE PERSON

Peter dachte noch immer daran, wie er sich Anna gegenüber verhalten hatte. Er fühlte sich im Recht, als er sie bat, den Gurt im Auto anzulegen.

Doch er hatte das außeracht gelassen, was er stets zu Klara in solchen Situationen sagte: „Anna ist dement und wir sind es nicht. Anna kann ihr Verhalten nur noch bedingt steuern.

Wir aber, wir können das und wir haben deshalb die Verantwortung dafür, mit entstandenen Situationen umzugehen.“

Das waren seine Worte. Und nun, wo es darauf angekommen war, sie tatsächlich zu berücksichtigen, da versagte er doch glatt.

Peter hatte darüber mit einer Inhaberin eines Pflegenternehmens telefoniert. Er kannte sie nicht persönlich, aber er wusste, dass sie ihn bestens verstand.

Im Grunde wusste er selbst sehr genau, was er falsch gemacht hatte, aber es tat gut, dass ihm jemand zuhörte, der nicht nur vom Fach kam, sondern auch menschlich nachfühlte, was auf beiden Seiten vorging, auf der Seite von Anna und auf seiner Seite.

Wieviel Konfliktstoff barg die Betreuung von Anna in sich?

Ihre Krankheit stellte jedenfalls alle auf die Probe – Klara, Lucas, die ganze Familie eben.

„Wie geht es euch?“, fragte Anna einige Tage später Klara am Telefon.
Sie hatte längst vergessen, welche Auseinandersetzung sie mit Peter und Klara hatte.

„Manchmal hat die Demenz auch gute Seiten“, sagte Peter.
Klara schaute ihn empört an.

„Das ist ja wohl nicht dein Ernst“, sagte sie.
„Du hast Recht. Es ist schlimm genug, dass Anna vieles gar nicht mehr mitbekommt.“

„Und vor allem, meine Mutter mag dich doch so gern. Sie hat in den ganzen Jahren unserer Ehe nie ein böses Wort über dich gesagt“, setzte Klara nach.

„Ja, ich weiß.“
Peter schmunzelte.

„Warum lachst du?“, fragte Klara.
„Weißt du noch, wie ich mit Frieda über Politik stritt und es emotionaler wurde?“

„Ja, und?“
„Naja, hinterher sagte Anna nicht etwa, dass ich zu laut gesprochen hätte. Nein, sie meinte, dass Frieda nur so eine schrecklich laute Person sei.“

SCHREIB-ALLTAG (8)

WARUM AUSGERECHNET DER ALLTAG?

Ich habe in den vergangenen Tagen noch einmal darüber nachgedacht, warum ich gerade den Alltag zur Vorlage für meine Texte nehme.

Und wie passt dazu zum Beispiel die Pflege?

Um mir selbst noch einmal zu verdeutlichen, warum gerade der Alltag im Fokus meines Schreibens steht, habe ich die Rubrik ‚WARUM ICH ÜBER DEN ALLTAG ERZÄHLE‘ überarbeitet und zum großen Teil neu gefasst:

Unser ganzes Leben besteht aus Alltäglichem – aus kleinen Sorgen und großen, aus Kummer, Liebe, Leidenschaft, fantastischen Erfolgen und schlimmen Niederlagen.

Der Sonntag oder der Feiertag, sie sind wichtig, dienen meistens dem Innehalten, aber unsere Energie, unsere Motivation stecken wir in den Alltag.

Diese ‚alltägliche Wirklichkeit‘ erlebt jeder anders, nimmt sie ganz individuell wahr.

Deshalb will ich keine allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten herausarbeiten, die man vielleicht im Alltag beachten sollte.

Nein, ich kann nur von meinem Erfahrungshorizont aus schreiben.
Darum wähle ich auch in den meisten Texten die ‚Ich-Erzählperspektive‘.

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ANNA IST DEMENT (45)

LEG‘ DEN GURT RICHTIG UM, BITTE
Klara und Peter wollen mit Anna einen Ausflug machen.Anna stöhnt, weil sie sich anschnallen muss. Peter kommt an seine Grenzen, er wird lauter, und er ist erschrocken - seinetwegen. 

„Wir wollen einen Ausflug machen“, sagte Klara zu Anna.

„Wohin?“, fragte Anna.

„Nach Altefähr“, antwortete Klara.

Anna schaute Klara mit wirren Augen an.

„Wieso willst du einen Ausflug machen, ich versteh‘ das nicht.“

„Mutti!“, Klara hatte Mühe, sich zu beherrschen, „wir wollen, dass du mal an die frische Luft kommst und nicht immer zu Hause herumhockst!“

„Warum hocke ich rum?“, fragte Anna vorwurfsvoll zurück.

„Ich halte das nicht mehr aus“, sagte Klara zu Peter, als sie wieder aus der Wohnung raus waren.

„Aber du weißt doch, dass das ihre Krankheit ist“, versuchte Peter sie zu beruhigen. Sie sprachen nicht mehr darüber.

Am nächsten Tag fuhren Klara und Anna zu Annas Haus, um sie zum Ausflug abzuholen.

„Ich geh‘ hoch und helfe Mutti beim Anziehen“, sagte Anna, bevor sie aus dem Auto stieg, um die Treppen zu Annas Wohnung hinaufzugehen. Peter wartete im Auto.

Er war in sein Handy vertieft, als es an die Autoscheibe klopfte.  Peter schaute nach draußen. Klara winkte. Hinter ihr stand Anna, mit  mürrischen Blick.

Peter stieg aus dem Auto aus und ging zu Anna, um ihr ins Wageninnere zu helfen. Anna stöhnte und als sie schließlich saß, da zerrte sie an dem Gurt, als würde der sie umbringen.

„Was ist denn das für ein Scheiß“, fluchte Anna.  So etwas hätte sie früher nicht gesagt, als sie noch gesund war.

„Steck‘ bitte den Gurt in die Schnalle.“

„Welche Schnalle?“, fragte Anna Peter und schaute ihn böse an.

„Ich komme jetzt auch nicht auf den richtigen Begriff, aber warte, ich mach das für dich.“

Peter stieg hinten ein und befestigte Annas Gurt wortlos.

„Ach, das ist mir zu eng“, sagte Anna und schaute Peter vorwurfsvoll an. Gleichzeitig zerrte sie am Gurt und hielt ihn mit einer Hand vom Oberkörper weg.

„Bitte nimm die Hand da raus“, sagte Peter.

„Warum?“

„Weil ich der Fahrer bin und die Verantwortung für deine Sicherheit trage.“

Anna schaute ihn spöttisch an: „Du bist wohl der Kapitän auf einem großen Schiff?“

„Wenn du jetzt nicht das tust, was ich dir sage, dann kann ich dich nicht mitnehmen.“

Peter erschrak über seine laute Stimme. Es fiel ihm schwer, Anna so zu nehmen, wie sie gerade war.

Klara hatte auch ihre Probleme damit. Aber sie schluckte es runter. Doch Peter konnte das nicht alles bei sich behalten. So wie ein altes Stück Fleisch, das man schließlich doch zerkaute und mit Mühe herunterwürgte, bis er es ab einem bestimmten Punkt wieder nach oben brachte und es auskotzte, vor die Füße der anderen.

Und so war bei Anna, als sie zu ihm spöttisch sagte, dass er ja wohl nicht der große Kapitän auf einem Schiff sei, sondern nur der kleine Fahrer von einem kleinen Auto.

Da brach es aus ihm heraus:

„Du brauchst mich hier nicht zu verspotten. Wir sind nur hierhergekommen, um nach dir zu sehen, uns um dich zu kümmern. Klara tut alles, damit du in deiner Wohnung klarkommst. Ich schreibe die Unternehmen und die Leute an, mit denen du unnötige Verträge geschlossen hast, um dich da wieder herauszuholen. Du musst dich dafür nicht bedanken, aber wir wollen nicht auch noch von dir verhöhnt werden.“

Peter hielt inne. Er wusste, dass er zu weit gegangen war. Klara schwieg.

Aber es war dieses Schweigen, was ihm signalisierte: „Warum sagst du das alles? Das kommt doch gar nicht an bei meiner Mutter. Du bringst sie nur noch mehr durcheinander.“

Peter sagte nichts mehr. Er stieg nach vorn ins Auto und fuhr einfach los. Anna hatte die Hand aus dem Gurt herausgenommen.

 

 

ANNA IST DEMENT (44)

ICH BITTE UM DIE TABLETTEN AUS DER KISTE
Lukas ist auf dem Weg zu Anna, wie jeden Tag.
Anna schaut ihn mit wirrem Blick an.
Sie versteht nicht, warum die Kiste mit den Spritzen verschlossen ist, und warum nur der Pflegedienst sie aufmachen darf.

Lukas ist auf dem Weg zu Anna.

Vorher hatte er noch im Stralsunder Hafen bei einem älteren Ehepaar aus Hamburg vorbeigeschaut, die in ihrer Ferienwohnung Urlaub machten, und die ihn mit der Betreuung der Feriengäste betraut hatten.

Im Herbst, wenn der Ansturm der Urlauber abflaute, kamen die Eigentümer selbst, um sich ein wenig von Hamburg zu erholen.
Sie freuten sich, wenn Lukas vorbeikam und sich nach ihrem Befinden erkundigte.

Aber nun war er auf dem Weg zu Anna. Als er in der Tür stand, schaute sie ihn mit wirrem Blick an.

„Du kommst ja ganz schön viel, hast du nichts zu tun?“

Lukas schwieg. Er kämpfte seinen Ärger hinunter. Er hatte sich extra beeilt. Und nun dieser Vorwurf von Anna.

„Jetzt lass mich doch erst einmal hereinkommen!“, sagte er stattdessen.

In seine Stimme war ein klein wenig mehr Schärfe gekommen, als er es selbst wollte. Er ging ins kleine Zimmer, in der die Kiste mit den Spritzen und Tabletten stand.

„Ich versteh‘ nicht, warum die Kiste hier verschlossen ist“, sagte Anna mit vorwurfsvollem Unterton zu Lukas.

„Mutti, damit du dort nicht rangehst und dir eigenständig die Spritzen und Tabletten rausholst.“

„Aber wer soll das denn sonst tun?“, fragte Anna.

„Mutti!“, Lukas hielt inne, weil er Angst hatte, dass er zu laut wurde. Sein Blick fiel auf zwei Zettel, die auf der Kiste lagen.

„Achtung! Wer gibt mir die Tabletten aus der Kiste?“, hatte Anna dort draufgeschrieben.

„Wie regeln? Morgens muss ich meine Tabletten einnehmen. Das ist alles in der Kiste!“

Lukas stockte der Atem. Anna hatte nichts begriffen, im Gegenteil, sie versuchte immer noch an die Kiste heranzukommen.

„Habe also nichts eingenommen. Abends kann ich so nicht arbeiten.“

„War der Pflegedienst schon hier und hat dich gespritzt?“, fragte Lukas.

„Nein, hier war keiner. Und die Kiste ist auch zu. Es ist zum Verzweifeln.“

Lukas schlug das Buch auf, in dem die Mitarbeiter des Pflegedienstes regelmäßig eintrugen, wann sie dagewesen waren.

„Hier steht doch, dass vor zehn Minuten der Pflegedienst da war, dich gespritzt hat und dir die Tabletten verabreicht hat.“

„Das kann doch nicht sein, dass ich das schon wieder vergessen habe“, sagte Anna resigniert.

 

ANNA IST DEMENT (43)

ANNA IST ÜBERFORDERT, LUKAS AUCH
RÜCKBLICK - ANNA IST DEMENT (42)
Lukas war mit der Situation, die sich ihm bot, überfordert.
Seine Mutter fragte laufend nach, warum er das alles eingekauft hatte, Frieda, Annas Freundin, stand hinter Anna und beobachtete mit Argusaugen, was sich zwischen Mutter und Sohn abspielte.

Frieda war von Herzen gut, selbst sehr organisiert in ihrem eigenen Leben, aber sie war eben auch von einer zügellosen Neugier getrieben.

Sie musste alles wissen – was im Kühlschrank von Anna war, warum Anna ihr nichts davon erzählt hatte, dass sie auf einer Beerdigung von einer guten Bekannten gewesen war.

Frieda machte es für Lukas nicht gerade leicht, in dem Moment, wo er so schnell wie möglich wieder losfahren wollte.
Auf ihn warteten seine Kunden. Die einen wollten ihren Garten gemäht haben und die anderen waren Gäste in einer Ferienwohnung und drängten darauf, dass die Herdplatte wieder anging.

Dazwischen Frieda Krüger mit ihren Bemerkungen, die die ganze Situation noch verschlimmerte.

„Anna, ich verstehe nicht, warum du die Bestellungen nicht gleich für eine ganze Woche auf den Zettel schreibst und sie dann Lukas gibt‘s. Der kann dann einkaufen, wenn er Zeit dafür hat.“

Frieda meinte es gut, aber das alles sagte sie zu einem Zeitpunkt, wo es wirklich nicht angebracht war, denn Lukas hatte ja nun gerade eingekauft.

„Was meinst du mit dem Einkaufszettel? Warum soll ich einen Einkaufszettel schreiben?“, fragte Anna unwirsch dazwischen.

„Und die Schwestern kommen auch nicht zum Spritzen.“
„Mutti, es ist jetzt kurz vor zwölf. Die Schwestern werden gleich kommen, und du bekommst dann deine Spritze.“
Hast du denn kein Buch, wo das eingetragen wird?“, fragte Frieda.

„Was für ein Buch?“, fragte Anna.
„Ich habe noch nie ein Buch gesehen“, erwiderte Anna trotzig.

 

ANNA IST DEMENT (42)

LUKAS RACKERT SICH AB

Lukas keuchte die Treppen bei Anna rauf.
Er hatte zwei schwere Taschen in der Hand, in jeder eine. Die zerrten an seinen Handgelenken, schnürten ihm das Blut in den Fingern ab.

Als er endlich an der Tür angekommen war, ließ er sich schnaufend auf den Stuhl fallen, den Anna vor die Wohnungstür gestellt hatte.
Schließlich erhob er sich ächzend und drückte auf den Klingelknopf.

Es dauerte eine Weile, bis sich drinnen jemand bemerkbar machte.
Die Tür öffnete sich und Anna blickte Lucas erstaunt an.
„Mit dir hätte ich ja nun gar nicht gerechnet“, sagte sie und schaute mürrisch drein.

„Mutti, wir haben doch heute Morgen erst besprochen, dass ich für dich einkaufe, und dafür hast du mir ja sogar einen Zettel geschrieben.“

Lukas konnte seine Enttäuschung darüber, dass sich Anna nicht freute, kaum verbergen.

Hinter Anna ertönte eine fröhliche Stimme: „Guten Tag, Lukas.“
Es war Frieda Krüger, eine gute Freundin von Anna. Sie kannten sich schon von ihrer gemeinsamen Schulzeit aus dem Krieg her.
Frieda ist herzensgut und sie glaubt, sie müsse alles wissen, was so bei den anderen passiert.

Neugierig sagen die einen über sie, wissbegierig sie über sich selbst. Und bereit zu helfen.

Lukas hatte das wohl nicht im Blick, als er Frieda sah.
„Die fehlt jetzt noch in meiner Sammlung“, sagte er sich, besser, er dachte es. Denn laut sagen würde er das nie. Das traute er sich nicht.

Da war Lukas einfach zu feige, oder klug genug, nicht noch zusätzliche Konflikte zu provozieren.

Fortsetzung in ‚ANNA IST DEMENT (43)‘

ANNA IST DEMENT(41)

GLÜCK BRAUCHT KEINE VORBEDINGUNGEN

Peter hockt noch im Fitness-Studio und hat keine Lust mehr, sich zu quälen. Doch dann muss er an seine Mutter in Dresden denken. Sie sitzt den ganzen Tag im Rollstuhl, meist bewegungslos. Ihre Mimik scheint eingefroren.

Was ist das noch für ein Leben?
Peter will vermeiden, dass es ihm genauso ergeht. Wenigstens will er es rausschieben, möglichst weit nach hinten raus.

Also weitermachen mit den Übungen. Aber was ist mit den anderen Risikofaktoren? Übergewicht, Bluthochdruck, Gene?

100 Punkte für die Wahrscheinlichkeit, dass eines davon die Ursache für die eigene Demenzschwäche ist. Glaubt Peter das wirklich?

Peter schiebt diesen Gedanken von sich. Er will das tun, was er tun kann. Also weitermachen mit Sport und Abspecken.
Es ist wie jeden Tag. Peter kann fluchen, dass er früh aufsteht, bis zum Alex fährt, um sich dort fit zu halten, oder er nimmt den anderen Blickwinkel.

Den, der ihn sofort mit Leben umgibt. Mit der Energie, die er braucht, um dem ganzen Tun einen Sinn zu geben.
Er muss an seinen Vater denken. Was sagt er, wenn sie ihn zu Grabe tragen?

Woran soll er sich erinnern und woran will er die anderen erinnern, die mit ihm auf dem Friedhof stehen?
An die vielen Dispute, die unnützen und unsäglichen Dialoge, in der keiner nachgeben wollte?

Oder lieber daran, was er an seinem Vater so schätzte?
Seinen scharfen Verstand, seine Fähigkeit, schnell Menschen zu erkennen, Beobachtungen auf den Punkt zu bringen, auf des Pudels Kern zu reduzieren und rhetorisch zu glänzen, sowieso.

Sicher wird er über alles das sprechen. Aber was ist noch wichtiger?
Vielleicht die Tatsache, dass alles endlich ist, keiner die Zeit bekommt, die er glaubt auf seinem Konto zu haben, die ihm sozusagen zustünde, um etwa wieder was in Ordnung zu bringen.

Es ist besser, manche Dinge einfach laufen zu lassen, nicht dauernd auf die Schwächen anderer zu schauen. Vielmehr, einem Menschen Kraft zu geben, und ihm zwischendurch auch einmal zu sagen, wie sehr man ihn mag, und sei er noch so widerborstig.

Peter dachte daran, wie er zuletzt Krümel abholte, wie sie auf ihn zuschoss, weil sie glücklich war, ihn zu sehen.

Warum vergeht eigentlich diese ungestüme Freude im Alter?
Dieses glücklich sein, ohne irgendwelche ‚ja, aber‘ vorweg, sondern eher ‚hier und jetzt‘, sofort Spaß, nicht aufgespart für Weihnachten, wie das Glas Gurken zu DDR-Zeiten.

Peter wird aus seinen Gedanken gerissen, weil neben ihm jemand laut die Gewichte aufknallt. Er will schon rübergehen und sagen: „Hör mal, das macht man nicht, weil du das Gerät beschädigst und vor allem, weil du die anderen neben dir störst.“

Aber dann erinnert er sich an das, was er seinem Vater eigentlich noch hätte sagen wollen.

Er schaut zu seinem Trainingspartner am anderen Gerät rüber und lächelt ihm zu, und hebt den Daumen.

Der lächelt zurück und setzt die Gewichte beim weiteren Mal ganz vorsichtig ab.
„Geht doch“, würde jetzt Lukas sagen. Aber der ist ja in Stralsund. Peter wird ihn auf der Rückfahrt anrufen. Sie können morgens immer so schön lachen, über das, was Anna so raushaut. Sie lachen dann herzhaft, sie lachen Anna nicht aus, nein, sie machen sich nur gegenseitig Mut, geben sich Kraft für das, was noch kommt.

 

ANNA IST DEMENT (40)

ANNA HAT DEN ANRUF VON LUKAS SCHON WIEDER VERGESSEN

Es ist schon spät, als Anna sich bei Lukas am Telefon meldet.
„Ich bin gerade beim Abendbrot“, sagt Lukas leicht genervt zu Anna.

Anna druckst herum, bis sie salbungsvoll über die Lippen bringt: „Ich wollte dir auch nur ein wunderschönes Abendessen wünschen.“

„Aber Mutti“, die Stimme von Lukas zittert vor Empörung, „wir haben doch gerade miteinander gesprochen.“

„Ach, haben wir das? Na dann kann ich ja wieder auflegen“, antwortet jetzt Anna. In ihrer Stimme schwingt mit, wie beleidigt sie gerade von dem ist, was Lukas ihr gesagt hat.

Lukas ärgert sich darüber, dass er sich mal wieder nicht im Griff hatte. Dabei wollte er sich nicht aufregen, egal, was Anna von sich gab.

„Mutti, was wolltest du mir denn noch mitteilen?“, fragte er nun schon versöhnlicher.

„Du, stell dir vor, Peters Vater ist tot.“
Lukas verschluckte sich an dem Stück Brot, das er kurz bevor das Telefon klingelte in den Mund geschoben hatte.

„Und Mutti, stell du dir vor, das habe ich dir vor einer halben Stunde erzählt. Das kannst du also nur von mir wissen.“
Anna schwieg.

„Bist du noch da?“, fragte Lukas.
„Ja, aber ich kann das nicht glauben, dass ich das schon wieder vergessen habe.“

„Mutti, das ist überhaupt nicht schlimm. Dafür sind wir doch da. Um dir zu helfen, dich an das alles zu erinnern. Wie war denn dein Tag heute?“

„Ach, es war so schön auf dem Balkon bei mir. Die Sonne schien und die Blumen blühen. Es ist einfach herrlich.“
Anna hatte das alles Lukas schon vor einer halben Stunde erzählt, mit den gleichen Worten.

„Mutti, das ist doch wunderbar.“
Lukas hatte mal wieder die Kurve gekriegt.

ALLTÄGLICHES (2)

REDAKTIONSPLAN WIEDER EINMAL UMGESTOSSEN

Je mehr ich schreibe, desto intensiver denke ich zugleich darüber nach, in welcher Reihenfolge ich die einzelnen Themenfelder am besten bearbeite und die entsprechenden Artikel danach veröffentliche.

Ich möchte, dass diejenigen, die regelmäßig bei mir auf den Blog schauen auch wissen, was sie täglich erwartet.
Und vielleicht interessiert den einen Leser mehr das Alltägliche, einen anderen wiederum, wie ich mich beim Abnehmen quäle.

Die wenigsten werden alles lesen wollen, manch einer möchte vielleicht gar nichts mehr lesen, wenn er meine Texte studiert hat. Das ist das Leben.

Und so soll es ab jetzt sein:
montags ist Alltägliches dran; kleine Erzählungen aus dem Alltag, was mir durch den Kopf geht, was ich sehe und erlebe;

dienstags schreibe ich über meine Quälerei, um 50 Kilo abzunehmen;
Halleluja, das bleibt spannend, zumindest für mich;

mittwochs ist eine Familiengeschichte am Start; ich erzähle in kleinen Häppchen darüber, was passiert, wenn Familienangehörige von Demenz betroffen sind, wie das Leben trotzdem nicht nur von Kummer und Leid geprägt ist, sondern auch von Humor.


donnerstags lasse ich mich im Schreib-Alltag über meine Erfahrungen aus, wenn ich den Stift in die Hand nehme, auf die Tastatur der Schreibmaschine haue oder eben gleich meine Ideen und Phantasien über die Computertastatur eingebe, welches Handwerkzeug ich für meine Erzählungen benötige;

freitags gibt Jeepy in Form von kleinen Geschichten sein Bestes,

und samstags und sonntags halte ich die Füße hoch.
Und danach geht alles wieder von vorn los mit meinem Freund, dem Alltag.

ANNA IST DEMENT (39)

„ACH WAS, DAS STIMMT NICHT“

„Was hat Mama gesagt, als die Schwester ihr mitteilte, dass Vati gestorben war?“, fragte Peter Helga.
„Sie hat ‚ach was‘ gesagt, ‚das stimmt nicht‘“, antwortete Helga auf Peters Frage am Telefon.
Peter war das erste Mal froh, dass seine Mutter, Getrud Gerber, dement war. Nicht die Tatsache an sich war das, was ihn freute. Nein, das bestimmt nicht.
Aber dass sie diesen traurigen Moment so verarbeiten konnte, weil ihr Gehirn die Nachricht emotional einfach nicht mehr so intensiv aufnahm.
Das war vor Jahren Peters größte Sorge. Er wusste, wie sehr die beiden voneinander abhingen.
In diesem Jahr waren sie 69 Jahre verheiratet.
Sein Vater hatte ihm bei einem der letzten Gespräche gesagt, wie sehr er Getrud geliebt hatte.
Und nun, eine Woche vor dem 90. Geburtstag von ihr, da starb er einfach.
Am letzten Samstag hatte sein Vater ihn noch gefragt, ob Peter mit Mama verheiratet sei.
Er hatte Mühe, seine Gedanken zusammenzunehmen.
„Nein, ich bin der Sohn von Mama und von dir. Und du bist verheiratet mit Mama.“
„Ach so“, meinte er und ließ seinen Kopf wieder sinken.
Gertrud spielte mit dem Hund von Helga.
„Mama, Vati ist nicht mehr“, versuchte es Helga noch einmal.
„Stimmt das?“, fragte Gertrud und streichelte den Hund weiter.

ANNA IST DEMENT (38)

ES TRAF IHN WIE EIN KEULENSCHLAG

Es sollte ein Tag werden, wie jeder andere auch.
Peter hatte sich viel vorgenommen.
Dann kam der Anruf von Helga.

„Vati ist heute Morgen friedlich eingeschlafen“, sagte sie. Ihre Stimme zitterte. Peter wusste, dass es mit seinem Vater zu Ende ging. Doch nun, da es die bittere Wahrheit war, zuckte er dennoch zusammen.

Er besprach mit Helga kurz, was nun zu tun ist.
Dann kam die Stille. Wie oft hatte er sich mit seinem Vater gestritten, gefetzt, sachlich und unsachlich.

Nun war der nicht mehr da. Er würde nie wieder da sein.
Peter hatte sich vorgenommen, sich nach außen nichts anmerken zu lassen.

Er wollte darüber nicht sprechen. Doch nun rannen ihm die Tränen übers Gesicht, die Buchstaben verschwammen vor ihm.

Noch bei einer seiner letzten Telefonate hatte ihm sein Vater zugerufen: „Halt endlich deine Schnauze.“
Peter hatte sofort aufgelegt, so entsetzt war.

Bei seinem letzten Besuch im Krankenhaus, sagte sein Vater zu ihm:
„Das musst du richtig verstehen. Ich mein‘ das doch genau anders herum.“

„Ach so. Das habe ich dann komplett falsch verstanden“, entgegnete Peter trocken.

Helga rutschte vor Lachen fast vom Stuhl. Sein Vater schmunzelte.

„Wer sind Sie“, fragte er Peter wenig später.
„Ich bin’s. Dein Sohn. Und das ist Krümel, deine Urenkelin“, sagte Peter und zeigte auf ein Foto.

„Ja, Krümel, die kenne ich. Natürlich kenne ich sie“, sagte sein Vater noch einmal, diesmal mit vorwurfsvollem Unterton.
Jetzt war das alles vorbei, die kleinen und größeren Plänkeleien, das Dozieren über geschichtliche und aktuelle Vorgänge in der Politik, die Diskussion über gute Bücher.
Ihm wird der messerscharfe Verstand seines Vaters fehlen, das ewige Ringen mit ihm über die Bedeutung von etwas Gesagtem und vor allem von dem, was unausgesprochen blieb.

Peter wird Krümel Geschichten erzählen, sie zum Schreiben mit der Hand ermuntern, zu lesen, fröhlich und mit wachen Augen durch das Leben zu gehen. Und Peter wird ihr von ihrem Uropa erzählen.
Das wird er tun. Denn das alles würde seinem Vater gefallen.

ANNA IST DEMENT (37)

PETER WARTET AUF HELGA

Es dauerte noch eine Weile, bis sich eine Kellnerin ihm näherte, gemächlich und mit grimmigen Gesicht.“

„Sollte sie wegen seiner Anfrage Ärger bekommen haben?“, fragte Peter sich.
„Sie wünschen?“, fragte ihn die Kellnerin, die nun direkt neben ihm stand und ihn mit einem wütenden Gesichtsausdruck anschaute. .

„Können Sie mir dieses Getränk hier empfehlen?“, fragte Peter und zeigte auf die Karte, auf der ein Glas mit einem Mix aus Gin Tonic, etwas Weißwein, aufgefüllt mit Sprudel, und einer am Rand aufgesteckten Apfelsinenscheibe zu sehen war.

„Das ist immer eine Geschmackssache!“, antwortete die Kellnerin verschnupft.

„Das stimmt“, sagte Peter. Er war wieder auf Kampfmodus eingestellt. Er schaute die Kellnerin jetzt selber mit einem provokanten Gesichtsausdruck an. Klara hasste diese Eskapaden. Sie meinte, es lohne sich nicht, sich laufend mit den Leuten anzulegen.

Peter sah das ähnlich, jedenfalls wenn Klara mit dabei war. Aber dass die Kellnerin sich nicht einmal für das späte Erscheinen entschuldigte, reizte es ihn, weiterzumachen.

„Gott sei Dank haben Sie sich so unendlich viel Zeit gelassen, bis Sie es an meinen Tisch geschafft haben. Dadurch konnte ich mir schon ein Bild machen.“

„Wir sind ja schließlich nicht auf der Flucht“, sagte die Kellnerin und wirkte nun in ihrer Körperhaltung noch bedrohlicher. Sie hatte rustikale Lederhosen und ein kariertes Hemd an.

„Ja Sie, Sie sind gewiss nicht auf der Flucht. Sie ganz bestimmt nicht. Sie haben lediglich die Gabe, die Kunden in die Flucht zu schlagen. Ich überlege auch gerade, ob ich gehe.
Aber gut, dann bringen Sie mir bitte das Getränk.“

Die Kellnerin notierte die Bestellung regungslos, drehte sich um und lief davon.
Wenige Augenblicke danach kam eine junge Kellnerin und schaute Peter ängstlich an.

„Hier Ihr Getränk. Zum Wohl“, flüsterte sie fast.
„Oh, das ist aber eine nette Bedienung. Donnerwetter, geht doch. Vielen Dank.“

Das Gesicht der jungen Kellnerin hellte sich und sie lief fröhlich davon.
Vom Tresen her traf ihn der eiskalte Blick der ersten Kellnerin. Peter hob das Glas und prostete ihr zu. Sie drehte sich demonstrativ um.

„Wie im 5 Sterne Hotel“, sagte Peter laut und schlürfte genussvoll das eiskalte Getränk hinunter.
Als er das Glas absetzte, stand Helga vor ihm.

„Na, drangsalierst du schon wieder nette Menschen?“, fragte sie Peter.

Peter stand auf und rang sich ein Lächeln ab. Immerhin hatten sie sich ein paar Jahre nicht gesehen.
Und Helga fuhr fort: „Du, ich war hier jahrelang Stammgast“, sagte Helga.

„Na, dann kann ich den Frust der Kellnerin verstehen“, entgegnete Peter.
Helga hasste ihn dafür, denn sie konnte gegen ihn im Gespräch meist wenig ausrichten.
Sie holte trotzdem zum Gegenschlag aus.

„Und, hast du es mit deinem kleinen Flitzer bis hierher geschafft?“, fragte ihn Helga.
Sie selbst fuhr einen SUV Porsche und wollte Peter treffen.
Ach weißt du, der kleine Jeep, ich nenne ihn „Mister Trump“, hat Biss.

Ich mag ihn. Und meine Enkelin erst, die zeigt schon von weitem mit dem kleinen Finger auf ihn, wenn sie ihn sieht. Da kann mir doch egal sein, was ein paar versnobte Porsche-Fahrer denken.“
Helgas Gesicht lief rot an, sie zog es jedoch vor zu schweigen.

ANNA IST DEMENT (36)

FAHRT NACH DRESDEN

Peter hatte keine Lust, noch einmal zum Hörer zu greifen. Er schickte eine WhatsApp-Nachricht:
„Lass uns nicht streiten. Jetzt müssen wir zusammenstehen. Ich bin dazu bereit und komme am Dienstag nach Dresden.“

Von Helga kam ein kurzes ‚ok‘ zurück.
Dienstagfrüh, das Thermometer sollte auf 35 Grad Celsius ansteigen. Bei diesen Temperaturen konnte man überall hinfahren, nur nicht nach Dresden.

Peter erinnerte sich, wie drückend es in der Stadt im Sommer war.
Sie wohnten direkt im Stadtzentrum. An den Hängen, da war es auszuhalten, aber im Herzen der Stadt legte sich die Hitze wie eine Glocke über die Straßen und Häuser.

Das Gefühl, keinen großen See in der Nähe zu haben, bedrückte Peter deshalb besonders.

Ein Grund für ihn, später zur Marine zu gehen. Er war die ersten Jahre in Schwerin aufgewachsen. Der Schweriner See war für ihn herrlich. Er konnte es sich nicht vorstellen, dass es woanders noch hätte schöner sein können.

Später dann begann er die Ostsee zu lieben, das Wasser, den ständigen Wind und das Gefühl der Freiheit, das man nicht beschreiben konnte.

Peter wollte nicht zu sehr hetzen und entschloss sich, möglichst frühzeitig nach Dresden aufzubrechen.
Der Berliner Ring war voll. Auf der rechten Spur reihte sich ein LKW an den anderen.

Peter blieb auf der linken Spur und ärgerte sich, dass hinter ihm jemand drängelte.
Früher war er genauso gewesen. Für ihn war klar, dass er mit seinem 7er BMW Vorfahrt hatte, zu wichtigen Terminen.
„Was für ein eitler Gockel du doch manchmal warst“, sagte er sich heute im Stillen.

Nach drei Stunden Fahrt auf der glühenden Autobahn, bei stickiger Luft und einer Sonne, die selbst noch durch die getönten Scheiben gleißte, war er in Dresden angekommen. Er fuhr in die Tiefgarage, direkt an der Frauenkirche und begab sich nach oben.

Als er aus der Tür heraustrat, hatte er den Eindruck, jemand würde ihm direkt einen dicken Hammer mitten ins Gesicht schlagen.
Peter bog in eine kleine Straße ein. Sie nannte sich „Salzgasse“.
Er staunte, wie viel neue Häuser, Hotels, kleine Läden, Restaurants entstanden waren.

Dresden zeigte sich von seiner besten Seite, weltoffen und mit herrlich restaurierten historischen Gebäuden. Allein die Frauenkirche machte auf ihn immer wieder einen grandiosen Eindruck.

„Warum wird nur von ‚Pegida‘ gesprochen und nicht von den schönen Seiten der Stadt, den höflichen und netten Menschen, den Sachsen. Ihren Dialekt hatte Peter nie angenommen, obwohl er über zehn Jahre in der Stadt verbracht hatte. Aber die sächsischen Laute riefen doch in ihm so etwas wie ein Heimatgefühl hervor.

Peter setzte sich in das Café, wo er sich später auch mit Helga treffen wollte.
Er saß bereits eine halbe Stunde, bis er sich entschloss, an die Theke zu gehen.

„Entschuldigen Sie, bedienen Sie hier alle Gäste, oder gibt es ein Auswahlprinzip?“
Der Mitarbeiter hinter der Zapfsäule schaute ihn entgeistert an.

„Aber selbstverständlich, mein Herr, wir bedienen alle.“
„Und warum warte ich dann über eine halbe Stunde dort hinten in der Ecke?“, fragte Peter zurück.
„Wir kommen sofort“, sagte der Mitarbeiter entschuldigend.

ANNA IST DEMENT (35)

DU MUSST MIT NACH DRESDEN KOMMEN

Freitagmittag. Helga Geiger, Peters Schwester rief an. Sie wohnt auf Sylt, gemeinsam mit ihrem Mann, Thomas Geiger.

„Vati will nicht mehr leben, er isst nicht mehr und er trinkt nicht mehr“, sagte Helga am Telefon zu Peter.

„Woher weißt du das?“, fragte Peter.
„Ich habe doch meine Verbindungen ins Pflegeheim“, sagte Helga.
Ja, die hatte sie zweifelsohne. Aber Peter kannte Helga nur zu gut. Sie übertrieb oft, dramatisierte die Situation.

„Du musst am Dienstag unbedingt mit nach Dresden kommen. Es ist viel zu organisieren.“

Peter zögerte. Er ließ sich ungern in etwas hineintreiben, wollte die Fäden selbst in der Hand behalten.

Aber Helga war nun mal näher dran, an Manfred und Gertrud Gerber. Schließlich hatte sie jahrelang in dem Heim in leitender Position selbst gearbeitet und kannte das Personal gut.

„Willst du etwa einen geschäftlichen Termin im Pflegeheim mit privaten Zielen verbinden?“, fragte Peter.
Jetzt platzte es aus Helga heraus:

„Wie kommst du darauf? Das ist eine Unterstellung!
Ich verbitte mir das.“

„Du kannst bitten, so viel du willst. Aber ich werde doch wohl noch fragen dürfen, warum ich bei dem Termin wirklich dabei sein soll.“
Bei Peter saß das Misstrauen tief, sehr tief.

Die Wunden, die in den vergangenen Jahren bei Peter entstanden waren, die schmerzten immer noch.
Zuviel hatte Helga ihm versprochen und dann nicht gehalten.
Jetzt sagte er das aber nicht.

Stattdessen brüllte er sie an: „Wenn du glaubst, dass du mich im Ton eines Untergegebenen behandeln kannst, dann hast du dich geirrt. Mir ist es egal, dass du eine Million auf dem Konto hast, aber du redest trotzdem mit mir in einem ordentlichen Ton.“

Peter hatte sich selbst im Ton vergriffen, so sauer war er auf Helga.

„Ich habe nicht eine Million“, entgegnete Helga wütend.
„Nein, das glaube ich dir sogar. Du hast mindestens zwei Millionen auf dem Konto“, gab Peter zurück.

Helga legte auf.

Peter schlug die Schilddrüse, er war wütend, wusste, dass er sich im Ton vergriffen hatte, und musste trotzdem eine Entscheidung treffen.

Schweren Herzens wählte er noch einmal die Telefonnummer von Helga.
Es ging keiner ran.

ANNA IST DEMENT (34)

WIR WAREN SCHÖN EIS ESSEN – IM BALTIC – HOTEL

 

„Wie war es beim Arzt, Mutti?“, fragt Klara abends Anna.
Klara wusste, dass Anna einen Arzttermin um 17.00 Uhr hatte.
Lukas war mit ihr zusammen dort gewesen.

„Welcher Arzt?“, fragte Anna erstaunt.
„Du warst doch heute in der Praxis, gemeinsam mit Lukas.“

„Mit Lukas? Was will der denn dort?“
„Mutti, er hat dich begleitet, damit alles klar geht.“
„Stimmt!“, sagte sie jetzt.

„Und weißt du, wir waren hinterher schön Eis essen“,  setzte Anna hinzu.

„Ach, das ist ja wunderbar. Wo seid ihr denn gewesen?“, hakte Klara nach.

Am Telefon entstand eine Pause. Klara spürte körperlich, wie es in Anna arbeitete.

„Ja, im Baltic-Hotel“, bekam sie schließlich heraus.
„Im Baltic-Hotel?“, fragte Klara verwundert.

„Ja. Es hat so gut geschmeckt“, schwärmte Anna.
Klara verabschiedete sich von Anna und rief Lukas an.

„Wie war’s denn im Baltic-Hotel?“, fragte Klara Lukas.
„Im Baltic-Hotel? Wie kommst du darauf?“, fragte Lukas.

„Mutti hat das gesagt.“
„Quatsch, wir waren beim Arzt, sind anschließend im Stralsunder Hafen gewesen und danach waren wir bei mir auf dem Hof. Ich habe ein Eis am Stiel ausgegeben“, sagte Lukas.

Er holte tief Luft und sagte: „Du, Mutti wusste nicht einmal mehr, dass wir im Stralsunder Hafen waren.“

„Wirklich nicht?“, fragte Klara.
„Wirklich nicht.“

„Naja, du hast ihr jedenfalls einen wunderschönen Tag bereitet, denn sie hat richtig gute Laune. Wir können das andere nicht ändern. Wir können es nur so akzeptieren, wie es ist. Und ihr wenigstens ein paar schöne Stunden bereiten“, sagte Klara zu Lukas.

„Das stimmt“, seufzte der. Es fiel ihm schwer, den geistigen Verfall von Anna zu begreifen, seiner Mutter, die sich veränderte, allmählich, unaufhaltsam.

ANNA IST DEMENT (33)

UND WIEDER DIE BLÖDE SPRITZENKISTE

Samstag, 22.00 Uhr. Das Handy klingelte.
Lukas hatte Freunde eingeladen. Er hatte den Grill angeschmissen, es lief leise Musik und die Gäste unterhielten sich angeregt. Die Stimmung war gut, das Wetter auch. Der Abend konnte nur noch besser werden.

Bis dahin jedenfalls.
„Ja bitte“, sagte Lukas. Er hatte nicht auf sein Display geschaut und vermutete, dass es Urlauber waren, die Fragen zu ihrer Ferienwohnung hatten.

„Ja, ich bin’s“, sagte eine leise Stimme.
Lukas erkannte sofort seine Mutter und merkte, dass es etwas nicht in Ordnung war, wieder mal.

„Weißt du, kannst du mir nicht mal die Kiste mit den Spritzen öffnen?“, fragte Anna ihn.

„Warum soll ich die Kiste öffnen, Mutti?“, fragte Lukas sie.
„Na, ich muss mich doch morgen früh spritzen“, antwortete Anna, nun schon mit einem lauteren, fast bösen Unterton.

Lukas hatte die Kiste im Baumarkt selbst gekauft, sie noch weiter verstärkt und ein dickes Schloss davor gehängt. Anna verstand nicht, dass die Schwestern vom Pflegedienst jeden Tag dreimal bei ihr vorbeikamen und sie spritzten. Sie vergaß es einfach.

„Mutti, das macht doch der Pflegedienst. Der kommt morgen gegen 07.30 Uhr“, sagte jetzt Lukas.
„Welcher Pflegedienst? Hier ist noch nie einer gekommen“, antwortete Anna störrisch.

Schließlich gelang es Lukas, seine Mutter davon zu überzeugen, die Finger von der Kiste zu lassen und auf die Schwestern am nächsten Tag zu warten.

Er hatte das Telefonat mit Anna beendet. Es war ja alles gut gegangen. Aber Lukas kochte innerlich.

Er konnte sich nicht damit abfinden, dass seine Mutter geistig so verfiel. Von Tag zu Tag mehr.

Der Abend war für ihn gelaufen.
„Du weißt doch, wie deine Mutter ist und wie du darauf reagieren musst“, versuchten ihn seine Freunde nun ihn aufzumuntern.

Ja, er wusste alles. Dass er sich nicht innerlich aufregen sollte, keine Eskalationen zulassen durfte. Er wusste es von Klara, von den Mitarbeiterinnen des Pflegedienstes.

Es war alles klar. Nur eine Sache konnte ihm keiner erklären: Wie er eine innere Distanz hinbekam zu seiner Mutter. Er konnte es nicht und er wollte es nicht. Der Abend war irgendwie gelaufen.

ANNA IST DEMENT (33)

STIPPVISITE BEI ANNA
Klara besucht Anna. Die weiß davon im Vorfeld nichts, weil es sie zu sehr aufregen würde.

Klara sitzt im Zug von Stralsund nach Berlin. Es ist Sonntag und sie kehrt zurück von einem Besuch bei Anna. Sie war drei Tage bei ihr, um sie aufzumuntern, die Küche zu streichen und die Wohnung aufzuräumen.

Klara taucht immer wieder ein Stück in ihre Vergangenheit ein, wenn sie in Stralsund. Sie ist hier aufgewachsen, hat den Beruf einer Bürokauffrau erlernt, war viele Jahre dort sehr glücklich.
Das alles ist lange her. Es hat sich viel geändert. Und Anna, ihre Mutter, hat sich geändert.

Früher, da freute sich Anna, wenn Klara sie besuchte. Anna kochte dann, bezog die Betten neu, brachte die Wohnung auf Hochglanz.
Jetzt war es anders.

Klara hatte ihrer Mutter gar nicht gesagt, dass sie kommen wollte. Anna konnte diese Aufregung nicht mehr vertragen, auch wenn das ja etwas Positives war.

Also klingelte Klara an der Tür, der Summer ertönte und sie ging die Treppen hinauf.
„Das gibt’s doch nicht“, rief Anna erstaunt aus, als Klara vor ihrer Tür stand.
„Wo kommst du denn jetzt her?“, fragte Anna.
„Direkt aus Berlin“, sagte Klara kurz angebunden, obwohl es gar nicht stimmte.

Peter hatte Klara morgens nach Bernau gefahren, wo sie den Zug um 4.41 Uhr nach Stralsund nahm.

Aber für Anna war das zu kompliziert. Für sie war das alles Berlin. Dort arbeitete Klara, Laura auch und Peter, ja der war auch aus Berlin, für Anna jedenfalls.

„Was wollen wir jetzt machen?“, fragte Anna.
„Am besten, du lässt mich erst einmal zur Tür rein“, sagte Klara, nachdem sie sich auf dem Hausflur die Schuhe ausgezogen hatte.

ANNA IST DEMENT (32)

WARUM KURZGESCHICHTEN?

Wenn Herausforderungen und Konflikte in der Pflege nur abstrakt beschrieben werden, erreichen sie die Menschen nicht. Leser wollen sich mit konkreten handelnden Figuren identifizieren können. 

 Ich habe mir schon oft den Kopf darüber zerbrochen, warum ich mir überhaupt die Mühe mache und mich mit einem Bein in die Gefilde des belletristischen Schreibens begebe. Eine schwierige Frage und eine einfache Antwort darauf gibt es wohl nicht.

Es sind vor allem Erkenntnisse und Erfahrungen, die ich im Verlaufe meiner freiberuflichen journalistischen Arbeit gesammelt habe, die mich überhaupt zu diesen Gedanken veranlassen.

Was meine ich?

Es ist ein Unterschied, ob du irgendeinen Vorgang in der Pflege lediglich beschreibst, oder aber, ob du versuchst, es so zu schreiben, wie es die konkreten Menschen erleben und manchmal auch darunter leiden.

Ein Beispiel: „Die Kommunikation mit Demenzkranken erfordert ein hohes fachliches Können, sensibles Herantasten im Gespräch, Verständnis und Herzenswärme.“

Was ist daran falsch, was ich gerade geschrieben habe? Vermutlich gar nichts.

Aber ich denke, der Leser überfliegt es, nimmt es zur Kenntnis und vergisst es wieder.

Wie aber ist es mit diesen Sätzen?

„Anna war am Morgen aufgestanden und fühlte sich nicht gut. Was war anders? Sie sollte zum Friseur. Aber wann? Sie wusste es nicht mehr.

Klara hatte es einen Abend zuvor mehrfach gesagt und Anna hatte noch mehr nachgefragt.

Anna griff zum Telefon und rief Klara an.

„Ich will nicht zum Friseur. Ihre Stimme klang aggressiv. Klara überlegte, was sie und wie sie antworten sollte.“

Du tauchst anders in die Situation ein. Du erfasst genauer, um was es hier geht, wie schwierig die einfachsten Dinge des Lebens in der Betreuung eines Demenzkranken konkret im Alltag aussehen.

Die Botschaft des Geschriebenen wird deutlicher, wenn die Hauptfigur ein Mensch aus Fleisch und Blut ist. Und nicht nur zum Gegenstand abstrakter Betrachtung wird.

Wie aber so etwas konkret umsetzen?

Indem ich reale Menschen charakterisiere oder aber eine Figur fiktional erschaffe?

Wie auch immer die konkrete handwerkliche Technik des Schreibens aussieht, ich will es schaffen, dass das Geschehen und die betroffene Figur konkrete Gestalt vor dem inneren Auge meines Lesers annimmt.

Das ist mein Anspruch, ein Experiment eben, das nicht immer gelingt. Aber der Versuch ist es allemal wert.

 

DRITTER ANLAUF BEIM FRISEUR

„Gut, dass ich den Termin gemacht habe“, sagte Anna zu Lukas, als dieser sie wieder vom Friseur abholte.

Anna saß noch auf dem Friseurstuhl, auf dem Tisch vor ihr stand ein halbvolles Glas Sekt. Sie lachte und erzählte mit der Friseuse. Lukas verschlug es die Sprache.

Er musste gerade daran denken, wie viel Mühe es ihn gekostet hatte, Anna bis hierher zu bringen.
Zwei Stunden vorher: Lukas hatte Anna endlich soweit, dass sie loskonnten, um noch rechtzeitig beim Friseur zu sein. „Wo ist jetzt mein Briefkastenschlüssel?“, fragte Anna und wühlte in ihrer Tasche umher.

„Mutti, das kannst du doch machen, wenn wir vom Friseur zurückkommen. Ich möchte nicht zu spät kommen. Wir haben doch schon zweimal den Termin absagen müssen“, drängte Lukas sie.
„Absagen? Wieso absagen? Ich habe nichts abgesagt“, sagte Anna und schaute Lukas grimmig an.

„Mutti, ich habe einmal den Termin vereinbart, dann haben wir ihn wieder storniert, weil du nicht wolltest. Danach hat es Klara noch einmal versucht. Und wieder wolltest du nicht.“
„Ich? Das kann überhaupt nicht sein! Und wieso machen überhaupt die Berliner Termine beim Friseur für mich? Was soll das!“
„Mutti, wir meinen es doch nur gut.“

„Wo ist denn jetzt mein Schlüssel?“ Anna kramte weiter in der Tasche. Endlich hatte sie ihn gefunden und steckte ihn in das Briefkastenschloss und versuchte ihn umzudrehen. Er ließ sich aber nicht drehen.

„Was ist das hier alles? Ich werd‘ noch verrückt“, schnaubte Anna.
„Mutti, kann ich mal?“, fragte Lukas vorsichtig.
Es war geschafft, die Briefkastentür ging auf und als erstes fielen Lukas die Werbebriefe entgegen.

„Die schmeiße ich gleich weg“, sagte Lukas.
„Nein, wie kannst du so was machen! Ich will die lesen. Die schreiben mir.“
„Ja, Mutti, weil sie dein Bestes wollen, dein Geld. Deshalb haben sie dich so lieb.“

Anna schaute Lukas an, als würde der gerade von der Berechnung der optimalen Mondlandung sprechen. Als sie im Auto saßen und Anna schließlich angeschnallt war, konnte Lukas das Auto starten.

Anna schaute verdrossen aus dem Fenster. Ihre Stirn war gerunzelt und ihr Mund verzog sich zu einer Grimasse. Dazu stöhnte sie unentwegt.

„Mutti, jetzt freu dich doch ein bisschen. Schau mal, ich habe extra den Weg am Hafen vorbei genommen, damit du ein wenig auf das Wasser schauen kannst“, versuchte Lukas sie aufzuheitern.
Anna aber reagierte nicht.

„Hier lag das Boot von Onkel Gottfried“, sagte sie plötzlich.
Anna schien sich zu erinnern, ihr Gesicht hellte sich auf und sie schien in Gedanken von ihren schönen Kindheitsjahren eingenommen zu sein.

„Wir sind da“, riss Lukas sie aus ihren Erinnerungen.
„Weißt du, ich will gar nicht aussteigen“, sagte Anna jetzt.
„Mutti, du gehst jetzt da rein“, sagte Lukas mit letzter Verzweiflung zu ihr.

„Rede nicht in dem Ton mit mir“, sagte Anna zu ihm.
Lukas schwieg und Anna stieg aus.
„Schön, dass Sie kommen konnten“, begrüßte die Inhaberin des Friseurladens Anna.

„Ja, ich habe mir die Zeit genommen“, sagte Anna.
Lukas schaute betreten auf den Fußboden. Es sah aus, als versuchte er die dort herumliegenden Haare zu zählen, die noch nicht weggefegt worden waren.

„Möchten Sie ein Glas Sekt, Frau Sturm“, fragte die Inhaberin Anna.
„Ach ja, ein Glas kann man ja mal trinken.“

Die Inhaberin zwinkerte Lukas zu und der zog sich leise zurück.
„Wissen Sie, ich war ja früher viel auf dem Hof von meinem Onkel Taube. Er war Fischer“, sagte Anna zu der Friseuse, während die sich um die Haare von Anna kümmerte.

„Taube? Gottfried Taube“, fragte die Friseuse.
„Ja“, sagte Anna.

„Den kenn ich auch“, sagte die Friseuse zu Anna.
„Sagen Sie bloß!“, staunte Anna.
„Ja, mein Großvater hat mir ab und zu von ihm erzählt. Damals, als der selbst noch ein Fischer war.“

Lukas traute sich nicht Anna zu sagen, dass sie wieder loswollten.
Annas Wangen waren rot, sie saß aufrecht im Sessel und es schien, als wäre sie glücklich. Für den Augenblick wenigstens.

ANNA IST DEMENT (31)

ANNA WILL NICHT ZUM FRISEUR

Anna will nicht den Friseurtermin wahrnehmen, zum zweiten Mal nicht.

Anna lag auf der Couch und hielt eine Banane in der Hand, die sie ab und zu zum Mund führte, um ein Stück davon lustlos abzubeißen. Ihr Gesicht schien ausdruckslos und als Lukas das Zimmer betrat, verharrte sie in ihrem nahezu regungslosen Zustand.

„Mutti, wir haben doch gleich einen Friseurtermin und du hast dich immer noch nicht umgezogen.“

Annas Gesicht verdunkelte sich noch mehr. Ihre Gemütsregungen waren am Vormittag ganz besonders überschattet von ihrer Krankheit.

Sie hatte Angst, rauszugehen, auf andere Menschen zu treffen, sich in neue Situationen hineinzufinden.

Die Demenz hatte sie mürrisch, ja aggressiv gemacht. Erst zum Mittag hin, wenn die Krankenschwester zum Spritzen kam, wurde sie munterer.

Lukas ließ sich in einen der Sessel fallen und schwieg. Es war kurz vor zwölf und die Schwester musste jeden Augenblick an der Tür klingeln.

„Ach Schwester schön, dass Sie kommen und mir helfen, ich hab‘ ja sonst keinen“, sagte Anna bereits an der Tür zu ihr.
„Aber Sie haben doch Ihren Sohn.“
„Ach, der muss doch nur arbeiten.“

Anna schaute missmutig zu Lukas herüber. Lukas trafen diese Worte mitten ins Herz. Er wusste, seine Mutter war dement und man konnte nichts mehr von dem, was sie sagte, auf die Goldwaage legen. Aber es schmerzte ihn, trotz alledem.

„Was willst du eigentlich hier?“, fragte Anna ihn nun.
„Mutti, will nicht schon wieder bei der Friseuse den Termin absagen müssen, nur weil du keine Lust hast.“

„Ich will nicht und ich will mich dafür nicht entschuldigen“, sagte sie mit der Bockigkeit eines kleinen Kindes in der Stimme.

„Dann können wir dir nicht mehr helfen und wir müssen überlegen, ob wir dich für ein Heim anmelden.“

Anna saß eine Weile still und sagte plötzlich: „Meine Strähnen sind grau. Die müssen gefärbt werden. Kannst du mir mal den Mantel geben?“

Lukas schnellte aus dem Sessel hoch und holte aus der Flurgarderobe den Mantel seiner Mutter.

Er hatte ein schlechtes Gewissen. Schon wieder hatte er ihr mit dem Heim gedroht, aber was sollte er tun?

„Kommst du nun endlich?“, fragte Anna ihn und schwenkte ungeduldig den Haustürschlüssel.

ANNA IST DEMENT (30)

DIE BREMER KOMMEN

Fortsetzung

„Wer war denn dran, am Telefon?“, setzte Peter erneut an.
„Ach weißt du, das waren nur die Bremer. Sie wollen mich gleich besuchen.“

„Und freust du dich?“, hakte Peter nach.
„Nö“, sagte Anna wieder leicht gereizt. Anna erzählte Klara abends davon, wie sehr sie unter dem Alleinsein litt. Und nun kam jemand. Das war ihr auch nicht recht.

Doch das waren die Gedanken eines gesunden Menschen. Anna fühlte sich einsam, konnte aber auch nicht mehr damit umgehen, dass ihre Tagesstruktur durchbrochen wurde – essen, spritzen, essen, schlafen, spritzen, fernsehen, telefonieren. Das klingt gleichförmig. War es auch. Aber für Anna war jeder Teil für sich eine Herausforderung.

„Hast du denn schon ein zweites Frühstück gemacht?“ Peter musste das unbedingt fragen. Deshalb rief er überhaupt an, denn er teilte das anschließend Klara mit. Es ging um die Zuckerwerte von Anna, die stabil gehalten werden sollten. Waren irgendwelche Auffälligkeiten, dann informierte Klara anschließend Lukas und der machte sich auf den Weg zu Anna.

Das Netz der Betreuung war dicht geflochten und es wurde zunehmend enger.
„Ja, hab‘ ich.“
„Was hast du denn gegessen?“
„Weiß ich nicht mehr.“
Peter schwieg, machte eine Pause. Das war manchmal besser, für beide Seiten.
„Was gibt es denn zu Mittag bei dir?“, fragte er jetzt.
„Weiß ich nicht, muss ich gucken.“ Aus Anna war nichts herauszubekommen.
„Und weißt du denn, wie lange die Bremer bleiben?“
„Das ist mir scheißegal! Das interessiert mich überhaupt nicht.“

Anna mochte die Bremer, sie hatte sich immer für sie interessiert. Aber nun war es scheißegal. Was treibt einen Menschen an, wenn ihm alles egal ist? Das fragte sich Peter.

Es war wieder die falsche Frage, auch wenn er sie sich nur im Stillen gestellt hatte. Ihm war es nicht egal, und er war gesund, geistig, noch jedenfalls. Anna hatte mit ihrer Demenz zu kämpfen.

Peter musste sich beim nächsten Mal wieder an Annas Gemütsbewegungen gewöhnen und sie mit einer kleinen Geschichte von Krümel aufheitern. Dann lachte Anna, meistens.

ANNA IST DEMENT (29)

DIE BREMER KOMMEN

Anna hat schon wieder das Telefonat mit den Bremern vergessenen, obwohl sie gerade erst mit ihnen gesprochen hat.

Das Telefon war besetzt. Peter versuchte es nach fünf Minuten noch einmal. Jetzt hatte er sich gerade durchgerungen und nun ging Anna nicht ran, weil sie wahrscheinlich selber telefonierte.

Vielleicht rief sie ja wieder seine Eltern im Dresdner Pflegeheim an. Das hat sie Jahrzehnte nicht getan, doch nun tat sie es und verneinte das vehement, wenn Klara sie danach fragte.

Peter wusste es von Klara und die wiederum von Peters Vater. Er sprach mit ihm kaum. Das übernahm Klara. Sie war diplomatischer und keiner musste nach einem belanglos beginnenden Telefonat den diplomatischen Abbruch fürchten.

Aber das mit Peters Eltern, das war eine Story für sich. Bei Anna lagen die Dinge anders. Peter hatte Klara versprochen, sich täglich am Vormittag für ein paar Minuten um Anna zu kümmern.

Die Gespräche verliefen ziemlich gleich und wiederholten sich, manchmal Wort für Wort.

Zum Beispiel, dass die gegenüberliegende Häuserwand so scheußlich feucht aussah. Heute nun lief das Telefonat nicht in seinen gewohnten Bahnen. Als Peter sie zum zweiten Mal anrief, da ging Anna ran.

„Hast du gerade telefoniert?“, fragte Peter.
„Nein. Wie kommst du darauf?“

Peter musste schlucken, weil es ihm schwerfiel, einfach zu glauben, dass Anna nicht mehr wusste, dass sie gerade mit jemanden gesprochen hatte.

„Ich komme darauf, weil dein Telefon besetzt war. Also musst du zwangsläufig mit jemandem kommuniziert haben.“

„Was hab‘ ich gemacht?“ Annas Stimme klang leicht gereizt.
Das war immer so, wenn sie etwas nicht verstand. Dann war natürlich der andere daran schuld.

In diesem Fall Peter. Er gab Anna im Stillen Recht. Musste er dieses hochtrabende Wort ‚kommunizieren‘ nehmen?

Bei jeder Autorenschulung würde man dafür sofort eins auf den Deckel bekommen, weil es ja schlichter formuliert werden könnte, so wie ‚sprechen‘, ‚mit jemandem unterhalten‘, ‚mit jemanden telefonieren.“

Warum also gerade kommunizieren? Peter wusste es nicht. Gerade er, der ein Gegner von schwülstigen Ausdrücken war, die oft intellektuelles Getue zum Ausdruck brachten und in Wirklichkeit Worthülsen waren, mit denen man den anderen beeindrucken wollte. Das ging im Gespräch mit Demenzkranken nun schon gar nicht.

ANNA IST DEMENT (28)

ANNAS SCHLEICHENDE

WESENSÄNDERUNG

Annas Wesen ändert sich nicht merklich, eher unmerklich, aber dafür stetig.

Es fängt mit Kleinigkeiten an, so war es auch bei Anna. Mal hat sie etwas vergessen, dann wieder fühlte sie sich einsam.
„Wir müssen uns damit abfinden, dass Anna nie wieder so wird, wie sie all die Jahre war.“

„Dir fällt es leichter, das zu sagen als mir, denn ich bin die Tochter“, entgegnet Klara Peters Überlegungen. Peter sagte nichts. Er wusste, dass Klara hier richtig lag. Doch was nützte es, man musste sich ja trotzdem der neuen Situation stellen.

„Ich glaube, wir helfen Anna mehr, wenn wir uns auf sie noch besser einstellen, einfach akzeptieren, was sie tut, was sie sagt und auch wie sie es sagt.“

Peter wusste, dass es vor allem theoretische Gedanken waren, die sicherlich ihre Berechtigung hatten. Doch wie war es im Alltag?
Gestern rief Peter an. Anna war seelisch am Boden. Sie hatte einen Arzttermin verpasst. Besser gesagt, sie hatte ihn auf der Couch verschlafen.

„Ich werde mal Lukas informieren, damit er sich darum kümmert, und wir einen neuen Termin bekommen“, meinte Peter zu Anna.
„Nein, das möchte ich nicht. Ich kläre das allein.“

Peter wollte ihr sagen, dass Lukas sich stets um alles kümmerte.
Er ging mit Anna einkaufen, er begleitete sie zum Zahnarzt, besuchte sie täglich in ihrer Wohnung, schaute nach dem Rechten.

Warum also reagierte sie so schroff? Schämte Anna sich, dass sie den Termin versäumt hatte?
Peter griff kurzerhand zum Hörer und wählte die Telefonnummer der Arztpraxis.

„Ich kann gar nicht glauben, dass meine Schwiegermutter gestern einen Termin bei Ihnen hatte“, sagte Peter zur Helferin.

„Doch, sie hatte gestern einen Termin.“
„Donnerwetter“, entfuhr es Peter.

Die Helferin musste lachen. Sie waren sich schnell einig und hatten einen neuen Termin vereinbart.
WEITERLESEN:

„Trag‘ dir doch den Termin gleich ein“, sagte Peter später zu Anna am Telefon.
„Das mach‘ ich sofort“.  Anna wirkte jetzt gelöst.

Am Nachmittag ging Lukas mit Anna auf den Friedhof. Blumen am Grab von Wilhelm niederlegen, Annas Mann.

Wilhelm war nun schon 19 Jahre nicht mehr da. Doch er fehlte Anna sehr. Anna wollte erst gar nicht Blumen kaufen, kein Geld ausgeben.
Das war neu. Lukas übernahm das und kaufte die Blumen.

„Seid ihr denn heute am Grab von Wilhelm gewesen?“, fragte Peter sie abends.

„Ja, ich war da, und ich habe Blumen besorgt und sie zu seinem Geburtstag hingelegt“, sagte Anna.
„Na wunderbar“, antwortete Peter.

ANNA IST DEMENT (27)

DER TÄGLICHE ANRUF BEI ANNA

Die tägliche Kommunikation mit Anna wird schwieriger. 

Der Anruf bei Anna ist eine Sache wie du eben jeden Tag deine anderen Aufgaben in der to-do-Liste abarbeitest.

Das denke ich, doch es ist die pure Theorie. Die Wirklichkeit, die sieht anders aus, und zwar jeden Tag anders.

Gegen 10.00 Uhr schrecke ich hoch, weil ich das Erinnerungstool am iPad mal wieder aktiviert habe und mich doch über die Störung ärgere, wenn es dann tatsächlich soweit ist.

Ich greife zum Telefon und stehe vom Schreibtisch auf, um ein wenig umherzugehen. Es dauert eine Weile, bis Anna den Hörer abnimmt.

„Wie ist das Wetter bei dir?“, frage ich sie zu Beginn. Ich frage das stets zuerst. Nicht das mich das wirklich interessieren würde, da bin ich ganz ehrlich.

Nein, wirklich nicht. Ich könnte den Tag glatt ohne diese Information verbringen. Aber es geht ja nicht um mich. Es geht um Anna. Und die lässt sich Zeit mit der Antwort.

„Weißt du, es ist windig draußen?“, sagt sie nach einer Weile schleppend.

„Warst du denn auf dem Balkon?“, frage ich.
„Nein. Warum?“

„Nun, um den Wind zu spüren.“
„Ach, ich geh‘ doch jetzt nicht auf den Balkon!“

Anna wirkt gereizt, unausgeglichen, störrisch. Ich bleibe ruhig. Ich habe schon ein wenig gelernt. Nicht viel vielleicht, aber ein bisschen jedenfalls.


„Wir dürfen Anna ihre eigene Wesensänderung nicht zum Vorwurf machen“, sage ich zu Klara noch heute Morgen im Auto.

Das ist ein toller Satz, finde ich. Den musst du doch erst mal so formulieren.

Aber ich kann mich nur selbst loben. Ein anderer wird das nicht tun. Klara auf keinen Fall.

Sie antwortet gar nicht. Ich weiß auch warum. Sie denkt: „Na hoffentlich hält der sich selbst daran.“ Ja, das tue, in aller Regel.

Also frage ich Anna weiter: „Hast du denn schon ein zweites Frühstück gemacht?“

„Ne.“
„Willst du es noch machen?“
„Ja, aber nur ein kleines Brötchen. Sonst habe ich mittags keinen Hunger.“

„Ja, das verstehe ich“, sage ich sofort.
„Machst du dir denn auch was zu essen?“, fragt Anna mich.
„Nein, ich werde sonst müde. Und ich muss doch danach weiterschreiben.“


„Das kenne ich nicht.“ Na das glaube ich dir aufs Wort, denke ich. Sage es aber nicht.
„Weißt du, wenn ich etwas Warmes zu mir nehme, dann habe ich danach die Stunde der ‚toten Augen‘“, entgegne ich stattdessen.
„Stunde der ‚toten Augen‘, was ist denn das für ein Quatsch?“

Ich merke, wie langsam meine Schilddrüse anfängt zu pumpen.
Wie gerne würde ich darauf eine knackige Antwort geben, ganz in der mir eigenen Art.

Aber das darf ich nicht. Ich habe es Klara versprochen. Sie freut sich, wenn ich Anna anrufe, aber nur dann, wenn ich mich an die Spielregeln halte. Und das heißt, Anna ist dement, und wir sind diejenigen, die sich darauf einstellen müssen, nicht umgekehrt.

ANNA IST DEMENT (26)

DEMENZ – WENN DIE EMPATHIE

SCHWINDET

Anna hat keine Freude mehr am Schenken.

„Wie ist das Wetter bei euch da oben?“, fragte Peter Anna.

Es war das übliche Telefongespräch am Vormittag,  es war diesig und es schien keine Sonne, Wind war aber auch nicht.

Das war gestern so, vorgestern ebenfalls.

Anna hätte also sagen können: „Das Wetter ändert sich seit Tagen nicht, es ist gleich geblieben.“

Doch diese gedanklichen Fäden konnte Anna nicht mehr ziehen.

„Der Himmel ist grau, die Sonne scheint nicht, aber es ist auch kein Wind“, sagte Anna stattdessen.

„Prima“, antwortete Peter. Er war irgendwie, dass er über dieses stets wiederkehrende Thema den Gesprächsfaden mit Anna knüpfen konnte.

„Heute Nachmittag fahren wir zur Post. Klara hat einen Stollen eingepackt und den schicken wir dir“, redete Peter weiter.

„Ach, wie kann ich dir nur danken?“, fragte Anna.

„Naja, ich habe damit nichts zu tun. Nur, dass ich den vorhergehenden mit aufgegessen habe, nachdem Klara ihn gebacken hatte.“

Anna verstand diese Art von Humor nicht mehr.

„Ja, das ist so schön, ich freue mich. Wie kann ich euch nur eine Freude machen?“

„Ach, mir würde eine ganze Menge einfallen“, antwortete Peter und bereute zugleich, dass er es überhaupt gesagt hatte.

„Ja, was denn?“, fragte Anna nach einer Weile.

Flasche Sekt, warme Socken, Kasten Mon Cherie, Puppe für Krümel,  das könnte er antworten. Es schoss ihm geradezu ein, während Anna die Frage noch gar nicht zu Ende formuliert hatte.

Sagte er davon was? Natürlich nicht. War es schlimm, dass Anna nicht mehr auf das kam, was sie früher in solchen Momenten tat? Überhaupt nicht.

„Schade nur, dass Anna sich um die Glücksgefühle brachte, die sie früher überkamen, wenn sie anderen eine Freude machte“, dachte Peter in diesem Moment.

Doch dafür konnte sie nicht. Die Demenz ließ das nicht mehr zu, nahm ihr Stück für Stück diese Empathie.

Das war das eigentlich Schlimme – vor allem für Anna. Umso mehr mussten sich Klara, Laura und Peter bemühen.

Und das taten sie ja auch.

„Wenn dir der Stollen schmeckt, dann ruf doch KIara an. Sag ihr, dass er gut gelungen ist.“

„Das mach ich ja sowieso“, sagte Anna, so als hätte Peter auf etwas hingewiesen, was doch selbstverständlich war. Nun wurde er noch von Anna der Begriffsstutzigkeit überführt.

Trotzdem: Für den Moment hatte er Anna ein paar unbeschwerte Momente bereitet, so schien es jedenfalls.

Und wenn das Paket mit dem Stollen ankam, dann würde sich das wohl wiederholen. Immerhin. Der Kreis der Möglichkeiten, eine Freude zu bereiten, wurde kleiner.

Sie intensiver zu nutzen, das war wohl jetzt die Aufgabe.

Peter griff wieder zum Hörer, um Klara zu informieren: alles im grünen Bereich.

ANNA IST DEMENT (25)

KOTELLET – DAS IST JA WOHL DAS LETZTE

Fortsetzung

Was sollte Peter jetzt antworten? Und vor allem: Wie sollte er reagieren? Barsch? Brutal, laut?

Oder eher ruhig, besonnen, vielleicht sogar sanftmütig? Jetzt konnte er Anna ja endlich mal sagen, wie es ihm auf die Nerven ging, wenn sie sich für nichts interessierte – als für die Blumen auf ihrem Balkon.

Da stürzten Häuser ein, brannten in Kalifornien die Felder nieder, starben Menschen.

Da griff Friedrich Merz insgeheim schon nach der Kanzlerkrone und Anna redete nur davon, dass sie es unverschämt fand, dass Peter ihr ein Kotelett zum zweiten Frühstück vorgeschlagen hatte.

Sonst war Klara stets dabei. Sie hatte ein Herz für die, die nicht so  redegewandt wie Peter reagieren konnten. Sie half deshalb nicht Peter, sondern denen, die mit Peter einen Disput begannen, die ihn oft überhaupt erst provozierten.

Sie kannte Peter. Sie wusste, dass der sich zwar schon seine Antwort zurechtgelegt hatte, dass seine rhetorischen Truppen längst zum Angriff bereit waren.

Doch sie wusste eben auch, dass er sich zunächst zurückhielt, zum Schein zurückzog. Er senkte in solchen Momenten seine Stimme, ’stopfte sich Kreide in den Mund‘, damit der Feind eingeschläfert wurde.

Er lullte quasi sein Gegenüber ein, damit der noch leichtfertiger wurde und nicht darüber nachdachte, was er noch so alles sagte, was noch an leichtfertigen Gedanken über dessen Lippen kamen.

Der Zeitpunkt für den Gegenangriff war aber nun gekommen. Peter hielt den Hörer in der Hand, am anderen Ende faselte Anna etwas von ‚so einsam‘ und er versank in einen Traum,  in eine unwirklich anmutende  Geschichte. Einer Geschichte, die sich vor Jahrhunderten hätte so abspielen können.

Geben wir Peter in dieser unwirklichen Geschichte den Zusatz ‚Peter, der Entschlossene‘. Dieser war hoch oben auf seinem Pferd vor der Schlachtordnung.

Hinter ihm seine Getreuen, auf die er sich verlassen konnte. Seine Generäle, seine Soldaten. Und dann war da noch seine Frau, die mit ritt in die Schlacht. Sie saß auf einem Pferd, abseits von Peter. Nennen wir sie einfach ‚Sieglinde‘.

Und plötzlich passierte das Unfassbare. Sieglinde löste sich mit ihrem Pferd aus der Schlachtordnung und ritt in Richtung des Gegenübers, des Feindes. Deren Anführer soll der ‚Eiserne Gustav‘ heißen.

Sieglinde ritt also auf den Eisernen Gustav zu und winkte ihm fröhlich entgegen, mit einem Tuch, das sie auch noch selbst bestickt hatte. Der gegnerische Feldherr argwöhnte: „Was wollte Sieglinde, die Angetraute von Peter, dem Entschlossenen?“

Doch den Eisernen Gustav überkam die Neugier. Er übergab das Kommando seiner Truppen an seinen Marschall und ritt Sieglinde entgegen.

„Was willst du? Wir werden euch zermalmen, mit unseren mächtigen Reiterscharen!“, brüllte er schon von weitem.

„Gewiss doch, lieber Eiserne Gustav.“

„Aber ihr müsst euch nicht auf dem Schlachtfeld fetzen, du und mein Peter.“

„Warum nicht?“ Eiserner Gustav war verwirrt.

„Weißt du, mein Mann, der meint das nicht so. Im Gegenteil. Der mag dich sogar. Ein bisschen jedenfalls.“

Sieglinde fährt fort zu reden, während ihr der Eiserne Gustav zuhört.

„Peter weiß, dass du der Klügere und der Stärkere bist. Kehrt einfach nach Hause zurück, zu euren Weibern und Kindern und besauft euch nach Herzenslust.“

Eiserner Gustav schaute verdutzt. Dann drehte er sich um und rief seinen Generälen entgegen: „Wir greifen nicht an. Wir drehen um. Wir haben schon gesiegt. Sieglinde hat gesagt, Peter, der Entschlossene hat sich in die Hosen gepullert und ist indisponiert.“

Die Truppen vom Eisernen Gustav und seine Pferde wieherten vor Lachen und stoben auseinander, trotteten nach Hause.

Peter, der Entschlossene schäumte vor Wut, als Sieglinde zurückkam.

„Was erlaubst du dir, Weib?“

„Ärgere dich doch nicht Peter. Ich habe Gustav gesagt, dass du ihn zermalmen wirst, und dass nichts übrigbleibt von ihm und seinem Volk. Da hat er es mit der Angst gekriegt und ist lieber geflohen. Wir haben jetzt kein Blut vergossen, unsere Kräfte geschont und können weiter unsere Ziele verfolgen.“

„Welche Ziele?“, fragte Peter, der jetzt Schwankende.

„Na, die Ernte einbringen, Geld verdienen.“

„Und dann?“

„Dann gut leben, Gustav in seinem Glauben belassen, er sei in Wahrheit der Stärkere und mit gutem Sold mehr Soldaten anlocken, damit wir für den Fall der Fälle gut gerüstet sind.“

„Wir sollten überlegen, ob Sieglinde nicht mehr zu sagen bekommt, in unserem Kriegsrat“, flüsterte Peter seinem treuesten General zu.“

„Noch mehr, mein König“, erwiderte der, „sie beherrscht doch faktisch schon immer unser Reich.“

Peter wachte auf aus seinem Traum.

„Bist du noch da?“, fragte ihn Anna.

„Ja, ja. Ich bin noch da. Weißt du, Anna, du hast Recht. Was für ein Quatsch mit dem Kotelett! Aber sag‘ mal, wie ist eigentlich das Wetter bei euch?“

„Und, wie war es heute mit Anna am Telefon?“, fragte abends Klara.

„Du wunderbar, ich hatte alles im Griff. Du weißt ja, sie erzählt manchmal schon wirres Zeug. Und ihr Charakter verändert sich auch durch die Demenz.“

„Gott sei Dank, dass du da nicht mit der Faust draufhaust und unnötiges Porzellan zerschlägst“, erwiderte Klara

„Das traust du mir zu?“, fragte Peter.

Klara seufzte nur und Peter ging in sein Zimmer, zufrieden mit dem, wie das Telefonat mit Anna gelaufen war.

„Morgen,  da werde ich Anna sagen, dass es zum zweiten Frühstück auf See immer Steaks gab, mit Bratkartoffeln. Ja, das war gut“, dachte Peter.

Er konnte nicht aus seiner Haut. Jedenfalls nicht ganz.  Aber er konnte ja noch eine Nacht drüber schlafen. Morgen, da würde das Spiel von vorn beginnen.

„Du, wir können Anna gar nichts mehr vorwerfen. Wir sind die Klügeren“, sagte Peter beim Zähneputzen zu Klara.

Klara schwieg. Sie traute ihm intellektuell so einiges zu. Nur seiner Rauflust, der traute sie nicht.

ANNA IST DEMENT (24)

KOTELLETT – DAS IST JA WOHL DAS

LETZTE

Peter schlägt Anna vor, sich zum zweiten Frühstück ein Kotellett zuzubereiten und erntet Unverständnis.

Peter rief bei Anna an. Wie jeden Tag. Schließlich hatte er es Klara versprochen, kurz bei Anna durch zu klingeln, zu hören, wie sie drauf war und ob sie etwas zum zweiten Frühstück aß. Sie vergaß es in letzter Zeit immer häufiger.

Dabei war er im Stress und musste sich regelgerecht von den anderen Sachen losreißen. Er hatte diesmal besonders viel zu tun. Da musste er noch die Fakten zur Ukraine recherchieren, für den geschichtlichen Hintergrund zum Interview mit der Prima Ballerina und er wollte unbedingt wieder Ordnung in seine Pressemitteilungen bringen.

„Wann willst du endlich wieder anfangen, Geld zu verdienen?“, hatte Klara ihn erst kürzlich gefragt.

„Lass doch, dann haben wir weniger Umsatzsteuer zu zahlen“, meinte Peter.

„Und weniger im Portemonnaie“, sagte Klara.

„Du kannst es nicht lassen, mir damit auf die Nerven zu gehen“, antwortete Peter. Er ärgerte sich über Klara und über sich selbst. Durch seine Krankheit war einiges liegengeblieben.

Aber als erstes arbeitete  er nicht etwa das auf, was Geld brachte, sondern das, was ihm Spaß machte. Klara wusste das. Und Peter wusste es auch.

„Jetzt bin ich schon Rentner und ackere mehr als früher“, sagte Peter.

„Du hast gesagt, dass du im Monat locker ein paar Hundert Euro zusätzlich reinbringst.“

„Locker? Das soll ich gesagt haben?“

„Das hast du gesagt und deine gönnerhafte Handbewegung gemacht“, erwiderte Klara.

„Ach, lass mich doch zufrieden. Wenn ich mich einen Tag ans Telefon schwinge, dann wirst du schon sehen.“

„Ja, wenn. Aber ich sehe überhaupt nicht, dass du irgendwelche Anstalten machst.“

Klara gab sich kämpferisch und ließ nicht locker: „Du schreibst nur über das, was dir Spaß macht.“

Peter antwortete nicht mehr.

Und nun saß er am Schreibtisch, hatte ein Haufen to-do-Listen geschrieben und geplant, wann er welchen Kunden mit welchem Ziel erreichen wollte.

Peter hätte auch einfach den Telefonhörer aufnehmen können. Aber das passte nicht zu ihm. Er musste erst eine Struktur schaffen, planen, um ein gutes Gefühl zu haben.

„Schreibst du schon wieder Pläne?“, fragte ihn Klara in so einem Moment, wenn sie sah, wie Peter Papiere auf dem Schreibtisch hin- und herschob.

Peter kam gut voran. Er unterbrach seine Arbeit, um Anna anzurufen.

„Wie geht es dir?“, fragte Peter, nachdem sich Anna am Telefon gemeldet hatte.

Stille. Nach einer Weile: „Och, weißt du, es geht so.“

„Na, du bist wohl heute nicht so gut drauf?“, fragte Peter.

„Nö!“, sagte Anna.

„Was ist denn?“

„Ich bin so allein.“

„Ja, allein. Warum gehst du denn nicht mal raus, vor die Tür. Danach ist alles anders.“

„Keine Lust.“

Peter stutzte. Der Ton gefiel ihm nicht. Er ließ sich nichts anmerken.

„Hast du denn schon dein zweites Frühstück gehabt.“

„Mach‘ ich gleich.“

„Was gibt’s denn?“

„Was soll’s schon geben? Immer dasselbe.“

„Was ist dasselbe?“

„Na, ein halbes Brötchen. Isst du denn etwas Anderes?“

„Ich esse gar nichts. Ich muss arbeiten und habe nur mal eine kleine Pause eingeschoben, um mich zu erkundigen, wie es dir geht.“

Peter merkte, wie seine Schilddrüse anschlug. Ein sicheres Zeichen dafür, dass er langsam sauer wurde.

„Aber, dass du mich danach fragst, was ich esse. Das versteh‘ ich nicht. Es gibt doch immer das gleiche.“

„Naja, du könntest doch ein gebratenes Kotelett zum 2. Frühstück essen. So wie im Hotel.“

Das sollte ein kleiner Scherz von Peter sein. Aber Anna kam immer weniger mit Humor klar, seitdem ihre Demenz langsam fortschritt. Überhaupt war sie viel übellauniger geworden.

„Das ist ja wohl das letzte, daß du so etwas fragst. Kotelett. Unmöglich ist das!“  Anna schnauzte Peter regelgerecht an.

„Bei allem Respekt Anna. Dein Ton gefällt mir nicht. Wir rufen dich an, weil wir uns um dich sorgen.“  Peter musste sich beherrschen. Er musste diese Situation einfach bewältigen.

 

ANNA IST DEMENT (23)

MUTTI MUSS STAUBSAUGEN

Anna hat ein verstaubtes Bild von der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. Und sie lässt sich davon nicht mehr abbringen. Jetzt, nach ihrer Krankheit, erst recht nicht mehr.

Es gibt Routinen, eben täglich wiederkehrende Dinge. Die meisten davon sind unabdingbar, ich mag sie trotzdem nicht. Ich muss mich dazu eben zwingen. Dazu gehört der Anruf bei Anna.

„Aber dir macht das doch so viel Spaß“, werden einige sagen, die mich kennen. Ja, wenn ich davon erzähle. Ansonsten wäre das glatt gelogen.

Anna ist dement. Das wissen wir. Und wir wissen, dass sie Aufmunterung braucht. Klara kümmert sich, fährt hin, organisiert Arzt- und Frisörbesuche.  Lukas ist täglich bei Anna und schaut, wie es ihr geht.

Diejenigen Menschen, die mich kennen, in dem Fall den Schreiber, und die unsere Familie  kennen, die wissen natürlich genau, über wen ich berichte.

Aber ich will eine gewisse Distanz halten. Zum einen aus Respekt. Und zum anderen, weil ich das ja alles in kleinere Geschichten packe und das Recht habe, etwas wegzulassen, zu überhöhen oder etwas hinzu zu dichten.

Ich gebe zu: Ich bin schon nahe dran an der Wahrheit. Klara ist das oft genug zu nah. Inzwischen weiß sie aber, dass ich stets mit Wertschätzung schreibe und aus einer Perspektive heraus, von der ich faktisch die Figur beobachten kann.

Ja, ich stehe quasi hinter ihr. Das gibt mir die nötige Sicherheit – ich halte Distanz, bin aber auch wieder nah genug dran, um über etwas zu schreiben, was passiert ist.

Die größte Herausforderung, wenn du mit einem demenzkranken Menschen sprichst ist, dass du ihm keinerlei Vorhaltungen machen kannst. Das versteht er nicht und es verunsichert ihn. Es gibt kein Veränderungspotenzial mehr.

Klara sagt dann meist: „Aber du könntest dich verändern, und du tust es  nicht, du stellst dich einfach blöd an, wenn du etwas machen sollst.“

Darin bin ich nun mal geübt.

Doch zurück zu Anna. Sie rief mich  gestern Abend zweimal an und fragte mich, ob es mir gutgehe. In Wirklichkeit wollte sie Klara sprechen, wen sonst, ihren Schwiegersohn? Ja, ja. Wenn die Sonne ‚mal im Westen aufgeht‘, dann vielleicht.

Aber sie hatte vergessen, dass Klara donnerstags erst gegen 18.00 Uhr Schluss hat und dann noch von Kreuzberg hierher zurück muss, zurück in den Wald, der zu der Zeit schon dunkel ist.

Also könnte ich jetzt sagen: „Anna, das haben wir doch vor einen halben Stunde besprochen.“ Und anschließend könnte ich mich darüber bei Klara aufregen.

Früher habe ich das getan: „Deine Mutter denkt, dass ich Zeit ohne Ende habe. Und wenn ich fünfmal erkläre, dass ich auch außerhalb meines geliebten Schreibtisches zu Terminen muss, Interviews absprechen, interessante Menschen treffen. Keiner schenkt mir das Geld.

Aber unvorsichtigerweise habe ich mal Anna erzählt, dass ich zu den Interviews in schönen Cafès sitze, da, wo  es gemütlich ist und wo vielleicht noch ein Schauspieler hereinkommt. Dabei habe ich gar nichts davon. Denn abends, wenn  ich darüber berichte, dann sagt Klara kurzerhand: „Den verwechselst du bestimmt.“

Vor zwei Jahren genauso. Direkt vor unserem Tisch in einem Restaurant in Hamburg steht Udo Lindenberg. Ich zeige versteckt, zische durch die Zähne, ‚Liiinnndenberg‘. Klara sagt: Ne, der ist nicht so dünn.“

Was willst du machen? Du musst damit leben. Als Olivia auf der Straßenseite gegenüber stand und einer Gruppe von Menschen etwas erklärte, da sagte ich: „Siehste? Schau doch mal hin!“

Olivia überragte alle. Aber nein, Klara blieb dabei: „Ich glaub‘ die sieht anders aus.“

Was hätte ich tun sollen? Entweder sofort das Schnitzel mitsamt Teller und Tisch aufessen oder rübergehen.

Was sagt Klara danach: „Wie sieht das aus, dass du darüber läufst!“

„Ich seh‘ mich nicht, wenn ich laufe“, habe ich geantwortet.

Danach  ist erst einmal Pause und Klara gibt mir das Gefühl, ich wäre wieder der ‚Vollpfosten‘, der alle verwechselt.

Nur Anna, der kannst du keine Vorwürfe mehr machen. Du kannst nur Verständnis zeigen. Und da habe ich mich ‚eingegroovt“.

Nur heute, da wären die ‚Räder fast  wieder aus den Schienen“ gesprungen.

„Ich sauge jetzt gleich“, sage ich zu Anna am Telefon.

„Oh Gott, und das als Mann!“, erwiderte Anna. Wie aus der Pistole geschossen. Ohne nachzudenken. Jetzt kam ich mir nicht mehr vor, wie Ironman, sondern wie „Weichman“.

Sollte ich jetzt sagen, dass dies mein Veränderungspotenzial der letzten Jahre war? Oder dass es nun wirklich die Gleichberechtigung von Mann und Frau gibt, dass im Prenzlauer Berg  die Männer die Kinderwagen schieben, altmodische ‚schicke‘ Mützen tragen, leise und weich reden,  wie: „Patricia, wir gehen nicht über die Straße.“

„Nein“, denke ich „du Leichtgewicht fliegst rüber“.

„Weißt du Anna, das ist bei uns im Haus schwere körperliche Arbeit.

Du weißt doch, was es bedeutet, die Treppen immer hoch und runter zu gehen.“

„Ich weiß“, sagt Anna.

„Wirklich?“ Ich hake lieber nicht nach.

Dann erzählt sie mir, dass in der Anbauwand die ganzen Bilder von uns stehen.

„Hast du gestern  schon erwähnt, vorgestern auch. Jeden Tag erwähnst  du das!“. Das könnte ich erwidern. Tu‘ ich aber nicht. Ich spreche über die Bilder, die Anna gemalt hat und bei mir im Arbeitszimmer hängen. Das freut Anna und wir verabschieden uns.

Ich rufe Klara an: „Deine Mutter sagt, saugen sei keine Arbeit für einen Mann!“

„Ich dachte, du bist schon fertig?“, sagte Klara enttäuscht. Sie ist ein klein wenig wie unsere Kanzlerin – immer trocken, aufs Ergebnis  aus.

Ich hole den Staubsauger raus, setze meine Lieblingsmütze mit der Aufschrift „Fischkopp“ auf und mach‘  ein ‚Selfi‘. Gut, ich musste noch ein wenig am iPhone herumdrücken, bis ich wusste, wie es geht.

Schließlich habe ich über WhatsApp  an Klara das Foto mit Staubsauger und Mütze gepostet: „Mutti beim  Saugen.“

„Schöner  Mann“, schreibt sie zurück. „Find‘ ich ja auch“, antworte  ich  Ach irgendwie mag ich Klara doch. Und Anna? Die ruf’ ich Morgen wieder an. Na klar.